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brand eins 06/2010 - Das geht
Dem Fluggast auf den Fersen
Betreiber von Airports und Einkaufszentren wüssten zu gern, welche Wege ihre Kunden einschlagen. Zwei Hamburger haben eine Lösung gefunden. Das Komplizierteste daran ist der Name: Blooth.
- Stellen Sie sich vor, Sie sind Detektiv und müssen jemanden verfolgen, von dem Sie nichts wissen dürfen. Keinen Namen, kein Gesicht, nicht einmal, ob männlich oder weiblich. Vor diesem Problem stehen all diejenigen, die Menschenmengen diskret lenken möchten: Betreiber von Flughäfen etwa, die lange Schlangen vermeiden möchten; oder Planer von Shopping Malls, die Geschäfte optimal positionieren wollen. "In der Vergangenheit wurden meistens Studenten bezahlt, die den Leuten mit der Stoppuhr hinterherliefen und die Wege in einen Notizblock kritzelten", sagt Elmar Pirsich. "Wirklich repräsentativ war das nicht."
Der 39-Jährige sitzt mit seinem Geschäftspartner Oliver Gadow in seinem Büro in einer ehemaligen Papierfabrik in Hamburg-Ottensen. Hier haben die beiden eine Methode entwickelt, die das Messen von Bewegungsströmen grundlegend verändern könnte. Sie heißt Blooth, ist nicht nur billig und rund um die Uhr verfügbar, sondern wahrt auch die Anonymität derer, die verfolgt werden. Und kann trotzdem ziemlich viel in Erfahrung bringen.
Blooth ist abgeleitet von Bluetooth. Das ist eine drahtlose Schnittstelle, über die Daten ausgetauscht werden können. Fast jedes Mobiltelefon hat so eine Schnittstelle. Und fast jeder besitzt ein Mobiltelefon.
Das System von Pirsich & Gadow erkennt und verfolgt Blue-tooth-Geräte - und so auch deren Besitzer. Dazu werden Sender installiert und auf eine Reichweite von wahlweise einem Meter, zehn oder hundert Metern kalibriert. Kommt ein Bluetooth-Handy in das Sendegebiet, erwidert es den Impuls, und die eigens entwickelte Software registriert das Gerät. Bewegt sich der Handy-Besitzer weiter in die Reichweite des nächsten Senders, wird er von der Software registriert.
Da die Signale keine Rückschlüsse auf die jeweilige Person zulassen, entsteht datenschutzrechtlich kein Problem. Und dank der automatisierten Lösung (nur fünf Mitarbeiter sind für Installation, Kalibrierung und Auswertung nötig) sind die Betriebskosten vergleichsweise niedrig. Ein Monat Blooth soll einen vierstelligen Betrag kosten. Für 2011 erwarten Pirsich und Gadow optimistisch ihre erste Umsatzmillion.
Das Mobiltelefon kann natürlich nur erkannt werden, wenn sein Besitzer Bluetooth aktiviert hat. "Wir dachten anfangs: Das können ja nur ein paar Vereinzelte sein", sagt Pirsich. "Aber viele benutzen ihr Handy über ein Headset oder die Freisprecheinrichtung im Auto. All das läuft über Bluetooth." Bei einem Probelauf am Hamburger Flughafen konnten mehr als 20 Prozent der Passagiere via Bluetooth geortet werden. Zum Vergleich: Bei jährlich zwölf Millionen Passagieren wäre schon eine Quote von zwei Prozent repräsentativ.
Einer, der das Potenzial von Blooth gleich erkannt hat, ist Thomas Immelmann. Der 46-Jährige ist Director Commercial Development am Hamburg Airport und damit für rund 30 Prozent des Umsatzes zuständig. Denn Geld verdient ein Flughafen nicht nur mit dem Flugverkehr, sondern auch mit dem Verkauf von Werbeflächen, mit Mieteinnahmen und Parkgebühren.
"Blooth hat uns gleich überzeugt, weil es elegant, einfach und kosteneffizient ist", sagt Immelmann. "Und weil es nicht nur Bewegungsströme liefert, sondern auch Informationen über Verweildauer und Verhaltensweisen der Passagiere. Das ist neu und sehr interessant für uns." Dem ersten Probelauf mit sieben Sendern folgte einer mit 25, alle unsichtbar an den Hauptwegen im Abflugbereich positioniert; die meisten versteckt in den kleinen Fluginformations-Terminals.
Die Daten, welche die Software verschlüsselt speichert, setzen sich aus der Bluetooth-ID des Mobiltelefons, der Nummer des Blooth-Senders, der Uhrzeit und der Signalstärke zusammen und werden alle fünf Sekunden gemessen.
Mithilfe der Bluetooth-ID lassen sich verschiedene, für den Airport-Betreiber interessante Verhaltensmuster erkennen. Was unterscheidet den Vielflieger vom Urlaubsreisenden? Wer reist mit der S-Bahn an, wer mit dem eigenen Auto? Wie unterscheidet sich ein typischer Sonntag von einem typischen Montag in Hamburg-Fuhlsbüttel? All diese Informationen helfen, den Betrieb effizienter zu gestalten. Droht die Schlange vor dem Sicherheits-Gate zu lang zu werden, wird ein zusätzliches Tor geöffnet. Der Passagier hat kürzere Wartezeiten, der Flughafenbetreiber geringere Personalkosten - ein Gewinn für beide.
Der Flughafen profitiert von Passagieren, die sich am Boden wohl und gut informiert fühlen. Und dafür ist nicht einmal nur entscheidend, den Reisenden möglichst schnell an sein Abflug-Gate zu bringen. Die Bewegungsdaten vom Hamburg Airport zeigen, dass die Passagiere gern durch die Shopping Mall flanieren, selbst wenn es sich um einen Umweg handelt. Schön für den Flughafen - die Miete für die Geschäfte ist umsatzabhängig. -
