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brand eins 02/2006 - KOLUMNEN

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Was Medien bewegt - Das Runde im Eckigen

Wie viele Fußball-Magazine können die Vorrunde meistern?

Die erste Regel im Fußball lautet: Franz Beckenbauer darf alles. Er darf in den Spielpausen Unsinn reden, er darf die Worte "Mitsubishi Pajero" so aussprechen, als handle es sich um Ur-Latein, er darf blöd in die Kamera fragen, ob heute schon Weihnachten ist, und er darf seine Frau auf der Weihnachtsfeier des FC Bayern München betrügen, ohne dass die sonst auf moralische Sauberkeit bedachte Boulevardpresse laut aufheult. Im Gegenteil: Beckenbauer gereicht selbst ein uneheliches Kind noch zur Ehre, und während Kate Moss wegen ihres Koks-Konsums prompt Ärger mit ihren Werbepartnern bekam, hat sich der Marktwert von Franz Beckenbauer nach seinen privaten Eskapaden enorm gesteigert. "Firle-Franz" hat ihn das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") wegen seiner Hans-Dampfigkeit mal genannt - " Lorbeer-Franz" träfe es auch.

Als solcher wurde Beckenbauer nun Teil eines Kunstobjekts. Der österreichische Aktionskünstler Erwin Wurm machte aus ihm eine seiner so genannten One Minute Sculptures: Der Fußball-Kaiser lehnt sich mit zwei Orangen als Puffer mit Kopf und Schulter gegen eine Hauswand und sieht dabei so wohlig erzitternd aus wie das letzte Mal bei Cosmos New York mit Pelé nackt unter der Dusche. Das Bild "Franz mit Südfrüchten" ziert zurzeit ein gewichtiges Kompendium, das zur Fußball-Kunst-Ausstellung "Rundlederwelten" erschienen ist und an den Kiosken liegt, im Kreis einiger neuer Fußballmagazine, die in den vergangenen Monaten auf den Markt drängten. Schließlich wird sich die Fußball-Euphorie im deutschsprachigen Raum nicht mehr so schnell legen: Nur zwei Jahre nach der WM in Deutschland findet in Österreich und der Schweiz die Europameisterschaft statt. Da kann man mal was wagen, denken die Verleger.

In kaum einer anderen Branche haben die bevorstehenden Großereignisse ein derartiges Fieber verursacht wie im Verlagswesen. Die Tische in den Buchhandlungen, auf denen die Fußballbücher präsentiert werden, sind schon fast so groß wie die mit den Kochbüchern der TV-Köche. Allein der Süddeutsche Verlag wirft fast im Wochentakt ein Fußballbuch auf den Markt, für das brachliegende redaktionelle Kapazitäten genutzt werden. Alle müssen ran, selbst der Chefredakteur schreibt in einem schönen Bildband über die WM von 1954 noch einmal Bekanntes über Fritz Walter - und das Buch "Fußball unser", das mit schwarzem Deckel und Goldschnitt wie eine Bibel aussieht, ist schon jetzt ein Klassiker.

Und wem hat die "SZ" diese schöne zusätzliche Erlösquelle zu verdanken? Möglicherweise einem anderen Journalisten - nämlich dem ehemaligen "Titanic" -Chefredakteur Martin Sonneborn, der im Auftrag der Satire einen Fifa-Funktionär mit einer Kuckucksuhr bestach, als die Abstimmung für den Austragungsort der WM 2006 anstand. Sonneborn hat aus diesem Erlebnis ebenfalls ein Buch gemacht, ("Ich tat es für mein Land"), weil momentan alles, was mit Fußball zu tun hat, zwischen zwei Buchdeckel muss. Oder eben in eine Zeitschrift. "Das Runde muss ins Eckige" - so heißt nicht umsonst eine uralte Kicker-Weisheit.

Aber es wird auch langsam Zeit, denn jahrzehntelang herrschte in Deutschland ein anachronistischer Zustand. Zwar pilgerten jeden Samstag hunderttausende Fans in die Stadien, saßen Millionen um sechs vor der Sportschau - am Kiosk aber gab es im Gegensatz zu anderen fußballverrückten Ländern wie Italien und Spanien, wo sogar tägliche Sportzeitungen erscheinen, nur den " Kicker", der bald 90 Jahre alt wird. Ein Heft, das aussieht wie aus dem Manufactum-Katalog (teilweise auf Zeitungspapier, mit original gezacktem Rand) und das sich so spannend liest wie ein Gemeindebrief. Eine der Reliquien auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs Rainer Holzschuh in Nürnberg ist ein Stück in Plexiglas gegossenen römischen Rasens. Es sind dies die Halme, auf denen Deutschland 1990 zum dritten Mal Weltmeister wurde.

Vom "Kicker" zum "Player" - ein weiter Weg, nicht nur für die Fans Fußball ist dort noch eine heilige Sache. In den Büros beim " Kicker" sitzen Menschen, die Karteikarten beschriften und sortieren, auf denen sämtliche Fußballspieler Deutschlands verzeichnet sind - nicht nur die Bundesligaspieler, sondern alle bis hinab in die Oberligen, wo der FC Anker Wismar und der ZFC Meuselwitz kicken. Woche für Woche vergeben die Redakteure Schulnoten, die selbst millionenschwere Stars mit einer an Masochismus grenzenden Demutshaltung entgegennehmen. So war der "Kicker" lange Zeit das publizistische Gegenstück zum deutschen Fußball: nicht schön anzusehen, aber effektiv im Abräumen und Ausputzen. Nicht von ungefähr ereilte den Chefredakteur ein entscheidendes Schlüsselerlebnis seiner Karriere in der Sauna mit Berti Vogts, der sich bei Holzschuh schwitzend für eine Fünf bedankte. Aber leider ist die deutsche Mannschaft schon lange nicht mehr so solide wie zu Vogts Zeiten, sondern Besorgnis erregend hallodrihaft, auch wenn der Höhepunkt der Spaßgesellschaft vorbei ist, als plötzlich nur noch interessierte, welche Anzüge Mehmet Scholl trägt und was Oliver Kahn in der Münchener Diskothek "P1" macht. Damit konnten die Jungs beim "Kicker" beim besten Willen nicht dienen.

