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brand eins 01/2009 - SCHWERPUNKT: Wirtschaft neu

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Münder und Märkte

Die Finanzkrise hat Turbulenzen an anderen, viel wichtigeren Börsen verdrängt: denen für Lebensmittel.

Einblicke in undurchsichtige Geschäfte.

- Einer der längsten Wachstumszyklen der Wirtschaftsgeschichte ist in diesem Jahr abgebrochen. Die Jahre mit durchschnittlichen Zuwachsraten von fünf Prozent fanden in der weltweiten Finanzkrise ihr Ende. Lange zuvor gab es Anzeichen dafür, dass die natürlichen Grenzen des Wachstums erreicht sein könnten: Vor etwa einem Jahr explodierten die Preise für Nahrungsmittel, weil eine immense Nachfrage einem begrenzten Angebot gegenüberstand. Es zeigte sich: Agrarrohstoffe lassen sich nicht unendlich vermehren; Ernten sind unberechenbar.

Es kam zu Hungerrevolten. Weil die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe schossen, begehrten weltweit Menschen auf. In Haiti jagten Demonstranten den Ministerpräsidenten aus dem Amt, in Bangladesch demolierten Aufständische Autos und Busse, in Kamerun gab es bei Unruhen Tote. Mit Verspätung schien sich die Prophezeiung des englischen Ökonomen Thomas Malthus zu bewahrheiten, der 1798 geschrieben hatte, dass die Produktion von Narungsmitteln unmöglich mit dem Wachstum der Menschheit Schritt halten könne. Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung um fast 82 Millionen Münder.

Doch das allein erklärt die Preiskapriolen nicht. Auch wenn alle Nahrungsmittelkurse verrückt spielen, muss das nicht zwangsläufig dieselben Ursachen haben. Während Getreide heute global gehandelt wird, also Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen, agieren Milchbauern und -händler auf einem abgeschotteten Markt. Subventionen und Regulierung beeinflussen den Preis mehr als die Milchmenge, die die Kühe geben, oder die Nachfrage von Verbrauchern und Industrie.

Der größte Teil der Bäume wiederum, aus deren Früchten Orangensaft gepresst wird, wachsen in nur zwei Regionen der Welt, und fast alle gehören fünf Unternehmen. Also treiben vor allem deren Strategien und das Wetter in diesen Gegenden den Saftpreis. Das ungleich wichtigere Überlebensmittel Wasser dagegen scheint in unseren Breitengraden stets verfügbar und preiswert zu sein während jene, die an Wassermangel leiden, einen fairen Preis niemals bezahlen könnten. Dafür geben Menschen auf dem gleichen Planeten locker 200 Euro für einen Löffel Beluga-Kaviar aus. Merkwürdige Verhältnisse.

Wenn die Speicher leer sind

Eigentlich ist der Markt für Weizen transparent, sein Preis wird an den Warenterminbörsen in Chicago, New York und London ermittelt. Und doch war in der vergangenen Erntesaison alles anders. Kostete der amerikanische Bushel (er entspricht 27,2 Kilogramm) im Jahr 2000 noch zwei Dollar, sprang der Preis im März 2008 an nur einem Tag um fünf auf 13,50 Dollar. Getreide war so teuer wie noch nie, das weltweite Angebot so knapp wie seit 30 Jahren nicht mehr. Ausgelöst wurde die ungeheure Hausse durch schlechtes Wetter, eine Preisrallye bei anderen Rohstoffen - und durch Verwandlung in staatlich subventionierten Biosprit.

Es begann vor zwei Jahren mit einer Dürre in Australien, einem der wichtigsten Weizenexporteure: Die Bauern ernteten nur halb so viel wie im Jahr zuvor. Dann meldeten die Farmer im Mittleren Westen der USA eine schlechte Ernte, Illinois und Iowa standen unter Wasser. Frühsommerliche Sturzregen verdarben die europäische Weizenernte, während die Kornkammern am Schwarzen Meer unter Wassermangel litten - allein die Ukraine, sechstgrößter Exporteur, reduzierte die Ausfuhr um ein Drittel. 2007 trocknete eine erneute Dürre Australien aus, die Bauern ernteten nur 13 der üblichen 25 Millionen Tonnen.

