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brand eins 06/2007 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT

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Soziale Innovation / Folge 17: Das Konto für Mittellose

Eine Stiftung, der ein Teil der österreichischen Sparkasse "Erste Bank" gehört, hat einen Ableger für Menschen ohne Konten gegründet und geht bemerkenswerte Allianzen mit sonst erbitterten Gegnern ein.

Unternehmensziel Selbstabschaffung

Die "Zweite Sparkasse" ist eine Bank, deren Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten, die keinen Gewinn machen will und die lieber heute als morgen überflüssig wäre

- In Alexander Malys Büro steht auf einem kleinen Schrank ein dicker Ordner, auf dessen Rücken ein Schild klebt: "Dubioses". In den Ordner hat Maly Papiere abgeheftet, von denen er sagt, wenn er Zeit dafür hätte, seien damit ein paar Prozesse vom Zaun zu brechen, die wirklich sehr unangenehm würden für Österreichs Banken. Die Folgen dessen, was sich in diesem Ordner befindet, können er und seine Mitarbeiter jeden Tag in ihren Büros beobachten: Menschen, denen vom Vertriebsdruck getriebene Bankangestellte Kredite aufgeschwatzt haben, welche die Kunden später nicht bedienen konnten.

Maly ist Leiter der Schuldnerberatung in Wien. Er gilt in seinem Metier als einer der erfahrensten Experten Österreichs. Vor ein paar Jahren hat er ein Buch geschrieben: "Tatort Banken - Österreich, Schuldenfalle Europas - Eine Tatsachenverdichtung". Sein Verhältnis zur Bankenwelt lässt sich zurückhaltend formuliert als misstrauisch bezeichnen. Dass die Banker, die ein neues Geldinstitut gründen wollten, sich vor drei Jahren ausgerechnet an Maly gewandt haben, spricht dafür, dass sie ziemlich mutig sind. Dass Maly mitmachte, spricht dafür, dass die Idee tatsächlich sehr gut sein musste. Heute ist er der wichtigste Kundenvermittler des neu gegründeten Instituts namens "Zweite Sparkasse". Ganz wohl fühlt sich Maly nicht dabei. Aber anders wäre das Problem, das er hatte, ohne neue Gesetze nicht zu lösen gewesen. Darauf wollte er nicht warten.

Viele Menschen, die zu Maly und dessen Kollegen kommen, haben keine Girokonten mehr. Die Banken in Österreich sind nicht verpflichtet, allen Kunden welche einzurichten. Besonders ungern tun sie das für Menschen, die in Privatkonkurs gehen: Dann müssen die Banken in einer Übergangsphase von Gesetzes wegen deren Konten besonders beobachten, um dafür zu sorgen, dass den Gläubigern nichts entgeht. Das ist teuer. So kommt es zu Kontokündigungen seitens der Banken. Wer dann bei einem anderen Institut unterkommen möchte, hat kaum Chancen.

Das Problem ist den Sozialverbänden in Österreich schon lange bekannt. Deshalb fordern sie ein Gesetz, demzufolge die Banken jedem ein Konto geben müssten. Bislang ist aber nichts passiert. Schuldnerberatungen dachten schon darüber nach, eine eigene Bank zu gründen. Das konnten sie sich aber nicht leisten.

Gut, dass Boris Marte da war. Denn er wusste nicht, wohin mit seinem Geld.

Es ist mehr als drei Jahre her, da sitzt Boris Marte in seinem Büro und denkt darüber nach, was er mit den 60 bis 70 Millionen Euro anfangen sollte, die ihn in Zukunft jedes Jahr erwarten. Auf seinem Regal stehen zwischen Literatur über Werte in der Wirtschaft zwei Kinderbücher. Sie tragen die Titel: "Aber Boris! " und "Boris, wach auf! " Manchmal spielt er zwischendurch mit einer Art Carrera-Bahn, die auf einem Sideboard steht. Es kommen Besucher vorbei. Auch sie haben keine Idee, was man mit dem Geld anfangen könnte. Durchs Fenster hören sie die Hufe der Fiakerpferde klappern, wenn sie Touristen durch die Wiener Innenstadt transportieren. Oft geht es bis spät in die Nacht.

