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brand eins 02/2006 - SCHWERPUNKT: Leadership
Stirb langsam, Entscheider
Welchen gesundheitlichen Unterschied macht es, ob man in einer Vier-Zimmer- oder einer Fünf-Zimmer-Wohnung lebt? Was hat die Tatsache, dass jemand einen Doktortitel vorweisen kann, mit seinem Herzinfarkt-Risiko zu tun? Und was lässt sich aus der Position eines Angestellten über seine Lebenserwartung ableiten?
Eine Menge, sagt der britische Epidemiologe Sir Michael Marmot.
Der Status eines Menschen entscheidet nicht nur über Einkommen und Ansehen, sondern auch über Leben und Tod.
brand eins: Herr Marmot, die meisten Menschen achten heutzutage auf eine ausgewogene Ernährung und einen insgesamt gesunden Lebensstil. Warum sollten sie sich nun auch noch Gedanken um ihren Status machen?
Marmot: Aus einem einfachen Grund: Weil er für ihre Gesundheit entscheidend ist. Wie wichtig die Position in der gesellschaftlichen Hackordnung ist, lässt sich unter anderem an der Lebenserwartung ablesen. Wir wissen aus unseren Untersuchungen des britischen öffentlichen Dienstes - einer Institution, die absolut brillant darin ist, Menschen in ein hierarchisches System zu sortieren -, dass die Lebenserwartungen höher gestellter Beamter, also etwa von Bürovorstehern, im Schnitt 4,4 Jahre über jener einfacher Beamter wie Büroboten oder Sachbearbeitern liegt.
Was vermutlich daran liegt, dass die einfachen Beamten weniger verdienen und ungesünder leben.
Nein, der lebensentscheidende Faktor heißt Status. Die Unterschiede in Sachen Lebenserwartung und Gesundheit verlaufen nicht etwa entlang einer Grenze zwischen Reich und Arm oder zwischen Managern und normalen Mitarbeitern. Das Status-Syndrom, wie ich es nenne, betrifft uns alle: Wo immer wir uns auch in einer sozialen Hierarchie befinden, ist unsere Gesundheit im Schnitt besser als jene der Menschen unter uns - und schlechter als die derjenigen über uns. Wir sprechen daher von einem Sozialgradienten, der parallel zur Hackordnung verläuft. Je weiter unten Sie stehen, umso eher werden Sie krank - und umso eher sterben Sie.
Das heißt: Ihre Assistentin Elaine, die wir gerade im Vorzimmer kennen gelernt haben, wird vor Ihnen sterben, während Ihr Vorgesetzter statistisch gesehen auf ein längeres und gesünderes Leben als Sie hoffen darf.
So ist es. Und solche Beispiele für das Status-Syndrom finden sich überall. Wenn wir beide jetzt von meinem Büro aus durch London radeln würden, würden wir im Radius von 20 Fahrradminuten Menschen passieren, deren durchschnittliche Lebenserwartung zehn Jahre auseinander liegt. Zehn Jahre! Das ist ein enormer Unterschied, und ich wette, Sie könnten mir bereits im Vorbeifahren sagen, in welchen Straßen die Lebenserwartung höher und in welchen sie dramatisch niedriger liegt.
Ich vermute, es liegt an den größeren Bildungschancen und am höheren Einkommen, mit dem sich die einen bessere Nahrungsmittel und eine bessere medizinische Versorgung kaufen können als ihre Nachbarn.
Lässt sich denn mit höherem Einkommen tatsächlich bessere medizinische Versorgung kaufen? In Großbritannien und auch in Deutschland verfügen wir über ein relativ gutes, für alle zugängliches Gesundheitssystem. Gesündere Lebensmittel? Das mag für den ärmsten Teil der Bevölkerung tatsächlich ein Punkt sein. Aber wie gesagt: Das Gesundheitsgefälle verläuft über die gesamte Länge der gesellschaftlichen Leiter. Es betrifft Menschen wie Sie und mich und damit Leute, die sich so viel gesundes Obst leisten können, wie sie wollen.
Was ist mit den üblichen Verdächtigen: Rauchen, zu wenig Bewegung, zu viel fettes Essen, schlechte Gene?
