Navigation

Inhalt

brand eins 10/2003 - Zukunft

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Keiner weiß irgendwas

Wie funktioniert die Filmindustrie? Ein Überblick inklusive Zukunftsperspektiven im Director's Cut mit Deleted Scenes und drei alternativen Enden.

Filme sind sehr teuer hergestellte Produkte, deren Erfolg völlig unberechenbar ist. Ein Hollywood-Studio ist eine Manufaktur, die etwa 20-mal im Jahr einen zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag für ein Einzelstück riskiert, von dem niemand weiß, ob es verkäuflich ist. Die Filmbranche ist, ökonomisch gesehen, derartig riskant, dass es eigentlich erstaunlich ist, dass es sie überhaupt gibt. Das ist das grundsätzliche Problem der Filmindustrie.

Es ist unlösbar.
Ende des Textes für sehr eilige Leser.

Noch 18 Millionen Zeilen über die Filmindustrie. Die niemanden interessieren. Die Leute wollen im Kino unterhalten werden, was das gekostet hat oder wie das finanziert wird, will niemand wissen. "Titanic" war der erfolgreichste und teuerste Film aller Zeiten, aber wischen diesen beiden Fakten gibt es, wenn überhaupt, nur einen vagen Zusammenhang. Die Leute haben den Film geliebt, nicht das Budget. Und dann die Zahlen. Ich weiß keine Zahlen, mich interessieren die auch nicht. Ich weiß nicht mal, was "Titanic" gekostet hat. Viel jedenfalls. Mehr als ich verdiene.

Filmemachen ist die weitaus teuerste Möglichkeit, Unterhaltung herzustellen. Die durchschnittlichen Produktionskosten eines Hollywood-Films betrugen 1980 rund 20 Millionen Dollar, zurzeit liegen sie bei ungefähr 50 bis 60 Millionen. Dazu kommen die Marketingkosten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorm gestiegen sind: von früher 20 bis 40 Prozent des Produktionsetats auf heute bis zu 100 Prozent. Okay, die Technik ist teilweise billiger geworden, zum Beispiel durch Digitalkameras, die teures Zelluloid sparen. Aber das gehört zu den Below-The-Line-Kosten: Technik, Löhne (der größte Faktor in diesem Bereich), Mieten, Ausstattung, Verwaltung und so weiter, die Grundkosten. Wichtiger sind jedoch die Above-The-Line-Kosten: die Gagen der Stars und des Regisseurs, der Preis des Drehbuchs und der Spezialeffekte. Diese Kosten steigen überproportional bei Großproduktionen. Und das sind heute fast alle Filme.

Das war vor der Erfindung des Fernsehens anders. Damals waren die Stars und Techniker bei den Filmstudios fest angestellt, denn es wurde industriell produziert. Kino war ein günstiges Volksvergnügen, fast jeder Film machte Gewinn, und wenn nicht, verschwand der Verlust in der Masse. Dann übernahm das Fernsehen die Grundversorgung mit Unterhaltung, und die Filmbranche betrat als Erste das postindustrielle Zeitalter. Um gegen die kostenlose TV-Konkurrenz zu bestehen, kehrten die Studios zu den Ursprüngen der Kinematografie zurück, die auf Jahrmärkten mit der Vorstellung bewegter Bilder begonnen hatte: die Vorführung von Sensationen. Das führte einige Zeit zu einer forcierten Einführung neuer Techniken, die das Fernsehen nicht bieten konnte, wie zum Beispiel den 3-D-Film. Doch technische Gimmicks waren (und sind bis heute) nur kurzfristig wirkende Reize, ganz abgesehen davon, dass manche Erfindung nur begrenzt Spaß machte. Etwa Percepto, für das man 1959 für den Film "The Tingler" in einigen Kinos kleine Generatoren unter den Sitzen installierte. Damit bekamen die Zuschauer während des Films Elektroschocks verpasst, um (willkommen in der Wortspielhölle) die Spannung zu steigern.

