Navigation

Inhalt

brand eins 01/2010 - SCHWERPUNKT: SELBER MACHEN

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Badische Revolution

Sinnlose Lehrpläne, Leerlauf und Professoren, die nichts zu sagen hatten.

Einer privaten Fachhochschule in Karlsruhe drohte das Aus. Bis die Studenten im Handstreich für Abhilfe sorgten.

- Es geht merkwürdig harmonisch zu an diesem sonnigen Novembertag in der Karlsruher Karlstraße. Während fast überall im Land aufgebrachte Studenten aus Protest gegen die Bildungspolitik die Hörsäle ihrer Universität besetzen, kommt in der Karlshochschule am Mittag der Präsident in das Zimmer des Studentenvertreters und fragt: "Tim, kommst du mit essen?"

Michael Zerr, der Präsident, und Tim Berschneider, der Student, verstehen sich bestens. Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben die beiden zusammengeschweißt.

Der Tim sei einer, der Verantwortung übernehme, andere führen könne und trotzdem auf dem Teppich bleibe, sagt Zerr. Der Zerr sei ein Visionär, der zusammen mit den Studenten die Hochschule verbessern wolle, sagt Berschneider.

Nicht immer herrschte in der Karlstraße solche Eintracht. Vor einem guten Jahr wehte noch ein ungemütlich kalter Wind durch die kargen Flure der Institution, die damals Merkur Internationale Fachhochschule hieß und von ihrem Gründer und Eigentümer Ernst Hunkel in Eigenregie geführt wurde. Aber dann geschah etwas, das man an einer deutschen Hochschule nicht für möglich gehalten hätte. Man habe sich neu erfunden, heißt es offiziell. Tatsächlich aber gab es zwischen Mai und Dezember 2008 in Baden eine Revolution, die ein Professor der Karlshochschule folgendermaßen beschreibt: "Die Studenten haben sich die Hochschule einfach genommen."

Der Protagonist dieses Umsturzes war Tim Berschneider. Der 27-Jährige sitzt gerade da, wo er fast immer sitzt: im Zimmer der Studentenvertretung. Ein knallrotes Ikea-Sofa ist das Einzige, das den Raum von einem Behördenbüro unterscheidet. Sonst dominieren hier Regale, Aktenordner und Computer. Das soll die Kommandozentrale subversiver Studenten sein? Auch Berschneider entspricht mit seinem gebügelten Hemd nicht gerade dem gängi gen Bild eines Renegaten. Er schreibt gerade an seiner Bachelor-Arbeit über die qualitative Erfolgsmessung von Kongressen. Nebenbei berät er das Präsidium seiner Hochschule. Sogar das Konzept für deren ungewöhnlichen Internetauftritt stammt von ihm. Er sagt: "Wir müssen die Abiturienten davon überzeugen, dass sie für die knapp 600 Euro Studiengebühr, die wir monatlich verlangen, etwas wirklich Gutes bekommen."

Nicht immer fühlte Berschneider sich seiner Hochschule so verbunden. Die private Fachhochschule in der Karlstraße existiert seit 2005. Heute büffeln in ihren acht Studiengängen rund 360 Studenten. Berschneider kam im Winter 2006 - als einer von 140 Neuen. Kurz zuvor hatte er sein Elektrotechnik-Studium an der Fachhochschule Pforzheim abgebrochen. Zu unpersönlich war ihm dort die Atmosphäre gewesen und zu langweilig der Stoff. Viel mehr interessierten ihn zu jener Zeit die Hip-Hop-Konzerte, die er mit einem Freund organisierte. Es war die Idee des Freundes, das Hobby zum Studienfach zu machen. Gemeinsam schrieben sie sich an der privaten Merkur Fachhochschule für den Studiengang Messe-, Kongress- und Event-Management ein. Doch der nahm leider so viel Zeit in Anspruch, dass für die Konzerte nicht mehr viel übrig blieb. "Aufgeben wollten wir unsere Event-Agentur aber nicht. Dafür lag sie uns zu sehr am Herzen. Außerdem haben wir damit unser Studium finanziert", berichtet Berschneider.

Irgendwann kam ihm die Idee, die Organisation der Konzerte als Projekt ins Studium einzubringen. Sein Professor war einverstanden, und bald darauf war Berschneider der Betreuer von 20 Kommilitonen, die in seiner Agentur ein Praktikum absolvierten. Um solche Projekte auch in den anderen Studiengängen fördern zu können, ließ er sich in die Studentenvertretung wählen. Ein Jahr später übernahm er deren Vorsitz. Schnell wurde dann sein ursprüngliches Anliegen zweitrangig. "Denn ich sah, dass an der Hochschule noch viel wichtigere Dinge im Argen lagen."

