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brand eins 02/2006 - Das geht - Vom Hirten zum Rancher
Das geht - Vom Hirten zum Rancher
Gottesdienste sind langweilig, die Kirchen leer.
Ein Pastor aus Hessen hat das geändert: Seine Gottesdienste finden in gefüllten Kinosälen statt.
Der Pastor Klaus Douglass sieht müde aus, er war unterwegs dieser Tage, Seminare geben für Manager und für andere Kirchenleute, die wissen wollen, wie der Mann seine Gottesdienste so voll bekommen hat, dass in der evangelisch-lutherischen Andreasgemeinde Niederhöchstadt nun an den Sonntagen mehrere parallel laufen. Sie wollen wissen, wie er Spenden für elf Hauptamtliche Mitarbeiter aufgetrieben hat, da doch seine Gemeinde gerade einmal 2500 Seelen zählt, und wie er 360 Ehrenamtliche motiviert, sich in acht Bands, in Theater-, Seelsorge-, Kinderbetreuungs- und Seniorennachmittags-Teams zu engagieren.
Zunächst stand Douglass 1989 nach einem Theologie- und Philosophiestudium und sechs Jahren in einer Frankfurter Gemeinde im Sonntagsgottesdienst vor gerade einmal 30 Leuten. Es war also nicht gerade die Hölle los in seiner neuen Gemeinde. Der Pastor sprach jeden neuen Besucher an, machte Hausbesuche, nach drei Jahren waren 120 Menschen da. Dann sei er mit seinem Latein am Ende gewesen. " Solange du dich als Hirte verstehst, kannst du dich nicht um mehr als 120 Leute kümmern." Bevor er dank amerikanischer Methoden mehr Kirchgänger gewinnen konnte, musste Douglass sein Selbstbild verändern: "Vom Pastor zum Rancher, der für das Ganze zuständig ist und andere als Hirten anstellt, die die pastorale Arbeit machen. Das war schmerzhaft, aber wir haben 2500 Gemeindemitglieder. Wir wollen alle erreichen." Nun ist das, biblisch betrachtet, zumindest problematisch. Schließlich wollte Jesus nach dem einen Schaf suchen, auch wenn er die restlichen 99 allein lassen musste. "Nur in der Volkskirche ist es ja andersrum. Wir haben bestenfalls zwei Schafe", sagt Douglass. Die restlichen 98 kommen nicht. Er entschied sich für einen modernen Weg, auch auf die Gefahr hin, einige der bisher treuen Schafe wegen Gottesdiensten mit Namen wie " eXperience" zu verlieren. Die klassische Messe gibt es aber weiterhin.
Zunächst bekamen die Gottesdienstbesucher vor zehn Jahren Fragebögen, jeder sechs Stück. Einen für sich selbst und die anderen, um sie Freunden zu geben. Es ging unter anderem darum, welche Radiosender sie hörten. Für Douglass war das eine Offenbarung: "Unsere Kirchgänger hörten HR 1, 2 und 4, diejenigen, die nicht kamen, schalteten FFH, SWR 3 und HR 3 ein." Für die bei Regionalsendern weniger Bewanderten sei gesagt, dass die beiden Gruppen sich sendungsbewusstseinsmäßig etwa zwischen den Kastelruther Spatzen und Robbie Williams bewegen. Douglass wollte auch Letztere gewinnen.
Nach einer Reise in die USA, wo Gottesdienste traditionell auch Shows sind, arbeitete Douglass ein Konzept aus. Am Ende stand ein Gottesdienst, der sich "GoSpecial" nennt. Die Veranstaltungen haben Themen wie "Die Kir(s)chen in Nachbars Garten - Warum wir alle neidisch sind" oder "Monster unterm Bett - Vom richtigen Umgang mit Ängsten". Bands spielen elektronische Musik. Nach der Predigt können die Kirchenbesucher Fragen stellen, die die Pastoren sofort zu beantworten versuchen. Mittlerweile findet GoSpecial monatlich in einem Kino in Sulzbach mit 700 Plätzen statt. Der Saal ist dann fast voll, die Leute holen sich Popcorn und Getränke.
Einer derjenigen, die Douglass so erreicht hat, ist Jens-Arne Buttkereit. Buttkereit ist 36 Jahre alt und Controller. Vor neun Jahren wollte er aus der Kirche austreten, dann erlebte er seinen ersten GoSpecial. Heute arbeitet er als ehrenamtlicher Vorstand des Gemeinde-Aufbau-Vereins, mit dem er Geld sammelt, Jahr für Jahr mehr als 200 000 Euro an Gehältern für die sieben Hauptamtlichen. Um Zeit dafür zu haben, hat er sogar seinen gut dotierten Berater-Job in eine Zwei-Drittel-Stelle umwandeln lassen. Es gibt auch einen Steuer- und einen Unternehmensberater, die eine GmbH aufbauen, um einen Buchladen im Ort einzurichten.
Die Landeskirche Hessen und Nassau sieht das Treiben gern, die Gemeinde habe eine Vorreiterrolle, sagt Sprecher Hans-Albert Genthe. Es gibt dem Vernehmen nach zwar auch Gemeindemitglieder, deren missionarischer Eifer über das Gewöhnliche hinaus geht, das sollen allerdings Einzelfälle sein.
In diesem Jahr will die Gemeinde aber doch im großen Stil missionieren: Dann gibt es einen Kirchentag, der gut 60 000 Euro kosten wird. Gemeinden aus ganz Deutschland sollen voneinander lernen, wie Kirchen sich füllen lassen. Verantwortlich für das Projekt ist Kai Scheunemann. Der Pastor ist 39 Jahre alt, hat einen blonden Dreitagebart und trägt einen goldenen Ring im linken Ohr. Ein Mann mit Humor, der fröhlich in das Finanzloch blickt, das er noch nicht ganz stopfen konnte. Die Finanzierungslücke für den Kirchentag liegt derzeit bei gut 15 000 Euro. "Bisher hat es immer geklappt nach dem Vakuum-Prinzip", sagt Scheunemann beim abendlichen Bier. Und dass er darauf vertraue, dass Gott schon helfen werde. Jens-Arne Buttkereit wird an dieser Stelle etwas unruhig und gibt zu verstehen, dass ein paar sichere Investoren doch ganz schön wären.
Denn Buttkereit ist Controller. Und auch ein göttliches Vakuum lässt sich schlecht bilanzieren. Kontakt: Gemeindebüro der Andreasgemeinde, Langer Weg 2, 65760 Eschborn Telefon: 06173/6 35 34, Fax: 06173/32 01 73, E-Mail: buero@andreasgemeinde.de, www.andreasgemeinde.de