Eine langfristigere Perspektive war die Weiterentwicklung des Star-Systems (es ist kein Zufall, dass noch heute vergötterte Ikonen der Leinwand wie Marilyn Monroe oder James Dean zu dieser Zeit auftauchten beziehungsweise gemacht wurden) und die Erfindung des Überwältigungskinos beziehungsweise des Ausstattungsfilms (anfangs waren das in erster Linie Historienfilme mit tausenden von Statisten, dazu passte das neue Großformat 70-Millimeter-Film). Mit diesen beiden Neuerungen fuhr Hollywood lange recht gut, ohne allerdings ein grundsätzliches Problem zu lösen: Alle Filme sind teuer, aber nicht alle sind erfolgreich. Der Satz "Keiner weiß irgendwas" des Drehbuchautors William Goldman fasst das Grundproblem zusammen: Es gibt kein sicheres Rezept, einen Film zu einem Erfolg zu machen.

Also müssen die erfolgreichen Filme die anderen mit finanzieren. Wenn allerdings ein teurer Film ein Hop wird, kann dies das Ende eines ganzen Studios bedeuten. So war es zum Beispiel bei dem legendären Flop "Heaven 's Gate", der 1980 für damals enorme 44 Millionen Dollar gedreht wurde und die Produktionsfirma United Artists ruinierte. Man könnte sagen, es war absehbar: ein dreieinhalb Stunden langer Western! Mit der französischen Intellektuellen-Ikone Isabelle Huppert! Und der Regisseur Michael Cimino sparte an nichts, 200 Statisten bekamen drei Wochen Rollschuhunterricht, bezahlt vom Studio! Andererseits verstieß James Cameron bei "Titanic" auch gegen alle Regeln: Überlänge (drei Stunden), keine Stars (das waren sie erst hinterher) und auf dem Wasser gedreht (das ist besonders teuer). Der Regisseur ließ sogar das Porzellan von derselben Firma anfertigen, die das Originalporzellan für die Titanic geliefert hatte. Es gab nur einen großen Unterschied: James Cameron war erfolgreich, Michael Cimino nicht. Und das ist alles, was zählt.

Ich muss jetzt wirklich mal gucken, wie teuer "Titanic" war. Am besten im Internet. Da steht bekanntlich alles drin, was man nicht wissen will.

Heute sieht die durchschnittliche Erfolgsbilanz eines Studios ungefähr so aus: 50 Prozent der Filme sind Flops und machen Verluste, 30 Prozent refinanzieren sich gerade eben, und 20 Prozent machen Gewinn. Das sind die Blockbuster, und in dem Versuch, zumindest deren Risiko zu verringern, hat sich in Hollywood in den vergangenen Jahren ein sehr teurer Kampf um Stars und Technik entwickelt. Vermeintlich sichere Kassenmagneten wie Julia Roberts oder Mel Gibson können heute 25 Millionen Dollar Gage verlangen, eine Summe, die noch Ende der neunziger Jahre unvorstellbar war.

Modernste Digitaltechnik ist ebenfalls nicht billig, besonders wenn die Spezialeffekte im Mittelpunkt des Films stehen oder gar die Hauptfigur animiert ist, wie das titelgebende Monster des gescheiterten Superheldenfilms "The Hulk". Zudem ist sowohl bei den Stars als auch bei den Spezialeffekten kein Ende der Preisspirale abzusehen: Tom Cruise und Tom Hanks bekommen bereits heute mehr als 25 Millionen Dollar für einen Film. Und die nächste technische Neuerung in Hollywood steht kurz bevor: das 3-D-Kino. Das ist dann nach einer weiteren gescheiterten Einführung in den siebziger Jahren der dritte Versuch.

Das Aufrüsten mit Stars und Technik ist aber nur ein Teil der Risikominimierung. Hinzu kommt die Fortsetzung erfolgreicher Filme ("Matrix 3", " Terminator 3", "Herr der Ringe 3" etc.) und die Orientierung an einem zunehmend jünger werdenden Zielpublikum, das als besonders berechenbar gilt und fürs Marketing empfänglich ist. Das ist vor allem für das Startwochenende eines Films wichtig: Eine Großproduktion läuft heute in den USA in mehr als 3000 Kinos an, vor zehn Jahren waren es gerade mal 1800. Die Werbung füllt diese Kinos, indem sie die Teenie-Grundhaltung (Ich! Jetzt! Alles!) anspricht und für hohe Zuschauerzahlen sorgt, bevor sich eine mögliche Enttäuschung herumspricht (wie bei "The Hulk" oder in Deutschland bei "Matrix 2"). Außerdem kaufen die Kids Merchandising und machen Cross-Media mit: Das Buch zum Film, der Soundtrack und das Computerspiel spülen Geld in die Kassen der Studios und ihrer Mutterkonzerne, der Entertainment-Multis. Zudem verringern sie die Marketingkosten, weil für alles gemeinsam geworben werden kann.

