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brand eins 08/2009 - SCHWERPUNKT: Große Träume

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Blühende Landschaften Dieser Artikel wurde mit 3 Sternen bewertet

Hans B. Bauerfeind ist ein grundsolider Geschäftsmann.

Trotzdem hat er Millionen in ein heruntergekommenes Erholungsheim in Thüringen gesteckt.

Und sich auf das größte Abenteuer seines Lebens eingelassen.

- "Es war die Ruhe", schwärmt Hans B. Bauerfeind, "diese Ruhe und die traumhafte Lage direkt am See. Ich konnte nicht anders. Ich musste dieses Hotel kaufen."

Die Ruhe? Die schöne Lage? Bürgermeister Frank Steinwachs zieht die Augenbrauen hoch. Kauft man deshalb ein heruntergewirtschaftetes Hotel aus DDR-Zeiten, einen riesigen hässlichen Betonklotz, für den die Abrissbagger schon bestellt sind? "Der Bauerfeind hat sich breitschlagen lassen", sagt Steinwachs und schmunzelt wissend. "Irgendwann hat er dann gesagt: Gut, dann bind' ich mir die Bude eben übers Kreuz." Man sieht dem Bürgermeister an, dass er selbst im Prozess des Breitschlagens eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat.

Es könnte so eine schöne Sonnenschein-Geschichte sein, genau richtig für eine gefühlige Vorabend-Serie. Seht her, lautet die Botschaft, die Deutsche Einheit funktioniert, wenn nur alle guten Willens sind. Alles versöhnt sich auf wundersame Weise: Ost und West, Kapitalisten und Arbeiter, Ökonomie und Ökologie. Die Geschichte ginge etwa so: Ein erfolgreicher Unternehmer, knorrig, aber mit dem Herzen am rechten Fleck, Sohn eines nach dem Krieg aus der DDR vertriebenen Fabrikanten, marschiert nach der Wende, dem Ruf des Einheitskanzlers Helmut Kohl folgend, mit Riesenschritten in den deutschen Osten, ein Patriot von echtem Schrot und Korn. Er rettet eine alte Fabrik vor der Stilllegung, investiert Millionen, bringt Arbeit, Hoffnung und Leben in den dahindämmernden Ort zurück. Zu guter Letzt übernimmt er noch ein heruntergekommenes Erholungsheim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, bewahrt es vor dem Abriss und macht daraus ein Öko-Musterhotel. Sein unternehmerischer Elan reißt schließlich die ganze Region aus der Agonie und versetzt ihr einen Schub nach vorn.

So könnte es sein. So ähnlich ist es auch. Aber eben nur so ähnlich.

Die Agitprop-Prosa anlässlich der Eröffnung des neuen Ge-werkschafts-Ferienheims machte so richtig Lust auf Urlaub. "Unser Erholungskomplex legt erneut eindrucksvoll Zeugnis davon ab, wie das sozialpolitische Programm der S ED Schritt für Schritt Verwirklichung findet", hieß es, "und wie das Wohl des Volkes gemeinsames oberstes Anliegen der Partei der Arbeiterklasse, der Gewerkschaften und unseres sozialistischen Staates ist." Zur Einweihung des Heims mit 1000 Betten, verteilt auf die "Bettenhäuser Nord und Süd", kam DDR-Gewerkschaftsboss Harry Tisch persönlich ins ostthüringische Zeulenroda. 1981 war das. Gegessen wurde in mehreren Durchgängen à 30 Minuten. Für jene Urlauber, die im Hauptgebäude keinen Platz mehr fanden, hatte man Einfach-Bungalows auf die Wiese vor dem Betonbau gestellt.

Acht Jahre lang sorgte die Tourismuslenkung des DDR-Gewerkschaftsbundes dafür, dass im "Erholungskomplex Talsperre" nie ein Bett frei blieb. Dann kam die Wende, und die DDR-Bürger mochten ihren Urlaub nicht mehr im Thüringer Vogtland verbringen, erst recht nicht im tristen Gewerkschafts-Ferienheim.

Das Haus kam unter die Verwaltung der Treuhandanstalt. Frank Steinwachs, damals wie heute Bürgermeister von Zeulenroda, witterte einen guten Deal und bekam einen Termin bei der Treu-hand-Chefin Birgit Breuel in Berlin. Über den Kaufpreis einigte man sich schnell: eine Mark. Steinwachs erinnert sich, dass er sein Portemonnaie aus dem Jackett zog und Breuel eine Mark auf den Schreibtisch legte. "Aber so wollte sie das dann doch nicht." Der Kaufpreis musste ordnungsgemäß überwiesen werden.

