Inhalt
brand eins 06/2009 - SCHWERPUNKT: Identifikation
Warum? Wofür? Für wen? 
Vier Menschen, viele Antworten
Anne Koark, 46, Bankrotteurin
"Es gibt in Deutschland ein Tabu-Thema, und das ist das Scheitern. In England, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, sagte mein Vater mir, wenn ich als kleines Mädchen hingefallen bin: 'Putz dich ab und steh auf! ' Ich möchte gerne das Scheitern gesellschaftsfähig machen. Bei Kindern funktioniert es doch auch: Obwohl sie hinfallen, versuchen sie trotzdem zu laufen. Sie sagen nicht: 'Was werden die Nachbarn denken, wenn ich hinfalle?'
Ich bin selbst hingefallen und weiß, wie schmerzhaft das ist.
Am 23. April 2003 musste ich für meine Firma Trust in Business Insolvenz anmelden. Mit 15 Mitarbeitern habe ich Unternehmen beraten, die in Deutschland Fuß fassen wollten. Zuletzt bot ich meinen Kunden auch Büros an. Dabei habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe einen sehr langfristigen Mietvertrag unterschrieben. Und als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 meine Kunden ausblieben, ging mir das Geld aus.
Insolvenz bedeutet, dass man plötzlich von seinem alten Leben in ein neues Leben katapultiert wird. Der Insolvenzverwalter verkaufte meine Eigentumswohnung. Er löste meine private Altersvorsorge auf. Und sechs Jahre lang darf ich von dem Geld, das ich verdiene, nur 1575 Euro behalten. Der Rest wird für die Gläubiger gepfändet. Das bedeutet, dass mir und meinen beiden Söhnen im Monat nur 200 Euro zum Einkaufen übrig bleiben. Ein Bankkonto habe ich erst im Jahr 2008 eröffnen können. Aber ich kann mit meiner Kontokarte nur in München, wo ich lebe, Geld ziehen. Wenn ich auf Reisen bin, muss ich immer genug Geld in bar mitnehmen. Sollte ich einmal meine Fahrkarte verlieren, komme ich in riesige Schwierigkeiten: Ich könnte mir in einer fremden Stadt keine neue kaufen.
Wer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, wird in diesem Land schief angeschaut. In Hamburg gab es schon 1753 eine Verordnung, in der ein Unterschied zwischen boshaften, leichtsinnigen und unglücklichen Schuldnern gemacht wurde. 250 Jahre später gehen wir sogar dahinter zurück. Das Gesetz in Deutschland kennt nur die boshaften Schuldner. Dabei hat das Statistische Bundesamt im Jahr 2007 festgestellt, dass es viele Ursachen gibt für Insolvenzen: unternehmerische Fehler, Arbeitslosigkeit, Scheidung. Nur 8,6 Prozent der Menschen, die sich insolvent melden, tun dies, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Man hat aber in dieser Gesellschaft den Eindruck, dass es 99,99 Prozent boshafte Schuldner gibt. Die Insolvenzverordnung ist ein Rechtswerk, kein Wirtschaftswerk und kein Gesellschaftswerk.
Der Umgang mit der Insolvenz ist in allen nichtdeutschsprachigen Ländern ein anderer. In Großbritannien dauert die Wohlverhaltensperiode ein Jahr, in Frankreich sind es anderthalb, in den USA kann man unter Chapter 11 Schutz vor den Forderungen der Gläubiger in Anspruch nehmen. Man weiß: Zahlungsausfälle gehören zur Wirtschaft, sie sind nicht außergewöhnlich.
Ich bleibe in Deutschland, weil ich die Deutschen sehr schätze .
Sie sind treu und halten zueinander. Das Land hat mir in 24 Jahren, in denen ich hier lebe, viel gegeben. Ich möchte davon einiges zurückgeben. Ein Gläubiger, dem ich 30 000 Euro schulde, rief mich im ersten Jahr an, um mich zur Weihnachtsfeier seiner Firma einzuladen. Ich fragte: 'Schulde ich euch nicht schon genug?' Er antwortete: 'Wir wussten immer, dass es ein Risiko gibt.'