Berschneider zählt auf: Sowohl in der Verwaltung als auch in der Lehre fehlte Personal. Als Lehrbeauftragte wurden nicht selten Leute aus der Praxis angeheuert, die nie zuvor eine Vorlesung gehalten hatten. Am schlimmsten aber war die unsinnige Struktur der Studiengänge. Nicht nur, dass die Lehrpläne vollgestopft waren und eine Prüfung auf die andere folgte. Es gab kein umfassendes Konzept, sondern lediglich Stückwerk, bestehend aus einer Menge zusammengewürfelter Einzelkurse. "In einem Modul meines Studiengangs ging es zum Beispiel um Kreativitätstechniken und um Veranstaltungstechnik. Da fragt man sich doch, was Methoden der Ideenfindung mit der Präsentations-, Ton- und Lichttechnik bei einem Groß-Event zu tun haben?"

Zunächst versuchte Berschneider sein Glück in den Gremien.

Ob Senats-, Fakultätsrats- oder Qualitätsausschusssitzung - er saß immer mit am Tisch. Bald aber stellte er fest, so erzählt er, dass sich der damalige Eigentümer und Präsident seine Kritik zwar anhörte, dann aber alles beim Alten beließ. Also musste Berschneider andere Wege gehen. Er suchte Verbündete, bei den Dozenten wie in der Verwaltung. "Tim kam mehrmals zu mir, sagte, dass die Hochschule so nicht funktioniere", sagt Stefan Luppold, Leiter des Studiengangs Messe-, Kongress- und Event-Management. "Ich wurde dadurch auf die Missstände erst richtig aufmerksam. Wir Professoren hatten so viele Lehrveranstaltungen abzuhalten, dass wir keine Zeit hatten, nach links und rechts zu schauen." Er habe Berschneiders Kritik geteilt, sich aber nicht in der Lage gefühlt, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern. "Wir Professoren waren machtlos."

Ernst Hunkel habe seine Hochschule wie ein Diktator geführt, bestätigt Michael Zerr. Der heutige Präsident kam im September 2007 als Lehrbeauftragter für Internationales Management und Marketing in die Karlstraße. Neuen Lehrkräften, erzählt er, habe Hunkel zur Einstimmung auf ihren Job lange Passagen aus der Grundordnung vorgelesen - um ihnen von Anfang an klarzumachen, dass sie nach den vorgegebenen Lehrplänen zu unterrichten und sich aus dem Rest herauszuhalten hätten.

Zerr erinnert sich noch gut daran, wie er eines Tages in die Hochschule kam und total überrascht war, in seinem Zimmer Hunkel anzutreffen. Der sei gerade dabei gewesen, eine neue Einrichtung für den Raum zu planen. Ihn, den Nutzer des Zimmers, habe der emsige Präsident mit keinem Wort über seine Absicht informiert. Auch Luppold weiß von der Hier-bestimme-ich-Haltung seines ehemaligen Chefs ein Lied zu singen. Als er einmal von der lokalen Zeitung zu einem Interview geladen wurde, ließ Hunkel ihn demnach nicht allein gehen. "Er kam mit, weil er kontrollieren wollte, was ich sage. Und griff dann auch mehrfach ein", berichtet Luppold.

Eine seltene Allianz: Studenten und Professoren kämpften gemeinsam

Wie sollte man einen Mann mit diesem Kontrollzwang dazu kriegen, Lehrpläne umzukrempeln, an deren Erstellung er selbst beteiligt war? Eine Frage, die der Betroffene bis heute nicht versteht. Nachdem ihm die Beschwerden zu Ohren gekommen waren, erklärt Ernst Hunkel, habe er die Studenten mehrfach aufgefordert, mit ihren Anliegen in seine Sprechstunde zu kommen. "Aber sie haben von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch gemacht", sagt er. Den Professoren habe er nie in die inhaltliche Ausrichtung ihrer Lehrveranstaltungen reingeredet. "Aber natürlich braucht eine neu gegründete Hochschule, wenn sie erfolgreich sein soll, eine feste Führung."