Eine Zeit lang erlebte das Hotel noch einmal eine Scheinblüte. Unter der Woche war es rappelvoll mit Vertretern und windigen Unternehmensberatern aus dem Westen. Sie logierten dort zu Preisen, die nicht annähernd die Kosten deckten. Steinwachs begriff, dass ein guter Bürgermeister nicht unbedingt auch ein guter Hotelier ist, und verpachtete das Haus. Der Pächter ging schon bald in Konkurs. Das Hotel wurde geschlossen, wieder eröffnet, wieder geschlossen. Schließlich entschied Steinwachs: "Das Ding müssen wir loswerden."

Da kam Hans B. Bauerfeind ins Spiel. "Ich fragte ihn, ob er uns nicht helfen kann, was das Hotel betrifft", erinnert sich der Bürgermeister. Bauerfeind hatte ja auch vorher schon geholfen, wenn man das so sagen kann. 1991 hatte der Unternehmer aus dem niederrheinischen Kempen eine Gummistrumpffabrik zurück gekauft, die sein Großvater 1929 in Zeulenroda gegründet hatte. Damals war die Stadt ein Zentrum der industriellen Strumpfwirkerei. Im Oktober 1949 verließ Rudolf Bauerfeind, der Sohn des Firmengründers, mit seiner Familie Zeulenroda und ließ alles zurück. Ein Leben unter dem Kommunismus erschien ihm unerträglich. Für private Fabrikbesitzer war im System der Planwirtschaft auf Dauer ohnehin kein Platz; mit seiner Flucht kam Bauerfeind der sicheren Enteignung zuvor. Sein Sohn Hans war neun Jahre alt, als die Familie ihre Heimat verließ.

Der Fabrikant ist einer der ganz wenigen, die ihre Firmenzentrale von West nach Ost verlegen

Im Westen baute Bauerfeind die Firma neu auf, zunächst in Darmstadt, später in Kempen. In den nächsten vier Jahrzehnten führten Rudolf und dann Hans B. Bauerfeind das Unternehmen an die Spitze des Marktes für orthopädische Hilfsmittel - vor allem Gummistrümpfe, Rückenbandagen und Beinprothesen. Ende der achtziger Jahre, als die DDR sich ihrem Ende entgegenschleppte, war Bauerfeind längst eine Marke mit Weltruf.

Die Erweiterung des Hauptwerkes in Kempen war damals fest beschlossen, der Architekt schon beauftragt. Dann kam die Wende in der DDR dazwischen. Und Bauerfeind zog es mit Macht zurück nach Zeulenroda, zu den Wurzeln des Familienunternehmens. 1991 kaufte er einen Betrieb mit 70 Mitarbeitern, die kurz zuvor privatisierte Franz Anton KG, zu DDR-Zeiten Teil des VEB Kombinats Elastic-Mieder "Strickbandagen". Wirtschaftlich schien der Schritt zurück nach Zeulenroda zunächst keinen Sinn zu

ergeben. Was wollte Bauerfeind mit dieser Fabrik? Wurde der Erfolgsunternehmer etwa gefühlsduselig? Zusätzliche Nachfrage nach Kompressionsstrümpfen und Kniebandagen hätte er problemlos von Kempen aus decken können. Stattdessen nahm er den Kanzler beim Wort und begab sich daran, wenigstens einen kleinen Winkel der Ex-DDR in eine blühende Landschaft zu verwandeln. "Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas Neues entsteht", sagt er heute. "Da wollte ich dabei sein. Jetzt noch mal richtig, hab' ich mir gesagt."

Jetzt noch mal richtig - das bedeutete den sofortigen Stopp sämtlicher Ausbaupläne für Kempen. Bagger und Baukräne beorderte Hans B. Bauerfeind stattdessen nach Zeulenroda, wo die Wirtschaft inzwischen fast völlig daniederlag. Nachdem das größte Möbelkombinat der DDR, das einst den gesamten Ostblock mit Schrankwänden und Schlafzimmern beliefert hatte, endgültig an der Marktwirtschaft gescheitert war, stieg die Arbeitslosigkeit zeitweise auf mehr als 20 Prozent.