Mir ist es wichtig, so viel von meinen Schulden abzutragen wie möglich. Ich arbeite sehr viel, zehn bis zwölf Stunden am Tag. Zum einen gebe ich Seminare für Manager. Zum anderen halte ich viele Vorträge zum Thema Insolvenz. Ich will die Menschen für dieses Thema sensibel machen. Mein Lohn ist, dass sich etwas bewegt. Ich war schon bei der EU-Kommission eingeladen, bei der auch Vertreter der Weltbank und der OECD sprachen.
Bei meiner Insolvenz hatte ich Schulden im sechsstelligen Bereich. Die genaue Summe will ich nicht nennen. Nicht etwa weil ich mich schäme, sondern weil ich zu den Menschen sprechen will, die Probleme haben. Wenn jemand diese Summe hört, der eine halbe Million Schulden hat, wird er sagen: 'Die hatte es leicht.' Jemand, der einen kleinen Lotto-Laden betreibt und 30 000 Euro nicht bezahlen kann, liest auch nicht weiter, weil er denkt: 'Das ist eine andere Dimension.' Es geht mir aber nicht um die Höhe der Schulden. Es geht mir um den Umgang mit der Insolvenz, mit dem Scheitern. Die Summe spielt keine Rolle.
Um anderen zu helfen, gründete ich einen Verein der Insolventen. Darin sind viele selbstmordgefährdete Menschen. Durch die Sechs-Jahres-Frist werden manche in die Sozialhilfe gedrängt. Sie schulden dann nicht nur, sie kosten auch noch. Es ist ihnen unmöglich, das, was sie gelernt haben, anzuwenden. Wer einmal insolvent ging, kennt die Fallen, in die man laufen kann. Auch wäre es besser, wenn man seine Schulden prozentual von seinem Verdienst abbezahlen könnte: Man hätte einen Anreiz, mehr zu arbeiten. Davon hätten Gläubiger und Schuldner einen Vorteil.
Am 30. Juni 2009 läuft meine Wohlverhaltens-Frist ab. Ab dem 1. Juli darf ich wieder alles behalten, was ich verdiene. Die Frage, was ich nach dem 1.7. tun werde, mag ich nicht. Sie klingt so, als wäre ich vorher tot gewesen. Denn ich war ganz und gar nicht tot. Ich habe ein Buch geschrieben, war viel unterwegs, und ich habe gelernt: Ich kann Berge versetzen."
Friedhelm Wulf, 59, Ausbilder
"In der Frühe ist es im Zug noch sehr still. Jeden Morgen treffe ich dort dieselben Leute. Man sieht sich, sagt Guten Morgen, Namen sind da unwichtig. Dann spricht man über das, was gerade in der Zeitung stand. Etwa, dass in Witten das Dach des Busbahnhofes neu gedeckt wurde und kurz darauf entschieden wurde, einen neuen Busbahnhof zu bauen. Solche Gespräche verkürzen die Fahrtzeit, schließlich durchquere ich jeden Tag das gesamte Ruhrgebiet.
In Witten nehme ich um 4.45 Uhr den Bus. Um 5.31 Uhr steige ich in den Zug nach Essen, wo ich 20 Minuten auf den Zug nach Recklinghausen warte. Von dort geht ein Bus, der mich bis zur Werkhalle bringt. Um 7.15 Uhr schließe ich die Türe auf und mache mir zuerst mal einen Kaffee. Arbeitsbeginn ist bei uns um 8.00 Uhr, aber wenn ich den Zug eine Stunde später nehmen würde, dann käme ich erst um 8.15 Uhr an, und das geht nicht. Ich bin Ausbilder bei dem Bildungsträger InBit GmbH und muss ein Vorbild für die jungen Leute sein. Bei manchen spiele ich fröhliches Weckradio, wenn sie wieder mal nicht erscheinen. Abends bin ich gegen 18.30 Uhr wieder in Witten.
