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brand eins 01/2009 - Sonstiges

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Optimal entfaltet

Privatschulen bieten beneidenswerte Lernbedingungen: kleine Klassen, motivierte Lehrer, intensive Betreuung.

Ob aus ihren Schülern einmal Überflieger werden oder kritische Geister, ist eine andere Frage.

Ein Besuch auf Schloss Torgelow.

- Der Wind, der dem Mann entgegenbläst, bringt kalten Regen mit sich: dichten kalten Winterregen, der über den See treibt und durch das Schilf und gegen die Mauern des Herrenhauses, zwei Stunden nördlich von Berlin. "Präsentationswetter ist das nicht", sagt Mario Lehmann. Muss es auch nicht. Die Klassenzimmer auf Schloss Torgelow haben ein Dach, das dem Regen standhält, zwölf Stühle und einen Computer nebst Beamer am Lehrerpult.

Das ist mehr, als der durchschnittliche deutsche Gymnasiallehrer gewohnt ist, und reicht aus, ihm den Neid ins Gesicht zu treiben.

Voraussetzung sind Eltern, die rund 28 000 Euro Schulgeld zu zahlen bereit sind. Mit diesem Elternbeitrag pro Kind und Jahr, sagt Mario Lehmann, der Gründer und Geschäftsführer des Privatgymnasiums Schloss Torgelow, lässt sich verwirklichen, was öffentliche Gymnasien häufig nicht zustande bringen können: ein Lernklima, in dem Schüler wie Lehrer nicht schon nach zweieinhalb Wochen dem Burn-out nahe sind. "Und da", sagt Mario Lehmann und klopft sich den Regen von der Jacke, "sind bei uns als Internat ja auch die Unterkunft, die Verpflegung und die Nachmittagsangebote mit drin."

Der See. Das Schloss. Der Reisebus, der die Jugendlichen an den Wochenenden bis nach Berlin bringt, wo ihre Eltern sie abholen können, und der den Schriftzug "Schule der Ideen" trägt.

Nicht alle halten 28 000 Euro für ein Schnäppchen. Als Lehmann vor einem knappen halben Jahr nach Berlin fuhr, um in einer Fernsehdebatte von den Vorzügen einer Privatschule zu reden, buhte ihn das Publikum aus, noch bevor die Kameras liefen. Der Trend aber scheint für ihn zu sprechen: Seit Jahren steigt die Nachfrage nach Privatschulplätzen ebenso wie ihre Zahl. "Dabei schlägt sich natürlich", sagt Lehmann, "eine gewisse Unzufriedenheit über die Zustände an öffentlichen Schulen nieder."

Kaum eine Debatte wird so ideologisch geführt wie diese.

Dabei scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder helfen Privatschulen, das deutsche Bildungswesen zu reformieren; sie üben, ob nun als Internat, Montessori-Schule oder konfessionelles Gymnasium von nebenan, auf staatliche Schulen bereits durch ihre Existenz einen gesunden Wettbewerbsdruck aus. Oder es ist genau umgekehrt: Dann wären es die Privaten, die eine Reform des staatlichen Schulwesens unmöglich machen, indem sie die Kinder der schlauen, engagierten und wohlsituierten Eltern samt ihren Scheckbüchern abziehen, den Reformdruck vermindern und die Gesellschaft spalten.

Und noch eine Frage ist offen: Wem die Privatschulen eigentlich nutzen - den Eltern oder den Kindern?

Im Jagdzimmer

Noch mehr Regen vor dem Fenster. Iris und Jakob lassen sich in die tiefen Sessel fallen. Irgendwie ist es immer etwas Besonderes, im Jagdzimmer zu sitzen. Das war schon beim Aufnahmegespräch so, als sie auf der einen und die Internatsleitung auf der anderen Seite unter den Geweihen hockten. Und das wird, wenn alles klappt, nach den Abiturprüfungen wieder so sein, wenn sich die Lehrer vor der Tür aufreihen und den Absolventen ein Zeugnis in die Hand drücken, das früher einmal "Reifezeugnis" hieß.