Gerade die Cross-Media-Strategie wird oft als Lösung des Hollywood-Dilemmas betrachtet, denn angeblich ist die Weiterverarbeitung eingeführter Marken eine sichere Sache - siehe Harry Potter. Aber mal abgesehen davon, dass Branchenbeobachter zu bedenken geben, übertriebene Medienpräsenz könne Marken auch zerstören, erfordert die Strategie grundsätzlich höhere Investitionen, denen natürlich höhere Einnahmen gegenüberstehen müssen. Für die unendliche Schraube des alten Rein-Raus-Spiels muss man nicht mal die ganze Verwertungskette bemühen. Jim Gianopulos, Chef von Fox Filmed Entertainment, rechnete dem Magazin "L 'Express" vor, dass ein Film wie "Men in Black", der 140 Millionen Dollar gekostet hat, bei einem Einspielergebnis von 300 Millionen Dollar 80 Millionen Dollar Verlust macht. Und in der Regel gilt: Wenn an einem solchen Film weitere Medienveröffentlichungen hängen, werden die nach dem Scheitern des Film ebenfalls scheitern.

Angesichts der enormen Kosten bauen die Hollywood-Studios massiv Stellen ab, in diesem Jahr sollen mindestens 5000 Jobs eingespart werden. Große Produktionen werden schon seit einiger Zeit, so weit es geht, ins günstigere Ausland verlagert. So entstanden zum Beispiel die drei Teile von "Herr der Ringe" für rund 300 Millionen Dollar in Neuseeland. In den USA hätte die Reihe gut das Doppelte gekostet.

Eine kleine Einsparung und höhere Flexibilität könnten digitale Projektoren bringen, die nicht mit teuer kopierten Filmrollen bespielt werden, sondern mit Daten aus dem Kabel oder vom Satelliten. Aber abgesehen davon, dass erstens die Technik Jahre nach ihrer Ankündigung immer noch nicht ausgereift ist und zweitens sich die Studios und die Kinos nicht darüber einig werden, wer die Kosten für die Projektoren übernimmt, wird drittens die Technik ein wachsendes Problem der Filmindustrie verschärfen: den digitalen Datenklau. Schon heute, so behauptet die Industrie, gehen Milliarden verloren, weil Filme illegal aus dem Internet geladen werden. Wenn die Filme von Anfang an als Daten durch die Welt gleiten, wird sich das Problem wohl kaum verringern.

Eine Zukunftsperspektive ohne Probleme gibt es nicht für Hollywood. Was auch immer man der Verwertungskette hinzulügt, wie auch immer Filme finanziert werden, am Ende entscheidet das Publikum, was ein Erfolg wird und was nicht.

Wie auch für die Musikindustrie wäre es für die Filmindustrie aber wohl ratsam, sich verstärkt um erwachsene Zuschauer zu bemühen: Die haben genug Geld, um sich Tickets, DVDs oder möglicherweise sinnvolle Begleitprodukte zu kaufen, und laden nicht so oft Filme aus dem Internet - nicht etwa, weil sie ein besseres Rechtsgefühl hätten, sondern auch, weil echte Filmfans ihrem Hobby gern in echten Kinos frönen. Abgesehen davon, mag es helfen, dem Autorenkino mehr Raum zu verschaffen. Einige der aktuellen Kinohits stammen von Filmfans, die ihre Debüts unabhängig und oft im kleinsten Rahmen produziert haben. Der Regisseur Robert Rodriguez etwa hatte für seinen Erstling "El Mariachi" nur eine Kamera und 7000 Dollar zur Verfügung. Inzwischen hat Rodriguez unter anderem zwei Filme über die Kinderhelden Spy Kids gedreht, die jeweils rund 40 Millionen Dollar kosteten und allein in den USA jeweils rund 200 Millionen Dollar einspielten. Auch Peter Jackson, Regisseur des weltweiten Superhit "Herr der Ringe", hat mal ganz klein angefangen: Sein erster Film "Bad Taste" kostete rund 150000 Dollar.