Ich arbeite mit Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Einige wurden straffällig, andere hatten einfach Pech und sind schon als Kinder in Familien aufgewachsen, die von der Sozialhilfe leben. Ich vermittle ihnen hier Fähigkeiten für die Metallverarbeitung, mit denen sie es später leichter haben, einen Ausbildungsplatz zu kriegen. Aber es ist nicht einfach, sie zu vermitteln. Wenn einer von zehn das schafft, dann muss ich schon sagen, war es die Mühe wert.
Da drüben in der Halle steht ein junger Mann, der in den Kfz-Bereich will. Ein guter Mann. Nur das Feilen interessiert ihn nicht so sehr. Da sage ich ihm: 'Okay, du kriegst 'ne Blecharbeit, aber danach wird wieder mal was gefeilt.' Als Ausbilder braucht man Geduld. Man muss eine Sache auch mal sechs- oder siebenmal erklären. Außerdem braucht man ein dickes Fell. Wenn ich höre: 'Du Arschloch! ', dann sage ich: 'Bitte Sie Arschloch - wenn schon, denn schon.' Bei schwierigen Gruppen muss man die jungen Leute motivieren: Dann grillen wir eben mal und bauen den Grill dafür selber. Vorher gibt es keine Würstchen.
Arbeit ist für mich Selbstbestätigung. Aber ich sage es ganz ehrlich: Auch das Finanzielle ist wichtig, gerade, wenn man so viele Stationen hinter sich hat wie ich: Ich bin gelernter Werkzeugmacher, Maschinenbautechniker und habe die Refa-Fachausbildung durchlaufen. Ich habe als Kundendienstmonteur gearbeitet, war Sachbearbeiter bei den Firmen Vemag, Herion und Danick. Ich war Ausbilder bei Thyssen Edelstahlwerke in Dortmund, habe in einem Modellversuch des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft mitgearbeitet, später war ich Werkstattleiter beim Berufsbildungswerk des DG B und beim Werkhof in Witten. Dann war ich eine Zeit lang bei meinem Vetter in Australien und seit 2003 arbeitslos und auf der Suche nach einer Anstellung. In dieser Zeit musste ich sehr aufs Geld achten. Wenn man Arbeitslosenhilfe bezieht, kann man sich kaum etwas leisten. Und wenn man sich mal ein paar Jahre lang von der Tafel ernährt hat, dann will man auch mal wieder ein Stück Fleisch in der Pfanne haben. Man kann sich bei der Tafel seine Äpfel holen, einen Laib Brot, der nur einen Tag alt ist. Aber auf Dauer ist das nichts.
Deshalb war ich froh, den Job bei InBit bekommen zu haben.
Ich habe ihn im Internet gefunden und mich beworben. Sie suchten einen älteren Ausbilder mit Erfahrung. Noch auf der Nachhausefahrt bekam ich den Anruf, dass ich den Job hätte. Ich hatte so viele Arbeitgeber in meinem Leben, dass ich mich in erster Linie mit meiner Tätigkeit als Ausbilder identifiziere. Der Umgang mit den Jugendlichen macht mir Spaß. Außerdem habe ich Lebenserfahrung: Ich kann einschätzen, ob sie wollen oder nicht.
Jetzt, wo ich wieder eine Stelle habe, kann ich mir auch hin und wieder was leisten. Es macht mir Spaß zu kochen, und ich schaue mir gerne ein Musical an. In Essen zeigen sie bald "Gib Gas, ich will Spaß", dazu lade ich dann meine Freundin ein. Oder ich gehe einmal im Monat gut essen. Es ist ja auch nicht Sinn der Sache, dass die Freundin immer bezahlt. Deshalb will ich auch weiterarbeiten, bis ich mit 65 in Rente kann. Vater Staat will ich nichts schenken. Und Lotto spiele ich nicht. Ich bin gegen Glücksspiel. Ich erarbeite mir mein Glück, so gut ich kann."
Kerstin Schilling, 48, Unternehmerin
Es kommt nicht darauf an, wann und wo einen die Krise trifft. Wie lange sie anhält. Wie weh sie tut. Was allein zählt, ist, was man damit anfängt. Kerstin Schilling ist froh über ihre 48 Stunden extremen Stress, die sie nicht vergessen hat, die sie mehr belastet haben als die Geburten ihrer Kinder. Es waren die beiden Fragen, die sie sich damals zum ersten Mal gestellt hat: Wer bin ich? Und was will ich? Die Antworten darauf machen sie glücklich.