Iris hätte nicht gedacht, eines Tages in einem Internat wie diesem zu leben. Ihre Mutter ist Ärztin, der Vater macht in Versicherungen, sie selbst ging zunächst auf ein Gymnasium. Alles normal. Das änderte sich, als die Familie am Rande eines Urlaubs an der mecklenburgischen Seenplatte von Schloss Torgelow erfuhr. Man schaute sich um, ließ sich ins Jagdzimmer führen und entschied, die älteren Brüder anzumelden. Kurz darauf folgte Iris, "weil man nach einer solchen Schule im Berufsleben mehr Chancen hat". Es seien die kleinen Klassen, sagt Iris, die Torgelow von ihrer alten Schule unterschieden. Und das Nachmittagsprogramm, "Reiten zum Beispiel". Ihre Eltern waren genervt von Schulen, in denen die Lehrer "den ständigen Unruhezustand" nicht in den Griff bekamen und teure Nachhilfe unvermeidich erschien.

Nicht anders erging es Jakob. Jakob ist etwas älter als Iris.

Auch er ein Ärztesohn, der das Torgelow-Shirt übergeworfen, die Haare modisch zerzaust und den Schalk im Nacken hat. "Klar, das ist ziemlich teuer", sagt er, "aber Schule kann man schwer nachholen. Meine Eltern verzichten auf einiges, damit ich hier sein kann." Jakob will später "irgendetwas mit Management machen". Oder mit Golf.

Beide Schüler im Jagdzimmer sind noch Jahre vom Abitur entfernt und hoffen doch, bis zum Abitur in Torgelow bleiben zu können. Im Schnitt vier Jahre, heißt es, bleibt jeder Schüler im Schloss am See. Macht summa summarum 112 000 Euro. Pro Kind.

Im Gegenzug gibt es, was öffentlichen Schulen zu fehlen scheint: "Schülerinnen und Schüler mit Zukunft". So jedenfalls steht es im Prospekt von Torgelow. Er ist polyglott aufgemacht und sucht mit dem ersten Foto an die Internatsidylle aus dem "Fliegenden Klassenzimmer" zu erinnern.

Der Rest ist Kontrast: glückliche Abiturienten in Bonbonfarben, kleine Klassen, Ausstattung mit moderner Elektronik ("eine Standleitung verbindet Torgelow mit dem Internet"), Doppelstunden mit flexiblen Pausen, Sprachkurse bei "native speakers", Rhetorikkurse, Musikräume, eine fest im Tagesplan vorgeschriebene Hausaufgabeneinheit mit Betreuung, jede Menge Sport- und Kreativprojekte an den Nachmittagen sowie regelmäßige, kommentierte Information der Eltern über den Leistungsstand, und zwar im Quartalstakt, dem Rhythmus der Börse. Eine Eliteschule ohne Bodenkontakt solle Torgelow freilich nicht sein, auch keine Hochbegabtenschule. "Begabte und leistungsbereite Schülerinnen und Schüler", heißt es aber, "finden heute an den wenigsten Schulen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Große Klassen, die Missgunst der Mitschüler und falsch verstandene Chancengleichheit führen dazu, dass begabte und leistungsbereite Schülerinnen und Schüler im deutschen Schulsystem oft unterfordert bleiben."

Also macht man es anders und erreicht Spitzenplätze im landesweiten Abiturvergleich. Angenommen werden nur Schüler, deren Leistung sich im oberen Drittel der Notenskala bewegt. Optimale Entfaltungsmöglichkeiten, wie man sagt. Und wenige Probleme. Nicht einmal die Umgebung soll die Entwicklung beeinträchtigen. "Städte und Ballungsräume mit ihren Belastungen und Gefahren sind immer weniger ein geeigneter Lebensraum für Kinder und Jugendliche."

Das findet zweifelsohne Anklang. Derzeit gibt es 241 Schülerinnen und Schüler, die schulisch betreut werden von 31 Lehrern und in der Freizeit von einer Handvoll Sozialpädagogen.

Und noch immer stehen an manchen Sonntagen die Eltern vor dem Jagdzimmer Schlange.