In dieser Zeit gab es nur einen, der dagegenhielt: Hans B. Bauerfeind. Er investierte mehr als 100 Millionen Euro - zunächst in den Bau der weltweit wohl modernsten Fabrik für Kompressionsstrümpfe, dann in die Errichtung eines Innovationszentrums, einer zentralen Logistik und eines Verwaltungsgebäudes. Dafür erhielt er Subventionen in Millionenhöhe, wie alle Unternehmer, die damals im Osten investierten. Anfangs war Zeulenroda lediglich ein Zweigwerk der Kempener Firmenzentrale, aber mit der Zeit verlagerte Bauerfeind den Schwerpunkt des Unternehmens mehr und mehr gen Osten - bis zu einem in der Wirtschaftsgeschichte des geeinten Deutschlands ziemlich einmaligen Schritt:

48 Jahre nach der Flucht seiner Familie vor dem Kommunismus verlegte Hans B. Bauerfeind die Firmenzentrale mit Marketing, Vertrieb und Produktentwicklung vom Niederrhein zurück nach Zeulenroda. Kempen war von nun an nur noch eine verlängerte Werkbank des Ostens.

Das ehemalige Gewerk-schafts-Ferienheim, vielleicht 300 Meter Luftlinie von seinem Büro entfernt, konnte Hans B. Bauerfeind auf Dauer nicht übersehen. Aber warum hat er es gekauft? Vielleicht tatsächlich wegen der schönen Lage am See? Entwarf er im Geiste womöglich schon eine kleine Marina vor seinem Hotel? Hat der Bürgermeister ihm die Immobilie aufgeschwatzt, ihm, dem erfahrenen Unternehmer? Wollte er der Region etwas Gutes tun? Oder konnte er den hässlichen Anblick schlicht nicht mehr ertragen?

Man weiß es nicht mit Sicherheit. 1999, zwei Wochen bevor die Abrissbagger anrückten, schlug er alle Warnungen von Freunden, Beratern und Bankern in den Wind und kaufte das Hotel beziehungsweise die Ruine. "Es war Treffpunkt sämtlicher Vandalen im Umkreis von 50 Kilometern", erinnert sich Bauerfeind. "Die haben da gesoffen, Feuer gelegt, die Fenster zerkloppt und die Heizkörper rausgerissen und verhökert." Als Erstes heuerte der Neu-Hotelier Wachleute an, die nachts mit Schäferhunden auf Patrouille gingen.

Für die traurige Hinterlassenschaft der organisierten DDR-Ferienverbringung gab es nur eine betriebswirtschaftlich und architektonisch sinnvolle Lösung: Abriss und Neubau. Jeder, der davorstand, kam zu diesem Resultat, auch Hans B. Bauerfeind. Vermutlich realisierte er erst nach dem Erwerb der Immobilie, dass er das Gewerkschafts-Ferienheim gar nicht abreißen konnte. Das wiederum hängt mit dem See zusammen, der genau genommen kein See ist, sondern ein aufgestautes Flüsschen namens Weida, eine Talsperre also. Die diente zwar nicht mehr der Trinkwasserversorgung, gilt aber nach EU-Recht bis heute als Trinkwasserschutzgebiet und ist damit absolute Bauverbotszone. Was dort steht, darf stehen bleiben - aber dieser Bestandsschutz endet genau im Moment des Abrisses. Für einen Neubau hätte Bauerfeind also niemals eine Genehmigung erhalten.

Dem Unternehmer blieb nichts anderes übrig, als das Ferienheim zu entkernen, bis nur noch das Stahlbeton-Skelett in den Himmel über Zeulenroda ragte. Aus dem Torso ließ er anschließend ein Tagungshotel mit einem Panorama-Restaurant im Dachgeschoss bauen. Das Ganze wurde fast doppelt so teuer wie ein kompletter Neubau. 26 Millionen Euro soll Bauerfeind in die Metamorphose des DDR-Ferienkomplexes gesteckt haben. "Stimmt so etwa", sagt er dazu nur. Die Stadt, von der Altlast erlöst, stellte ihm wenigstens die ABM-Kräfte für die Entkernung des Gebäudes.

Der Mann mit der Plakette "Lernender" am Revers ist leicht nervös. Kein Wunder, die Auslastung des Hotels liegt aktuell bei nur 23 Prozent. Ein Tag, der richtig Geld kostet. "Aber morgen sind wir fast voll ausgebucht", spricht Stephan Bode sich und der Belegschaft Mut zu. Seit Juni 2002 ist Bode Geschäftsführer des früheren Gewerkschafts-Ferienheims, das heute "Bio-Seehotel Zeulenroda" heißt. Bode ist Inspirator, Ideengeber und Beseeler des Hotels. Der Mann ist allgegenwärtig, ständig und überall im Gebäude trifft man ihn. Man kann ihm nicht entrinnen, selbst auf den Zimmern nicht. Dort liegen Zeitschriften mit Bode-Interviews. Es gibt Menschen, die Licht in die finstersten Winkel bringen. Bode ist so einer. Und das weiß er auch.

