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brand eins 02/2006 - KOLUMNEN

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Jeden Tag dasselbe

Und bis zu den Ferien dauert es noch ganz lange.

Aber so ist das Leben der Manager.

Morgens ist der Manager immer müde. Also sagt er: " Ich glaube, ich kann heute nicht in die Firma gehen, ich habe Bauchschmerzen." Die Frau des Managers lächelt, sie kennt das bereits. Dann schaut sie streng und sagt: "Jeden Morgen dasselbe. Jetzt komm schon aus dem Bett. Das Frühstück ist fertig, und du musst bald los." Zum Frühstück isst der Manager Cornflakes. Dabei liest er, was auf der Rückseite der Packung steht, denn das ist immer spannend. Manchmal bekleckert er sich deswegen, dann muss er seine Krawatte wechseln oder sein Hemd. Danach bringt ihn seine Frau in die Firma. Während der Manager durch die Drehtür verschwindet, spricht seine Frau mit den Frauen der anderen Manager. Sie haben alle dieselben Probleme. "Mein Mann kommt auch immer so schlecht aus dem Bett." In der ersten Stunde passt der Manager nicht auf. Er ist unkonzentriert, schwatzt mit anderen Managern und macht Unsinn. Irgendwann platzt der Sekretärin des Managers der Kragen: "So geht das nicht, mein Lieber!" Also setzt sich der Manager schließlich an seinen Schreibtisch und arbeitet. Vormittags sind die Grundkurse dran: Rechnen, Schreiben, Lesen, Englisch, Deutsch, Geografie, Geschichte. Manchmal auch Informatik, das ist besonders schlimm, weil da keiner Bescheid weiß. In der kleinen Pause steht der Manager in die Raucherecke. Oder er trifft ein paar Kumpel, die hinter dem Cola-Automaten rumhängen. Da spielen sie Autoquartett oder zeigen sich gegenseitig ihre neuen Handys. Außer, wenn Mädchen dabei sind. Dann geben die Manager an, aber die Mädchen nehmen das nicht ernst, denn das machen die Manager immer: Jeder hat den größten Etat und das schnellste Auto, ja, ja, und das neue Büro hat sechs Fenster, ist klar. Dann muss der Manager wieder an seinen Schreibtisch.

Mittags ist große Pause. Jetzt könnte sich der Manager mit seinen Freunden auf dem Pausenhof treffen und Spaß haben, aber das geht nicht, weil alle große Pause haben, auch die unteren Klassen - und was sollten die denken? Also geht der Manager stattdessen in eines dieser Lokale, wo man das kleine Essen auf dem großen Teller kaum findet, aber dafür können sich das die anderen nicht leisten, weil sie keine Spesen kriegen. Da spielen die Manager dann wieder Autoquartett oder erzählen, wer ihre neuen Nachhilfelehrer sind. Das ist ganz normal, jeder bekommt Nachhilfe, wichtig ist nur, dass ihn jemand gibt, der bekannt ist. Ob es funktioniert ist nicht so wichtig. Das erwartet auch niemand. Am Ende wird über die Manager gesprochen, die nicht dabei sind. Mit denen steht es nicht zum Besten, ihre Leistungen sind schwach, sie sind gefährdet. Völlig egal, wer gerade fehlt: Er ist immer der Schlechteste.

Oft reden die Manager über ihre Reisen. Jeder Manager muss reisen, und wer am weitesten und am häufigsten reist, hat gewonnen. Dafür gibt es den Bonusmeilen-Wettbewerb. Besser, man hat seine Bonusmeilen-Abrechnung immer dabei. Extrapunkte gibt es, wenn man mal im Hotel aufgewacht ist und nicht mehr wusste, in welcher Stadt man ist. Oder, noch besser: Wenn man mal zu Hause aufgewacht ist und die Minibar gesucht hat. Noch wichtiger als die Hotels sind die Lounges. Die Lufthansa-Lounge in Frankfurt kennt jeder, aber wie ist die in Jakarta? Wer in einer Lounge war, die keiner kennt, ist Tagessieger. Außer sie ist auf einem Flughafen wie Leipzig-Halle. Da war noch nie jemand. Blöd ist nur, wenn man dann dort einen Kollegen trifft.

Nachmittags sind Wahlpflichtfächer. Der Manager könnte Sozialkunde machen, Werken oder Materialkunde, sogar Kunst oder Musik. Die Manager in den anderen Firmen machen zurzeit aber alle Chinesisch, also macht der Manager das auch, weil das nicht falsch sein kann, wenn das alle machen. Der Manager sitzt hinter seinem Schreibtisch und versucht sich auf Schriftzeichen zu konzentrieren, die aussehen, als gebe es sie nur, um Menschen zu verwirren. Wahrscheinlich ist es tatsächlich genau so. Die Schlitzaugen sind doch alle Schlitzohren. Aber wichtig. Das sagen alle, neulich stand das sogar auf einer Cornflakes-Packung.

Am späten Nachmittag ist dann doch noch eine Stunde Sozialkunde dran. Aber unfreiwillig. Ein anderer Manager ist wütend. Der Manager hat gesagt, seine Leistungen seien schwach und er sei gefährdet. Aber das ist eine Lüge. Der Manager erinnert sich, das war vor ein paar Tagen, mittags, da hat der andere Manager gefehlt. Blöd. Entschuldigen geht aber nicht, wie sähe das aus? Also zeigt ihm der Manager stattdessen eine Website, die er gefunden hat. Mit verrückten Lego-Häusern. Die sind toll. Die beiden Manager staunen, was man mit Lego alles machen kann. Früher, als Kinder, hatten sie beide Lego. So ein Zufall. Und sie haben beide total gerne damit gespielt. Ach ja, das war schön. Schon sind die beiden Manager wieder Freunde. Und haben eine tolle Idee: Super wäre mal ein Workshop mit Lego.

Abends kommt der Manager ganz spät aus der Firma, weil: Wer als Erster geht, hat verloren. Und sitzt dann auch noch lange an seinem Schreibtisch. Immer hat er so viele Hausaufgaben. Er sagt zu seiner Frau: "Mir ist echt alles zu viel. Ich sollte einfach aufhören. Und wegfahren. Auf eine Insel. Ein ganzes Jahr. Da könnte ich Boote reparieren. Und mittags mit den Fischern in der Bodega sitzen. Das wäre toll." Dann streicht die Frau des Managers ihrem Mann sanft über den Kopf und sagt: "Sicher, das solltest du tun. Aber jetzt mach dir erst mal Licht an, sonst verdirbst du dir die Augen." Dann lässt sie ihren Mann weiterarbeiten, denn sie ist groß und weiß: Eines Tages, wenn der Manager auch groß ist, wird er sich erinnern und lächeln. Er wird dann sagen: Das war damals die beste Zeit meines Lebens.


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