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brand eins 01/2009 - SCHWERPUNKT: Wirtschaft neu
Wirtschaftliche Alphabetisierung
Nichts ist so schlecht als dass es nicht auch zu etwas gut wäre. Die Finanzkrise etwa. Sagt Dirk Baecker, Professor für Organisationssoziologie.
brand eins: Herr Baecker, die Finanzkrise hat Deutschland, wie es scheint, fest im Griff. Können wir etwas daraus lernen?
Baecker: Allerdings. Die meisten Menschen beschäftigen sich jetzt mit Themen, für die sie sich vorher nicht interessiert haben: mit dem Finanzmarkt, mit der Rolle von Banken und Unternehmen in Wirtschaft und Gesellschaft. Und mit ihrer eigenen Rolle -Wirtschaft ist plötzlich für den Einzelnen wichtig geworden.
Das vorherrschende Gefühl scheint allerdings Angst zu sein.
Das mag so sein. Gleichzeitig aber begreifen die Menschen, dass sie sich nicht nur auf andere verlassen sollten. Dass sie eben selber Verantwortung für sich übernehmen müssen, dass sie nachfragen müssen, wenn sie etwas nicht verstehen.
Erst mal werden Rufe nach dem Staat laut, der's richten soll.
Er wird es aber nicht für den Einzelnen richten können. Er kann vielleicht das Bankensystem stabilisieren. Aber die gegenwärtige Krise zeigt deutlich, dass in der Wirtschaft Wetten auf die Zukunft abgeschlossen werden. Und wer dabei mitmacht, egal, ob Arbeitnehmer oder Unternehmer, muss gut informiert sein, um Risiken und Chancen abschätzen zu können. Dass wir uns selber darum kümmern müssen, haben wir lange ignoriert. Und auch, dass wir durch unser Verhalten Einfluss nehmen können.
Die Krise bringt also mehr Selbstverantwortung?
Ich hoffe es. Übrigens war es für den Einzelnen noch nie so leicht wie jetzt, sich über das wirtschaftliche Geschehen und Zusammenhänge zu informieren. Schlagen Sie die Zeitung auf: Der Aufwand, der bei der Berichterstattung getrieben wird, ist enorm. Und vieles, was da zu lesen ist, ist fundiert und anschaulich beschrieben. Wir erleben im Moment eine Alphabetisierung der Menschen in Sachen Wirtschaft.
Schön und gut - aber was machen wir daraus?
Wissen um die Zusammenhänge nimmt der Wirtschaft das Schick salhafte. Es ist eben nicht so, dass wir keinen Einfluss haben. Wie wir unser Geld anlegen, entscheiden wir. Wenn wir informiert sind, können wir darüber entscheiden, welche Risiken wir eingehen wollen, wenn so und so viel Rendite winkt. Als Konsumenten haben wir Einfluss auf den Umgang mit Ressourcen und auf Arbeitsbedingungen. Und auf dem Arbeitsmarkt trifft jeder Einzelne von uns Zukunftsentscheidungen: Das beginnt schon mit der Frage, welche Ausbildung jemand wählt. Dazu muss er abschätzen, wie sich das Berufsfeld, die Branche entwickeln wird. Und sich eben später immer wieder fragen, welche Fähigkeiten er dazulernen muss oder vielleicht auch einmal verlernen sollte.
Der Einzelne hat trotzdem wenig Einfluss auf das Geschehen.
Dennoch kann ihm niemand die Entscheidung über sein Leben, über seine Karriere abnehmen. Die muss er schon selber treffen und dies auch dann, wenn er für diese Entscheidungen auf Organisationen angewiesen ist, seinen Arbeitgeber, seine Bank, seine Versicherung, auf die er einen allenfalls marginalen Einfluss hat.
Das lernen wir ausgerechnet in der Krise?
Sie zwingt uns dazu, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Und sie zeigt uns, dass wir für uns selbst Vorsorge treffen müssen auch wenn wir über die Zukunft nur spekulieren können. Und wir lernen jetzt, dass wir uns darum kümmern müssen, dass wir Informationen brauchen und wie wir sie uns beschaffen können. Nur so können wir in Wirtschaft und Gesellschaft sinnvoll Wetten auf die Zukunft abschließen. Natürlich wird auch künftig getrickst werden. Aber so ist das Leben. -
Professor Dirk Baecker ist Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen
