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brand eins 01/2009 - SCHWERPUNKT: Wirtschaft neu

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Die Macht der Liebe

Der Priester Kieran Creagh hat in Südafrika einen Ort der Hoffnung für Aids-Kranke geschaffen.

Und seinen Einsatz beinahe mit dem Leben bezahlt. Porträt eines Leidenschaftlichen.

- Mittwoch, 22.45 Uhr. Father Kieran will gerade zu Bett gehen, als die Glocke ertönt. Sie wird im Hospiz geläutet, wenn ein Mensch im Sterben liegt und der Priester zur letzten Ölung kommen soll. Er öffnet die Tür seines Apartments, das mit dem Sterbehaus über eine kleine Veranda verbunden ist - und sieht sich zwei Gestalten gegenüber. Eine von ihnen hält eine Pistole in der Hand.

Es hätte ein triumphaler Tag der Abrechnung werden können, aber Father Kieran fühlt sich hundeelend. Lange hatte der Priester gezögert, das schwarze Ordenshemd mit dem weißen Stehkragen überzuziehen, das er vor Gericht für angebracht hielt. Viel lieber wäre er zu Hause geblieben. "Was soll ich denn hier?", fragt der Ordensmann mit breitem irischen Akzent: "Mir liegt nichts an Bestrafung."

Gewöhnlich fiebern Verbrechensopfer solchen Terminen entgegen. Wenn ein Richter das Strafmaß über einen für schuldig befundenen Täter verkündet, wird in südafrikanischen Gerichtssälen oft Beifall geklatscht oder gar ein Loblied angestimmt - je höher die Strafe, desto lauter der Gesang. Die von der allgegenwärtigen Kriminalität traumatisierten Kapländer nennen das "closure": Mit der Bestrafung des Übeltäters soll ein Schlussstrich unter ein Kapitel des Grauens gezogen werden.

Die beiden Männer werfen den Geistlichen zu Boden. Aus der Dunkelheit tauchen immer mehr Gestalten auf, schließlich werden es acht sein. Einige dringen in sein Apartment ein, reißen ihm den Morgenmantel vom Leib und schlagen auf ihn ein. Er erinnert sich an den Bericht eines Kollegen, der von Einbrechern gefoltert worden war: Sie übergossen ihn mit kochendem Wasser, weil er den bei ihm vermuteten Kirchenschatz nicht herausrücken wollte. Kieran Creagh schlägt in Panik um sich - der erste Schuss fällt.

Mit dem Schlussstrich durch Bestrafung kann Father Kieran nichts anfangen. Ihm graut davor, dass seine Freunde jubeln könnten, wenn die Verurteilten abgeführt werden, oder gar ihre vorbereiteten Plakate mit der Aufschrift "Bringt die Todesstrafe zurück" in die Höhe halten könnten. Das Opfer will den Termin so schnell wie möglich hinter sich bringen; doch das Hohe Gericht tut ihm den Gefallen nicht. Zwei Stunden nach dem festgesetzten Zeitpunkt hat die Verhandlung noch immer nicht begonnen. Erst war der Richter nicht aufzutreiben, dann verschwand einer der Verteidiger wieder. Schlecht oder auch gar nicht bezahlte Anwälte führen nicht selten mehrere Verfahren gleichzeitig.

Die Kugel hat den rechten Arm des Priesters durchbohrt. Ein zweiter Schuss trifft ihn in die Schulter - er sieht, wie die austretende Kugel seine Brust aufreißt. Einer der Männer hält seine Pistole direkt vor Father Kierans Herz: Im letzten Moment gelingt es dem Geistlichen, sie wegzustoßen. Der Schuss trifft einen der Gangster am Bein.