Marte ist Managing Director der "Die Erste österreichische Spar-Casse Privatstiftung". Der Stiftung gehören 30,58 Prozent der Erste Bank AG, Österreichs Sparkasse. Die ist in den vergangenen zehn Jahren atemberaubend gewachsen, vor allem in Osteuropa: 1997 hatte das Institut 80 000 Kunden, heute sind es 16 Millionen in acht Ländern. An der Wiener Börse ist die ehedem kleine Sparkasse 18,5 Milliarden Euro wert. Die Dividenden lagen in diesem Jahr bei mehr als 200 Millionen Euro. Gut ein Drittel davon bekommt die Stiftung. Zunächst wird der Gewinn noch in eine Kapitalerhöhung der Bank gesteckt. Zukünftig soll er weitgehend in gemeinnützige Projekte fließen. Zig Millionen in jedem Jahr. Und Boris Marte muss herausfinden, wie sich das Geld ausgeben lässt. Er muss das Wort "Verantwortungsprofil" mit Inhalt füllen.

Wenn man nicht recht weiß, wo es hingehen soll, ist manchmal ein Blick in die Vergangenheit hilfreich. Marte beauftragte zwei Ethnologen, den Staub von Archivdokumenten der Bank zu wischen. Was die beiden zutage förderten, hat er in allerlei Broschüren und Bücher binden lassen unter anderem die Geschichte des Gründervaters der Ersten Bank. Der Pfarrer Johann Baptist Weber hatte damals schon, wie es in Martes Broschüren heißt, "Erfahrung im Finanzmanagement mit Bedürftigen". Zu sparen bedeutete um 1800 für die meisten Menschen, Vorräte anzulegen. Doch als sie im Zuge der Landflucht in die Städte zogen, bekamen sie Geld als Lohn. Banken wie heute gab es nicht, Bankiers kümmerten sich in erster Linie um reiche Menschen. Also gründete Pfarrer Weber gemeinsam mit wohlhabenden Bürgern eine Sparkasse für die Armen. Die Kunden bekamen vier Prozent Zinsen, die Funktionäre arbeiteten ehrenamtlich. Den Gewinn gab die Sparkasse an wohltätige Einrichtungen weiter.

So überlebte die Bank Währungskrisen und Kriege und entwickelte sich zu einem profitorientierten Unternehmen. Dabei geriet die Gründungsidee so weit in Vergessenheit, dass Marte die Ethnologen ins Archiv schicken musste, um sie wiederzufinden. Die Stiftung ist eine Art Rückkehr dieser Ur-Idee. Sie engagiert sich in allen Ländern, in denen auch die Bank aktiv ist, fördert dort Kulturschaffende und kümmert sich um europafreundliche Projekte. Dazu kommt ein der Gründungsgeschichte entlehnter sozialpolitischer Gedanke. So kam es zu der Idee mit den Konten und zur Zusammenarbeit mit der österreichischen Caritas.

Deren Generalsekretär, Stefan Wallner, war vor zwei Jahren einer der regelmäßigen Gäste in Martes Büro. Wallner ist ein Mann mit Schalk im Nacken. Der Alltag seiner Organisation ist weniger fröhlich: Ihr Thema ist das Elend im Land. Irgendwann kam während einer fröhlichen Runde die Sprache auf die gekündigten Konten. "Das war ein massives Problem, wenn die Menschen Arbeit suchten. Ein Girokonto ist so etwas wie eine Grundausstattung, um in die Erwerbsgesellschaft eingegliedert zu werden", sagt Wallner, der vor seiner Caritas-Zeit als Politikwissenschaftler Armutsforschung betrieben hat.

Marte hatte auf einmal eine Projektidee, die in die historische Linie passte und dazu Kernkompetenz der Ersten Bank war. Auch Wallner war zufrieden. "Einer Nichtregierungsorganisation (NGO) kann nichts Besseres passieren: Ein Unternehmen zahlt, die NGO zieht es durch. Sonst gibt es oft Rosinenpicken. Dann heißt es: Wir wollen nur Kinderprojekte, weil das medial gut zu vermitteln ist."

