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brand eins 01/2009 - SCHWERPUNKT: Wirtschaft neu
Völker, hört die Signale!
Die Globalisierung ist eine Erfolgsgeschichte.
Dennoch wird sie gern für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht.
Hier einige Mythen. Und Fakten.
- Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Globalisierung. Der Anteil derjenigen, die in ihr eher Risiko denn Chance sehen, ist seit Ende der neunziger Jahre von 25 auf zuletzt 49 Prozent gestiegen, hat das Meinungsforschungsinstitut Allensbach ermittelt (siehe auch brand eins 11/2008). Dies, obwohl die Deutschen bekanntlich Reise- und Exportweltmeister sind und etwa jeder fünfte Job am Außenhandel hängt. Wie kann das sein?
Zum einen beschleunigt die Globalisierung den Wandel und damit die Sorge vieler, abgehängt zu werden. Zum anderen handelt es sich um ein großes Wort mit bedrohlichem Klang, das häufig in Zusammenhang gebracht wird mit allen möglichen Missständen: von Sozialabbau über Casino-Kapitalismus bis Umweltverschmutzung. Mittlerweile ist der Begriff so mythenumrankt, dass seine eigentliche Bedeutung in den Hintergrund getreten ist. Professor Henning Klodt, Leiter des Zentrums für Wirtschaftspolitik am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), bringt Globalisierung auf die einfache Formel: "erhöhte Mobilität von Waren, Kapital, Wissen, Technik und, in eingeschränkter Form, auch Arbeit".
Unter dem Strich ist die Welt dank dieses intensiven Austauschs zwar kein perfekter Ort geworden. Aber - anders als viele Globalisierungsmythen suggerieren - ein deutlich besserer.
Mythos 1: Globalisierung ist neu
Der Anschein, die Globalisierung sei urplötzlich über die Welt gekommen, hat mit der Sprache zu tun, die der Wirklichkeit zuweilen hinterherhinkt. In diesem Fall gleich um mehr als 400 Jahre. Das Wort Globalisierung taucht zunächst in den Sozialwissenschaften auf und 1961 erstmals in einem englischsprachigen Lexikon. In die Ökonomie führt es der damalige Harvard-Professor Theodore Levitt mit seinem Aufsatz "The Globalizations of Markets" 1983 ein. Zum Reizwort in der öffentlichen Debatte wird es dann in den Neunzigern. Dabei gibt es eine "globale Weltgesellschaft" schon viel länger, wie Wolfgang Streeck, Direktor am3 Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, betont. "Mit der Eroberung des Aztekenreichs durch spanische Truppen 1521 begann eine den Erdball umfassende Weltpolitik, mit vielfältigen wirtschaftlichen und kulturellen Wechselwirkungen." So beschleunigt das in Südamerika geraubte Gold in Europa den Übergang zur Geldwirtschaft. Und der Landwirtschaft der Indios verdankt die deutsche Küche die Kartoffel und die italienische die Tomate. Welthandel und Kapitalismus entwickeln sich stetig weiter; einer der ersten Denker, der die Folgen erkennt, ist Friedrich Engels. "Die große Industrie", schreibt er 1847 in den "Grundsätzen des Kommunismus", "hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem anderen geschieht."
Einen frühen Höhepunkt erreicht die Globalisierung, die damals noch niemand so nennt, vor dem Ersten Weltkrieg. Danach wird das Ruder umgelegt, die Nationen schotten sich voneinander ab. Erst Mitte der siebziger Jahre wird das einstige Niveau des internationalen Warenaustauschs wieder erreicht - die Globalisierung ist also durchaus umkehrbar. Ab Mitte der achtziger Jahre erreicht sie eine neue Qualität, unter anderem dank Revolutionen in Kommunikation (Internet) und Transport (Container), der Liberalisierung der Finanzmärkte sowie des Falls des Eisernen Vorhangs. Seither wächst der Welthandel im Schnitt mit jährlich durchschnittlich neun Prozent um drei Prozentpunkte stärker als die Warenproduktion. Eine immer differenziertere globale Arbeitsteilung bildet sich heraus: Man produziert, was man am besten kann, und importiert, was andere besser können.