Als schließlich alle nötigen Akteure im Gerichtssaal einge troffen sind, werden die Bagatellverfahren vorgezogen. Keines von ihnen kann allerdings abschließend behandelt werden: In einem Fall ging der Polizeibericht verloren, in einem anderen sind die Zeugen nicht aufgetaucht, im dritten Verfahren fordert der Angeklagte, der anderthalb Jahre zu spät zum Gerichtstermin erscheint, einen neuen Pflichtverteidiger. Als die Urteilsverkündung endlich doch beginnen kann, klingelt Father Kierans Telefon. Er wird in sein Hospiz gerufen - sichtlich erleichtert verlässt er den Schauplatz irdischer Gerechtigkeit.

Am Eingang zum Sterbehaus atmet er auf. Nichts deutet auf den Zweck des Gebäudes hin: Der Empfang ist lichtdurchflutet, kunstvoll geflochtene Körbe hängen an den Wänden, Holzfiguren stehen auf dem Boden. Keine Spuren von Siechtum oder gar Tod. Aus einem Radio tönt leise afrikanischer Jazz, die Fenster bieten atemberaubende Ausblicke auf eine liebliche Hügellandschaft. "Wir wollten eine erstklassige Einrichtung schaffen", sagt Father Kieran. "Damit die Menschen hier wenigstens die letzten Tage ihres Lebens in Würde und Komfort verbringen können." Das Haus heißt in der Sprache der Bantu "Leratong": Ort der Liebe.

Im Getümmel gelingt es dem Priester, in das angrenzende Hospiz zu laufen, zwei der Angreifer folgen ihm. Im Wandelgang, der um den begrünten Innenhof des Sterbehauses führt, stolpert Father Kieran und stürzt zu Boden. Die beiden Verfolger geben den dritten Schuss auf ihn ab. Die Kugel dringt auf Hüfthöhe neben dem Rückgrat ein; die Wunde blutet sehr stark.

Der Ort der Liebe sticht aus der Township Atteridgeville bei Pretoria wie eine im Morast blühende Orchidee hervor. Das auf einer Anhöhe stehende Gebäude ist schon von Weitem auszumachen: der einzige Bau in Atteridgeville, der die planende Hand eines Architekten erkennen lässt. Sonst wird die eine viertel Million Einwohner zählende Siedlung von immergleichen Matchbox-Häuschen oder wellblechbedeckten Bretterhütten beherrscht. Es ist offensichtlich, dass die Gangster von dem Wohlstand signalisierenden Gebäude angelockt wurden. "Was für eine Ironie! ", sagt der Priester. "Wir wollten einen schönen Platz für Sterbende schaffen. Doch seit dem Überfall frage ich mich oft, ob er uns zu schön geraten ist."

Als Ounica Aphana in den Ort der Liebe eingeliefert wurde, wog sie gerade noch 20 Kilo - die 48-Jährige musste ins Sterbehaus getragen werden. Sie habe sofort bemerkt, dass sich "Gott an diesem Ort befindet", sagt Aphana: "Die Leute sind nett, das Essen ist gut. Ich kann auch wieder schlafen." Ihre Haare werden wie die aller anderen Patienten regelmäßig gewaschen, sie erhält Massagen, sogar ihre Fingernägel werden manikürt. Nach zwei Monaten Pflege wiegt die Patientin immerhin schon wieder 35 Kilo und wird am nächsten Wochenende ihre Tochter besuchen können.

Blutend rappelt sich Father Kieran auf. Seine Angreifer haben von ihm abgelassen. Sie durchsuchen jetzt sein Apartment nach den vermuteten Schätzen, die es aber nicht gibt. Der Schwerverletzte will um Hilfe rufen, doch das Büro, in dem sich das Telefon befindet, ist verschlossen. Die Nachtschwester hat sich im Arzneimittelraum verschanzt und macht die Tür nicht auf. Kieran Creagh schleppt sich in eines der Zimmer nebenan, an deren Tür "Private Room 1" und "Private Room 2" steht. Es sind die Räume, in die Patienten kurz vor ihrem Tod geschoben werden. Die anderen Patienten sollen von dem Trakt nichts wissen: Die Leichenwagen fahren den Hintereingang des Sterbetraktes in einem toten Winkel an. Hier hat Father Kieran schon von mehr als 800 Patienten Abschied genommen. Der Gedanke, dass er nun selbst in einem dieser Zimmer sterben soll, treibt ihn aus Private Room 1 wieder hinaus.