Berschneider jedenfalls hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, Hunkel zu einer radikalen Reform der Studiengänge bewegen zu können, als er im Frühjahr 2008 plötzlich Hilfe von unerwarteter Seite erhielt. Wie jede andere Hochschule in Deutschland musste auch die Merkur Fachhochschule im Zuge des Bologna-Prozesses ihre Studiengänge akkreditieren lassen. Ein riesiger Aufwand. Jeder Studiengang musste Modul für Modul beschrieben, das zugrunde liegende Konzept detailgenau erläutert werden. Präsident Hunkel hatte, so wird berichtet, die Arbeit an der Akkreditierung lange schleifen lassen. Im April aber, als die Abgabefrist längst verstrichen war, reichte er endlich die erforderlichen Unterlagen ein. Ein paar Wochen später kamen die Prüfer in die Karlstraße. Ende Mai lag das Ergebnis vor: Es war verheerend. Die Akkreditierung der Hochschule wurde ausgesetzt. Ganze 27 Auflagen waren vor einem erneuten Anlauf zu erfüllen. Tim Berschneider hatte es jetzt schwarz auf weiß: Hunkels Hochschulkonzept war durchgefallen.

"Diese Schmach lasse ich mir nicht gefallen", habe der blamierte Präsident geschimpft und machte sogleich einige Professoren für das Desaster verantwortlich. Trotzdem: Hunkel war in seiner Position geschwächt.

Die gescheiterte Akkreditierung wirkte wie ein Zündfunke. Denn jetzt war auch den Professoren klar, dass dringend etwas passieren musste. Sie wussten: Die überlebenswichtige staatliche Anerkennung stand auf dem Spiel. Nur einer schien das nicht wahrhaben zu wollen: Hunkel machte immer noch keine Anstalten, etwas zu verändern.

In dieser Situation tat Berschneider den entscheidenden Schritt.

"Ich fasste allen Mut zusammen und ließ mir einen Termin bei Erwin Vetter geben." Vetter ist bis heute nicht nur der Aufsichtsratsvorsitzende der Hochschule, sondern als ehemaliger Minister des Landes Baden-Württemberg und ehemaliger Präsident der Führungsakademie Karlsruhe ein Mann mit hohem Ansehen in der Region. Berschneider erzählte ihm, was an der Hochschule los war, er berichtete von der Unzufriedenheit der Studenten und der Uneinsichtigkeit des Präsidenten. Der Besuch erzielte die erhoffte Wirkung: Vetter gab Hunkel Anfang Juli vor versammel ter Professorenmannschaft zu verstehen, dass es so nicht weiterginge. Und dann betraute er die Professoren damit, für alle Studiengänge neue Lehrpläne zu erarbeiten.

"Das Beste, was uns passieren konnte", sagt Zerr. Er ist ein Kumpeltyp, ein Original mit einer anschaulichen Ausdrucksweise. Vor zehn Jahren hat er sich einen Namen gemacht, weil er als Yello-Chef die Republik davon überzeugen konnte, dass Strom gelb sei. Heute redet der 47-Jährige lieber über den Aha-Effekt beim entdeckenden Lernen und die Sinnlosigkeit der "Stoff-Bulimie": Reinschaufeln, rauskotzen, vergessen - das sei leider immer noch das Lernprinzip an vielen deutschen Hochschulen.

Dann erzählt er, wie es vergangenes Jahr im Sommer in der Karlsruher Karlstraße weiterging. Dass Vetters Eingriff wie ein Befreiungsschlag gewirkt habe. Welche Aufbruchstimmung plötzlich herrschte. Wie Professoren und Studenten gemeinsam über das Konzept der Studiengänge, die Zusammensetzung der Module und den Spannungsbogen jeder Vorlesung gebrütet hätten. Er erzählt von Wochenend-Workshops im Schwarzwald, end losen Debatten in Kneipen und wie er einmal mit Tim Berschneider nachts um drei durch die Hochschule gelaufen sei, um zu planen, wie man die Seminarräume besser gestalten könnte. In dieser Phase habe man wirklich die Hochschule neu erfunden.

Das Ergebnis dieses Prozesses präsentierte Zerr im September vergangenen Jahres auf einer Vollversammlung im Kurort Bad Herrenalb. Hunkel sei davon alles andere als begeistert gewesen, erzählt er. Doch in diesem Moment war er offenbar schon nicht mehr mächtig genug, die Wünsche der Studenten und Professoren einfach zu ignorieren. Zumal das neue Konzept auch dem Aufsichtsratsvorsitzenden Vetter gefiel. Im November 2008 teilte Hunkel mit, dass er die Hochschule in eine neu zu gründende Stiftung überführen und als Leiter zurücktreten werde. Zerr wurde zu seinem Nachfolger bestimmt. Tim Berschneider hatte damit sein Ziel erreicht.

Hatte er das wirklich? "Na ja, nicht ganz", sagt er und holt aus einem Ordner die Kopie einer Liste, die er dem neuen Präsidenten an Heiligabend im Jahr 2008 überreicht habe. "26 Wünsche zur Verbesserung der Hochschule" stehen darauf. "Noch sind nicht alle erfüllt."-


Anzeige

Anzeige