Mythos 2: Globalisierung macht uns arm
Nach einem verbreiteten Vorurteil führt die internationale Konkurrenz zu einem Verelendungswettlauf: Staaten konkurrieren um die billigsten Standorte; Arbeit wird billig wie Dreck. Das stimmt aber nicht. Selbst kritische Ökonomen wie der diesjährige Nobelpreisträger Paul Krugman von der Princeton University gehen davon aus, dass die Globalisierung bislang nur geringen Einfluss auf die Löhne in den Industrieländern hat. Fest steht, dass die Integration von immer mehr Staaten in die Weltwirtschaft sich als enormes Armutsbekämpfungsprogramm erwiesen hat. Der Anteil der Menschen, die mit einer Kaufkraft von weniger als einem Dollar täglich auskommen müssen, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre - also parallel zur Globalisierung neuen Typs nahezu halbiert.
Dieser Erfolg geht wesentlich auf das Konto von Indien und China, die aus eigener Kraft weit vorangekommen sind. Generell konnten Entwicklungsländer, die sich dem Weltmarkt geöffnet haben, ihren Lebensstandard von 1990 bis 2006 um fast 50 Prozent erhöhen; bei denen, die dies nicht taten, waren es nur 22 Prozent. Nicht die Globalisierung ist also das Problem, sondern der Ausschluss von ihr.
Von der internationalen Arbeitsteilung profitieren nicht zuletz t die Kunden in den Industrieländern: Noch nie war die Auswahl an Waren so groß, noch nie waren sie so billig. Das hat die Kaufkraft gestärkt und die Inflation eingedämmt. So sind die Verbraucherpreise in Deutschland seit 1991 um rund ein Drittel gestiegen - die Importpreise dagegen kaum. Auch erwies sich die Befürchtung als gegenstandslos, immer mehr Entwicklungsländer würden die Welt mit immer mehr Billigprodukten überschwemmen. Dass es dazu nicht kam, liegt an der vom Ökonomen und Politikwissenschaftler Jagdish Bhagwati von der Columbia University so bezeichneten "Leiter komparativer Vorteile". Zunächst konzentriert sich ein armes Land auf die Produktion arbeitsintensiver Produkte für den Export. Mit steigendem Wohlstand und zunehmender Bildung seiner Bevölkerung verlegt es sich auf anspruchsvollere Tätigkeiten, importiert möglicherweise selbst arbeitsintensive Güter aus Ländern, die diese Aufgabe übernehmen. Auf dieser Leiter ist ganz Asien nach oben geklettert. Afrika könnte folgen. Die ausländischen Direktinvestitionen steigen dort seit einigen Jahren.
Mythos 3: Globalisierung macht uns arbeitslos
In Wahrheit ist die Globalisierung ein Jobmotor. So gab es in Deutschland noch nie so viele Erwerbstätige wie heute (derzeit rund 40,5 Millionen). In allen Industriestaaten sind seit 1985 rund 75 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden; das globale Arbeitsangebot hat sich im selben Zeitraum fast vervierfacht. Unter dem Strich ist lediglich ein Prozent aller deutschen Arbeitsplätze ins Ausland abgewandert. Den meisten Unternehmen geht es dabei nicht in erster Linie darum, Kosten zu drücken, sondern neue Märkte zu erschließen. Etliche Firmen, die sich bei der Verlagerung ihrer Produktion verkalkuliert haben, sind mittlerweile zurückgekehrt. Diejenigen, denen die Expansion über die Landesgrenzen gelang, sichern in aller Regel auch Jobs in der Heimat. Henning Klodt vom IfW sagt: "Erfolgreiche Unternehmen gehen ins Ausland, erfolglose gehen pleite."
Für Entwicklungsländer ist die Ansiedlung von Unternehmen - meist multinationale Konzerne - nützlich. Unter anderem deshalb, weil die Multis, scharf beäugt von ebenfalls weltweit aktiven Nichtregierungsorganisationen (NGOs), höhere Löhne zahlen und schärfere Umweltstandards einhalten. Und weil sich das in diesen Unternehmen vorhandene Wissen durch die Fluktuation der Belegschaften in der lokalen Wirtschaft verbreitet.
Auch die Vermutung, dass die Ausweitung des Handels mit Niedriglohnländern die Arbeitslosenquote unter Geringqualifizierten in den Industrieländern erhöht, lässt sich nach Zahlen der OECD nicht erhärten. Ein Grund dafür ist, dass mit zunehmendem Wohlstand dort der Bedarf an einfachen Dienstleistungen wächst, etwa in Gastronomie, Pflege- und Gesundheitswirtschaft.