Auf die Idee mit dem Hospiz war Father Kieran schon kurz nach seiner Ankunft in Südafrika gekommen. Sein Orden hatte ihn als Priester in die katholische Gemeinde von Atteridgeville geschickt, wo er sich auch um die zahllosen Aids-Kranken kümmern musste. So lernte Father Kieran einen Mann kennen, der in einer erbärmlichen Hütte ohne Fenster, Strom und fließend Wasser gemeinsam mit seiner Frau im Sterben lag. Kein Mensch kümmerte sich um das todkranke Paar: Die Hütte glich einem Trümmerfeld, der Gestank verschlug dem Priester den Atem. Father Kieran wusste, dass dies keine Ausnahme, sondern nur ein Fall von Tausenden war. "Ich hörte weder eine innere Stimme, noch würde ich von einer göttlichen Erleuchtung sprechen", erinnert sich der Priester. "Es war einfach klar, dass etwas geschehen musste."

Die Pflege unheilbar kranker Menschen, in der Fachwelt Palliativmedizin genannt, war dem irischen Missionar keineswegs neu. Sein Orden betreibt in Irland mehrere Hospize: Die im Umgang mit Todkranken erfahrenen Ordensbrüder werden nicht zufällig die "Passionisten" genannt. Dass Kieran Creagh bei dem im 18. Jahrhundert gegründeten Orden landete, hatte allerdings einen eher banalen Grund: Die Passionisten leiteten die Heilig-Kreuz-Gemeinde im Belfaster Stadtviertel Ardoyne, in dem Kieran als fünftes von acht Kindern aufwuchs.

Father Kieran irrt im Sterbehaus umher. In der Küche, im Speisezimmer und im Ruheraum ist niemand aufzutreiben, um die Krankenzimmer macht er einen weiten Bogen. Schließlich findet er einen Weg auf den Balkon, von wo aus er die Nachbarn rufen könnte. Erschreckt stellt er allerdings fest, dass er nicht rufen kann: Aus seinem Mund kommt lediglich ein Gurgeln. Der Priester holt ein Messer aus der Küche und schlägt, so stark er noch kann, gegen das Geländer. Dann sinkt er auf einen Stuhl und glaubt, dass er jetzt sterben wird.

Mitten durch Ardoyne verlief die Grenze zwischen protestantischen und katholischen Wohngebieten - eines der heißesten Pflaster Nordirlands. Allein in den siebziger Jahren wurden dort mehr als hundert Menschen umgebracht. Schon als 14-Jähriger musste Kieran mit ansehen, wie zwei Männer vor seinen Augen erschossen wurden. Sein Gang zur Schule glich einem Spießrutenlauf: Fiel Kieran protestantischen Jugendlichen in die Hände, war eine Tracht Prügel unausweichlich. Weil sein Vater darauf bestand, dass seine Söhne eine Bildungseinrichtung in einem anderen Stadtteil besuchten, wurden ihre Schuluniformen auch von den katholischen Jugendlichen Ardoynes nicht immer erkannt: Gelegentlich wurde Kieran deshalb selbst von Angehörigen der eigenen Konfession verhauen. "Es war eine grausame Zeit", erinnert er sich. "Wir bezogen vor der Schule, in der Schule und nach der Schule Prügel. Und wenn wir uns zu Hause beschwerten, wurden wir noch angeschrien."

