Navigation

Inhalt

brand eins 02/2010 - Das geht

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Kompostrevolution

Schuhe sollen kleidsam, bequem und modisch sein. Doch wenn sie abgetragen sind, werden sie zum Problem: gewaltige Müllberge von Schuhen, die kaum je verrotten. Zwei Salzburger Entwickler fanden eine intelligente Lösung.

-Auf Tischen und Regalen -überall Schuhe und Sandalen, in vielfältigen Farben und Designs, manche in ihre Einzelteile zerlegt. Eines aber gilt für das komplette Sortiment: Es ist kompostierbar. Mikroorganismen können sie zersetzen. Nur Wasser, CO2 und organische Stoffe bleiben übrig. Mit kompostierbaren Schuhen möchte die kleine Firma Wexla aus der Nähe von Salzburg dazu beitragen, ein riesiges, globales Müllproblem zu lösen.

Udo Weixelbaumer, 48, und sein Geschäftspartner Harry Parzer, 41, haben als Produktmanager und Schuhmoduleur mehr als 40 Jahre Berufserfahrung in der Schuhbranche gesammelt. Bis sie erkannten: Neue Ideen mit offenem Ausgang - das trauten sich die großen Hersteller nicht. Die beiden entschieden sich, es auf eigene Faust zu versuchen, und machten sich selbstständig.

"Schauen Sie sich das an", sagt Weixelbaumer und hält ein Paar Zehenstegsandalen hoch. Goodloop heißt das Modell, das 29,90 Euro kosten soll: die ersten umweltfreundlichen Sandalen - grüne Plastiksohle, orangefarbene Riemchen. Das Material ist kein herkömmlicher, sondern Biokunststoff. Der zersetzt sich unter den richtigen Bedingungen binnen 77 Tagen. "Keine Bange", sagt der Kunststofftechniker Parzer. "Vom Fuß fault sie Ihnen deshalb noch lange nicht ab." Die Sandale sei so haltbar wie ein ganz normaler Schuh. Das wurde im Labor getestet.

Bevor es den beiden Schuhspezialisten um die Umwelt ging, hatten sie die Sandale nicht für voll genommen. Doch sie erschien ihnen als Versuchsgegenstand ideal. Und weil sie weltweit am meisten produziert wird, sorgt sie auch für den größten Müll.

Dieses Problem zu lösen bedeutet eine echte Herausforderung. Jährlich werden mehr als 20 Milliarden Schuhe produziert -im Durchschnitt zu 62 Prozent aus Kunststoff, doch im Gegensatz zu gängigem Plastikmüll sind Schuhe kaum recycelbar. Denn sie bestehen aus etwa 40 verklebten und verwebten Materialien. Aus ihnen lassen sich keine sortenreinen Recyclingstoffe für hochwertige Produkte gewinnen.

Die beiden Entwickler erreichten ihr Ziel auf Umwegen. "Es ging uns wie Kolumbus", sagt Weixelbaumer. "Wir wollten nach Indien, aber landeten in Amerika." Seine erste Idee war ein dreiteiliger Schuh: Sohle, Fußbett, Oberteil -durch einen einfachen Klickmechanismus zu verbinden. Zur Entsorgung würden die Teile getrennt und je nach Material recycelt.

Doch aus der anfänglichen naiven Spielerei musste erst ein verkäufliches Produkt werden. Also nahmen die Entwickler den Markt unter die Lupe und suchten Hilfe. Zwei Fachmänner mit einer starken Idee - das kam gut an und trug ihnen 700000 Euro Förderung und zinsgünstige Darlehen ein, womit sie das Projekt bis heute finanzieren konnten.

Sie stellten ihren Modul-Schuh unter anderem auf einer Fachmesse in Las Vegas vor. Als eine Unternehmerin das Modell sah, fiel ihr das Cradle-to-Cradle-Konzept von Michael Braungart ein, der das Hamburger Umweltinstitut leitet. Von ihm hatten die beiden Entwickler nie gehört. Sie kauften sein Buch und lasen: Produkte sollten, wie die Natur, keinen Müll zurücklassen. In einem geschlossenen Kreislauf könnten sie Ausgangsstoffe für Neues sein - möglichst ohne Qualitätsverlust. Sie schrieben noch aus Las Vegas eine E-Mail an den Verfahrenstechniker.

Gemeinsam mit Braungart entstand die Kompost-Idee. Die Vermarktung des Modul-Schuhs wurde gestoppt. Ab sofort ging es nur noch um Schuhe, aus denen am Ende Getreide wachsen konnte -das gab es noch nicht. Und es erschien ihnen viel besser als solche, die zu Plastikparkbänken verarbeitet werden. Nicht einmal Schuhe aus natürlichen Materialien wie Leder oder Kautschuk sind kompostierbar. Denn sie werden gegerbt oder vulkanisiert, der Haltbarkeit wegen. Das geschieht unter Einsatz von Schadstoffen, die im Müll kaum noch abzubauen sind.

Ganz allein ist Wexla mit seinen kompostierbaren Schuhen unterdes nicht mehr. Auch andere testen das Geschäft. Etwa Scholl Footwear: 180 Tage sollten deren Badesandalen brauchen, um zu Erde zu werden. Doch sie verkaufen sich nicht gut, ist zu erfahren. Bis 2011 will das Unternehmen Sohlen für geschlossene Schuhe aus kompostierbarem Material entwickeln und erproben.

"Die Kunden werden in Zukunft stärker zu Produkten greifen, die nachhaltig hergestellt wurden", heißt es bei Scholl.

Wexla will dabei besonders konsequent und transparent sein, nur noch öko-intelligente Schuhe vermarkten und zeigen, woran das erkennbar ist. Im Internet sollen Filme den Prozess von der Herstellung bis zur Kompostierung der Schuhe dokumentieren, sagt Weixelbaumer, der immer wieder selbst gern in die Kompostgrube steigt und demonstrativ Schuhe verbuddelt.

Dass Öko-Intelligenz und Wirtschaftlichkeit zusammen gehen, möchte Wexla in diesem Frühjahr mit den einfachen Sandalen beweisen. Bis Ende des Jahres soll es auch geschlossene Straßenschuhe geben, die komplett kompostierbar sind. "Und wenn die Großen sehen, dass wir das mit unseren vier festen Mitarbeitern schaffen", sagt der eigensinnige Unternehmer Weixelbaumer, "dann machen sie vielleicht mit, und das Produktdesign startet endlich in die Moderne."-

Kontakt:
Wexla Patententwicklungs- und Patentverwertungs GmbH
Gewerbestraße 2
A - 5201 Seekirchen am Wallersee
www.wexla.at


Anzeige

Anzeige