Rückblende. Es ist wenige Tage nach dem Mauerfall und der Öffnung der Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Kerstin Schilling lebt mit ihrem Ehemann, einem Kleinkind und einem Säugling in Leipzig. Wenige Monate zuvor hat sie ihren jüngeren Bruder zum letzten Mal in den Arm genommen, als der aufbrach, um heimlich über Ungarn in den Westen zu fliehen. Es war, beide wussten es damals, womöglich ein Abschied für immer.
Der Bruder hatte es geschafft. Er war in Münster untergekommen. Und Kerstin Schilling wollte ihn sehen. Abwarten? Wozu? Wer wusste denn in diesem Chaos, ob das noch lange möglich sein würde? Also setzten sie sich in den Trabi und brachen auf. Keine Planung, keine Erfahrung, kein Westgeld, einfach naiv. Von Leipzig nach Münster sind es knapp 500 Kilometer. Im Trabi kann das nicht nur mit zwei kleinern Kindern zur Ewigkeit werden. Und eine Qual.
Unterwegs, schon im Westen, werden sie durch Lichtzeichen eines unbekannten Autofahrers auf die Standspur gedrängt. Dabei will der gar nichts von ihnen. Er hat nur etwas für sie: zwei Plüschtiere für die Kinder. Einfach so. Als Zeichen seiner Freude über die Revolution im Osten. Bald darauf sehen sie ein Schild an einer Raststätte: "Bürger der DDR, herzlich willkommen! ", steht darauf. "Bei uns bekommen Sie kostenlos etwas zu essen und zu trinken."
Kerstin Schilling reagiert zickig. Sie denkt: "Für die sind wir Deutsche zweiter Klasse. Jetzt führen sie es uns wieder vor." Und sagt zu ihrem Mann: "Wehe, du nimmst etwas an." Doch er steigt aus, stellt sich an, wird freundlich versorgt, gar nicht herablassend. Beim nächsten Halt nähern sich zwei grimmige Motorradfahrer in Ledermontur. Aber auch die wollen keinen Ärger machen, bitten vielmehr artig darum, dem ersten Trabi ihres Lebens unter die Haube sehen zu dürfen. Und bestehen zum Dank darauf, eine Tankfüllung auszugeben.
Sie sei ein kontaktfreudiger, umgänglicher Mensch, sagt Kerstin Schilling. Aber dass sich die im Westen so unerwartet zu ihnen verhielten, wühlte und brachte sie auf. Wieso taten die das? Wieso nahm sie das so mit? Was trennte sie von denen? Sie war doch alles andere als linientreu. Sie hing nicht an der DDR. Sie hatte ihre Kinder nicht in die Krippe gegeben, um wieder Lehrerin für Mathematik und Physik zu sein. Sie blieb stattdessen zu Hause, musste sich vor einer Kommission dafür rechtfertigen und sich als "asozial" anpöbeln lassen. Sie hatte sich wie ihr Mann im Umweltschutz engagiert und an den Montags-Demos teilgenommen. Einer ihrer Brüder hatte Republikflucht begangen. Also woher dieser plötzliche Stress?
"Ich war total indoktriniert", sagt Kerstin Schilling heute, 20 Jahre später. "Und ich habe es bei mir einfach nicht für möglich gehalten. Erst viel später, nach vielen weiteren Erfahrungen, ist mir aufgegangen, dass es Freund-Feind-Denken war, die typische Erziehung in der Diktatur. Da gibt es nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, für uns oder gegen uns - und sonst nichts. Nicht der Einzelne zählt, sondern die Gattung. Wer differenziert, macht sich verdächtig."