Die Kindheit mitten im Bürgerkrieg, in Blutvergießen und Gewalt, habe ihn keineswegs abgehärtet, sagt er. Er sei, im Gegenteil, immer empfindlicher geworden. Manchmal habe er vor dem Schulweg derartige Angst gehabt, dass ihm die Brust wehtat. In seiner Tasche führte der Junge stets ein paar Notgroschen für ein Taxi mit sich - für den Fall, dass die Panik vor dem Fußweg unerträglich wurde. "Ich wusste, was es bedeutete, von einer arroganten Kolonialmacht als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden", sagt er. "Ich habe die Apartheid schon lange vor meiner Ankunft in Südafrika kennengelernt."

Vom Balkon aus schleppt sich Father Kieran in den Ruheraum und legt sich aufs Sofa. Dort wird er schließlich vom Hausmeister des Hospizes und der Nachtschwester gefunden. Er bittet den Hausmeister, ihm das Kruzifix aus seiner Wohnung zu holen. Nachdem das geschehen ist, verschwindet der Mann zusammen mit der Nachtschwester wieder. Womöglich hätten sie es nicht ertragen können, ihr Idol, den weißen Priester, hilflos, halb nackt und blutüberströmt vor sich liegen zu sehen, versucht er sich später ihr Verhalten zu erklären: "Ich fühlte mich vollkommen verlassen."

Bereits als Sechsjähriger verließ Kieran um sieben Uhr morgens, während der Rest der Familie noch schlief, das Haus, um in die nahe gelegene Kirche zur Messe zu gehen. Sein damaliger Berufswunsch war Papst. Ein Traum, den er allerdings für sich behielt - aus Furcht, dass ihn andere für verrückt erklären könnten. In einer jüngst erstellten BBC-Dokumentation, in der darüber spekuliert wird, wie die Welt im Jahr 2050 aussehen könnte, heißt der Papst Kieran Creagh. Darüber lacht jetzt keiner mehr.

Als ihm seine Tante zu verstehen gab, dass man als Papst zuerst einmal Priester werden müsse, kühlte Kierans Begeisterung ab: Nach einem Priesterleben stand dem Jungen nicht der Sinn. Wegen mangelhafter Noten, unter anderem im Fach Religion, musste er die Schule ohne Abschluss verlassen. Später versucht er sich als Bankkaufmann. Erst nach mehreren langweiligen Jahren am Schalter erinnert sich Kieran Creagh an seinen Berufstraum aus der Kindheit und schließt sich dem Orden der Passionisten an. Während seiner Ausbildung wird der Novize für ein Jahr nach Botswana ins südliche Afrika geschickt: Dort lernt der Ire die afrikanische Armut, aber auch die überschwängliche afrikanische Lebenslust und die ausgelassen gefeierten Gottesdienste kennen.

Zwei Stunden nach dem ersten Schuss erscheint endlich die Polizei. Erste Hilfe erhält Father Kieran dennoch nicht: Sie seien dazu weder ausgebildet noch berechtigt, sagen die Uniformierten. Längst sollte auch ein Krankenwagen da sein, doch er kommt und kommt nicht. Als eine Hospizangestellte den Priester schließlich mit ihrem Privatauto ins Hospital bringen will, wird sie von den Polizisten daran gehindert: Keiner verlässt den Tatort!

Als die irischen Passionisten vor zehn Jahren einen Nachfolger für einen herzkranken Gemeindepriester in Südafrika suchten, hob Father Kieran - der zu jener Zeit mit der undankbaren Aufgabe betraut war, Novizen für seinen Orden zu gewinnen - sofort die Hand: Als letzter Missionar der Passionisten macht sich Kieran Creagh auf den Weg nach Afrika. "Die Zeit der Mission ist endgültig vorbei", sagt er. "Nicht nur, weil wir keine Leute mehr für diese Arbeit finden. Wir sind inzwischen auch davon überzeugt, dass die Afrikaner am besten für sich selber sorgen können."

