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brand eins 01/2009 - Editorial
Weiter denken 
- Herbst 1999. Nach zähem Anlauf neigt sich das Wirtschaftsjahr einem guten Ende zu, der Dax schwingt sich zu neuen Höhen auf, und der gerade erst eröffnete Neue Markt wird zum Hoffnungsträger für künftige Prosperität. Ein Jahr später ist alles wieder vorbei. Die Dotcom-Blase ist geplatzt, und die Zukunftsprognosen für Wirtschaft und Medien färben sich im Wochentakt dunkler ein.
Da ist brand eins gerade mal ein Jahr alt.
An eine 100. Ausgabe hat damals niemand geglaubt.
Vielleicht liegt es an dieser Gründungsphase, dass uns schlechte Nachrichten bis heute nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Und vielleicht hat uns die Erfahrung, dass in den folgenden zunächst mutlosen, dann gierigen Jahren selbst ein unternehmerisches Projekt wie brand eins möglich war, zu so kritischen wie überzeugten Befürwortern eines Systems gemacht, in dem die Initiative eine Chance hat. Und in dem gestalten kann, wer gestalten will.
Da ist es fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass just zur 100. Ausgabe wieder einmal alles zusammenbricht. Und dass nun allerorten genau jene das Ende des Systems beschwören, die nie versucht waren, es zu nutzen. Was alles möglich wäre - das ist das Thema von brand hundert, nämlich Wirtschaft und Gesellschaft neu zu denken.
Dazu ist es erst einmal nützlich, sich zu vergegenwärtigen, wo wir stehen. Wir haben eine Krise, die auch kerngesunde Regionen wie Reutlingen erreicht, aber sicher nicht ruiniert (S. 34). Das Finanzsystem ist erodiert, was zu einem Umdenken führen kann, aber nicht muss (S. 42). Die Preise für Lebensmittel sind Spekulationsobjekte geworden (S. 70), die Globalisierung muss als Begründung für alles herhalten, was schlecht ist in der Welt (S. 60). Und dass die Arbeitswelt nicht mehr ist, was sie war, das lässt sich beschreiben, nicht immer sehen (S. 78).
Herausforderungen genug also, aber längst auch Ideen, wie ihnen zu begegnen wäre. Jost Stollmann hatte die schon vor zehn Jahren, möglicherweise ein Grund, warum er als Wirtschaftsminister nicht infrage kam (S. 24). Denn wer aus dem scheinbar bewährten Denkgebäude ausbricht, macht sich nicht unbedingt Freunde, wie auch Götz Werner (S. 116), Edgar Feige (S. 138) oder Bernard Lietaer (S. 154) wissen. Sie alle haben den Stein weit geworfen, nutzen, was da ist, aber denken es neu. Fast ist man versucht, bei den Utopien über Grundeinkommen oder ein neues Steuer- und Finanzsystem ins Träumen zu geraten ...
Aber Träume sind nicht mehrheitsfähig, Absagen an die Marktwirtschaft schon.
Bleibt also nur die Politik der kleinen Schritte? Immerhin sind auch da schon einige Kilometer zurückgelegt. Ob Sozialunternehmen, neue Schulmodelle oder Experimente zur Demokratie in Unternehmen und Staat (S. 52, 108, 144, 130): Es tut sich was. Oder besser: Menschen, die sich nicht abfinden, sondern etwas unternehmen, tun was.
Damals, als wir gestartet sind, erblickte auch Zec das Licht der Welt, der Sohn unseres Art Directors Mike Meiré. Der wollte kürzlich seinen Vater von einer mobilen Spielkonsole überzeugen. Und als er auf Widerstand stieß, stöhnte er: "Papa, die Zukunft kommt näher! "
Das wünschen wir ihm. Und uns. -
Gabriele Fischer
Chefredakteurin
gabriele_fischer@brandeins.de
Redaktion brand eins
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