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brand eins 10/2003 - WAS UNTERNEHMERN NÜTZT
Was ist eigentlich das Umlagesystem?
Wer gibt, dem wird genommen - und zwar immer mehr. Liegen die Schwächen des Umlagesystems an schlechten Reformen oder seinem Prinzip?
Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.
Deutsche Volksweisheit a. D.
Es war einmal, und es war richtig revolutionär: Seit dem Jahr 1883 wurden Kranke und Sieche nicht mehr einfach zur Seite gelegt oder der Caritas reicher Damen überantwortet. Sie hatten von nun an handfeste Rechte - die Krankenversicherung. Ein Jahr später erließ Reichskanzler Otto von Bismarck das Gesetz zur Unfallversicherung, das den Proletariern in den Fabriken eine Grundsicherung für den Fall bot, dass sie beim Aufstieg des Deutschen Reiches zur führenden Industrienation unter die Räder kamen. Und 1889 schließlich erhielt der, der das 70. Lebensjahr erreichte, eine bescheidene, die dringlichsten Grundbedürfnisse deckende Rente. Bismarcks vermeintliches Gutmenschentum basierte auf hartem machiavellistischen Kalkül: Die rasche Industrialisierung nach der Reichsgründung von 1871 sorgte für soziale Unruhen und hohen Druck durch Sozialisten und Gewerkschafter - dem sich organisierenden Proletariat. Im Gegenzug zu Renten- und Krankengeld erließ Bismarck die berüchtigten Sozialistengesetze - soziale Grundsicherung gegen politische Freiheit, so lautete schon damals der Deal.
Die Basis der Ruhe war das Umlagesystem, das all die neuen Segnungen finanzierte. Wer ins Rentenalter kommt oder im Fall einer Krankheit aus dem Erwerbsprozess ausscheidet, kann - so lautet das Naturgesetz der Vorsorge - auf zwei Arten überleben: Entweder er hat für den Fall der Fälle vorgesorgt, gespart, sich etwas auf die Seite gelegt - also Kapitalbildung betrieben.
Das Umlagesystem ist ein Kind der Industrie-Ära
Oder aber, wie in Bismarcks Verfahren, er wird von den jeweils aktiven Einzahlern in die Renten- und Gesundheitskassen ausgehalten. Jeder arbeitende Bürger zahlt Beiträge in die Renten- und Krankenkasse und unterstützt damit jeweils die, die der Hilfe bedürfen. Tit for Tat. Klingt vernünftig. Ist es aber nicht.
Denn das deutsche Umlagesystem rechnet sich nur auf einem schmalen gesellschaftlichen Korridor, einem engen Pfad, der nur dann genügend Platz für alle bietet, wenn man das Rad der Geschichte wieder zurückdreht und dann festnagelt: in die Zeit der Hochindustrialisierung, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von unter 40 Jahren, der Zwei-Kinder-Familie und Versicherungsleistungen, die damals keineswegs eine Garantie waren, seinen gewohnten Lebensstandard im Alter halten zu können.
Von Bismarck bis Adenauer war das ein theoretisches, aber praktisch kaum bedeutsames Problem. Krieg, Krise, Wahrungsreform, Krise, Krieg und Wiederaufbau verhinderten, dass das Umlagesystem bei Rente und Gesundheit greifen konnte. So verfestigte sich die Sichtweise der Menschen, dass sie ihre Beiträge " sparen" würden - was man einzahlt, kriegt man später wieder. Adenauers Sozialreform aus den fünfziger Jahren veränderte aber die Mechanik, Denn nun stand die Sicherung des Status quo im Vordergrund, nicht mehr die Grundsicherung, sondern das Halten des Lebensstandards.
Der Preis dafür: Im Jahr 1960 war ein durchschnittliches deutsches Arbeitseinkommen mit 29,5 Prozent Steuern und 12,1 Prozent Abgaben für Sozialversicherungen belastet. 58,5 Prozent blieben von dem, was der Arbeitgeber bezahlte.
Heute hat sich das Verhältnis nahezu umgekehrt: 54,7 Prozent werden dem durchschnittlichen Einkommen abgezogen - 33,2 Prozent an Steuern, also nur etwas mehr als vor 40 Jahren - aber 21,5 Prozent an Sozialversicherungsabgaben. Und selbst das ist noch geschönt. Die Rente kostet nicht 19,5 Prozentpunkte vom Monatsbrutto, sondern 21,5 Prozent - die Differenz wird durch Öko- und andere Steuern vom Staat klammheimlich dazubezahlt.