Trotzdem gibt es für den Missionar am Kap der Guten Hoffnung von Anfang an mehr als genug zu tun. In Atteridgeville wird Father Kieran schnell mit den Folgen der verheerenden Sozialpolitik des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki konfrontiert: Der inzwischen geschasste Staatschef leugnete lange die Existenz des H I-Virus, sprach sich gegen die Ausgabe antiretroviraler Medikamente aus und schockierte die Öffentlichkeit mit der Bemerkung, ihm persönlich sei niemand bekannt, der an Aids gestorben sei. Zu jener Zeit sind bereits mehr als fünf Millionen Südafrikaner mit dem Virus infiziert - und jeden Tag sterben 600 Menschen an den Folgen der Immunschwächekrankheit. Sie sollen nicht einsam, elend und mit Schmerzen sterben. Deshalb gründet Father Kieran das Leratong-Hospiz: Das "schönste Sterbehaus der südlichen Erdhalbkugel", heißt es im Gesundheitsamt.

Die Hospizangestellte behauptet sich schließlich gegen die Polizei und setzt Father Kieran in ihr Auto. Auf dem Weg ins Krankenhaus begegnen sie dem herbeigerufenen Krankenwagen, der jedoch keine Sauerstofftanks dabeihat. Eine zweite Ambulanz wird angefordert, auf die das Opfer am Straßenrand liegend wartet. Die Sanitäter des zweiten Krankenwagens haben keinen Verbandsstoff dabei, erklären sich nach langem Hin und Her schließlich aber doch bereit, den schwer atmenden Priester, der sein Kruzifix umklammert, ins nächste Krankenhaus zu bringen.

Eines Tages wird Father Kieran von einem Bekannten gefragt, ob er an der weltweit ersten Testreihe für einen Impfstoff gegen das HI-Virus teilnehmen wolle. Der Priester stimmt zu: Was auch immer dazu beiträgt, die verheerende Aids-Pandemie zu stoppen, müsse unternommen werden. Obwohl ihm versichert wird, dass der Versuch nicht gefährlich ist, empfindet er bei der Injektion mit dem unschädlich gemachten Virus ein höchst mulmiges Gefühl: "Ich fühlte mich wie dead man walking", scherzt Father Kieran im Rückblick.

Der Test wird des Priesters erste Begegnung mit dem Ruhm: Aus aller Welt rufen in den folgenden Wochen Reporter an. Die Nachricht, dass sich ein weißer Geistlicher im Kampf gegen die vor allem unter der schwarzen Bevölkerung tobende Aids-Pandemie als Versuchsperson zur Verfügung stellt, erregt Aufsehen und bringt Schlagzeilen. "Ein kleiner Stich für einen Menschen, Hoffnung für die gesamte Menschheit", titelt der Johannesburger "Star". In seiner Heimat wird der Priester 2004 zum Mann des Jahres gekürt.

Die Ärztin in Pretorias Little Company of Mary Hospital ist nicht der Auffassung, dass es sich bei dem Neuzugang um einen Notfall handelt. Sie führt zuerst einmal ein längeres Telefongespräch zu Ende. Erst ein zufällig vorbeikommender spezialisierter Notarzt erkennt den kritischen Zustand des Patienten und lässt Father Kieran sofort in die nächste größere Klinik bringen. Mehr als drei Stunden nach dem Überfall wird der Schwerverletzte dort erstmals fachmännisch behandelt. Die Kugel, die in seinen Rücken eindrang und das Herz hatte treffen sollen, sei auf unerklärliche Weise abgelenkt worden, stellt ein Radiologe fest: Nachdem sie den linken Lungenflügel durchlöchert hatte, blieb sie irgendwo stecken. Es gebe viele Gründe, wieso Father Kieran eigentlich längst tot sein müsste, wundert sich der Arzt.