Dann stiegen auch noch die Kosten für Dünger: Phosphor um 180 Prozent; und Kalidünger, der vor drei Jahren noch 140 Euro je Tonne kostete, wurde dieses Jahr zeitweise für mehr als 600 Euro gehandelt. Der hohe Ölpreis befeuerte die Agrarpreise, und zwar nicht nur, weil er den Einsatz von Mähdreschern und Traktoren verteuerte. Es rechnete sich nun für viele Unternehmen, aus Getreide Treibstoff statt Nahrung zu machen. 41 Länder haben Programme für den Anbau von Energiepflanzen aufgelegt.

Ein ungesunder Preisauftrieb - der in der zweiten Jahreshälfte abrupt endete. Die Kosten der Farmer sanken mit dem Ölpreis und dem Dollar. Für 2008 hat das International Grains Council, eine zwischenstaatliche Einrichtung, die den Getreidehandel überwacht, eine Rekordernte vorausgesagt. Das Wetter war ideal, zudem hat die EU Flächenstilllegungen aufgehoben und die Beihilfen für Bauern zurückgefahren, die ihre Produktion drosseln. Auf sechs Millionen zusätzlichen Hektar Ackerfläche wurde weltweit Weizen angebaut, das ist ein Zuwachs um drei Prozent. In Europa sollen 2,5 Millionen Tonnen mehr auf den Markt kommen. Und in Australien hat es endlich geregnet.

Familiensache Orangensaft

Noch stärker als der Getreidepreis schwankt der für Orangensaft: ein Paradebeispiel für die Oligopolisierung eines Marktes. 90 Prozent der Weltproduktion stammen aus dem brasilianischen Bundesstaat São Paulo sowie aus Florida. Die Erträge sind also stark davon abhängig, wie das Wetter dort wird. Friert es im Winter, mindert das die Qualität der Früchte. Ein schwerer Frost kann sogar den ganzen Baum schädigen. Weil Orangen zwischen Oktober und Dezember geerntet werden, beeinflussen auch die Wirbelstürme, die regelmäßig im August und September über den Golf von Mexiko fegen, den Preis. So hat der Hurrikan Katrina und die Angst vor ähnlichen Stürmen dazu geführt, dass sich der Preis für Orangensaft-Terminkontrakte an der Warenbörse in New York zwischen 2004 und 2007 vervierfachte.

Vor zwei Jahren waren die Lager in Brasilien und Florida deshalb so leer, dass die Nachfrage nicht mehr durch Vorräte, sondern nur noch aus der Jahresernte befriedigt werden konnte.

Und weil die US-Ernte von 129 Millionen Kisten - zum Vergleich: Die Rekordernte 2004/2005 brachte 242 Millionen - längst nicht ausreichte, musste die nordamerikanische Lebensmittelindustrie erstmals seit zehn Jahren sogar Orangensaft importieren. Aus Brasilien, wo auch die meisten deutschen Produzenten wie Wesergold, Hohes C, Vaihinger oder Eckes ihre wichtigste Zutat einkaufen.

Aus dem südamerikanischen Land stammt das Gros des Orangensaftes, der auf der Welt getrunken wird. In São Paulo haben die fünf brasilianischen Unternehmen ihren Sitz, die die Hälfte der weltweiten Fruchternte und 80 Prozent der Saftproduktion unter sich aufteilen. Zwei Familien beherrschen mehr als die Hälfte der weltweiten Exporte: die Fischers und die Cutrales, die sich längst auch in Nordamerika eingekauft haben. Außerdem mischen eine Tochter des US-amerikanischen Handelshauses Cargill, der brasilianische Unternehmer-Clan Votorantim und der französische Unternehmer Robert Louis-Dreyfus im Saftgeschäft mit.

Aus 250 Kisten Orangen werden zehn Tonnen Frischfrucht gewonnen und daraus eine Tonne Konzentrat, die im vergangenen Jahr (2008) auf dem Weltmarkt rund 2000 Dollar einbrachte. Für eine Kiste Orangen, 40,8 Kilogramm der Zitrusfrüchte, zahlen die Saftproduzenten umgerechnet rund drei Dollar an die brasilianischen Orangenbauern. Dagegen wehren sich die Farmer. Sie streiten schon seit Jahren mit den fünf Produzenten darüber. Ihr Vorwurf: Die konzentrierte Konzentratindustrie spreche untereinander die Einkaufspreise

Gefangen zwischen Regulierung und Weltmarkt

Über Jahrzehnte galt der Milchmarkt in Europa als geschütztes Biotop. Milch war vergleichsweise billig, und trotzdem hatten die Bauern ihr Auskommen. Bis es im vergangenen Jahr mit der Ruhe schlagartig vorbei war. Die Preise für Molke- und Milchpulver verdoppelten sich in nur wenigen Wochen, Butter verteuerte sich um mehr als 50 Prozent, Frischmilch um fast 20 Prozent. Von "Bewegungen nach oben, wie man sie zuvor nie erlebt hat", sprach die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle in Bonn.