Die Arbeitskosten sind die Geißel des Umlagesystems
Zu diesen traurigen Tatsachen kommt noch die so genannte demografische Entwicklung. Die Bevölkerung schrumpft rapide - und wird alter. Im Jahr 2050 werden knapp 37 Prozent der Bürger ihren 60. Geburtstag bereits gefeiert haben, dazu kommen nochmals 16 Prozent Kinder und Jugendliche, die ebenfalls versorgt werden wollen. Dann gilt: Einer zahlt, einer empfängt.
Im Umlagesystem sind Lohnkosten und Beiträge aneinander gekoppelt. Arbeit wird unbezahlbar, denn bei jeder Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge schnellt auch der Arbeitgeberanteil mit nach oben. Allein für die Krankenversicherung könnten die Beiträge, bei Beibehaltung aller heute versicherten Leistungen, auf mehr als 30 Prozent klettern. Massenarbeitslosigkeit ist im System fest einprogrammiert.
Die Bürgerversicherung oder - noch einmal Umlage, bitte
Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat ausgerechnet, wie viel an Schulden wir den künftigen Generationen aufbürden, weil wir heute aus den Kassen mehr nehmen als einzahlen: Es sind 6,8 Billionen Euro. Dieser Betrag wandert von dieser Generation zur nächsten. Als Folge müssen die Erben mit einer noch höheren Staatsverschuldung und entsprechendem Zinsdienst leben; dass sie die Schulden durch hohe Einzahlung bei geringem Gegenwert innerhalb der Kassen ausgleichen können, ist unwahrscheinlich. Neue Modelle wie die Bürgerversicherung, die ebenfalls auf das Umlagesystem setzen und es sogar noch erweitern - weil auch Selbstständige, Beamte und Freiberufler pflichtversichert werden würden -, entschärfen die Lage keineswegs: Allein für den Gesundheitsbereich würde die Einführung der Bürgerversicherung noch teurer sein als die Beibehaltung des alten Systems. Allerdings würde man das erst in drei, vier Jahrzehnten bemerken - und bis dahin wäre keine Regierung, die sich heute dafür entscheidet, mehr im Amt.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Nicht wirklich. Denn Umsteigen auf Kapitaldeckung, also Ansparen und Vorsorgen statt Umlegen, ist eine gute Idee, aber nicht leicht zu machen. Dass sich Politiker und Experten wie auch Versicherer um das Problem drücken, hat einen simplen Grund: Ein radikaler Umstieg auf eine kapitalgedeckte Versicherung bei Rente und Gesundheit würde bedeuten, dass die aktive Generation doppelt belastet wird: einmal als Finanzier der Leistungsbezieher - der Kranken und Alten - und nochmals bei der privaten Vorsorge. Deshalb wäre ein schrittweises Aussteigen aus dem alten Umlagesystem - also ein langsamer Anstieg der Kapitaldeckung bei Gesundheits- und Altersvorsorge - sinnvoll.
Für die Rente heißt das: Ausbau der privaten Vorsorge im so genannten Drei-Säulen-System. Heute ist die erste Säule, die gesetzliche Versicherung, mit 80 Prozent der Beiträge und Erträge dominant. Weitere fünf Prozent stammen aus der betrieblichen Alterssicherung. Und 15 Prozent der Rente sind das Ergebnis privater Vorsorge, etwa privater Rentenversicherung oder der Riester-Rente.
In Skandinavien, der Schweiz und den Niederlanden sind die Lasten der Säulen anders verteilt - von je einem Drittel bis hin zu einem 50:50-Modell, bei dem halb auf obligatorische Pflichtversicherung, halb auf private Vorsorge gesetzt wird. Mit dieser Verteilung der Risiken wird die Rente demografiesicher - also wetterfest gegen die nicht mehr rückgängig zu machende Alterung der Gesellschaft, die im Umlagesystem ein Zahlerdefizit verursacht. Die Versicherten würden für sich selbst sorgen und nicht künftige Generationen mit ihren Ansprüchen belasten. Gleichzeitig erzwingt eine Stärkung der kapitalgedeckten zweiten und dritten Säule einen Rückbau der staatlichen Pflichtversicherung. Denn beides auf einmal können sich Unternehmen wie Versicherte nicht leisten. So bleibt, abseits aller Umverteilungs-Ideologien, eine feste Renten- und Kopfpauschale im Gesundheitsbereich die einzig arithmetisch und sozial saubere Lösung. Beides bringt eine Grundsicherung Den Rest erledigen die Bürger. Oder das Umlagesystem erledigt sie.
Den Unterschied kann jeder verstehen: etwas oder nichts.