Ohne Stephan Bode wäre die jüngere Zeulenrodaer Wirtschaftsgeschichte wohl um eine Insolvenz reicher. Das erste Jahr nach der Eröffnung des Hotels war eine Achterbahnfahrt ins Desaster. "Ich übernahm das Kommando über einen führungslosen Dampfer mit gebrochenem Ruder", sagt Bode. Das Bild gefällt ihm sehr gut. Vor ihm hatten sich innerhalb von neun Monaten drei oder vier Direktoren verschlissen, man verliert schnell den Überblick. Bauerfeinds Aufsichtsrat grummelte schon vernehmlich; noch einen personellen Fehlgriff hätte der Firmenpatriarch sich wohl nicht erlauben dürfen.

Sichtbar schwer trug das Seehotel an seiner realsozialistischen Herkunft. Trotz all der Millionen, die Bauerfeind in den Bau gesteckt hatte, trotz edler Materialien, solider Bauausführung und hübsch verglaster Fassade, trotz Kunst auf allen Etagen und in allen Zimmern, trotz Panorama-Restaurant mit Blick auf das See gewordene Flüsschen - aus den endlosen Gängen und der klotzigen Betonfront kroch immer noch der Atem eines DDR-Ferienheims. Stephan Bode war noch gar nicht in Zeulenroda, da wurden schon die ersten Wetten abgeschlossen: In vier Wochen ist der auch wieder weg.

Auf Helgoland, als Manager des Designhotels Atoll Ocean Resort, hatte Bode zuvor bewiesen, dass er durchaus der richtige Mann für einen Turnaround ist. Drei Monate nach der Eröffnung war er der vierte Geschäftsführer - und blieb dann drei Jahre. Der Mann, der in der achten Klasse die Schule geschmissen hatte, war den Großteil seiner jungen Jahre auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs gewesen. Eine Hotelfachschule hat er nie besucht, eine kaufmännische Ausbildung nie absolviert. Einen größeren Gegensatz kann man sich kaum vorstellen: hier der bodenständig-kauzige Unternehmer Bauerfeind, dort der Visionär und bekennende Esoteriker Bode. Man kann ihn als Referenten buchen mit seinem Vortrag "Visionen leben - mit Mut, Liebe und Spiritualität". Einmal kam er in eine Sitzung des Bauerfeind-Aufsichtsrats und versprühte rot-blaues Konfetti, er nannte es "Begeisterungsblutkörperchen", aus einer großen Spritze. Die Aufsichtsräte lächelten milde. "Ich darf hier bekloppt sein und spinnen", sagt er. "Das darf der Bauerfeind nicht."

Als Bode anheuerte, hatte er keine Idee davon, was ein Ge-werkschafts-Erholungsheim ist. Und unter "See-Lage" hatte er sich auch etwas anderes vorgestellt. Für das Seehotel hat Bode den Begriff 1-Z-Lage geprägt. Würde jemand einen Standort suchen, der für ein Tagungshotel denkbar ungeeignet ist, käme Zeulenroda auf jeden Fall in die engere Wahl. Erfurt, die nächste Großstadt, ist anderthalb Autostunden entfernt, bis zum Flughafen Leipzig sind es mehr als 100 Kilometer. Am Zeulenrodaer Bahnhof hält alle vier Stunden ein Regionalexpress und alle zwei Stunden eine Regionalbahn. Die umliegenden Dörfer, die den Weg zur Autobahn säumen, sind nicht pittoresk, die sanften Vogtlandhügel im Winter nicht schneesicher. An der Talsperre brüten keine Seeadler, kein Luchs streift durch die Forsten. Dass im See 27 Fischarten heimisch sind und der Talsperrenweg "die Kriterien als Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" erfüllt, ist für Tagungsgäste wohl eher unerheblich. Aus dem Panorama-Restaurant blicken die Gäste auf eine hässliche Betonbrücke, die den gesamten See zerschneidet. Auch ein Relikt aus DDR-Zeiten. Irgendwann in einem stillen Moment, erzählt Bode, habe Hans B. Bauerfeind vor seinem Hotel gestanden und resignierend zu ihm gesagt: "Mann, hab' ich in die Scheiße gegriffen."