Boris Marte brauchte aber weitere Partner. Denn die Klienten der Caritas, die keine Konten bekommen, sind problematisch: Manche sind schwere Alkoholiker und motorisch kaum in der Lage, Geldautomaten zu bedienen. Andere sind unerfahren mit Bankverbindungen - sie haben ihr Konto nicht verloren, sie hatten nie eines. Die meisten Probleme, das wusste Wallner, haben Menschen, die in Privatkonkurs gehen. So kam Bankenskeptiker Alexander Maly ins Spiel. Außerdem zog Marte Malys Kollegen Hans Grohs hinzu, der in Linz den Dachverband von Österreichs Schuldnerberatungen (ASB) leitet.

Grohs empfängt in Linz zwischen Umzugkartons. Seine Organisation ist wegen der vielen Schuldner in den vergangenen Jahren so sehr gewachsen, dass der Platz nicht mehr reichte. Nun zieht sie um. Grohs kann erklären, wie es überhaupt dazu kommt, dass Menschen in Konkurs gehen müssen und die Konten verlieren. Wenn man es mit den Banken böse meint, lässt sich das so zusammenfassen: Die Zweite Sparkasse fängt viele Menschen auf, denen andere Banken, darunter auch die Erste Bank, den Weg in den Konkurs zumindest gepflastert haben.

Den Anfang dieser Entwicklung hat Grohs, gelernter Jurist und seit vielen Jahren in der Sozialarbeit, Mitte der achtziger Jahre als Folge einer sich verändernden Finanzkultur beobachtet: Wie in den USA hätten die Banken Privatkredite massiv ausgeweitet, weil immer mehr Liquidität den Markt überschwemmte. Damals gab es noch keinen Privatkonkurs. "Viele Menschen wurden zum Sozialfall, weil sie die Schulden nicht zurückzahlen konnten. Sie wurden auf Beträge von 200 oder 300 Euro runtergepfändet", sagt Grohs.

Nun ist Grohs niemand, der behauptet: Die Banken sind an allem schuld. Menschen entscheiden schließlich selbst darüber, Kredite aufzunehmen, Schulden zu machen, Dinge zu kaufen, die sie sich nicht leisten können. Aber auf der anderen Seite ist da das österreichische Bankensystem: Wer ein Gehalt bekommt, hat ungefragt einen Dispokredit über zwei oder drei Monatsgehälter. Die Angestellten in den Banken sind einem ungeheuren Druck ausgesetzt, Kredite und andere Produkte zu verkaufen. Grohs sagt: "Schulden wurden immer gemacht. Was aber neu ist: Es werden Schulden gemacht, um überleben zu können. Und dann werben die Banken mit Sehnsüchten und Wünschen, sie wecken Bedürfnisse, die sich die Menschen eigentlich nicht leisten können, und erklären Kredite für Urlaubsreisen, Autos und Einrichtungen zum Normalfall." Grohs ist es wichtig, dass das nicht vergessen wird, obwohl eine Bank wie die Erste die gute Idee mit den Konten für die Menschen ohne Bank hat. Schließlich sei Überschuldung meist der Grund dafür, warum Menschen am Ende kein Konto bekommen.

Nicht nur die Banken, auch die sozialen Organisationen bekleckern sich nicht nur mit Ruhm, wenn es darum geht, Menschen aus der Schuldenfalle zu holen und ihnen Konten zu ermöglichen. "Einen Bärendienst haben die Arbeitnehmerorganisationen den Leuten erwiesen, als sie über Jahre auf billige Konten drängten", sagt Schuldnerberater Maly. So sei der Druck, unsinnige Produkte zu verkaufen und das Geld anders zu verdienen, für die Banken größer geworden. Denn ein Konto kostet Geld. Das holten sich die Banken dann eben auf anderen Wegen. Hinzu komme eine fatale Überkümmerung der Kunden durch wohlmeinende Sozialarbeiter.

In Malys Büro läutet das Telefon. Am Apparat ist die Mitarbeiterin einer kirchlichen Wohn-Einrichtung für Frauen. Es ist eines dieser Telefonate, die Maly ratlos werden lassen. Die Dame betreut eine arme Frau, bei der es nichts zu pfänden gebe. Dennoch hat die Helferin gleich mal ein paar Vereinbarungen mit Gläubigern getroffen, die nun Raten bekommen. Am Ende ist niemandem geholfen, wenn die Schuldnerin nichts mehr für das Lebensnotwendige hat. Maly nordet die Frau am Telefon ein, alle Zahlungen zu stoppen. "Diese Überversorgung im Sozialen geht mir schon manchmal auf den Wecker", sagt er danach. "Man muss den Klienten einschärfen, für sich selbst zu sorgen. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe." Dazu komme, dass sich die Gläubiger mittlerweile auf die Hilfe der Sozialarbeiter verlassen könnten: "Wir sind doch keine Inkassobüros, die Gelder eintreiben. Wir leben in einer relativ freien Marktwirtschaft. Ich darf doch jedem alles verkaufen. Dann muss man diese Eigenverantwortung auch an die Anbieter zurückspielen. Aber die rufen, wenn es ans Eintreiben geht, nach dem Staat."