"Wenn die Eltern alle zufrieden wären, würden sie dem Staat nicht weglaufen", sagt Lehmann. Er hat sich als Eigentümer eine Wohnung mit Seeblick gesichert. Er ist von Haus aus Jurist, nicht Lehrer, und sagt von sich selbst, im Studium sein "Unternehmer-Gen" entdeckt zu haben. Vor dem Examen versuchte er sich als Immobilienmakler und Importeur von Neon-Kunstobjekten. Danach schlüpfte er in die Fußstapfen seines Vaters, der seinerseits in die Fußstapfen seiner Mutter getreten war und ein Internat für intelligente, aber leistungsschwache Schüler in Heidelberg führt, das Kurpfalz-Internat. "Schon früher", sagt Lehmann, "spielten Privatschulen und Internate eine wichtige Rolle für Schüler entlegener Regionen und Eltern, die zeitaufwendige Berufe hatten. Sie setzten dort an, wo das staatliche System aufhören musste. Das hat mir imponiert."

Mario Lehmann ging nicht zurück nach Heidelberg. Anders als im Westen gab es in Ostdeutschland nach der Wende bereits die Möglichkeit des Abiturs nach zwölf Jahren. Und reihenweise Schlösser, die einen Besitzer suchten - wie das Herrenhaus in Torgelow, das bis zur Wende in Staatsbesitz gewesen war. Also trieb Lehmann mit kleinen Zuschüssen und großen Krediten 16 Millionen Mark auf, baute Haus und Gelände um, planierte die Zufahrt durch die Allee und setzte ein schmuckes Tor an den Eingang. Es öffnete sich 1994 für den Schulbetrieb an Ostdeutschlands erster privater Internatsschule, staatlich anerkannt. Kein Gang der Schule ist wichtiger als der, in dem die Listen hängen. Hier die einhundert besten Abiturienten seit Schulgründung. Dort die aktuellen Quartalsnoten, die preisverdächtigen hervorgehoben. "Wir arbeiten mit einem selbst entwickelten Computersystem und erwarten von jedem Lehrer in jedem Fach, dass er jeden Schüler individuell beurteilt", sagt Lehmann.

Überhaupt: Computer. Die Schulglocke läutet, ein Dutzend Mittelstufler rauscht aus einem kleinen Klassenraum heraus und Lehmann sogleich hinein: "Traditionelle Tafeln gibt es bei uns in der Oberstufe seit einigen Jahren auch nicht mehr", sagt er. In den Unternehmen, in denen die Schüler von Torgelow einmal arbeiten werden, gebe es auch keine Kreidetafeln. "Dafür kennen sie sich mit Powerpoint aus und können über das, was der Lehrer in der Stunde durch den Beamer schickt, dank eines Netzwerks bald verfügen."

Es gibt auch staatliche Schulen mit solchen Smartboards aber nur, wenn man Glück hat oder viel Geduld. Mario Lehmann fragt sich, warum eine gute Ausstattung nicht längst flächendeckend an staatlichen Gymnasien der Fall ist. Dass Torgelow sich maximal zwölf Schüler pro Klasse leisten könne, hänge natürlich mit den hohen Schulgebühren zusammen. Wären sie niedriger, sagt er, hätte man ähnliche Zustände wie an den staatlichen Tagesschulen oder zumindest jenen privaten Gymnasien, die etwa in kirchlicher Trägerschaft geführt werden.

"Sachen wie dieses tafellose Klassenzimmer aber", sagt Lehmann, "haben vor allem etwas mit langfristiger Planung und autonomer Mittelverteilung zu tun." Er macht eine Pause, um einen Sachaufsatz seiner Tochter zu lesen, der zwischen vielen anderen an der Wand hängt. "Kleine Klassen natürlich auch. Wie man als Staat über Nacht Hunderte von Milliarden Euro für die Rettung von Banken ausgeben kann ..."

Er stockt. Die Tochter, Schülerin der siebten Klasse, hat ihren Aufsatz mit dem Satz "Ich möchte später einmal in die Fußstapfen meines Vaters treten" abgeschlossen. Was er sagen wollte, läuft auf ein Kopfschütteln hinaus. Na bitte, sagt Lehmann jetzt: "Unter diesen Bedingungen sind die Schüler doch motiviert."

Schloss Torgelow, sagt er, werde stark nach seinem eigenen Geschmack und im Team mit den Pädagogen geformt, nicht nach einem festgezurrten, von pädagogischen Vordenkern entwickelten Konzept. Er bittet, die Ohren zu spitzen: Auf den Schulkorridoren ist es nach Beginn des Unterrichts so still, dass man den Schneeregen vor dem Fenster hören kann.

Im Lehrerzimmer

Bei solchen Arbeitsbedingungen bereitet die Rekrutierung von Lehrern selten Probleme. Warum auch? Im Lehrerzimmer schwärmen sie von der Ruhe und den Möglichkeiten auf Torgelow. Von der "inneren Zufriedenheit", wie die Schulleiterin Heidrun Franke sagt. Für diese Idylle verzichten viele Pädagogen gern auf Altgewohntes, zumal in den neuen Bundesländern, wo die Schülerjahrgänge schrumpfen. Auf die Idee, das als Gelegenheit zu kleineren Klassen zu begreifen, kam man in den Ministerien nicht. Stattdessen sparte man bei den Lehrern.

"Es mag banal klingen", sagt Anja Hake, Lehrerin für Deutsch und Englisch, "aber hier muss ich nicht um jede einzelne Kopie betteln. Oder ständig damit rechnen, dass die Geräte nicht funktionieren." Sie kommt aus Bayern. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, nach dem Referendariat eine Beamtenlaufbahn anzutreten. Sie entschied sich für Torgelow. "Bei zwei sogenannten Korrekturfächern", sagt sie, "macht es für die Motivation der Lehrer einen erheblichen Unterschied, wie groß die Klassen sind." Die Schule, an der sie ausgebildet wurde, war um ein Vielfaches größer.

Nur der Kollege neben ihr macht ein nachdenkliches Gesicht, naturgemäß sozusagen: Heino Bosselmann unterrichtet Deutsch, Geschichte und Philosophie. Er habe staatlichen Schulen nichts Schlechtes nachzusagen. Auch an staatlichen Schulen sei Vieles möglich. Auch dort gebe es Lehrer, die trotz widriger Umstände guten Unterricht machen, wenn man sie nur lasse.

"Was ich an Torgelow bevorzuge", sagt er, "ist die relative Ferne zur Kultusbürokratie. Wir müssen uns an die Abiturvorgaben halten, aber nicht ständig auf Rückmeldung von oben warten. Hier wird die Eigeninitiative von Lehrern nicht dauernd per Dekret ausgebremst."

Schloss Torgelow ist die zweite Privatschule, an der Bosselmann unterrichtet, meistens in einem abgelegenen Zimmer, das er "Schul-Sibirien" nennt und als solches schätzt. Die andere Schule erschien ihm schlechter geplant als Torgelow, dilettantisch verwaltet "und nur wegen des Privatschul-Hypes gegründet".

Torgelow sei anders, sagt er. Und könnte doch, wenn es nach ihm ginge, noch besser sein. In einer Schule, in der vieles auf Methoden und Präsentationstechniken ausgerichtet ist, die man aus der Wirtschaft übernahm, gelten Philosophie- und Geschichtslehrer eben leicht als konservativ bis antiquiert. Zuweilen sei er "verblüfft, dass es einigen Schülern trotz der Umstände schwerfällt, die Freiheit Torgelows für sich zu nutzen". Zuweilen fragt er sich, ob das pädagogische Konzept nicht stärker auf Erfahrungen bauen könnte, mit denen etwa die privaten Landerziehungsheime arbeiten. "Wir könnten das Menschliche und Soziale noch stärker fördern. Wenn wir kritische Menschen mit sozialen Kompetenzen wollen, kommen wir mit Coaching- und Dienstleistungsgedanken nicht weit."

Auch da freilich ist das Angebot ein Ergebnis der Nachfrage.

Der Teil der Elternschaft, der mit der Betriebswirtschaftslehre mehr anzufangen weiß als mit Humboldts Bildungsideal, ist gefangen im eigenen Menschenbild. Sperrige Individualisten, sagt Bosselmann, seien unter den Schülern eher selten.

Dafür ist er da. Zu den Dutzenden Freizeitangeboten, die Torgelows ganzer Stolz sind - darunter "Teamprojekte" wie "Kunst", "Video", "Mode Design" oder das Schülerunternehmen "Castle Design" -, gehört seit Neuestem auch eine schlichte Holzwerkstatt. Die Kinder von Torgelow können unablässig aus dem Vollen schöpfen, als seien ihre Schuljahre ein All-inclusive-Urlaub. Bosselmann, der selbst in einem der staatlichen Elite-Internate der DDR aufwuchs und die Jahre genoss, in denen er auf Torgelow auch als Mentor wohnte, findet es gut, dass dort nun auch ehrliches Handwerk vermittelt wird. "Aber gerade eine Privatschule, die eine gewisse Sozialkompetenz befördern möchte, hätte hier noch mehr Möglichkeiten", sagt er. Es ist wohl kein Zufall, dass er an diesem Nachmittag ausgerechnet in den Werken des liberalen, um einen sozialen Kapitalismus und mehr Idealismus ringenden Denkers Walther Rathenau blättert.

Vor dem Tor

Draußen, in der grauen Welt vor der Allee, streitet man, ob Privatschulen dem Fortschritt der Gesellschaft dienlich seien oder nicht. Das ist, wie immer, vor allem eine Frage des Geldes. Staatlich anerkannte Privatschulen können den Großteil ihrer Personalkosten für Lehrer aus Steuermitteln decken. "Das reicht annähernd für den privaten Betrieb einer Tagesschule mit 27 oder 28 Kindern in der Klasse", sagt Mario Lehmann, "aber nicht für den Unterrichtsbetrieb mit kleinen Klassen. Also bekommen wir rund 85 Prozent des Lehrerbudgets für eine normale Klassengröße vom Staat. Den Rest, die Aufstockung auf 300 Prozent gewissermaßen, finanzieren die Eltern."

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht das kritischer, obwohl die Rechte der Privatschulen in Artikel 7 des Grundgesetzes verankert sind. Zwar habe es jahrzehntelang in Deutschland eine "friedliche Koexistenz" von Schulen in staatlicher und privater Trägerschaft gegeben, vor allem auch mit den Gymnasien der Kirchen. Spätestens aber, seit es profitorientierte Privatschulen wie die der Phorms Management AG gibt, treibe das Privatschulwesen die "Zersplitterung der Gesellschaft" voran. "Natürlich gibt es Privatschulen mit einem sozialen Ansatz", sagt Marianne Demmer, die Leiterin des G EW-Vorstandsbereichs Schule, "und natürlich gibt es auch Stipendien. Die aber sind meistens leistungsorientiert ausgerichtet. So oder so schöpfen also die Privatschulen diejenigen ab, die auch in staatlichen Schulen als Leistungsträger unheimlich wichtig wären."

Kann das staatliche Schulwesen den Wettbewerb mit den Privaten nicht mehr bestehen?

Natürlich kann es das, beteuern gleichermaßen der Verband Deutscher Privatschulen wie der Philologenverband, dessen Nachwuchs sich Torgelow bereits angeschaut hat. "Es ist beängstigend, wenn die Gewerkschaft davon redet, wir würden die Gesellschaft spalten", sagt Michael Büchler von den Privatschulen. Er wolle keine "englischen Verhältnisse". Es ärgert ihn, dass in der Debatte immer die teuren Shareholder-Value-Schulen vorgestellt werden, von denen er nichts hält. Oder Schulen vom Schlage des Internats Schloss Salem, die ganz wunderbar seien, aber unter Privatschulen nicht die Regel. Beide erweckten den Anschein, als seien staatliche Subventionen nicht notwendig.