Bode, das neue Zugpferd, griff nach den Sternen. "Dieses Hotel wird eines Tages zu den besten Tagungshotels Deutschlands gehören", verkündete er der verstörten Belegschaft, gleich nachdem er den Job angetreten hatte. "Wir haben jetzt die Chance, dass wir neu denken und neu träumen dürfen." Wie bitte? Machte der sich etwa lustig? Der verwechselte wohl ein Hotel mit einem Versuchs- und Entwicklungslabor. "Mit alter Konfektionierung hab' ich hier keine Chance", beschied Bode und zeigte allen, was einen guten Hotelmanager ausmacht. Er trimmte Hotel und Personal konsequent auf Service und Herzlichkeit und kappte fast sämtliche Kontrakte mit Reiseveranstaltern, die bis dato mit ruinösen Kampfpreisen das Haus halbwegs gefüllt hatten. Von nun an gab es keine Rabatte mehr. Es galt das Prinzip von Klarheit und Wahrheit. Eine Übernachtung mit Frühstück kostet 89 Euro, basta.

Bodes Qualitäts- und Freundlichkeitsoffensive brachte dem Hotel wohlwollende Kritiken und Auszeichnungen gleich reihenweise ein. Vier Jahre in Folge, von 2005 bis 2008, war es "bestes Tagungshotel Deutschlands". Aber Bode war trotzdem nicht zufrieden. Die Rentabilität ließ nach wie vor zu wünschen übrig. Das Seehotel war ein gutes Tagungshotel, aber eben eines unter vielen - und das auch noch an einem denkbar ungünstigen Standort. Es gab keine klar definierte Zielgruppe, kein Alleinstellungsmerkmal. Es musste etwas geschehen.

Bio soll nun die Wende bringen. Zunächst gilt es allerdings, die Einheimischen zu überzeugen

Küchenchef Marco Lange erinnert sich noch gut an den Anruf der Frühstücks-Servicekraft bei ihm daheim, früh um fünf Uhr. "Herr Lange, ich hab' hier eine Ananas, die soll ich aufschneiden für den Obstsalat. Aber das geht nicht." Der verschlafene Chefkoch verstand das Problem nicht. "Das ist eine Bio-Ananas, die kostet zwölf Euro", erklärte die Mitarbeiterin. "Die kann ich doch nicht einfach in den Obstsalat schneiden."

Bodes Plan - das war die komplette Umstellung der Hotelküche auf Bio-Lebensmittel um die Jahreswende 2005/2006. Kurz zuvor hatte der Geschäftsführer das Rauchen aufgegeben und seine Ernährung auf Biokost umgestellt. Er schwärmte Bauerfeind von "den Geschmacksorgasmen" vor, die er nun täglich erlebte. Ob man so etwas nicht auch im Seehotel machen könnte? "Bauerfeind und ich hatten keine Ahnung, was das heißt, ein großes Tagungshotel auf Bio umzustellen. Wir kochen ja nicht für 30 Gäste, sondern für 300." Für 6500 Produkte, die Küchenchef Marco Lange bislang verwendet hatte, musste biologisch erzeugter Ersatz her. Fertigprodukte waren mit einem Mal tabu. Aber da hatte die Idee Bode schon gepackt. Mit einem Mal würde das Seehotel aus der Masse der Tagungshotels herausragen, als erstes und einziges Bio-Kongresshotel in Europa. "Wenn du an diesem Standort gesehen werden willst, musst du lauter schreien als alle anderen." Und Bode schrie: "Bio!"

Der Küchenchef wurde losgeschickt. Wo sollte er all das Bio-Fleisch herbekommen? Sah ökologisch erzeugtes Obst und Gemüse nicht immer runzelig aus? Und was war mit dem Preis? Da hatte er endlich jemanden gefunden, der Bio-Gänse mästete. " Ja, eine Gans können Sie haben", sagte der Bauer. Lange brauchte aber 150 Gänse. Er packte seine Küchen-Crew in einen Kleinbus, klapperte die Bauern, Metzger und Bio-Händler der Region ab, stapfte durch Kälberställe, machte Blindverkostungen und besichtigte Hotels in ganz Deutschland, die bereits auf Bio umgestellt hatten. Die örtlichen Landwirte waren anfangs skeptisch.

"Entweder ihr geht den Weg mit uns", machte Lange unmissverständlich klar, "oder wir kaufen woanders."

In der ersten Zeit gab es große Probleme mit dem Fleisch. Es war nicht lange genug abgehangen und kam zäh wie Schuhsohle auf den Teller. Die Frühstückswurst war grau und geschmacklich ... Nun ja, da war noch reichlich Luft nach oben. "Die Metzger wussten einfach nicht, wie man eine gut schmeckende Wurst ohne künstliche Geschmacksverstärker hinkriegt", erzählt Lange. Aus den Fehlern lernte man gemeinsam.