Überzeugungstäter können erwiesenermaßen sehr günstige Werke produzieren, die sehr viel Geld einspielen, extreme Beispiele sind "The Blair Witch Project" (Kosten: 35 000 Dollar, Einnahmen: 140 Millionen Dollar) oder "My Big Fat Greek Wedding" (Kosten: fünf Millionen Dollar, Einnahmen: 82 Millionen Dollar). Aber sich auf die als unzuverlässig geltenden Künstler zu verlassen, ist Managern auch in Hollywood schwer beizubringen. Lieber glauben sie trotz aller schlechten Erfahrung weiter an das Marketing. Ein Lernprozess wäre hilfreich, ist aber unwahrscheinlich.

Da stellt sich natürlich die frage, warum überhaupt noch Filme produziert werden, wenn das so ein riskantes und mühseliges Geschäft ist. Abgesehen von der nahe liegenden Antwort, dass viele Leute das einfach gelernt haben und sie es nun tun müssen, weil es ihr Beruf ist, gibt es zwei wichtige Gründe. Zum einen der Glamour: Nirgendwo sind die Stars größer und gleichzeitig greifbarer als in Hollywood. Bei einer Filmproduktion hast du andauernd mit globalen Ikonen zu tun - das gefällt selbst den größten Produzenten. Andererseits gibt es neben den Geschäftsinteressen bei vielen Produzenten aber auch eine echte Liebe zum Kino, zur großen Unterhaltung. Natürlich hat seit den Achtzigern auch in Hollywood die neue Generation von Managern Einzug gehalten, die sich für nichts anderes mehr interessiert als für Geld und Businesspläne, aber daneben gibt es eben auch eine historisch gewachsene Schicht der Filmfans. (Deswegen unterscheidet man bei Filmen im Abspann zwischen Executive Producer, das sind die Geldleute, und Producer, die sind für die künstlerische Seite zuständig.) Diese Leute haben ihre Wurzeln in dem alten jüdischen Künstlermilieu, und manche Leute sehen darin einen weiteren Grund für den Erfolg Hollywoods: Die Juden sind so lange als Volk ohne Land durch die Welt gezogen, dass ihr Humor und ihre Kunst in vielen Teilen der Welt zur lokalen Kultur gehört und sofort verstanden wird.

Ende des Textes für Leser, die nur Hollywood interessiert.

Ein durchschnittlicher deutscher Film kostet zwei bis fünf Millionen Euro, was in Hollywood nicht low budget ist, sondern no budget. Dazu kommen 10 bis 20 Prozent Marketing, einen Vergleich mit US-Budgets verbietet die Höflichkeit. Der deutsche Kinomarkt ist hart umkämpft: Die amerikanischen Studios haben früher 75 Prozent ihrer Einnahmen in den USA gemacht und 25 Prozent im Ausland, heute ist das Verhältnis ungefähr 50 zu 50, bis 2020 sollen 75 Prozent im Ausland gemacht werden. Und Deutschland ist für die USA der größte ausländische Absatzmarkt. Das müsste eigentlich dazu führen, dass der deutsche Film marginalisiert ist, aber an dem Wochenende, bevor dieser Text entstand, waren von den Top 20 der Kino-Charts neun Filme deutsche Produktionen mit insgesamt rund 500 000 Zuschauern. Und der erfolgreichste Film des Jahres ist bisher "Good Bye, Lenin!", mit 6,5 Millionen Zuschauern.

