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brand eins 11/2009 - MIKROÖKONOMIE
Die kleinste wirtschaftliche Einheit: der Mensch: Ein Pilaw-Koch in Usbekistan
Farchad Hotamow ist 35 Jahre alt und arbeitet seit zehn Jahren als Koch im Restaurant Magistral in Buchara, Usbekistan. In der Kantine des Busbahnhofs sorgt er an sechs Wochentagen für das Nationalgericht Pilaw, das nur Männer zubereiten dürfen. Er ist seit dem zwölften Lebensjahr berufstätig. Hotamow ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und drei Söhnen in der Altstadt des 230 000 Einwohner zählenden Ortes. Er arbeitet von morgens um sieben bis abends um sieben - dann schließt das Lokal.
Monatliches Einkommen /Grundkosten
Farchad Hotamow verdient umgerechnet rund 300 Euro im Monat. Krankenversichert ist er nicht. Wie seine Landsleute geht er nicht zum Arzt, sondern fragt Bekannte oder in der Apotheke, welches Medikament er braucht. "Ärzte kosten viel und wissen meist weniger als man selbst", sagt er. Auch eine Altersvorsorge hat Hotamow nicht. Er vertraut darauf, dass ihn, wie es Landessitte ist, die Söhne im Alter unterstützen werden. Er kümmert sich sowohl um seine eigenen Eltern wie die seiner Frau. Alle leben von seinem Einkommen.
Was bedeutet Ihnen der Beruf?
"Mein Onkel hat mir das Kochen vor mehr als 20 Jahren in seinem Restaurant beigebracht. Ich hatte von Anfang an großen Spaß daran. Meine Spezialität ist Pilaw. Insgesamt arbeiten fünf Köche im Magistral, aber nur zwei kochen Pilaw. Das ist eine Auszeichnung, denn Pilaw ist uns Usbeken heilig. Deswegen dürfen auch nur Männer das Gericht kochen. Jede Region hat ihr eigenes Rezept, jeder Koch verfeinert es auf seine Art."
Was ist das Besondere an Ihrem Pilaw?
"Wir verwenden dafür einen speziellen Topf aus Eisen. Der steht draußen auf dem Feuer. Darin koche ich Reis, Hammelfleisch, Karotten, Brühe und Kichererbsen vor und schichte am Schluss alles mit Öl und Rosinen übereinander. Ich brauche jeden Tag drei bis vier Stunden dafür. Wenn der Pilaw aufgegessen ist, wird keiner mehr nachgekocht. 300 Teller davon verkaufen wir jeden Tag. Neben der Zubereitung ist es der Reis, der unseren Pilaw so besonders macht. Es ist eine usbekische Sorte aus Chiwa. Vor dem Kochen waschen wir ihn und befreien ihn von kleinen Steinchen. Das mache ich mit meinen vier Kollegen am Nachmittag."
Was ist Ihnen im Leben besonders wichtig?
"Die Familie. Meine Frau kümmert sich um unsere Kinder und die Eltern. Wenn sie aber zu müde ist, weil sie so viel zu tun hatte, übernehme ich auch schon mal das Kochen."
Was möchten Sie in Ihrem Leben verändern?
"Nichts. Wir wohnen in einem schönen großen Haus, alle sind gesund. Die Söhne werden langsam eigenständig. Das zu erleben ist sehr schön. Wenn es möglich wäre, hätte ich gern mehr Zeit für die Familie, zwei oder drei Tage am Stück. Im Moment sehe ich sie nur abends und sonntags."
Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?
"Ich freue mich, dass meine beiden ältesten Söhne, sie sind elf und neun Jahre, auch Köche werden wollen. So kann ich mein Wissen weitergeben. Sie werden mit diesem Beruf eine gute Arbeit haben. Ich konnte meine Familie damit immer ernähren, und so wird es bleiben. Pilaw werden die Menschen immer essen." -
Usbekistan
Einwohner 27 Millionen
Währung Usbekischer Sum (1 Euro = 2141 UZS)
BIP pro Kopf 400 Euro
Human Development Index Platz 119
(Deutschland auf Platz 22 von 182)
Aktuelle Durchschnittskosten
1 Teller Pilaw im Magistral 1,25 Euro
Schaschlik am Spieß 30 Cent
1 Kanne grüner Tee 30 Cent
1 Fladenbrot 25 Cent
Zehnerpack Antibiotika-Tabletten 40 Cent
Zugfahrt Tashkent - Samarkand (2. Klasse (293 km, vier Stunden) 4 Euro
Busfahrt Tashkent - Samarkand 2 Euro
Buchtipp:
Der Mensch - Die kleinste wirtschaftliche Einheit
Männer und Frauen erzählen von Arbeit, Geld und Leben in 38 Ländern. Herausgegeben von Gabriele Fischer und Peter Lau.