In diese Bresche sprang "Sport Bild", in der der Fußball nach dem Vorbild des Mutterblatts auf reißerische Schlagzeilen ("WM-Steuer für Klinsmann") und vermeintlich exklusive Informationen über Aufstellungen und Transfers reduziert wurde. Selbstverständlich kolumnierten dort der Franz und Lothar Matthäus.

Aber auch auf dem grammatikalisch ernst zu nehmenden Sektor tat sich was. Mit dem unabhängigen Magazin " 11 Freunde" erschien vor sechs Jahren ein Blatt, das dem Umstand Rechnung trägt, dass sich für Fußball eben nicht nur "Bild"-Leser und RTL-Zuschauer interessieren, sondern zunehmend Menschen, die in dem Sport eher eine Art persönlichen Lebensstil sehen, mit einem Faible für großes Theater ausgestattet sind - und einem Herz für Nebensächliches, von dem der Fußball reichlich zu bieten hat. Statt Geschichten über die Männer im Angriff des FC Bayern bringt das Magazin " für Fußballkultur" Geschichten über die Männer, die dort in der Waschküche stehen, dazu Anekdoten aus den Fankurven dieser Welt und Fotos von Amateurspielen auf niederländischen Äckern - alles auf mattem dickem Papier.

"11 Freunde" ist somit Teil der kulturellen Aufwertung von Fußball, die auch von den Sportartikelherstellern eifrig betrieben wurde, nachdem die coolen Beastie Boys und Madonna mit alten Adidas-Schuhen auf die Bühne getreten waren und die Manager schnurstracks in die Keller stiegen, um die alten Leisten herauszukramen, um eine Retro-Welle sondergleichen loszutreten. Manche Turnschuhgiganten fingen sogar an, Kneipen in Berlin-Mitte zu sponsern, um den Fußball vollends zur Leitkultur des Nachtlebens hochzupushen. Wie immer brauchten die Anzeigenkunden dennoch recht lange, bis sie verstanden hatten, dass sie über "11 Freunde" an eine Zielgruppe gelangen, die über den "Kicker" nur schwer erreicht werden kann.

Mittlerweile ist das alternative "11 Freunde" Stammspieler am Kiosk, und es wäre nur gerecht, wenn es in besonderem Maße vom WM-Hype profitieren würde. Doch nun, da der Boden bereitet ist, erscheinen ständig Konkurrenten. Es gibt das kostenlose "Bolzen", das von Puma unterstützt wird und sich dem Breitensport widmet, es gibt Zeitschriften über Frauen-Fußball, und es gibt seit neuestem "Rund" und " Player". "Rund", ausgerechnet aus dem Olympia-Verlag, der auch den "Kicker" herausgibt, kommt "11 Freunde" noch am nächsten - mit seinem aufgeräumten Layout, der kunstvollen Bildsprache und den langen Reportagen über Hooligans in Polen und Klub-Maskottchen, die Bürgermeister werden. Die Chefredaktion kommt direkt aus dem Fan-Block und hat vorher das angesehene Fanzine des FC St. Pauli mit dem schönen Namen "Viertel nach fünf" gemacht.

"Player" hingegen versucht ein wenig angestrengt, den deutschen Fußballern Glamour angedeihen zu lassen, was nicht nur bei Lukas Podolski ein schwieriges Unterfangen ist - auch wenn man für den Kölner Stürmer 40 Seiten Platz hat. Denn Fußballer sind im richtigen Leben meist noch langweiliger und verklemmter als andere Menschen - eine Auswertung aller jemals geführten Interviews beweist das.

Dass sie trotzdem als Superhelden durchgehen, hat nicht nur mit ihren Großtaten auf dem Rasen zu tun, sondern auch mit der kollektiven Bereitschaft, alles auszublenden, was nicht ins Helden-Bild passt. Und so glaubt " Player", dass es irgendjemanden interessiert, wo ein Spieler abends sein Bier trinkt und welche Anzüge er trägt. Als "Brückenschlag zwischen der Faszination Fußball" und dem "inspirierenden Lifestyle der neuen Spielergeneration" versteht sich das Magazin, und man muss diesem Satz nur die Sonnenbrillen von Oliver Kahn und die Frisur von Michael Ballack gegenüberstellen, um zu sehen, auf welch dünnem Eis sich die Macher bewegen. Interessant ist dieses Magazin vor allem für die Fußballer selbst, die sich auf den Hochglanzseiten so präsentieren können, wie es ihnen der " Kicker" nicht ermöglicht, wo man Fußballer immer nur verschwitzt und mit grünen Flecken auf der kurzen Hose sieht.

Dennoch könnte man im WM-Jahr folgende Prognose wagen: Alle Fußball-Magazine kommen weiter, schließlich gibt es auch mehrere hundert Frauenzeitschriften. Und es ist kaum anzunehmen, dass es mehr Frauen gibt, die sich für Anmachtipps und Kochrezepte interessieren, als Fußballfans.


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