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brand eins 02/2006 - WAS MENSCHEN BEWEGT
"Enttäusche niemanden"
Sarah Kiyimba ist Unternehmerin.
Weil sie als Witwe und Mutter von fünf Kindern
in Uganda keine andere Chance hatte
zu überleben.
Wenn man das schneeweiße Gebäude im postmodernen Kolonialstil betritt, verspürt man in den ersten Sekunden eine Art Widerwillen weiterzugehen. Nicht, weil mit dem Hotel etwas nicht stimmen würde - eher wegen des Kontrastes. Da war man eben noch auf holperigen Straßen aus grauem Asphalt und rotem Lehm unterwegs. Die Hauptstraßen der Orte, gesäumt von schiefen, bunt bemalten Holzbuden mit den Rinderhälften, die an einem rostigen Nagel in der Sonne baumeln. Direkt daneben Holzsärge für Kinder, gestapelt wie eine Bienenwabe, die auf dem roten lehmigen Boden ausliegen. Dann wieder grellfarbige Schilder, die für Boscos Best Beauty-Salon werben. Und plötzlich biegt man links ab, fährt eine schmale Seitenstraße hoch und befindet sich inmitten einer Oase der Ruhe, Ordnung und eines gewissen Überflusses. Oder ist es eine Fata Morgana?
Das Hotel Brovad hat einen eigenen Stromgenerator, weiche Betten mit weißen Spitzendecken als Überwurf, Dusche und Toilettenspülung, Fernseher und Telefon in jedem Zimmer. Und Tag für Tag poliert ein Mitarbeiter jedes einzelne Blatt der üppig wuchernden Pflanzen im Hotelgarten.
Das Hotel gehört Hajati Sarah Nabukalu Kiyimba. Sie ist jemand in Masaka, einem Handelszentrum mit 65000 Einwohnern, westlich des Viktoriasees gelegen. Eine wie sie ist Vorzeigefrau im modernen Uganda. Ganz egal, ob sie das so will oder nicht. Mit einer wie ihr schmücken sich Minister besonders gem. Hat sie doch geschafft, wovon viele im Land träumen: ein Leben in Wohlstand und Freiheit.
"Wasuze otjaa, Mrs. Kiyimba." Auch an diesem Morgen im Oktober hat das Hotel Brovad wieder hohen Besuch. Überaus höflich begrüßt der Minister für Finanzen, Planung und wirtschaftliche Zusammenarbeit, Ezra Summa, die elegant gekleidete Frau am Tisch. Sarah Kiyimba öffnet ihren Mund zu einem strahlenden Lächeln und wechselt ein paar Worte mit ihm. Sie spricht Luganda, eine Bantusprache, die in der Region am Viktoriasee gesprochen wird. Dann klingelt ihr Handy; der Minister verabschiedet sich. Großen Eindruck scheint er bei ihr nicht hinterlassen zu haben. Vielleicht, weil sie in ihrem Leben schon viele Politiker hat kommen und gehen sehen.
Sarah Kiyimbas Werdegang ist eng verknüpft mit der Geschichte ihres Landes: dem Chaos und der Zerstörung, das die wechselnden Regimes verursacht hatten, und der Hoffnung der Menschen auf "bright future", wie in jedem größeren Ort mindestens eine Straße heißt.
Als sie als erstes von sechs Kindern geboren wurde, am 25. Oktober 1953, galt Uganda noch als die Perle Afrikas. Ein Etikett, das Winston Churchill dem Land verpasst hatte, beeindruckt von seiner atemberaubenden Schönheit. Uganda ging es damals gut. Der Handel mit Kaffee und Baumwolle blühte. Zahlreiche Asiaten, vor allem Inder, strömten nach British East Africa und übernahmen rasch die wirtschaftliche Führungsrolle im Land. Die Bevölkerung lebte in Frieden; die Armut hielt sich in Grenzen.