Bis dahin war es nur in eine Richtung gegangen: nach unten. Seit 1984 waren die Milchpreise um 30 Prozent gefallen - obwohl Subventionen und ein ausgefeiltes Quotensystem das eigentlich verhindern sollten. Jedem Bauern teilt die EU je nach Betriebsgröße eine Milchmenge zu, die er pro Jahr maximal an eine Molkerei verkaufen darf. Wer mehr produziert, muss Strafe zahlen oder seine Milch an die eigenen Kälber verfüttern. Wer mehr Quote haben will, muss sie anderen Bauern abkaufen. Seit 2000 gibt es in Deutschland eigens dafür gegründete Börsen, an denen die Milchbauern ihre Erzeugerquote verkaufen oder aufstocken können. Der Milchpreis sank trotzdem, weil der Rest der Welt billiger produzierte als die europäischen Bauern. Deshalb subventionierte die EU den Milchexport. Sogar die Lufthansa bekam Geld für die Milch, die sie in ihren Flugzeugen ausschenkte.

Bis zum vergangenen Jahr: Da setzte die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel die Exportsubventionen aus, weil der Weltmarktpreis nun hoch genug für Europas Milchbauern war. Erstmals seit Jahren bekamen sie von ihrer Molkerei wieder mehr als 40 Cent je Kilogramm, und mit dem Preis stieg auch das Selbstbewusstsein. Endlich lohnte es sich wieder zu melken. Und die Bauern molken, was ihre Kühe hergaben. Zu viel - um 370 000 Tonnen überzog Deutschland 2007/2008 die EU-Quote. Und weil Dänemark, die Niederlande und Frankreich ihre Produktion ebenfalls ausgeweitet haben, sind europaweit die Lager der Molkereien wieder bis zum Rand gefüllt. Um rund zehn Prozent liegt das Angebot über der Nachfrage. Das nutzten die Supermarktketten bei ihren Verhandlungen mit den Molkereien aus: Anfang November haben Aldi, Lidl und Penny die Preise für Milchprodukte um bis zu 20 Prozent gesenkt.

Je nach Region erhalten die Bauern nun wieder zwischen 28 und 33 Cent für den Liter Milch. Um kostendeckend zu arbeiten, bräuchten sie 43 Cent, weil die Preise für Futtermittel und Energie gestiegen sind. Deshalb haben sie schon im Sommer demonstriert - gegen mutmaßliche Preisabsprachen der Handelsketten. Den Molkereien werfen sie vor, zu wenig für die Milch zu bezahlen, obwohl diese selbst dem Diktat von Aldi und Lidl ausgeliefert sind und um eine Marge von zwei bis drei Cent je Liter kämpfen müssen. Zehn Tage lang haben Deutschlands Milchbauern protestiert und die Milch medienwirksam in die Kanalisation oder auf den Acker geschüttet. 35 000 Bauern haben sich mit ihrer Unterschrift für ein neues Quotensystem ausgesprochen. Dabei ist längst beschlossene Sache, dass die Milchquote der EU stufenweise bis zum Jahr 2015 ausläuft. Dann spätestens schlagen Angebot und Nachfrage unmittelbar auf den Preis durch.

Es muss Kaviar sein

Kaviar ist echter Luxus: Niemand braucht die salzigen Fischeier. Weil es aber so wenige davon gibt, wollen so viele sie haben -und sind bereit, jeden Preis zu zahlen. Vor allem für echten Kaviar von Stören aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer. Nur haben Umweltverschmutzung und Überfischung die Bestände vor allem im Kaspischen Meer so gut wie ausgerottet, sodass die Cites-Organisation, die die Vergabe von Fangquoten nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen regelt, vor zwei Jahren jeglichen Export des seltenen Beluga- und Sevruga-Kaviars verboten hat. Zwischen 6000 und 10 000 Euro kostet heute ein Kilo Wildfang. Ein 50-Gramm-Döschen Beluga wird für 270 Euro verkauft.