Mythos 4: Globalisierung zerstört die Umwelt
Entgegen vieler Befürchtungen gibt es bei Öko- ebenso wie bei Sozialstandards keinen ruinösen Wettbewerb. Verschiedenen Studien zufolge haben Umweltschutzvorgaben keinen abschreckenden Einfluss auf Investitionen, auch weil die Kosten hierfür nicht besonders ins Gewicht fallen. Für multinationale Konzerne, die für das Gros der Auslandsdirektinvestitionen verantwortlich sind, wäre es zum einen oft nicht praktikabel, an unterschiedlichen Standorten mit unterschiedlichen Umweltstandards zu arbeiten. Und zum anderen wäre es ein riesiges Image-Problem.
Generell gilt: Armut ist das größte Risiko für Mensch und Natur. Wer von der Hand in den Mund lebt, kann keine Rücksicht auf die Umwelt nehmen. Eines der größten Gesundheits- und Ökoprobleme ist, dass heute immer noch drei Milliarden Menschen mit Holz an offenen Feuerstellen kochen (siehe brand eins 06/2008). Entwicklung ist die erste Voraussetzung für den Schutz natürlicher Ressourcen und die Globalisierung wiederum die Chance für arme Länder, voranzukommen (siehe oben).
Je höher der Lebensstandard, desto größer das Umweltbewusstsein. Die Globalisierung beschleunigt diesen Prozess: Was in den etablierten Industriestaaten hundert Jahre und mehr dauerte, durchlaufen die Schwellenländer im Schnelldurchgang. So ist Ökologie in China, dessen Industrialisierung - ebenso wie die Großbritanniens oder Deutschlands im 19. Jahrhundert - mit einem Raubbau an der Natur einherging, mittlerweile ein großes Thema. Unzählige Ökogruppen sind dort aktiv; das Riesenland investiert unter anderem massiv in erneuerbare Energien.
Auch der globale Warentransport muss nicht unbedingt zulasten der Umwelt gehen. So kann ein aus Chile importierter Apfel eine bessere Ökobilanz haben als einer aus deutscher Ernte, ergab jüngst eine Studie der Universität Gießen. Denn der Energieaufwand für Anbau, Ernte und Transport hängt weniger von der Entfernung zum Markt ab, sondern mehr von der Betriebsgröße des Obstbauern. Früchte von kleineren Erzeugern können bis zu fünfmal mehr Energie verbrauchen als solche von größeren. Die für den Transport aus Übersee notwendige Energie ist nicht entscheidend, so die Wissenschaftler. Denn das Obst kommt überwiegend per Schiff nach Europa. Die dafür aufgewendete Energie entspricht etwa jener, die zur monatelangen Lagerung deutscher Äpfel in Kühlhäusern benötigt wird.
Mythos 5: Globalisierung macht dem Nationalstaat den Garaus
Der Nationalstaat sei im Zeitalter der Globalisierung ein Auslaufmodell, heißt es. Länderregierungen hätten nichts mehr zu melden. Wolfgang Streeck vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung widerspricht. Denn die Globalisierung ist deutlich älter als der Nationalstaat - eine seiner wichtigsten Funktionen ist es, die Teilnahme an der Weltgesellschaft überhaupt möglich zu machen. Dass der Nationalstaat nicht überholt ist, sondern quicklebendig und attraktiv, lässt sich nicht übersehen. Bei ihrer Gründung 1945 hatten die Vereinten Nationen 51 Mitglieder; deren Zahl stieg zunächst im Zuge der Entkolonialisierung und später als Folge des Zerfalls der Sowjetunion und Jugoslawiens. Heute gibt es 192 selbstständige Staaten.
Gerade kleinere Länder erweisen sich bei der Globalisierung als erfolgreich, weil sie in der Lage sind, sich in Nischen im Weltmarkt einzurichten. Ein Beispiel sind die Niederlande, die sich systematisch zum logistischen Zentrum des europäischen Kontinents entwickelt haben. Der Staat baute den Flughafen Amsterdam und den Hafen in Rotterdam zu europäischen Drehkreuzen aus, förderte das Speditionsgewerbe unter anderem mit einer dienstleistungsfreundlichen Tarif- und Steuerpolitik, setzte in der Bildung auf Vielsprachigkeit. Jedes Land findet seinen eigenen Weg, um auf dem Weltmarkt erfolgreich sein zu können. So lässt sich auch ein moderner Wohlfahrtsstaat durchaus gut mit der Globalisierung vereinbaren, wie die nordischen Länder mit ihren Reformen bewiesen haben.