All diese Faktoren beeinflussen zweifelsohne unsere Gesundheit. In den weniger privilegierten Schichten der Gesellschaft wird tatsächlich mehr geraucht und weniger Sport getrieben, die Ernährung ist ungesünder und Übergewicht ein Massenphänomen. Diese Faktoren sind für schätzungsweise 30 bis 40 Prozent des Sozialgradienten verantwortlich. Aber das Status-Syndrom bleibt dennoch, soll heißen: Raucher aus der untersten Hierarchiestufe haben eine substanziell kürzere Lebenserwartung als Raucher aus höheren Schichten der Gesellschaft. Weshalb ist Status so wichtig? Weil von ihm zwei entscheidende Faktoren abhängen: der Einfluss, den wir auf die Umstände unseres Lebens haben - und unsere Chancen, uns als vollwertige, anerkannte Mitglieder unserer Gesellschaft zu fühlen. Diese beiden Faktoren definieren unser Krankheitsrisiko und unsere Lebenserwartung.
Wie sind Sie dem Status-Syndrom auf die Spur gekommen?
Zunächst eher zufällig durch eine Untersuchung von 18 000 britischen Beamten aus den sechziger Jahren, der so genannten Whitehall-Studie. Wir haben unsere Forschungen dann zunächst auf die britische Gesellschaft insgesamt, schließlich auf Länder wie Schweden, die Vereinigten Staaten und Russland ausgeweitet. Überall trafen wir auf Sozialgradienten und Status als Krankheitsdeterminante Nummer eins. Im postkommunistischen Russland etwa, in dem die Menschen plötzlich weitaus geringere Chancen hatten, ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen, sank auch die Lebenserwartung dramatisch.
Das klingt überraschend, denn der Zusammenbruch des Kommunismus bedeutete ja zunächst mehr persönliche Freiheit.
Der Kommunismus scheiterte in vielem, was wir unter anderem auch daran ablesen konnten, dass die Lebenserwartung der Ostdeutschen immer unter jener ihrer Landsleute im Westen lag. Und eine geringe Lebenserwartung ist ein untrüglicher Indikator dafür, dass ein System seiner Bevölkerung insgesamt einen schlechten Dienst erweist.
Eines aber leistete der Kommunismus zweifellos: Er gab den Leuten Arbeit, Essen und ein Zuhause. Nach 1989 allerdings verschlechterten sich die Lebensumstände für die meisten Russen deutlich, es gab viel weniger Jobs, und wenn, dann wurden sie schlecht oder gar nicht bezahlt. Entsprechend sackte die Lebenserwartung im Ostblock nach dem Fall der Mauer konstant ab, während sie im Westen Jahr für Jahr stieg.
Allerdings gibt es bekanntlich einige Russen, deren Status sich dramatisch verbessert hat. Vor einiger Zeit saß ich auf einer Konferenz in Nowosibirsk neben russischen Kollegen, deren Monatslohn - wenn er denn gezahlt wurde - umgerechnet 40 Dollar betrug. Gleich neben unserem Tagungshotel entdeckte ich Geschäfte, in denen Turnschuhe für 200 Dollar angeboten wurden. " Wer kauft die?", wollte ich wissen. Antwort: " Die neuen Reichen." Die pure Existenz dieser neuen, kleinen Schicht Superreicher aber steht für eine wachsende Ungleichheit innerhalb Russlands. Status ist ja ein relatives Phänomen: Wenn es einigen besser geht, bedeutet es gleichzeitig, dass es anderen im Vergleich schlechter geht. Die Folge: Das Status-Syndrom verschärft sich.
Für die Underdogs einer Gesellschaft ist ihr niedriger Status sicher unerfreulich, aber doch nicht krank machend.
Armut ist ein relativer Faktor - in Sierra Leone beispielsweise zählt man mit 40 Dollar Monatseinkommen vermutlich bereits zum Mittelstand. Arm bin ich, wenn ich deutlich weniger Möglichkeiten habe als der Durchschnitt meiner Nachbarn und Landsleute. Dafür sind Turnschuhe natürlich ein extremes Beispiel, aber wenn außer meinen Kindern alle anderen Kinder in der Straße neue Sportschuhe tragen, kann das ein Zeichen für meine Außenseiterposition in der Gesellschaft sein. Und das dauerhafte Gefühl von Isoliertheit, Minderwertigkeit oder von Nicht-Anerkennung für das, was man leistet beziehungsweise ist, kann zu Depressionen, Stress, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.
Wie übersetzt sich Stress in Krankheit?
Verantwortlich dafür sind zwei biologische Stresspfade in unserem Körper: Der eine verläuft über unser Nervensystem, das bei Gefahr oder Bedrohung Adrenalin ausschüttet. Dieser Fight-or-Flight-Mechanismus war evolutionär überlebenswichtig, weil er uns in gefährlichen Situationen half, der Bedrohung auszuweichen. Wenn Bedrohung aber chronisch und der Alarm dauerhaft ausgelöst wird, führt er zu metabolischen Veränderungen und Krankheiten. Der andere Stresspfad ist ein langsamer reagierendes System und hängt mit dem Hormon Cortisol zusammen. Bei Menschen unter Dauerstress finden wir einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel, und das ist gleichbedeutend mit einem höheren Risiko von Diabetes und Herzerkrankungen. Als Bürobote Tag für Tag gesagt zu bekommen, was man zu tun hat, über wenig Entscheidungsbefugnisse zu verfügen und für all das auch noch schlecht bezahlt zu werden, bedeutet zweifelsohne Dauerstress.
Aber ist es nicht auch extrem stressig, sich in den oberen Positionen einer Hierarchie zu behaupten?
Bis zu unserer ersten Whitehall-Studie glaubte ich auch, dass Manager wegen ihrer stressigen Jobs häufiger Herzinfarkte erleiden. Heute weiß ich: Das Gegenteil ist richtig. Manager leben nicht nur länger, sie haben auch ein niedrigeres Herzinfarkt-Risiko als ganz normale Büroangestellte.
Wollen Sie damit sagen, dass fortgesetzter Stress nicht zu den Ursachen von Herzinfarkt zählt?
Keineswegs. Allerdings ist die Aussage, der Job von Managern sei mit mehr Stress verbunden als jener ihrer Untergebenen, mit Vorsicht zu genießen. Mein Eindruck ist, dass viele Manager ihre Führungsposition in Wirklichkeit lieben und das verbreitete Seufzen über die vielen zu beantwortenden E-Mails in Wirklichkeit eher ein Kokettieren mit ihrer Unentbehrlichkeit ist.
Stress wird auch nicht durch viel Arbeit, sondern durch überwältigend viel Arbeit hervorgerufen, also solche, die einen überrollt und sich nicht mehr kontrollieren lässt. Und da sind Mitarbeiter in den unteren Rängen definitiv gefährdeter als die Entscheider an der Spitze. In den unteren Etagen fanden wir eine große Zahl an Pförtnern und Büroboten mit minimalen Entscheidungsbefugnissen; wir trafen Sekretärinnen, die während der Arbeit nicht reden durften, und Sachbearbeiter, deren größte Freiheit darin bestand, zu entscheiden, wann sie während ihres Arbeitstages zum Rauchen vor die Tür gehen wollten. Dieselben Leute wiesen die höchste Rate an Herzinfarkt, die meisten Rückenleiden, die häufigsten psychischen Erkrankungen, die meisten Krankmeldungen pro Jahr und die niedrigste Lebenserwartung auf. Die Art, wie ein Unternehmen geführt wird, beeinflusst also nicht nur die Produktivität, sondern auch die Lebenszufriedenheit, Gesundheit und sogar Lebenserwartung seiner Mitarbeiter.
Wie hat die Öffentlichkeit auf Ihre Entdeckung reagiert?
Die Gewerkschaften waren glücklich, weil sie nun erstmals Beweise dafür in der Hand zu halten glaubten, dass die Mitarbeiter schlecht behandelt würden (lacht).