Beim Blick auf die Kennziffern der Küche bekam Bode anfangs die Krise. Die Preise auf der Speisekarte waren nicht erhöht worden, die Kosten allerdings völlig aus dem Ruder gelaufen. Lange hatte die Produkte eins zu eins ausgetauscht, Hähnchenbrustfilet aus der Mastanlage gegen Filet vom Biobauern. Mittlerweile bestellt er ganze Hühner, alles wird verwertet. Das Fett geht in die Wurst, Chicken Wings bestücken das Büfett, und zur Not gibt es in der Mitarbeiterkantine eben zweimal pro Woche Hähnchenkeulen oder Frikassee. Die Mitarbeiter des Küchenteams lernten, wie man Marmelade kocht, Öle ansetzt und aus Knochen, Wein und Gemüse einen anständigen Fond zubereitet. Nach einem halben Jahr war das Ziel der Kostenneutralität erreicht: Lange kocht zu hundert Prozent Bio - und gibt trotzdem nicht mehr aus als vor der Umstellung.

In einem Aufwasch ließ Bode gleich das gesamte Hotel auf Öko trimmen. Ausschließlich biologisch abbaubare Putzmittel kommen zum Einsatz, Bettwäsche und Handtücher sind aus ökologisch angebauter Baumwolle - natürlich ungebleicht. Kugelschreiber wurden ausgemustert und durch Bleistifte aus nachhaltiger Forstwirtschaft ersetzt. Seit zwei Jahren bezieht das Seehotel Strom aus Wasserkraft, einige Zimmer sind elektrosmogreduziert, stromfressende Klimaanlagen gibt es nicht. Bode überlegt jetzt allen Ernstes, wegen der Strahlung drahtlose Funknetze und Fernseher aus den Zimmern zu verbannen.

Beim Auschecken kann sich jeder Hotelgast am "Klima-Terminal" in der Hotel-Lobby der Öko-Last entledigen, die er sich während seines Aufenthalts aufgebürdet hat. Aus den eingegebenen Daten - Zimmerart, Aufenthaltsdauer, An- und Abreise errechnet ein Computerprogramm die individuelle Umweltlast in Kilogramm CO2. Sogar die für die Produktion der Saunalatschen aufgewendete Energie wird berücksichtigt. Der in Euro und Cent ausgewiesene Öko-Ablass kommt wahlweise einem Windpark in Indien oder einem Wiederaufforstungsprojekt in Uganda zugute.

Für den Unternehmer Bauerfeind ist das Seehotel, trotz Bode, trotz Bio, nach wie vor ein Zuschussgeschäft. "Ich wäre ja schon froh, wenn es mal so mitlaufen würde und kein Geld mehr kostet", formuliert er bewusst defensiv. Der Umsatz wächst seit sechs Jahren stetig und meist zweistellig, die Auslastung verbesserte sich von anfangs 20 auf 45 Prozent, ein ordentlicher Durchschnittswert. Die 26 Millionen Euro, die Bauerfeind in den Umbau des Hotels gesteckt hat, wird Bode ihm allerdings wohl nie mehr zurückholen. "Das Hotel ist ein Luxus, den ich mir leiste", sagt Bauerfeind dazu. Richtig überzeugend klingt das nicht.

Dafür singen in Zeulenroda alle das Hohelied auf den Unternehmer Bauerfeind, allen voran der Bürgermeister. "Das ist doch eine fast einmalige Geschichte, dass ein Unternehmer aus dem Westen seinen Konzernsitz scheibchenweise in den Osten verlegt." Die Bauerfeind AG ist mit Abstand größter Arbeitgeber weit und breit. Fast die Hälfte der weltweit 1800 Bauerfeind-Beschäftigten arbeiten in Zeulenroda und Umkreis, im Schatten des Bauerfeind-Tower, der 57 Meter hohen Firmenzentrale mit ihrer gekrümmten Doppelglasfassade.

"Der steht morgens nicht auf und denkt über seine Selbstverwirklichung nach, sondern der tut etwas" - das sagte vor ein paar Jahren Altkanzler Helmut Kohl über seinen Parteifreund Bauerfeind. Die "Financial Times Deutschland" kürte den Bandagen-und Gummistrumpffabrikanten zu einem der "101 Haudegen der deutschen Wirtschaft". In Zeulenroda gibt es etliche Vereine, die nur dank der Unterstützung des Unternehmers noch existieren. Allein 500 000 Euro steckte er in die Sanierung der Dreieinigkeitskirche, deren Turm nach Schwammbefall vom Abriss bedroht war. Dafür hat er sich in der Kirche verewigen lassen. Im Freskenzyklus des Malers und Grafikers Tilman Kuhrt, der Szenen aus einer modernen Fassung der Apostelgeschichte darstellt, steht etwa einen Meter von Johannes dem Täufer entfernt ein rundlicher Mann mit Bart, der täuschende Ähnlichkeit zu einem ortsansässigen Unternehmer aufweist.