Als Großbritannien am 9. Oktober 1962 das Land in die Unabhängigkeit entließ, war Sarah Kiyimba fast neun Jahre alt und ging seit zwei Jahren zur Schule. Ein Privileg, das sie schon damals nicht mit vielen Kindern ihres Alters teilte. Doch trotz Schulgeld waren die Bedingungen schlecht. "Wir waren über 100 Kinder, eingepfercht in einen Raum mit Lehmwänden. Als Dach dienten ein paar notdürftig zusammengeschnürte Bananenblätter. Wir hatten nur einen Lehrer, der uns Lesen und Schreiben beibrachte. Aber es war immer noch besser, als nichts zu lernen." Nach sieben Schuljahren verließ sie ihr Zuhause und zog zu ihrer Großmutter in einen Nachbarbezirk. Dort traf sie auch ihren späteren Mann, einen Kaffeehändler. Sie heiratete ihn, als sie 17 war. Das Paar zog nach Masaka.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Premierminister Milton Obote bereits die Verfassung außer Kraft gesetzt und ein Regime der Willkür und Unterdrückung etabliert. Ein Jahr später übernahm der "Schlächter von Kampala", General Idi Amin, durch einen Putsch die Rolle des Diktators. "Als er begann, die Asiaten aus dem Land zu werfen, ging es mit der Wirtschaft rapide abwärts. Mein Mann klagte oft darüber. Ich selbst war eine ganz normale Hausfrau, verstand nicht viel vom Geschäft und hatte genug mit meinen kleinen Kindern zu tun." Das Land im Krieg. Die Mutter mit dem kranken Kind in der Wildnis - da hilft nur Beten 1979 bombardierten tansanische Truppen Masaka in Grund und Boden. Sarah Kiyimba flüchtete mit ihren Kindern aufs Land. Jede Nacht schlief sie wie tausende andere Flüchtlinge auch mit ihren Kleinen an einem anderen Ort, aus Angst vor Übergriffen marodierender Banden und Idi Amins Armee. "Unsere Zukunft war ungewiss. Mein Mann war in Masaka geblieben, weil er seine Kaffeefabrik nicht unbeaufsichtigt lassen wollte. Ich wusste nicht, ob er noch am Leben war. Mein dreijähriger Sohn bekam Malaria. Ich hatte außer den Blättern des Neem-Baumes nichts, was ich ihm hätte geben können. Mir blieb nur noch Beten." Das alles erzählt Sarah Kiyimba mit leiser, klarer Stimme und in knappen Worten. Afrikaner sind sehr diskret, was persönliche Dinge anbelangt. Mit Fremden - und das sind alle, die nicht zur Familie gehören - redet man nicht über Interna und schon gar nicht über Gefühle. Zweimal sagt sie den Satz: "Ich habe sehr viel geweint." Das muss reichen, um zu beschreiben, wie sie sich gefühlt hat, als ihr Leben aus den Fugen geriet.
Der Angriff Tansanias rührte innerhalb weniger Tage zur Flucht Idi Amins. Die tansanischen Truppen blieben vorerst im Land, um beim Wiederaufbau zu helfen und für Ordnung zu sorgen. Schließlich kehrte Sarah Kiyimba in die völlig zerstörte Stadt zurück. Wie durch ein Wunder war ihrem Mann nichts passiert. Die kleine Fabrik hatte zwar einen Bombenschaden, war aber noch in Betrieb. Wieder einmal musste die leidgeprüfte Bevölkerung von vom anfangen, mit nichts als einer ungewissen Zukunft.