Die Leute wollen, das etwas passiert, aber am besten vor ihrer Haustür. Der Berlin-Film "Herr Lehmann", das Christen-Drama "Luther", das am ersten Wochenende 250 000 Zuschauer hatte, die Rückkehr einer verloren geglaubten Zielgruppe,

(Ich habe zwei gesehen, Rentner in dicken Pullovern, die waren bestimmt seit 20 Jahren nicht im Kino, hoffentlich sind sie heil nach Hause gekommen, draußen war es schon dunkel.)

der Fußballfilm "Das Wunder von Bern" oder " Good Bye, Lenin!" zeigen eine deutliche Neigung zu Lokalkolorit, also zu Geschichten, die eine Beziehung zum eigenen Leben haben. Das bestätigt auch Matthias Elwardt, Chef des Hamburger Abaton, eines der ältesten Programmkinos Deutschlands. Europäische Filme, da ist er sich sicher, überzeugen vor allem durch Geschichten. Elwardt zeigt zu 70 Prozent europäische Produktionen, aber nur zu zehn Prozent US-Filme. Mit diesem Programm geht es seinem Haus besser als einem großen Teil der Branche, die über die Kinokrise jammert. Elwardt meint, es sei eigentlich eine Filmkrise, es hätten in diesem Jahr die guten Filme gefehlt.

Und ich gebe ihm Recht. Ich kann vor allem die amerikanischen Mainstream-Konstrukte nicht mehr sehen, die absehbaren Konflikte, die Hauptfiguren, die genau abgestimmt sind auf verschiedene Zielgruppen, der exakte Rhythmus, in dem sich Dialoge, Action und Humor bewegen, in jeder einzelnen Szene ebenso wie in der Gesamtheit, ein durchgeplantes Uhrwerk. Wäre ich zwölf, würde ich mich nicht beschweren, in einigen Filmstudios haben sie vor ein paar Jahren die Drehbücher von Zwölfjährigen lesen lassen, wenn die sie nicht verstanden haben, waren sie zu kompliziert und wurden umgeschrieben. Aber ich bin nicht mehr zwölf, und wenn ich "Piraten der Karibik" sehe, fallen mir sofort tausend bessere Sachen ein, die ich stattdessen machen könnte. Zum Beispiel schlafen.

Die Kinokrise trifft vor allem die Multiplexe. Elwardt kennt nicht ein Arthauskino, also ein gehobenes Programmkino, das in den vergangenen Jahren schließen musste. Allerdings haben schon einige Kinocenter aufgegeben. (Die werden dann häufig abgerissen, weil ihre Spezialarchitektur schlecht umgewidmet werden kann, was auch dazu führt, dass die Vermieter Betreibern in der Not niedrige Mieten anbieten, was solche Häuser länger am Markt hält und so das Elend verschärft.) Der Multiplex-Bauboom (rund die Hälfte der deutschen Kinos wurde in den vergangenen acht Jahren errichtet) beruhte auf optimistischen, aus heutiger Sicht absurden Schätzungen von Zuschauerzahlen, die selbst in den Rekordjahren 2001 und 2002 nicht erreicht wurden.

Zudem sind die Hauptzielgruppe Jugendliche, also die, die sich häufig illegal Filme aus dem Internet holen. Und deren Ausbleiben lässt sich über höhere Eintrittspreise, von denen ohnehin der Filmverleiher 45 bis 51 Prozent bekommt, nur begrenzt ausgleichen. Es kann sich sogar lohnen, die Eintrittspreise zu senken, wenn dann die Bar voll ist, denn Multiplexe haben eine Mischkalkulation, in der die Gastronomie sehr wichtig ist: Zwei Euro Umsatz soll jeder Gast zusätzlich im Kinocenter lassen, am besten für Popcorn, das ist bei Gewinnspannen bis zu 800 Prozent eine Gelddruckmaschine.

Was man über den deutschen Film leider nicht sagen kann. Das hat viele Gründe, aber vielleicht auch nur einen: Es fehlt an Geld. Denn das weiß jeder: Wo immer wenig investiert wird, wird selten viel verdient. Dabei ist genug Geld da. Deutsche Investoren haben Milliarden in die Filmindustrie gesteckt - in Hollywood. Da locken große Namen, sagenhafte Budgets, der Traum von jeder Menge Kohle. Vor allem während des Börsenbooms drängten internationale Filmfonds auf den Markt, die reihenweise Filme produzierten, von denen nie wieder jemand gehört hat. In Hollywood hieß das: stupid German money. Das Modell gibt es immer noch, obwohl der steuerbegünstigte Abfluss inzwischen erschwert wurde und diverse Pleiten Investoren eine Warnung sein sollten. Aber auch hier: kein Lernprozess.