500 Kilometer westlich dagegen, im niederrheinischen Kempen, ist man dem Vorzeigeunternehmer nur noch in Bitterkeit verbunden. Im vergangenen Juli ließ Hans B. Bauerfeind die Stilllegung der Fabrik zum Jahresende verkünden. Jahrzehntelang hatte das Werk für auskömmliche Gewinne gesorgt - und damit auch Bauerfeinds Expansionspläne in Zeulenroda finanziert. Bauerfeind, der das Seehotel dauersubventioniert, begründet die Schließung der Kempener Fabrik streng ökonomisch. "In Zeulenroda und Kempen wurden die gleichen Produkte hergestellt. Wir sind viel zu lange zweigleisig gefahren." Im Klartext: Eigentlich hätte man Kempen schon früher schließen müssen.

In einem in kühlen Worten verfassten zweiseitigen Einschreiben hatte Bauerfeind der Kempener Stadtverwaltung die Stilllegung mitgeteilt. Die Stadtoberen, die ihm zuvor noch in einem Steuerstreit mit dem Finanzamt den Rücken gestärkt hatten, empfanden das, gelinde gesagt, als würdelos. Unter Vermittlung des Kempener Bürgermeisters war es Bauerfeind gelungen, Steuerrückzahlungen in Höhe von 20 bis 25 Millionen Euro auf vier Millionen herunterzuhandeln. Jetzt schwillt dem Bürgermeister die Halsschlagader, wenn er die Lobeshymnen liest, die vor einigen Jahren anlässlich der Verleihung des Preises Soziale Marktwirtschaft auf den ehemals größten Arbeitgeber der Stadt gehalten wurden. "Man weiß in der Firma, dass sich Hans B. Bauerfeind wenn es nottut - die Probleme jedes einzelnen Betriebsangehörigen zu seinem eigenen Anliegen macht", hieß es da. " Jeder darf mit seinen Sorgen getrost zu ihm kommen. So ist bei allen Beschäftigten ein Gefühl persönlicher Sicherheit gewachsen, für ihren Arbeitsplatz und damit für den wirtschaftlichen Schutz ihrer Familien." Nun tat es not, aber niemand konnte mit seinen Sorgen zu Hans B. Bauerfeind kommen. Er war nämlich nicht da. Der Firmenpatriarch schickte zwei Angestellte, die vor die Kempener Belegschaft traten, die Stilllegung verkündeten und jedem, der wollte, einen Ersatz-Arbeitsplatz anboten. In Zeulenroda.

Pech für seine alte Heimat Kempen: Bauerfeind liebt nur noch Zeulenroda

Was gut war für Zeulenroda, war schlecht für Kempen. "Seit er in Thüringen war, ist Bauerfeind nicht mehr hier gewesen, das hat ihn nicht mehr interessiert", sagt Jörg Hagedorn, der Betriebsratssprecher des Kempener Werks. "Seit Jahren haben wir in Kempen keine neue Maschine mehr bekommen, investiert wurde nur noch im Osten." Von einstmals 500 Mitarbeitern waren zum Schluss noch 210 übrig. Kempen war "der Verlierer der Umstrukturierung", zitiert Hagedorn aus dem Bericht des vom Betriebsrat beauftragten Wirtschaftsprüfers. "Die Verlagerung von Produktionen führte in Kempen zu einem Absturz der Umsätze und Gewinne." In Kempen merkte man das - schon vor der Stilllegung. "Was ist denn das für ein Unternehmer, der Arbeitsplätze im Westen wegschmeißt und im sogenannten Osten dafür unmittelbar unter Gott gehandelt wird", schrieb ein Kempener in einer Mail nach einem Bauerfeind-Auftritt in der MDR-Fernsehsendung "Fakt ist ...! " im Mai vorigen Jahres. "Da soll mir keiner erzählen, er macht es aus reinem Gewissen und Liebe zur Gegend. Da könnte ich kotzen."

Abbruch West, Aufbau Ost. Kempen kriegt einen Sozialplan, Zeulenroda einen Masterplan. Bauerfeind und Bode haben noch Großes vor: Das Bio-Seehotel soll keine Insel der Nachhaltigkeit bleiben, sondern als Katalysator auf die künftige "Bio-Region Thüringer Vogtland" ausstrahlen. Die Vorstellung fällt nicht ganz leicht. Der Vogtländer zeigt sich dem Neuen gegenüber nicht immer spontan aufgeschlossen. "Beim Bode gibt's jetzt nur noch Salat und Körnerfutter", unkten die Einheimischen. Ob im Hotel jetzt vielleicht alle in Jesuslatschen herumlaufen? Ein weltverbesserischer Impetus ist nicht zu leugnen. Die "Arena für Nachhaltigkeit", die das Hotel im März zum zweiten Mal ausrichtete, endete mit einer Petition an die Bundesregierung, "was diese zu tun gedenkt, um die Reduzierung der durch Menschen verursachten Stoffströme wirkungsvoll zu unterstützen".