Bis zum Tod ihres Mannes im April 1994 musste die inzwischen siebenköpfige Familie das zweite Regime von Obote, die Militärherrschaft von General Okello und acht Amtsjahre von Präsident Museveni er- und überleben. Turbulente Zeiten, voller Unsicherheit und Umbrüchen. Nun stand Sarah Kiyimba vor ihrer persönlich schwierigsten Aufgabe. "Plötzlich war ich allein verantwortlich für fünf Kinder, das Geschäft meines Mannes und einen Kredit von 172 Millionen Shilling (ca. 80 000 Euro). Mein Mann hatte kurz vor seinem Tod begonnen, die Fundamente für ein Hotel zu bauen. Mein erster Reflex war, alles hinzuschmeißen. Ich traute mir diese Verantwortung einfach nicht zu." Als sie nach Gesprächen mit der Bank erfuhr, dass ihre Kinder als Erben der Kaffeefabrik für die Schulden mitbürgten, sah sie keinen anderen Ausweg, als sich der Realität zu stellen. "Ich begann, in der Kaffeefabrik zu arbeiten. Meine jüngste Tochter war gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ich trug sie nachts auf meinem Rücken, während ich an der Maschine stand und die Kirschkerne aus der Frucht drückte." Das Geschäft lief überraschend gut. Brasilien hatte aufgrund von Missernten einen Engpass; Kaffee aus Uganda war dementsprechend nachgefragt. "Ich machte die Erfahrung, dass dir andere helfen, wenn sie sehen, dass du hart arbeitest und zuverlässig bist. Jemand lieh mir weitere 30 Millionen Shilling, damit ich noch mehr Kaffee von anderen Anbauern aus der Region kaufen konnte. Ich verkaufte große Mengen und erzielte gute Erlöse. So viel, dass ich die 30 Millionen schnell zurückzahlen konnte und immer noch drei Millionen Shilling Gewinn übrig hatte." Bestärkt durch den Erfolg, wollte sie mit der Bank über einen weiteren Investitionskredit verhandeln. Doch die blockte ab. Ihre Begründung: Sarah Kiyimba sei nur eine Hausfrau, ohne College-Abschluss und deshalb nicht geeignet für Kreditgeschäfte. "Sie zeigten mir sehr deutlich, dass sie sowieso nicht daran glaubten, dass eine wie ich es schaffen würde, den Kredit zurückzuzahlen. Eine Frau mit fünf Kindern, verwitwet und ohne weiterführende Schulbildung. Eben ein dummes Mädchen vom Land. Diese Gesellschaftsschicht wurde hier schon immer von oben herab behandelt." Sarah Kiyimba entschied, in den Baumwollhandel einzusteigen. Der Norden war Anbaugebiet für Baumwolle, Kaffee und Tabak. Aber seit Ende der achtziger Jahre wütete dort die so genannte Lord's Resistance Army (LRA), die Widerstandsarmee des Herrn. Mehr als eine Million Menschen waren auf der Flucht und verließen nachts ihre Dörfer, um irgendwo in der Wildnis zu schlafen. Immer in der Hoffnung, den marodierenden Kindersoldaten zu entgehen. "Ich wusste, dass das Gebiet gefährlich war. Aber in der Zeitung stand auch, dass Musevenis Armee die Lage im Griff hatte. Es gab für mich keine Alternative. Ich ließ meine Kinder bei meiner Mutter und machte mich mit dem Bus auf den Weg." Sie blieb fünf Monate, die gesamte Baumwollsaison über. Ohne Kontakt zu ihren Kindern und dem Rest der Familie. Sie fand wieder Menschen, die Vertrauen in die hart arbeitende Frau setzten. Zwei Inder liehen ihr insgesamt 100 Millionen Shilling. Wieder schaffte sie es, das Geld schnell zurückzuzahlen und einen sehr guten Gewinn zu erzielen. Als sie zurück nach Masaka fuhr, saß sie in dem einzigen Bus, der nicht von den Rebellen überfallen wurde; viele der Insassen der anderen Busse wurden von den Aufständischen getötet. "Ich muss wohl einen Schutzengel gehabt haben." Mehr möchte sie über diese unvorstellbar schwierigen zwei Jahre ihres Lebens nicht erzählen.
Zurück in Masaka investierte sie den Gewinn aus dem Baumwollhandel in den Weiterbau des Hotels. Im Dezember 1996 war es so weit: Das Hotel Brovad wurde eröffnet. Bald schon trafen sich dort Entwicklungshelfer und führende Mitglieder von kirchlichen Hilfsorganisationen. Endlich hatten sie eine Alternative zu den Hotels in Kampala gefunden. Masaka, 137 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, lag näher an ihren Einsatzorten.