Seit diesem Jahr dürfen ungeachtet der Warnungen des World Wide Fund For Nature (WWF) Russland, Kasachstan, Aserbaidschan und der Iran wieder Kaviar ausführen - streng überwacht und limitiert: insgesamt 86 Tonnen, davon 3,7 Tonnen Beluga. In den siebziger Jahren holten Fischer am Kaspischen Meer noch 3000 Tonnen aus den Bäuchen der Störe.

Kein Wunder, dass das Volumen der geschmuggelten Ware ebenso gestiegen ist wie der Preis. Nach Angaben des WWF werden 90 Prozent des weltweiten Angebots illegal gefangen. Zuchtbetriebe etikettieren ihre Ware als Wildfang, obwohl auch gezüchtete Störe Kaviar zum Kilopreis von 2000 bis 6000 Euro produzieren können. Ganz offiziell versuchen deshalb schon seit Jahren Farmen in Italien, Frankreich und Deutschland in großem Stil, Störe zu züchten. Die wohl bekannteste firmiert unter dem Namen Caviar Creator in Demmin, Mecklenburg-Vorpommern. Dort sollte die größte überdachte Zucht der Welt entstehen. 400 Tonnen feinsten Kaviars sollten die Störe jährlich produzieren. Der Slogan "Unser Gold ist schwarz" lockte privaten Anlegern zwischen den Jahren 2003 und 2005 rund 42 Millionen Dollar aus den Taschen.

Es dauerte nicht lange, da durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Firmenzentrale. Die Ermittler fanden heraus, dass das Geld schon Anfang 2005 nahezu aufgebraucht und die Anlage in Demmin nicht mal annähernd in der Lage war, die versprochene Menge zu liefern. Trotzdem kann man bis heute auf der Homepage des Unternehmens Fischeier bestellen - die von einer Jury bei einer Verkostung vor zwei Jahren im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten als "kaum genießbar" und "muffig" bewertet wurden.

Eine Kostbarkeit, die nichts wert ist

Der James-Bond-Gegenspieler Dominic Greene ist ein vorausschauender Mensch. Im aktuellen Film mimt er einen Umweltschützer - und ergaunert die Herrschaft über riesige Wasservorkommen in Südamerika. Wasser ist kostbar, und irgendwann könnte es sogar etwas wert sein. Darauf setzt im wirklichen Leben der italienische Großkonzern Benetton, der in den vergangenen Jahren 900 000 Hektar im süßwasserreichen Patagonien kaufte. Bildete der Preis für Wasser das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ab, hätte sich diese Investition längst gelohnt.

Obwohl Wasser 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, wird die Ressource immer knapper. Denn weniger als drei Prozent sind Süßwasser. Zwischen 1,2 und 1,3 Milliarden Menschen fehlt es schon heute daran, mehr als zwei Milliarden haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen. Und bis 2050 werden bis zu sieben Milliarden Menschen in 60 Ländern unter Wassermangel leiden, der schon heute nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO für vier Fünftel aller Krankheiten und jeden dritten Todesfall verantwortlich ist. In mehr als 50 Ländern auf fünf Kontinenten könnte es Konflikte um das kostbare Nass geben.

Dennoch kostet es fast nirgends etwas und wird deshalb in großem Stil, häufig von der Landwirtschaft, verschwendet. Oder es versickert im Boden, weil die Versorger nicht genug Geld haben, um die Leitungen zu sanieren. Es gibt keinen globalen Preis für Wasser, weil es nicht handelbar ist - viel zu teuer wäre der Transport rund um den Erdball, dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird. Wie schwierig es ist, den monetären Wert zu ermitteln, zeigt ein Versuch der Börse in Sydney in Zusammenarbeit mit einem Wasserversorger. Für australische Farmer wurden Termingeschäfte, sogenannte Wasser-Futures, entworfen. Der Preis dieser Papiere ist an den Wasserpegel der Stauseen in Australien gekoppelt. Das Modell taugt aber bestenfalls dafür, sich gegen die regelmäßigen Dürren auf dem Kontinent abzusichern.

Der Wassermarkt ist unvollkommen und zersplittert. Fast überall diktiert die Politik den Preis. Immer geht es darum, ob diese Verbindung von einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoffmolekülen ein öffentliches, jedem Menschen zugängliches Gut bleiben oder Wirtschaftsgut werden soll, das seinen Preis hat. Privatisierungen scheitern regelmäßig, weil es sich bei der Wasserversorgung um ein natürliches Monopol handelt. Es bleibt die Frage, wie aus diesem kostbaren Gut ein im allgemeinen Bewusstsein wertvolles werden könnte. -


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