Ich bin übrigens auch so eine Art Filmstar. Ich sehe zumindest so aus. Also früher jedenfalls. Da kamen fremde Leute auf mich zu und sagten: "Du siehst aus wie Woody Allen." Dutzende! Ein Mädchen sagte auch mal, ich sähe aus wie Robert Redford. Aber die brauchte, glaube ich, eine Brille.

Ralph Schwingel von der Hamburger Filmfirma Wüste Film hat für seine nächste Produktion einen Investor. Das ist in Deutschland selten. Der Mann, erzählt er begeistert, habe das Drehbuch gelesen, sei nicht nervös geworden, als es Probleme mit dem Verleih gab, und glaube fest an den Film. So, meint er, sollte ein Investor sein: Er muss eine Nase für gute Stoffe haben und bereit sein, Risiken einzugehen, dann könne er auch in Deutschland was werden. Aber, das gibt er zu: Es gibt so gut wie keine Verbindungen zwischen Filmbranche und Investoren. Eine Marktlücke.

So werden die rund 100 Kinofilme, die in Deutschland jährlich entstehen, immer noch vorwiegend von Subventionen und Hoffnung getragen: Am wichtigsten ist das Geld aus der Bundes- und Landes-Filmförderung, das nach aktuellem EU-Recht allerdings nur noch 50 Prozent des Gesamtbudgets betragen darf - ein Wert, der bei Billigproduktionen in der Regel voll ausgeschöpft wird. Hinzu kommen, wenn man Glück hat, Garantiesummen eines Verleihs (wenn man einen Verleih hat, das ist nicht selbstverständlich), Eigenmittel und Gelder von den Fernsehanstalten, für die man aber die Senderechte verkaufen muss.

Die Fernsehanstalten sind eine große Bremse für die Entwicklung der deutschen Filmbranche. Die TV-Rechte internationaler Filme bezahlen sie angemessen, nicht nur bei US-Produkten: Die Erstsendung des französischen Hits "Die fabelhafte Welt der Amelie" brachte satte fünf Millionen Euro. Das ist aber leider exakt dieselbe Summe, die das ZDF, immerhin die größte Fernsehanstalt Europas, jährlich ingesamt für Koproduktionen deutscher Kinofilme ausgibt. Natürlich kann man ohne einen TV-Sender produzieren, aber da gibt es zwei Haken: Zum einen ist ein Teil der Subventionen an TV-Kooperationen gekoppelt - ohne Fernsehen kein Geld. Und zum anderen sind die Sender gegenüber einheimischen Firmen längst nicht so verhandlungsbereit wie gegenüber der internationalen Konkurrenz. Als während des Börsenbooms einige Unternehmen ohne Senderbeteiligung arbeiteten und ihre Filme zu Marktpreisen dem Staatsfernsehen anboten, ließ man sie so lange zappeln, bis sie sich nicht mehr rührten. Das war ein Grund für die Kinowelt-Pleite. Und das System hält bis heute die Produktionsfirmen klein: Die Erstsendung des vom Staatsfernsehen koproduzierten Films "Good Bye, Lenin!" bringt so eine Million Euro, einen Bruchteil des Marktwertes.

Die Filme verlieren durch ihre Finanzierungsstruktur ihre Gewinne, meint auch Ralph Schwingel. Ein Hoffnungsschimmer sind DVDs, der Rechteverkauf bringt vorab Geld in die Kassen und bei Erfolg weitere Einnahmen. Die DVDs nützen auch den Kinos, denn ohne vorherigen Einsatz auf der Leinwand sind die Filme auf dem Home-Cinema-Markt schwer verkäuflich, außerdem ist der Preis der TV-Rechte niedriger. Das kann sogar dazu führen, dass Produktionsfirmen Verleihern ihre Produkte kostenlos anbieten, um sie durch einen Kino-Einsatz zu veredeln. Auf diesem System beruht zum Beispiel die in den vergangenen Jahren durch die Kunstkinos schwappende Welle von japanischen Filmen.