Ganz konkrete Konsequenzen hatte unsere Studie aber für die gesetzlichen Anforderungen an Arbeitsplätze. Die Behörde für Arbeitssicherheit und -gesundheit überprüft heute nicht mehr nur die physischen, sondern auch die psychosozialen Standards von Arbeitsplätzen. Manager sind heute angehalten, die Standards in ihrem Unternehmen in Sachen Fördern und Fordern, Belohnung und Transparenz immer wieder zu evaluieren. Und das ist beileibe keine bürokratische, lästige, zeitaufwändige Pflicht, sondern eine effektive Möglichkeit, Krankheitstage zu senken und die Leistung von Mitarbeitern nachhaltig zu steigern. Wir wissen heute auf Basis medizinischer Daten, dass die traditionelle autokratische Mitarbeiterführung ökonomisch kontraproduktiv ist, Wie müsste ein Unternehmen aussehen, das Motivation, Gesundheit und Lebenserwartung seiner Mitarbeiter maximiert?
Es müsste seine Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligen und ihnen Kontrolle einräumen darüber, wie und auf welche Weise sie ihre Aufgabe erledigen. Es müsste gute Leistung belohnen, denn mangelnde Belohnung ist - wie mein Kollege, der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist gezeigt hat - eine wichtige Ursache für erhöhtes Herzinfarkt-Risiko. Und Belohnung heißt nicht etwa nur mehr Geld, sondern Anerkennung und Aufstieg. Deswegen sind flache Hierarchien auch ein zweischneidiges Schwert: Einerseits bieten sie Mitarbeitern mehr Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitentscheidung. Andererseits limitieren sie die Option des Aufstiegs: In einer flachen Hierarchie existieren einfach weniger Positionen, in die man in Anerkennung seiner Dienste befördert werden könnte.
Was heißt all das auf die Gesellschaft übertragen?
Das ist eine Frage, die unter meinen Kollegen sehr kontrovers diskutiert wird. Ich glaube nicht, dass die Unterschiede von Einkommen an sich, sondern eher die Ungleichheit insgesamt ungesund ist, weil sie mehr Menschen in eine Position mit geringer Autonomie drängt. Vergleicht man die wohlhabenderen Länder, lässt sich auch kein Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Lebenserwartung nachweisen. Kubaner, die nur über ein Siebtel des Einkommens von US-Amerikanern verfügen, leben fast genauso lange. Griechen leben im Schnitt sogar 1,2 Jahre länger als Amerikaner, obwohl ihr Durchschnittseinkommen mit 17 000 Dollar nur etwa bei der Hälfte des amerikanischen liegt.
Innerhalb der US-Gesellschaft hingegen ist die Todesrate derjenigen Amerikaner mit 17 000 Dollar Lohn im Jahr doppelt so hoch wie jene ihrer Landsleute, die 34 000 Dollar gezahlt bekommen. Obwohl also die absolute Höhe des Einkommens kaum eine Rolle spielt, ist das Einkommen dennoch wichtig, weil es die Position eines Menschen innerhalb einer Hierarchie anzeigt. Ein ähnlicher Indikator ist übrigens der Faktor Bildung.
Aus Schweden, einem Land mit vergleichsweise geringen sozialen Unterschieden, gibt es dazu interessante Daten: Schweden mit einem Doktortitel haben eine höhere Lebenserwartung als jene, die nur einen Magister vorweisen können. Schweden mit Magisterabschluss wiederum leben länger als ihre Landsleute mit einem Bachelor und Bachelor-Absolventen länger als Schweden ohne Hochschulabschluss. Das zeigt: Eine bessere Ausbildung gibt einem Menschen offenbar bessere Möglichkeiten, die Umstände seines Lebens nach seinen Vorstellungen zu steuern. Bessere Bildung bedeutet zudem bessere Chancen, sich als ein vollwertiges, anerkanntes Mitglied der Gesellschaft fühlen zu können. Beide Faktoren zusammen bezeichne ich als Status. Es sind die Faktoren, die über Leben und Tod entscheiden.
Gibt es Länder, die in Sachen Status- und Gesundheitsunterschiede besser dastehen als andere?
Selbstverständlich. Von Japan können wir eine Menge lernen. Die japanische Gesellschaft weist geringere soziale Ungleichheiten auf als unsere, es gibt eine kulturell höhere Verantwortung für die Gruppe, eine hohe Sicherheit von Arbeitsplätzen und ein Gewerkschaftssystem, das die Verantwortung von Angestellten für ihr Unternehmen und von Unternehmen für ihre Angestellten stärkt. Es ist ein Land mit größerer Solidarität, weniger Kriminalität und mehr Verantwortung des Einzelnen für andere. Und es ist deshalb auch keineswegs zufällig das Land mit der höchsten Lebenserwartung weltweit.
