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brand eins 02/2006 - SCHWERPUNKT: Leadership

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Der weiße Schimmel

Es heißt, wir bräuchten Elite-Universitäten.

Wozu eigentlich?

"Wir haben jetzt auch im Ruhrgebiet eine Universität. In Bochum kannst du studieren, wenn du mal groß bist." In die Worte meines Vaters mischten sich Erstaunen und Stolz. " Arbeiter-Universitäten" - so etwas hatte es bis in die sechziger Jahre hinein nicht gegeben. Und ich kann nicht völlig ausschließen, dass diese Bemerkung, die sich in das Herz eines Zehnjährigen senkte, mitverantwortlich dafür war, dass ich dann tatsächlich auch studierte. Als Erster der Familie. Wäre ich ohne die "Uni für jedermann" ins elitäre Tübingen aufgebrochen? Ich weiß es nicht.

Damals hieß es: "Bildung für alle!" Heute heißt es: "Wir brauchen Elite-Universitäten!" Das ist so ziemlich das Gegenteil und ziemlich erstaunlich. Denn versteht man die Universität als Ort für die wenigen besonders Talentierten, ist der Begriff "Elite-Universität" ein Pleonasmus, ein weißer Schimmel. Man will offenbar eine Eliten-Elite. Und die kann man nur fordern, wenn man die normale Universität vom Anspruch der Eliten-Förderung entbindet. Oder längst entbunden hat.

Letzteres ist augenfällig. Deutsche Universitäten sind in weiten Teilen alles andere als elitär. Die Forschung ist ohnehin weitgehend in die Max-Planck-Institute ausgewandert. Man gehe auf einen x-beliebigen Campus, lasse die Gebäude auf sich wirken, die Gänge, die Bibliotheken, die Studenten ("Studierende" sagt man heute): Herrscht dort die Strebsamkeit, das Herausragen-Wollen künftiger Führungspersönlichkeiten? Kann man dort die Übernahme von Verantwortung, mehr noch: Kann man dort Selbstverpflichtung ahnen?

Nein. An deutschen Universitäten beanspruchen Studenten - wie jüngst in Karlsruhe geschehen - die Anrechnung von zwei Semestern wegen lernbehindernder Baumaßnahmen. Es herrscht massenweise Einfallslosig- und Gleichgültigkeit und die homosoziale Reproduktion des "Me-Too". Die Eliten haben längst Konsequenzen gezogen: Sie lassen ihre Kinder im Ausland studieren.

Die Demokratisierung der Bildung hat es mit sich gebracht, dass fast jeder meint, studieren zu müssen, der in sich zarte Regungen amorphen Bildungshungers spürt. So ist das Akademische derart in die soziale Mitte gerutscht, dass, wo früher die wortwörtliche mittlere Reife reichte, heute ein Universitätsabschluss notwendig ist. Mehr noch: Ein Studium ist heute für viele Jobs nur noch die notwendige Voraussetzung - keineswegs die hinreichende. Für diese Situation gibt es mindestens zwei Gründe: 1. Die Universitäten müssen jeden nehmen - wie die Gefängnisse.

2. Das Studium kostet nichts - oder zumindest fast nichts.

Solange die Universitäten in ihrer Freiheit eingeschränkt sind, Menschen abzulehnen (zu " diskriminieren"), wird sich alles im Mittelmaß einpendeln. Wenn man keine Verlierer produzieren darf, dann gibt es auch keine Gewinner, dann ist die Paralyse programmiert. Schon im Schulchor konnte man jahrelang mitsingen, ohne je einen einzigen Ton herausgebracht zu haben; es reichte, die Lippen zu bewegen. Und selbstverständlich steht die Legitimität einer Diskriminierung auf wackeligen Beinen, solange die Universität von Steuern lebt: Dann hat jeder Steuerzahler ein Vetorecht.

Soll der Staat die Elite fördern? Nein, denn eine geförderte Elite ist keine Das erzeugt im universitären Alltag kafkaeske Situationen: Trittbrettfahrer, die sich mit oberflächlichen Internet-Recherchen und dank studentischer Solidarität durchmogeln; Mittelmäßige, die alles, was sich ein wenig zu erheben sucht, nach unten ziehen. In solchen Verhältnissen spitzt sich nichts zu, gewinnt nichts an Schärfe; es geht allein ums Durchkommen. Die Minderbegabten erkämpfen so ihre Gleichheit mit den Hochbegabten. Was man unter diesen Bedingungen vor allem machen kann, ist die Gruppenerfahrung erniedrigender Oberflächlichkeit.