In Belfast erfährt die Familie von Kieran Creaghs Unglück. Noch am selben Abend steigen der Vater und einer seiner Brüder ins Flugzeug. Als sie am nächsten Morgen in Pretoria landen, wird der Priester gerade operiert: Die in seinem Körper steckende Kugel hatte sich bewegt und starke innere Blutungen ausgelöst. Als der Chirurg erfährt, dass Angehörige seines Patienten aus Irland eingetroffen sind, unterbricht er die Operation und bringt Father Kieran für fünf Minuten mit Vater und Bruder zusammen: Er befürchtet, dass der Priester noch auf dem Operationstisch sterben könnte. Nachdem der Vater seinem Sohn versichert hat, dass alles gut werde und er gekommen sei, ihn nach Hause mitzunehmen, setzt der Arzt die Operation fort. Und Father Kieran überlebt.

Patricia Kutu möchte am liebsten nicht daran erinnert werden. "Wir haben drei Tage lang ununterbrochen in der Kapelle verbracht und gebetet", sagt die Gemeindevorsängerin, die bei den sonntäglichen Gottesdiensten in der Eingangshalle des Hospizes die Hymnen schwungvoll anstimmt. "Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens." Für die Dirigentin des Gemeindechors ist Father Kieran ein von Gott gesandter Heiliger: "Ohne seine Vision und seine Energie hätte es Leratong niemals gegeben." Noch heute würde das Hospiz ohne seinen Gründer nicht überleben, davon ist Patricia Kutu überzeugt. Denn Father Kieran sei viel mehr als nur geistliches Oberhaupt und Manager der Gemeinde. Er kümmere sich auch um das Fundraising, damit das Sterbehaus die zu seiner Unterhaltung nötigen Spenden bekomme - eine Anstrengung, die den Geistlichen besonders stark in Anspruch nimmt.

Nachdem der Priester aus dem Krankenhaus entlassen wird, nimmt ihn seine Familie mit nach Belfast. Eltern und Geschwister reden auf ihn ein, Südafrika endgültig zu verlassen. Doch Father Kieran will sich nur ein paar Wochen in Irland erholen. Aus den Wochen werden sieben Monate: So lange braucht er, um wieder auf die Beine zu kommen. Dann kehrt er nach Südafrika zurück, weil die Arbeit dort "noch lange nicht zu Ende ist".

Am Eingang zum Sterbehaus wird Father Kieran von einer überschwänglichen Belegschaft begrüßt: Trommeln dröhnen, Kinder singen, Frauen weinen. Und der Geistliche streckt triumphierend seine Arme zum Himmel: "I am back! " Der Entschluss zurückzukehren sei ihm durch die Tatsache erleichtert worden, dass die Täter nicht aus Atteridgeville kamen, wird der Priester später vor Gericht aussagen. Sein Fundament ist die Gemeinde.

Ein Therapeut, den der Priester lange nach dem Überfall konsultiert, staunt, dass Father Kieran keinerlei Wut auf die Gangster äußert, während er aus seiner Enttäuschung über das Verhalten der Hospizangestellten, der Polizisten und Sanitäter kein Geheimnis macht. "Von Gangstern erwartet man nichts anderes als Verbrechen", versucht der Priester zu erklären. "Dagegen sollte man von Sanitätern und Polizisten verlangen können, dass sie einigermaßen professionell ihrem Job nachgehen, also helfen." Seinen Peinigern hat Father Kieran bereits auf der Intensivstation vergeben: "Ich brauchte dort alle Kraft zum Überleben und konnte es mir nicht leisten, noch auf jemanden wütend zu sein." Die Enttäuschung über das Versagen der unprofessionellen Helfer hielt länger an.