Diese Einbahnstraße würde Maly gern um eine Gegenspur erweitern: "Wenn der Staat den Instituten helfen soll, brauchen wir auch stärkere Gesetze, um Kreditvergaben und andere Verträge zu regulieren. Schließlich kann heute ein Gerichtsvollzieher wegen eines Mobilfunkvertrages in die Wohnung eines Schuldners einbrechen, begründet durch das Gewaltmonopol des Staates. Es gibt den kleinen Schuster nicht mehr, der die Rechnung nicht bezahlt bekommt. Diese Gläubiger sind in erster Linie Banken, Mobilfunkanbieter und Versicherungen, die mit Ausfällen sogar kalkulieren."

Deshalb sind die Gläubiger zunächst unwichtig, wenn Menschen Rat bei Maly suchen. Es muss klar sein, wie der Schuldner seine Grundbedürfnisse befriedigt. Sonst kommt er gar nicht mehr auf die Beine. Mit dem Rest kann er die Schulden bezahlen - je nachdem, wie das Konkursverfahren abläuft. Nur fehlt dazu oft ein Konto. Wer - wie viele Menschen in dieser Situation - keines hat, muss sich am Rande der Legalität bewegen, um arbeiten zu können. So wie Walter Farkas.

Walter Farkas möchte nicht anonym bleiben. Sein richtiger Name dürfe ruhig in der Zeitung stehen. "Ich stehe dazu. Das ist meine Geschichte", sagt Farkas. Dass der ehemals Selbstständige mit 340 000 Euro in der Kreide steht, hat seinem fröhlichen Gemüt keinen Abbruch getan. Er ist nun 35, mit 41 hat er den Privatkonkurs hinter sich: "Dann fange ich noch einmal von vorn an", sagt er.

Farkas studiert auf der Speisekarte die Gerichte nach potenziellem Kaloriengehalt. Er hat in den vergangenen zwei Monaten 14 Kilogramm abgenommen, fünf sollen es noch werden: "Ich bin ein extremer Mensch. Wenn ich etwas mache, dann richtig. So bin ich auch richtig in Konkurs gegangen", sagt Farkas und lacht.

Zunächst hatte er nach der Schule Friseur gelernt, dann allerlei andere Jobs gemacht. Irgendwann landete er bei einem Finanzdienstleister, wo er im Monat bis zu 17 000 Euro verdient. Und, ganz extrem, auch gleich wieder ausgab. Eines Tages blieben die Gehälter aus, vier Monate lang, bis sich die Chefs seines Unternehmens mit dem Firmenvermögen absetzten. Farkas lebte in dieser Zeit weiter wie zuvor. Am Ende war der Dispo mit gut 70 000 Euro im Minus, die Zinsen drückten, dazu kamen Schulden bei den Sozialversicherungen und der Steuer. Es gibt einen Zahlungsplan, Farkas muss nun in sieben Jahren 34 000 Euro zurückzahlen. Dann ist er frei.

Und hatte Glück. Er bekam einen Job bei der Flugsicherung. Um ihn annehmen zu können, musste er aber Gesetze umgehen: Man darf sich während des Privatkonkurses das Gehalt nämlich nicht auf fremde Konten überweisen lassen. Farkas gab dem Arbeitgeber dennoch das Konto seiner Mutter an. "Meine einzige Möglichkeit wäre sonst gewesen, nicht arbeiten zu gehen, weil ich als Arbeitsloser das Geld auch als Postanweisung bekomme", sagt er. Dazu wäre es ihn teuer zu stehen gekommen, allen 20 Gläubigern die Raten per Einzahlung auf der Bank zu überweisen. Dafür hätte er jedes Mal 60 Euro an Gebühren bezahlen müssen - bei 380 Euro, die Farkas monatlich abstottern muss, eine grotesk hohe Summe. Als er das Konto bei der Zweiten Sparkasse bekam, war das eine große Hilfe: "Die Berater sind keine 0815-Banker. Die nehmen sich Zeit, sind unkompliziert und nehmen Aufträge auch mal telefonisch an."