Mythos 6: Globalisierung macht alles gleich
Sowohl Gegner als auch Fans der Globalisierung hängen der Idee vom globalen Dorf an. Einer der prominentesten Vertreter ist der amerikanische Publizist Thomas Friedman, der in seinem Buch "Die Welt ist flach" behauptet, mit den Distanzen würden auch die Unterschiede verschwinden. Nur gibt es dafür keinerlei Belege, wie Pankaj Ghemawat, Professor für Globale Strategie an der I ES E Business School in Barcelona, sagt. 90 Prozent des Handels, der Kommunikation und der Investitionen finden nach wie vor innerhalb von Landesgrenzen statt.
Berühmte Unternehmen scheiterten mit blauäugigen Welteroberungsplänen. So landete etwa der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp mit der Übernahme Chryslers ("Hochzeit im Himmel") und seiner Vision vom Weltkonzern einen der größten Flops der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Dass es nach wie vor erhebliche kulturelle Unterschiede gibt, musste auch der Supermarktriese Wal-Mart bei seinem misslungenen Versuch erkennen, mit amerikanischen Methoden den deutschen Einzelhandel aufzurollen. Mittlerweile haben Konzerne dazugelernt. So passte Coca-Cola sein Marketing den regionalen Gegebenheiten an, und McDonald's-Filialen in Frankreich unterscheiden sich heute markant von amerikanischen. Chinesische Köche haben das schon viel früher erkannt: Sie beglücken die ganze Welt schon ewig mit Chop Suey - und in jedem Land schmeckt's anders.
Dass die Globalisierung die Welt nicht gleichförmiger, sondern vielfältiger macht, zeigt sich besonders gut in Einwanderungsländern wie den USA. Wegen der großen Zahl von Immigranten aus der Karibik, aus Mittel- und Südamerika ist Spanisch dort vielerorts quasi zur zweiten Amtssprache geworden. Was Globalisierungsgegner einer zweiten großen Sorge entheben könnte: der drohenden Weltherrschaft des Englischen.
Mythos 7: Globalisierung ist politisch nicht steuerbar
In Wahrheit ist sie ein politisches Projekt. Die Ausweitung des Welthandels ist vor allem den Regierungen zu verdanken, die in acht Abkommen zwischen 1947 und 1993 die Zölle im Schnitt um mehr als 80 Prozent gesenkt haben. Die Rolle des Schiedsrichters der Globalisierung hat die Welthandelsorganisation WTO bekommen. Wichtige Entscheidungen werden dort im Konsens getroffen, sodass alle derzeit 153 Mitgliedsstaaten ein Vetorecht haben. So sind die Stimmen der USA und die der EU-Länder ebenso viel wert wie die kleiner oder armer Länder.
Die WTO ist auch für Entwicklungsländer mittlerweile so attraktiv, dass etliche auf der Liste der Anwärter stehen. Derzeit ist eine neue Runde von Zollsenkungen in Vorbereitung, die bislang unter anderem an der Weigerung der USA scheiterte, Agrarsubventionen abzubauen, etwa für Baumwolle. Rängen sich die Staaten zu einem weiteren Abbau von Handelsschranken durch, könnte das die Folgen der Finanzkrise mildern.
Für den Weltmarkt gilt das Gleiche wie für nationale Märkte: Er braucht verlässliche Regeln. Ganz besonders gilt das für den Finanzmarkt. Anders als der freie Fluss von Waren kann der freie Fluss von Kapital wegen der geringen Transaktionskosten und des Herdentriebs der Anleger ungeheuren Schaden anrichten, wie sich in der aktuellen Finanzkrise zeigt. Ob daraus die richtigen Konsequenzen gezogen werden, wird über den weiteren Verlauf der Globalisierung entscheiden. In der Vergangenheit erwiesen sich globale Institutionen - nicht zuletzt auf Druck von NGOs - als lernfähig. So ist der Internationale Währungsfonds (IWF) von seinem Rezept der Schocktherapie für Volkswirtschaften abgerückt, nachdem Patienten wie Russland damit in den neunziger Jahren beinahe in den Kollaps getrieben worden wären. Zudem hat man erkannt, dass bei Entwicklungsländern die Liberalisierung nicht auf Kosten der Armutsbekämpfung gehen darf.
Gelegentlich ist es auch der Eigensinn neuer Global Players, von dem die ganze Welt profitiert: So erwiesen sich China und Indien sowohl in der Asienkrise der Neunziger als auch in der derzeitigen als stabilisierende Faktoren, weil sie sich geweigert haben, Kapitalverkehrskontrollen abzuschaffen. -