Die faire Unternehmerin: Sie hat es geschafft und lässt andere daran teilhaben Am Standortvorteil hat sich bis heute nichts geändert. Auch wenn Regierungschef Museveni die Massenarmutsbekämpfung offiziell zu seiner wichtigsten politischen Aufgabe erklärt hat, braucht vor allem die Landbevölkerung im Distrikt noch immer dringend Unterstützung. Im bürgerkriegsgeschüttelten Norden des Landes leben bis zu 65 Prozent der Landbevölkerung unter der Armutsgrenze. Und die Menschen auf dem Land machen 88,7 Prozent der Gesamtbevölkerung von Uganda mit seinen 24,7 Millionen Einwohnern aus. Der Hunger zwingt die Bauern und deren Söhne und Töchter aus den Dörfern in die fernen Städte.
Auch Sarah Kiyimba beschäftigt ein paar Zimmermädchen aus dem Norden. Insgesamt gibt sie 55 Menschen Arbeit. Wer bei ihr unterkommt, hat es gut getroffen. Sie sieht es als ihre Pflicht, die Mitarbeiter anständig und meistens pünktlich zu bezahlen. "Wer Geld hat, hat auch eine Verpflichtung", lautet einer ihrer Grundsätze.
Das Hotel ist inzwischen schuldenfrei. Doch seine Besitzerin bleibt umtriebig und hat sich dem Baugeschäft zugewandt. "Wir haben im Hotel manchmal monatelang keine Gäste. Es muss nur mal wieder eine politisch unruhige Zeit kommen oder der Ebola-Virus grassieren, und die Leute bleiben fern. Deshalb habe ich Häuser gebaut, in denen Mitarbeiter von Organisationen und großen Unternehmen zur Miete leben können. Das ist krisensicher und deckt die Unterhaltskosten für das Hotel gleich mit." Die Menschen in Uganda sind pragmatisch. Gibt es ein Problem, gibt es auch eine Lösung. Wer wissen will, woher sie in all den Jahren ihre Kraft genommen hat, bekommt von ihr ein Lächeln und eine Antwort, auf die man ein bisschen länger warten muss. "Wir Afrikaner sind stark und nicht verwöhnt. Wir halten durch und kümmern uns nicht nur um uns selbst, sondern um unsere ganze Familie. Diese Verantwortung verlangt von uns die Kraft, das zu tun, was getan werden muss." Und im selben Atemzug erzählt sie, was sie noch alles an Investitionen für das Hotel plant: einen Swimmingpool und einen schönen Tagungsraum. Mehr Betten, größere Zimmer. Sie glaubt fest an eine leuchtende Zukunft.
Die Maximen einer erfolgreichen Frau: Schiele nicht nach dem großen Geld, arbeite hart Glaubt sie auch an den Kapitalismus? "Was ist das? Was ist ein Kapitalist? Wie fühlt er? Ich weiß es nicht. Ich kann nur eines sagen: Es ist besser, klein anzufangen, dann kannst du groß werden. Schiele nicht nach dem großen Geld. Arbeite hart und sei vertrauenswürdig. Dann kannst du erfolgreich sein. Dafür danke ich meinem Vater. Er hat mir beigebracht, schon in jungem Alter zu arbeiten. Darauf bin ich stolz." Sarah Kiyimba weiß vermutlich ganz genau, was und wie viel sie geleistet hat. Aber sie beansprucht diese Leistung nicht für sich allein.
Es ist keine falsche Bescheidenheit, wenn sie sagt: " Ohne meine Mitarbeiter wäre ich nichts. Sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst und stehen immer an meiner Seite. Der Rest des Lebens liegt nicht in unseren Händen." Ihr Handy klingelt. Ein Mitarbeiter, ein junger Mann aus dem Hotel, will etwas von ihr. Und Sarah Kiyimba verabschiedet sich mit dem hinreißenden Lächeln einer Frau, die keine Angst mehr hat.