Sie war nicht darauf vorbereitet, was mit ihr geschah. "Für uns war der Mauerfall, wie wenn andere aus dem Nichts der großen Liebe ihres Lebens begegnen", sagt sie. "Wer das spürt, dem ist schlagartig alles egal. Der grübelt nicht herum, ob er etwas aufgibt, etwas verliert. Dass etwas dazwischenkommen und eines Tages der Rausch verflogen sein könnte. Es ist viel mehr als ein Glück - so etwas trifft einen schon mal. Es ist ein Wunder. Mit so etwas kann man nicht rechnen. Das spielt sich außerhalb unseres Koordinatensystems ab."
Die alten Sicherheiten sind weg - aber die Ängste sind es auch. Das ganze Leben steht Kopf? Wunderbar. Dann ist alles möglich. Jetzt sind wir frei. Was heißt das für mich? Was soll für mich möglich werden? Kerstin Schilling packt zu. Anfangs in einem Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung, dann bei der Leipziger Messe, schließlich im Umfeld von Intershop, dem legendär gewordenen Start-up in Jena. Sie hat - teils allein, teils mit anderen gemeinsam - drei IT-Firmen gegründet. E-Commerce. Sie ist verantwortlich nicht nur für ein Geschäft, sondern für die Arbeitsplätze von 18 Menschen. Sie hat Erfolg.
Immer wieder denkt sie an ihre Mutter, die ihre drei Kinder allein großgezogen hat und 1986 gestorben ist. Und wünscht sich, dass sie das noch erlebt hätte. Ihre Tochter, die Unternehmerin. Was sie darüber gesagt hätte? "Großartig! "
Marco Dresler, 23, Koch
"Als ich die Realschule abgeschlossen habe, wollte ich weiter zur Schule gehen und mein Abi machen. Sieben Monate lang war ich in der elften Klasse, aber ich hatte Geldprobleme, musste jobben gehen und habe bei Konzerten gearbeitet: Licht, Bühne, Ton. Wenn man mal im Jobben drin ist, kommt man nicht mehr in die Schule zurück. Mein Kopf war einfach immer woanders. Und irgendwann will man eben auch mal auf eigenen Beinen stehen.
Damals habe ich noch bei meiner Mutter gelebt, sie konnte aber nicht alles finanzieren, und Schüler-Bafög habe ich nicht bekommen. Wenn man so 16, 17 ist, dann ist das ja auch eine Zeit, in der man viel Geld braucht. Ich gab meins für Klamotten aus, in meiner Freizeit war ich oft im Boxstudio, das ist kein billiges Hobby. Wenn man ausgeht, will man auch nicht jeden Cent dreimal umdrehen. Sowieso kann man noch nicht so gut mit Geld umgehen, wenn man jung ist. Zumindest war das bei mir so.
Durch meine Jobs bei Konzerten und am Theater habe ich viel Selbstbestätigung erfahren. Man arbeitet hart. Ich mochte es, weil ich selbst Musik gemacht habe. Es war auch irgendwie cool. Und das Beste: Am Ende geht man zur Bank, holt sein Geld, und man weiß: Das ist jetzt alles meins.
Oft hatte ich aber auch gar keine Arbeit. Dann habe ich gewartet, dass es Abend wurde, und bin ins Box-Training. Das war frustrierend, man wird ja auch nicht jünger mit der Zeit: Immer nur zu hoffen, dass ich mal einen Ausbildungsplatz in der Veranstaltungstechnik kriege, war mir dann zu viel. In einer Firma sagten sie mir: Wir nehmen dich, im Jahr 2008. Das war im Jahr 2004. Was sollte ich so lange machen? Immer nur den Hilfsarbeiter? Da wird man körperlich und geistig ausgebeutet. Am Anfang bekam ich zwölf Euro die Stunde. Mit der Zeit wurde es immer weniger, zuerst neun, dann acht Euro.
Wie ich auf das Kochen kam? Das hat sich so entwickelt. Ich habe immer gerne gegessen, aber mich nie dafür interessiert, wie man das macht. Dann kam das aber in Mode. Im Fernsehen traten Köche auf, und ich fing an, zu Hause zu kochen. Da habe ich mir gedacht: warum nicht das?