Das ist kein Wunder, denn ein Universitätsstudium ist auch nichts wert - es kostet (scheinbar) nichts: Da es kaum ein Problem gibt, das noch als ein rein privates begriffen wird und der öffentlichen Betreuung entgeht, ist in Deutschland das Hochschulwesen zu 95 Prozent ein Staatsmonopol.

Um zudem sicherzustellen, dass alle Menschen studieren können, werden keine oder nur geringe Studiengebühren erhoben. Das entlastet immerhin den Arbeitsmarkt, nach dem Motto "Wer länger studiert, geht kürzer stempeln", wie die "Financial Times Deutschland" schrieb. Fiskalisch gesehen bedeutet die Steuerfinanzierung der Universität, dass diejenigen, die sie nutzen, von denjenigen Steuerzahlern subventioniert werden, die sie nicht nutzen. Der Klempner, der mit 14 seinen Job angefangen hat, subventioniert den Arzt, der bis 30 ausgebildet wird.

Der deutsche Bildungsbürger jedenfalls findet es klasse, dass seine Kinder kostenlos studieren können und sie später dadurch bessere Berufschancen haben als die Kinder des Hausmeisters. Zwar können die Hausmeister-Kinder theoretisch auch studieren, aber sie tun es nicht: Kinder von Akademikern studieren nach einer Untersuchung des Deutschen Studentenwerks achtmal so häufig wie Arbeiter-Kinder. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Bildungsunterschiede schon früh geprägt werden und sich gerade im deutschen staatsmonopolistischen Schulsystem noch verstärken - allen Beteuerungen und Bemühungen um Chancengleichheit zum Trotz.

Soll der Staat also die Elite fördern? Nein, denn eine geförderte Elite ist keine. Wenn der Staat wirklich etwas für das Ganze tun will, dann muss er durch die Paradoxie hindurch: fördern, indem er nicht fördert. Es reicht völlig aus, wenn er die ganz normalen Universitäten von seiner Vormundschaft befreit. Dann werden sie sich gesundschrumpfen. Dann werden sie automatisch elitärer. Dann haben sie vor allem die Freiheit, Bewerber abzulehnen. Und um gute Leute zu werben. Dann können sie die Ausbildung von Rechtsanwälten, Richtern, Betriebswirten, Lehrern und Pastoren dorthin verweisen, wo sie hingehört: an die Fachhochschulen. Denn das sind Berufsausbildungen, sie gehörten nie an eine Universität. Dann wird die alte Idee der Universitas wiederbelebt - als Gelegenheit, sich zum Forscher auszubilden.

Und das darf kein öffentliches Gut sein, das offenbar nichts kostet, obwohl alle Bürger es mit ihren Steuergeldern finanzieren. Universitäten müssen vielmehr wieder Orte werden, an denen die Anbieter (Fakultäten) etwas verkaufen, und die Kunden (Studenten) etwas kaufen. Dann wird der Wettbewerb auf allen Ebenen seine disziplinierende Wirkung entfalten: Die Preise werden langfristig sinken, und die Qualität wird steigen. Amerika kann als Kontrastfolie dienen: Die internationale wissenschaftliche Dominanz der USA beruht vor allem auf ihren Privat-Universitäten.

Dabei ist unbestritten, dass niemand, der begabt und fleißig ist, aufgrund seiner sozialen Herkunft vom Studium ausgeschlossen sein soll. Das ist etwa in den USA mit Stipendien und Campus-Jobs hervorragend geregelt. In Deutschland jammert zwar alles über überfüllte Hörsäle und schlecht bestückte Bibliotheken - aber wehe, wenn eine Eigenleistung gefordert oder beispielsweise nach Jahren darauf gedrängt wird, dass ein weitgehend von der Gesellschaft finanziertes Studium auch mal abgeschlossen wird. Es wird eine Jugend ohne Zukunft sein, wenn sie nicht lernt, das Eigene dazuzutun.

Wer ist dagegen? Alle, die aus dem Status quo ihre Vorteile ziehen, etwa Bildungsgewerkschaften und Politik. Steigende Kosten und sinkende Qualität demonstrieren aus ihrer Sicht nur die Notwendigkeit, noch mehr Geld in das System zu pumpen. Unerschütterlich vertreten sie die Auffassung, staatliche Oberhoheit sei nicht nur funktional, sondern auch sozial und gerecht. So klingt die Furcht vor dem Machtverlust.

Wer das nicht durchschaut, hat an einer Universität ohnehin nichts zu suchen.


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