"Es war eine schlimme Geschichte, aber sie hätte noch sehr viel schlimmer ausgehen können", sagt Father Kieran. Denn letztendlich habe eben doch nicht das Böse gesiegt. Die Arbeit im Hospiz geht weiter, die Belegschaft fand nach dem traumatischen Erlebnis wieder zusammen. Und Father Kieran brachte die Erfahrung - auch wenn er ungern von diesem Aspekt des Vorfalls redet - seinem Vorbild, dem gekreuzigten Jesus, einen beachtlichen Schritt näher. Passionisten pflegen über den Kreuzweg zu meditieren. Und hatte Father Kierans nächtlicher Irrweg durch das Hospiz, sein Todeskampf, der in dem Gefühl des absoluten Verlassenseins mündete, nicht verblüffende Ähnlichkeit mit den letzten Stunden jenes Mannes, der sterbend sagte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Das Drama hat das Leben des Priesters stark verändert. "Ich bin wesentlich ängstlicher geworden, habe immer wieder Albträume und fühle mich viel schneller gestresst", räumt Kieran Creagh ein. Die beiden Lungenflügel des 40-Jährigen haben nur noch die Leistungsfähigkeit eines 74-Jährigen; um das Hospiz wurde inzwischen ein hoher Gitterzaun mit Hochspannungsdrähten gezogen; abends allein in die Townships zu gehen traut sich der Priester längst nicht mehr.

Auch die politische Großwetterlage Südafrikas macht dem Iren Sorgen. Äußerungen wie die des Präsidenten der ANC-Jugendliga, er sei bereit, für seinen Parteichef Jacob Zuma auch "zu töten", jagen Father Kieran kalte Schauer über den Rücken. Kürzlich wachte der letzte Missionar seines Ordens mit einem fremden Gefühl auf: "Ich wollte plötzlich nicht mehr hier sein." Er sei von dem Eindruck überwältigt worden, "dass männliche Weiße wie ich schon seit Jahrhunderten in Südafrika nur das Problem und nicht die Lösung sind. Ich wollte weg." In diesem Moment habe eine Abordnung von Township-Bewohnern an seiner Tür geläutet. "Sie sagten, dass sie sich bei mir bedanken wollten und dass ich bitte bleiben solle."

Wenige Tage später werden zwei der acht Gangster, die der Polizei eher zufällig in die Hände fielen, zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt. Er habe sich die Freiheit genommen, das festgelegte Strafhöchstmaß für versuchten Mord zu überschreiten, sagt der weißhaarige Richter Allan Cowan. Schließlich habe es sich bei der "abscheulichen Tat" nicht nur um versuchten Mord, sondern um eine "versuchte Exekution" gehandelt.

Father Kieran ist mit dem Urteil alles andere als zufrieden: "Wie soll man sich darüber freuen, wenn zwei junge Männer für den Rest ihres Lebens hinter Gittern landen?" Eigentlich wollte sich der Priester mit seinen Peinigern im Gefängnis treffen. Wenn in Südafrika Täter und Opfer im Rahmen des Programms der "wiedergutmachenden Gerechtigkeit" Kontakt aufnehmen, kann sich das auch mildernd auf das Strafmaß auswirken. Die Organisation, die solche Treffen arrangiert, versäumte es jedoch, rechtzeitig einen Termin zwischen dem Priester und den Angeklagten zu vereinbaren.

Kieran Creagh sitzt auf der Terrasse zwischen dem Apartment und dem Sterbehaus - einen Meter von der Stelle entfernt, wo er beinahe getötet worden wäre. Aus der Township schallen Gelächter und Musik herauf. Gelbliches Flutlicht strahlt warm über die Dächer der Hütten. Die Glocke ertönt, und Father Kieran geht nach nebenan, um für einen Sterbenden die letzten Gebete zu sprechen. Als er wiederkommt, erzählt er bei einem Glas Wein, dass er als junger Mann den Heiligen Franziskus wie keinen anderen verehrte, dass das Jahr des Hospizbaus das anstrengendste in seinem ganzen Leben war und dass er jüngst während eines Kurzurlaubs in Kapstadt um ein Haar noch einmal überfallen worden wäre. -


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