Die normale Privatschule, sagt Büchler, sei mit monatlichen Elternbeiträgen zwischen 50 und 150 Euro keineswegs elitär. Sie müsse sich an das "Sonderungsverbot" des Grundgesetzes halten, das eine sozial verträgliche Schulgeldhöhe vorschreibt, und trage darüber zur demokratischen Vielfalt bei, obwohl der Staat "bloß etwas mehr als die Hälfte der tatsächlichen Kosten" zuschießt (Gebäude- und Heizkosten etwa muss der Träger selbst übernehmen, bei den staatlichen Schulen macht das die Kommune). Das habe sich in Deutschland bisher noch immer als besser erwiesen als jeder Versuch, die Unterrichtskonzepte staatlich vorzuschreiben. "Es gibt tolle staatliche Schulen und tolle private. Ebenso wie es schlechte gibt."

Eine Wettbewerbssituation, in der nicht zuletzt die "weichen Faktoren" über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Staatliche Schulen, sagt Büchler, hätten von diesem Wettbewerb noch immer profitiert. Viele Modernisierungsansätze, gerade auch im sozialen Bereich, wurden zuerst bei den Privaten erprobt. "Und in der Verwaltung machen wir vor, wie man eine Schule effizient und kostengünstig organisieren könnte, wenn sie selbstständig über ihre Formen und Mittel entscheiden dürfte."

Es gibt längst auch staatliche Gymnasien mit Unterricht in Doppelstunden - so wie auf Schloss Torgelow. Es gibt Schulen mit Smartboards und Hausaufgabenbetreuung, mit funktionierenden Arbeitsgemeinschaften, Kontakten zu umliegenden Hochschulen, klassenübergreifenden Projekten, internationalen Fremdsprachenzertifikaten, Partnerschulen, bilingualem Unterricht, UN-Planspielen, engagierten Eltern. Und Schulministerien, die ihre Schulen selbstständig arbeiten lassen, mit eigenem Budget-Recht. Alles eine Frage der Rahmenbedingungen.

Im Schneetreiben

"Man kann uns nicht die Versäumnisse vorwerfen, die der Staat zu verantworten hat", sagt Mario Lehmann, als er auf den See und die Schulkantine zuläuft und ihm der Schneeregen ins Gesicht bläst. "Das hier ist kein abgeschlossenes Biotop." Auch er sei letztlich von dem Budget abhängig, das der Staat für Bildung auszugeben bereit sei, von den Vorgaben für das Zentralabitur ebenso wie von den Lehrern, die der Staat ausbilde, "ohne in letzter Zeit besonders viele charismatische Persönlichkeiten hervorgebracht zu haben".

Als kleines Privatgymnasium kann Schloss Torgelow flexibler sein als die behördlich organisierten Normgymnasien. Kleine Klassen bewahren den Unterricht davor, sich im Hin und Her der Lehrpläne und Lehrbücher, von denen jedes Bundesland seine eigenen hat, zu verheddern. Das Schulgeld der Eltern schützt sie in Torgelow vor den Ideen, die unentwegt in Deutschlands 16 Bildungsministerien, den "letzten Bastionen der Planwirtschaft", wie Lehmann sagt, ausgebrütet werden.

Die Eltern, die ihre Kinder nach Torgelow schicken, sagt er, zählten selten zur großbürgerlichen Finanzelite. Sie kämen aus dem "beruflich engagierten" Mittelstand und erwarteten von ihren Kindern, die eigenen Privilegien als Resultat harter Arbeit der Eltern zu begreifen. Sie investierten in ihren Nachwuchs, statt sich ein größeres Auto oder Haus zu leisten. "Und natürlich haben auch wir Stipendien, im aktuellen Schuljahr 48."

Stipendiaten bekommen einen Zuschuss zwischen 6000 und 20 000 Euro im Jahr und können sich über die neuen Unterstufenhäuser freuen, die neben dem Sportplatz entstehen, Kleintierzoo inklusive. Verstehen, warum der Staat nicht zu höheren Ausgaben in der Bildungspolitik bereit ist, kann hier niemand. Man weiß, dass schulischer Erfolg mit Geld und Charakterbildung mit Schule allein nicht zu garantieren sind. Etwas mehr davon aber wäre ganz gewiss nicht verkehrt. -


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