Zwei dieser Banker sind Evelyn Hayden und Gerhard Ruprecht. Hauptberuflich bei der Ersten Bank beschäftigt, sind sie die ehrenamtlichen Vorstände der Zweiten Sparkasse. Als sie Leute suchten, haben sie einen Aufruf in der Mitarbeiterzeitung der Ersten lanciert. Es meldeten sich fast 180 Kollegen für die ehrenamtliche Arbeit, darunter aktive Mitarbeiter, Ruheständler und sogar zwei von außerhalb. An vier Tagen in der Woche hat die Bank mittags und abends geöffnet. Außerdem planen die Vorstände gerade die Expansion in weitere Bundesländer, die in den kommenden Monaten starten soll.

Derzeit hat die Zweite Bank gut 600 Kunden, jeden Monat kommen gut 100 dazu. Sie bezahlen eine "Kontokaution" von drei Euro im Monat, weil die Schuldnerberatung und die Caritas nicht wollten, dass die Banker das Konto, wie sie es geplant hatten, kostenlos anbieten. Ein Bewusstsein dafür, dass Leistungen nicht gratis zu bekommen seien, sei wichtig, sagten sie. Das Geld gibt es bei Kontoauflösung zurück. Ziel ist, dass der Kunde nach vier bis fünf Jahren eine neue Bank-Verbindung hat und die Zweite Sparkasse damit überflüssig wird.

Evelyn Hayden ist bisweilen erschrocken über die Welt, mit der sie nun in Kontakt kommt: "Manche Kunden müssen Schulden abbezahlen, und weil sie so wenig haben, ist das jeden Monat ein Betrag von weniger als einem Euro." Die Überweisungsgebühren ohne Konto seien teilweise höher als die Raten.

Nachdenklich stimmt die Bankleute auch, dass viele Kunden keine Sozialfälle sind, wie sie das erwartet hatten. Sie haben es Tag für Tag mit einer bröckelnden Mittelschicht zu tun: Da gibt es den Kleinunternehmer, der seinen größten Kunden verloren hat, schwer krank wurde und in die Insolvenz schlitterte. Da gibt es die alleinerziehende Mutter, die um den Unterhalt kämpfen muss.

Das kleine Projekt wirkt wie ein Nukleus mit großer Masse: Es zieht große Brocken an. So gibt es nun auch Widerhall aus der Unternehmenswelt. Die Wiener Städtische Versicherung hat sich an das Projekt gehängt und stellt den Bank-Kunden kostenlos Versicherungen zur Verfügung. Mit einem Großaktionär der Versicherung - deren Geschichte ist bis hin zur Expansion in Osteuropa jener der Ersten Bank nicht unähnlich - gibt es eine ähnliche Arbeitsteilung wie bei der Bank: Die Policen bezahlt der Aktionär, die Versicherung bietet die Leistung.

So haben die Kunden der Zweiten nun eine Unfallversicherung und eine kostenlose Rechtsberatung. Dazu kommt eine Haushaltsversicherung und eine Haftpflicht, die drei Euro im Monat kosten. Caritas-Mann Wallner sagt, das sei eine große Hilfe, weil zum Beispiel ein Wasserschaden das finanzielle Ende bedeuten könne. Günter Geyer, der Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung, sagt, dass er eigentlich alles kostenlos machen wollte, aber Caritas und Schuldnerberatung fanden das nicht gut. Im Vergleich zur Konzerngröße der Versicherung ist die Sache symbolisch. Aber es ist wie bei der Bank: Die Idee verbessert die Lage vieler Menschen, ohne jemandem zu schaden. Und die Wiener Städtische Versicherung hat etwas, mit dem sie das Wort "Verantwortungsprofil" füllen kann.