Aber hat eine wettbewerbsorientierte Gesellschaft nicht auch Vorteile, von denen alle profitieren?
Nun, diese These lässt sich empirisch überprüfen. Die Weltbank beispielsweise hat vor einigen Jahren die Frage untersucht, ob Ungleichheit tatsächlich ein Treiber für wirtschaftliches Wachstum ist - und die Frage verneint. Der Boom der asiatischen Tigerstaaten beispielsweise vollzog sich in Gesellschaften ohne große Ungleichheiten. Wenn eine Gesellschaft also tatsächlich von den Erfolgreichen profitieren würde, dürfte die Lebenserwartung unterprivilegierter Amerikaner nicht bei mageren 57 Jahren liegen.
Gesellschaftlich gesehen ist das sicher zu beklagen, als Einzelner könnte man aber auch zu der Schlussfolgerung kommen: Ungleichheit macht nichts, solange es mir gelingt, in die besser gestellte Hälfte aufzusteigen.
Richtig, und eines Tages endet man in einer luxuriösen, stacheldrahtumzäunten Gated Community. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber stellen Sie sich vor, was einem Kollegen von mir passiert ist, als er eine Zeit lang in den USA arbeitete: Jedes Mal, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit Dienstschluss hatte, musste er sich von schwer bewaffneten Wachmännern zum Auto eskortieren lassen. Und das ist keine Horrorvision, sondern Alltag an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
Wir in Europa haben uns entschieden, dass wir eine derart zweigeteilte Gesellschaft nicht wollen. Wir fühlen uns für die anderen verantwortlich, wir zahlen relativ hohe Steuern und finanzieren damit unter anderem Kindergärten und Schulen für jene, denen es nicht so gut geht. Ich halte das nicht nur aus moralischen Gründen für eine sehr weise Entscheidung. Ein verarmender Teil des Landes beeinträchtigt früher oder später zwangsläufig auch das Leben des reicheren Teiles - und sei es nur durch einen unangenehmen Geruch auf dem Weg zur Oper. Dennoch, verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es ist überhaupt nichts gegen Hierarchien, Aufstiegschancen oder die Tatsache einzuwenden, dass manche Menschen mehr Geld haben als andere. Aber die "Jeder für sich, keiner für alle"-Philosophie ist gefährlich.
Was würden Sie in Sachen Status und Gesundheit unternehmen, wenn Sie Regierungschef eines Landes wie Deutschland wären?
Ich würde massiv in frühkindliche Förderung und Bildung investieren. Ich würde die Organisation von Arbeit und die Qualität der Arbeitsplätze verbessern. Ich würde den Zusammenhalt unserer Städte und Kommunen zu optimieren suchen, indem ich mich um bessere Integration aller bemühte. Ich würde mich darum kümmern, wie wir mit Älteren umgehen. Die Rede ist heute immer von einer Rentenkrise - viel entscheidender aber ist die Frage, wie wir mit einem wachsenden Anteil durchaus gesunder älterer Menschen in der Gesellschaft umgehen.
Und schließlich würde ich - wissend, dass Gesundheit ein sensibler Indikator für das Wohlergehen einer Bevölkerung ist - sämtliche Maßnahmen meiner Regierung daran messen, ob sie dem Ziel einer möglichst guten Gesundheit für möglichst breite Bevölkerungsschichten dienen. Das ist ein ziemlich guter Maßstab für eine gute Politik.
Die Queen hat Sie in Anerkennung Ihrer wissenschaftlichen Leistungen zum Ritter geschlagen.
Tja, das fand ich schon ziemlich ironisch. Für den Fall, dass mich die Queen gefragt hätte, worum es bei meinen Untersuchungen eigentlich gehe, hatte ein Kollege die folgende Antwort vorgeschlagen: "Ungleiche Gesundheitschancen, Madam, bedeuten, dass Ihre Mutter trotz einer gewissen Vorliebe für Whisky 101 Jahre alt geworden ist." Leider hat sie mich nicht gefragt. Literatur: Michael Marmot: The Status Syndrome - How Social Standing Affects Our Health and Longevity. Bloomsbury; 320 Seiten; 13,50 Euro