Während die Bundesregierung noch über der Reduzierung der Stoffströme brütet, schreitet Zeulenroda schon stramm vorneweg. Die Bauerfeind AG, das Bio-Seehotel und das nebenan gelegene Spaßbad Waikiki, das jährlich 750 000 Euro Zuschuss aus der Stadtkasse verschlingt, sollen sich nach dem Plan von Bauerfeind, Bode und Bürgermeister zu einem energieautarken Dreieck zusammenschließen, auf Basis von Biogas und Biomasse - als Keimzelle eines "energieautarken und klimaneutralen thüringischen Vogtlandes", das Bode bis zum Jahr 2020 realisiert wissen will.

Eines steht fest: Wer es hier im Vogtland schafft, der schafft es überall

Wer Bode reden hört, muss glauben, das Seehotel habe sämtliche Bauern der Region zum ökologischen Ackern bekehrt. Nun ja, im Umkreis von 25 Kilometern kann sich Küchenchef Lange mittlerweile auf immerhin ein Dutzend zertifizierte Lieferanten verlassen - Rinderzüchter, Metzger, Gemüseproduzenten, Obstbauern. Gerade hat eine alte Dame ihre Ziegenzucht ökologisch zertifizieren lassen. Nicht alle Vertragspartner haben ausschließlich auf Langes Geheiß auf Bio umgestellt, aber sie schätzen den fairen Umgang, den der Seehotel-Küchenchef pflegt, der nie um ein paar Cent feilscht. "Wir wissen genau, dass das Hotel uns jeden Monat zwei Rinder und ein Kalb abnimmt", sagt Gerhard Steinbock, Seniorchef eines Rinderzuchtbetriebs aus dem Dörfchen Helmsgrün. Lange nimmt stets die ganze Kuh, nicht nur die besten Stücke. Ab und an schaut er vorbei und schaut sich an, was er ein paar Wochen später in die Pfanne haut.

Der unverbesserliche Optimist Bode ist überzeugt, dass er dem Unternehmer Bauerfeind, der das Hotelabenteuer finanziert, auf lange Sicht sogar zu seinem Return on Investment verhilft.

"Das Bio-Seehotel wird das spirituelle Zentrum Europas", da hat er keinen Zweifel. Ein kleines Amphitheater will er bauen lassen, ein Seelengarten wird angelegt, ein Feuerberg aufgeschüttet, eine Quelle der Erinnerung sprudeln. Ein Wiesenland wird es geben und ein Schattenland. "Da wollen wir Rituale durchführen." Die Errichtung von Schwitzhütten ist geplant. "Entdecken Sie, was die Ursehnsucht des Menschen ausmacht", verspricht der Hotelprospekt. "Die Freiheit des Seins, die Grenzenlosigkeit des Allmöglichen, die Fruchtbarkeit des Liebevollen."

Was denkt ein Mensch darüber, der sein Geld mit Kompressionsstrümpfen und Prothesen verdient? Man weiß nicht, was Bauerfeind denkt, aber er handelt. Aktuell verhandelt er über den Kauf einiger benachbarter Seegrundstücke. Ab 2011 wird die Talsperre für sanften Tourismus geöffnet; bis dahin will Bode Beautyfarm, Spa und Fitnessstudio aus dem Hotelkeller holen und in ein neues Zentrum direkt am See verlagern. Angesichts der hohen Fruchtbarkeitsrate unter den Hotel-Mitarbeiterinnen, die Bode registriert, gehört auch eine Kita zum Zukunftszenario. Und Hans B. Bauerfeind ist die Idee für ein kleines Gourmet-Restaurant nicht auszureden, auf Pontons im See vielleicht.

Aber Stephan Bode ist schon längst weiter. Was zählt Zeulenroda, was Thüringen, was Deutschland? Er hat eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet - mit einer Karte von Europa, auf der an einigen Stellen das Biohotel-Logo aufpoppt. "Unser Konzept von Bio und Spiritualität", sagt er, "lässt sich fast überall multiplizieren." Auf der Europakarte erscheinen mehr und mehr Biohotel-Symbole. "Wenn du es hier schaffst, in dieser 1-Z-Lage, dann kannst du anderswo damit richtig Kohle machen." -