Freunde erzählten mir dann, dass bei dem sozialen Trägerverein Koala e. V. in Hamburg Köche ausgebildet werden. Daraufhin habe ich mich dort beworben, gleich als Koch. Sie sagten mir jedoch, dass das nicht ginge, dass sie mich aber dahinführen könnten. Nach einem Praktikum konnte ich hier im Restaurant Zinken eine Lehre anfangen, das ist ein Ausbildungsrestaurant. Ich kam gleich ins zweite Lehrjahr.
Weil ich so viel gejobbt habe, erkenne ich schnell, ob mir etwas gefällt oder nicht. Ich spüre es, wenn ich keine Lust mehr habe. Nach einem Jahr in der Küche gefällt mir dieser Job noch immer. Ich freue mich jeden Tag auf meine Arbeit. Es gibt in der Welt so viele Arten zu kochen, dass man immer etwas lernen kann. Das macht mir großen Spaß.
Was mir daran so gut gefällt, ist der Umgang mit Lebensmitteln und der Arbeitsrhythmus in der Küche. Man hat viele unterschiedliche Zutaten, und am Ende kommt ein super Gericht dabei raus. Das Tolle daran ist, dass man sieht, was man gemacht hat, und dass man sehr schnell eine Rückmeldung kriegt, ob es dem Gast geschmeckt hat. Man merkt sofort, was man falsch gemacht hat, so kann man viel lernen. Unsere Küchenchefs wollen auch wirklich, dass wir Qualität servieren. Wenn in der Küche mal ein Gericht danebengeht, dann entschuldigt man sich beim Gast, dass er länger warten muss, und macht es noch mal. Dafür sind wir ein Ausbildungsrestaurant. Manchmal kann es auch sein, dass die Suppe verkocht ist, das Fleisch zu trocken war. So ist das eben. Vergangenen Samstag kam ein Gast zur Küchentür hinein und sagte: "Hat sehr gut geschmeckt, schönen Abend noch! " Das ist das Beste, was einem passieren kann.
In anderen Küchen soll ein anderer Ton herrschen als bei uns.
Hier zu lernen ist toll. Die wollen uns wirklich etwas beibringen, und sie machen das richtig gut. Wenn ich mal woanders bin und man mich anmotzt, halte ich das aus. Ich habe ein dickes Fell.
Meine liebste Station in der Küche ist der Herd. Wenn der Arbeitstag beginnt, teilt uns der Küchenchef ein: kalte Vorspeisen, warme Vorspeisen, Nachspeisen. Am Herd ist es kniffelig. Unterschiedliche Fleischsorten haben einen unterschiedlichen Garpunkt, darauf muss man achten. In der Küche hat man eine große Verantwortung, das stärkt das Selbstbewusstsein.
Es liegt mir, dass man in der Küche sehr schnell arbeiten muss und dass es stressig ist. Ich muss etwas zu tun haben, sonst langweile ich mich. Wenn ich nichts zu tun habe, werde ich faul. Ich bin ein hibbeliger Mensch und brauche Bewegung. Wenn es nichts zu tun gibt, setzen sich andere hin, trinken einen Kaffee oder rauchen eine Zigarette. Aber ich trinke weder Kaffee noch rauche ich. Gerade beim Mittagstisch ist in der Küche sehr viel los, man ist immer in Bewegung. Dieser Teil des Jobs liegt mir sehr.
Zu Hause koche ich nur an meinen freien Tagen. Dann gehe ich aber richtig einkaufen und probiere Sachen aus, die wir in der Schule gelernt haben, die ich irgendwo gelesen habe oder die ich im Fernsehen sah. Natürlich kann man nicht alles nachkochen, was die Fernsehköche zubereiten. Eine Trüffel-Soße für zu Hause ist einfach zu teuer, für manche Sachen fehlt einem auch das Werkzeug.
Am liebsten esse ich asiatisch. Schon immer. Ich würde gerne einmal in Asien kochen, um das zu lernen. Nach meiner Facharbeiter-Ausbildung will ich noch mal zwei Jahre eine komplette Koch-Lehre machen. Denn das weiß ich: Koch, das ist es! " -