In Anbetracht des Umfeldes, in dem er entsteht, geht es dem deutschen Film sehr gut. Allein über die Filmförderung könnte man Bücher schreiben: Sie ist natürlich vor allem eine Standortunterstützung, die Regionalförderung verlangt 150 Prozent regionale Ausgaben auf die Subventionssumme. Daneben wird damit aber auch immer noch Kulturpolitik betrieben, wie in Bayern, wo einem Mainstream-Kino à la "Rossini" hinterhergefördert wird, das es nicht mehr gibt. Dazu kommen viele Regeln, Gesetze und Vorschriften, allein der vor zwei Jahren veröffentlichte Medienerlass, der steuerbegünstigte Investitionen in Hollywood stoppen sollte, hat mehrere Bände Kommentare produziert - der Erlass selbst war gerade mal zwei Seiten lang. Den Filmfonds hat er wenig geschadet, dafür aber internationale Koproduktionen erschwert. Und so weiter. Aber natürlich gibt es auch Elend in der Branche: Viele Produzenten leben von der Produktion der Filme, ob und wie die dann ausgewertet werden, ist ihnen nicht so wichtig, denn von irgendwoher haben sie schon die nächste Förderung - und damit die nächste Miete.

Was wäre, wenn es keine Filmförderung gäbe? Ralph Schwingel verweist auf die Türkei, wo er sich auskennt, nicht zuletzt, weil er die wunderbaren Filme ("Im Juli") des Deutschtürken Fatih Akin produziert. Dort gibt es keine Förderung, was dazu führt, dass alle großen Produktionsfirmen von Werbefilmen leben und sich mehr oder weniger häufig einen echten Film gönnen. Er kennt sogar eine Firma, die fast ohne Geld produziert, er weiß nicht, wie die das machen, aber in den vergangenen fünf Jahren haben sie einige sehr erfolgreiche Filme fertig gestellt. Schwingel geht davon aus, dass auch ohne Förderung weiter Filme gedreht werden würden.

Matthias Elwardt sieht die Zukunft in besseren Geschichten, die guten deutschen Drehbuchautoren arbeiten alle beim Fernsehen, die fehlen der Filmbranche. Er weist auf die dänischen Dogma-Filme hin, bei denen während der Dreharbeiten unter anderem deswegen an allem gespart werden konnte, weil vorher intensiv an den Drehbüchern gearbeitet wurde. Wobei Dogma noch in einer anderer Hinsicht bemerkenswert ist: Eine neue Bewegung auszurufen ist ein genialer Marketing-Trick. Und schließlich waren auch noch die Filme gut. Man sieht: Es geht schon alles.

So, das waren die Fakten, Fakten, Fakten. Aber was sagen die uns? Erstaunlich finde ich, dass trotz der Unsummen, die permanent riskiert werden, immer noch viele unkonventionelle, tolle Filme produziert werden, in Deutschland mit weniger Geld, in den USA mit mehr, auch von großen Studios, in denen oft einzelne Produzenten für das Wahre, Schöne, Gute kämpfen. Harvey Weinstein etwa, der als cholerisch gefürchtete Miramax-Chef, hat gerade für den tollen neuen Film von Quentin Tarantino gesorgt, "Kill Bill". Ja, er bringt ihn in zwei Teilen in die Kinos, damit er doppelt Eintritt kassieren kann, Harvey Weinstein will Geld verdienen - aber ist es ein guter Film? Eben! Und noch etwas finde ich beruhigend: Das Publikum irrt selten. Andreas Dresens wunderbarer Billigfilm "Halbe Treppe" rollt mehr als ein Jahr nach seinem Start immer noch durch die Kinos, ganz leise, ohne Werbung hat er jede Woche 5000 bis 7000 Zuschauer, bald wird er die 500 000er-Grenze überschreiten. Was er gekostet hat? Keine Ahnung. Wissen Sie, was "Titanic" gekostet hat?

Ende des Textes. Sie können jetzt umblättern.

Und sagen Sie den Menschen, die Sie lieben, heute Abend etwas Nettes.


Anzeige

Anzeige

Anzeige