Wie es weitergeht mit der Zweiten, ist offen. Sie könnte eine richtige Sozialbank werden, die keinen Gewinn macht, wie die Schuldnerberater es sich wünschen. Es könnte auch ein Gesetz kommen, das die Banken zur Kontovergabe zwingt. Die Idee der Zweiten könnte, wie Boris Marte überlegt, auch ins Ausland getragen werden. Auf jeden Fall, und das freut die Schuldnerberater, wissen nun mehr Menschen als vorher, dass nicht jeder ein Konto bekommt. Das war mutig von der Bank, in der es dem Vernehmen nach auch Widerstände gab. Und es war mutig von Alexander Maly, da mitzumachen.

Was nachdenklich stimmt, ist ein Blick in die Bilanz der Zweiten: Die Erste Stiftung stellte 5,8 Millionen Euro als Gründungskapital zur Verfügung. Fünf Millionen sind für eine Bankgründung nötig, der Rest war für den Betrieb gedacht. Die laufenden Kosten für die Armen kann das Institut nun allein aus den Zinsen bestreiten. Im Vergleich zum Stiftungsvermögen von gut sechs Milliarden Euro sind es lächerliche Beträge, mit denen sich ein von den Banken verschlepptes Problem lösen lässt.

Als Pfarrer Johann Baptist Weber 1819 seine Sparkasse eröffnete, übergaben reiche Leute dem Kaiser gestiftete Sparbücher, die "unter würdige Kinder der unteren Klassen von 12 bis 15 Jahren" verteilt werden sollten. Eine honorige Sache, vor allem aber eine recht feudale. Die Geschichte der Zweiten Sparkasse zeigt, dass honorig und feudal auch heute noch nah beieinander liegen. -

MENSCHEN OHNE KONTEN - DIE SITUATION IN DEUTSCHLAND

Wohlfahrtsverbände und Verbraucherschützer schätzen in dem von ihnen herausgegebenen Schuldenreport 2006, dass 500 000 Haushalte in Deutschland über kein Girokonto verfügen. Helga Springeneer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) geht davon aus, dass ein großer Teil dieser Menschen unfreiwillig darauf verzichtet. Genaue Erhebungen gibt es dazu aber nicht.

Dass Banken arme Menschen ungern als Kunden haben, hat einen betriebswirtschaftlichen Grund: Das statistische Risiko, dass beispielsweise Bezieher von Arbeitslosengeld II gepfändet werden, ist höher als bei anderen Kunden. Pfändungen aber kosten die Banken wegen aufwendiger Prüfungen Geld. "So nehmen viele Banken Bezieher von Arbeitslosengeld II erst gar nicht als Kunden an", sagt Springeneer. Das führe schnell in einen Teufelskreis, denn ohne Konto Arbeit zu finden sei schwierig.

Seit gut 20 Jahren drängen Wohlfahrtsverbände und Verbraucherschützer deshalb auf gesetzliche Verpflichtungen, nach denen Banken allen Menschen ein Konto geben müssen - bislang erfolglos. 1995 errangen sie aber einen Teilerfolg. Damals sprachen die im Zentralen Kreditausschuss (ZKA) zusammengeschlossenen Spitzenverbände der Kreditwirtschaft gegenüber ihren Mitgliedsinstituten die ZKA-Empfehlung zum Girokonto für jedermann aus. Dabei ging es um Habenkonten, die sich nicht überziehen lassen. Die Empfehlung ist rechtlich nicht bindend. Lediglich in einigen Bundesländern sind die Sparkassen daran gebunden. Allerdings werde die Regelung oft unterlaufen, sagt Springeneer.

Die Verbraucherschützer setzen nun Hoffnungen in einen Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums: Danach sollen Teile der ZKA-Empfehlung erneuert und rechtlich verbindlich werden. Außerdem sollen Banken Ablehnungen künftig begründen müssen.

Eine Regelung wie jene der Zweiten Bank in Österreich wünscht sich Springeneer für Deutschland nicht. "Aus österreichischer Perspektive ist das richtig. Aber wir sind durch die ZKA-Empfehlung eigentlich schon weiter. Wir wollen, dass es einen Anspruch auf ein Konto bei allen Banken gibt, wie es in Belgien seit 2003 gilt. Dort sagte man: Wir wollen auf keinen Fall eine Armenbank. Das führt zur Stigmatisierung der Kunden. Man hat aber einen Fonds eingerichtet, in den alle Banken einzahlen. Diejenigen, die viele Guthabenkonten haben, bekommen daraus einen Ausgleich."


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