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brand eins 05/2006 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Rauschen verboten 
Ray Dolby brachte Plattenstudios und Hollywood den guten Ton bei. Mit seinen Patenten hat er vom Boom der Unterhaltungsindustrie profitiert wie kein Zweiter.
Jetzt steht der Unterhaltungsindustrie die nächste Wende bevor – digitales Kino und satter Klang für Mobilgeräte.
Und Dolby will aus allen Kanälen Bargeld herausfiltern
Wenn das Licht an ist, sieht das Kino so aus: Eichenfurnier an Wandpfeilern und an der Decke, an der Wand pastellfarbene Stoffe. Die Sessel sind bis zum Boden mit schwerem Stoff bezogen, an der Decke baumeln Leuchten in einer Art Jugendstil. Gut, dass im Kino irgendwann das Licht ausgeht.
Der Vorfühlraum der Dolby Laboratories in San Francisco ist eines der technisch aufwändigsten Kinos der Welt: Hochtechnologie, die sich in einer Betonhülle im dritten Stock einer alten Bindfadenfabrik aus dem Jahr 1910 befindet. Der Beton ist auf Neopren-Scheiben gelagert, um Schwingungen aufzufangen.
Der Stoff an der Wand verbirgt mehrere Dutzend Lautsprecher und variable Schallwände, die dazu dienen, die Akustik fein zu justieren. Die Stühle sind so penibel bezogen, dass der Sound auf jedem der 65 Plätze gleich klingt - ganz egal, ob der Vorführraum voll ist oder leer. In einem normalen Kino würde sich der Schall unter den Sitzflächen verbreiten, das stört den Klang. Der Vollbezug muss auch sein, weil sich unter den Sesseln Klangtunnel verbergen, in denen sich die satten Bässe entfalten. In diesem Raum kann man buchstäblich eine Stecknadel fallen hören.
Tim Partridge, Chef der Professional Division von Dolby und damit für das Geschäft mit Hollywood verantwortlich, betont noch mal: "Das ist einer der besten Vorführräume der Welt." Dem kann niemand widersprechen. Und täte er es, hörte ihn keiner. Denn kaum hat Partridge seinen Satz zu Ende gesagt und dem Vorführer ein kleines Handzeichen gegeben, bricht die Hölle los. Der "King-Kong"-Trailer. Und dann Disneys "Himmel und Huhn" ("Chicken Little") in 3D. Der Film ist ein Wendepunkt für Dolby: "Himmel und Huhn" ist ganz und gar digital - digital gedreht, bearbeitet, vertont, übermittelt und nun, in Dolbys Spezialkino, digital vorgeführt.
Die unbestreitbar beeindruckenden Effekte sind das Ergebnis von 40 Jahren Tüftelarbeit und einem einzigartigen Geschäftsmodell. Dolby ist zum Synonym für Rauschunterdrückung und Surround-Sound geworden. Beides ist in der Unterhaltungselektronik fast so wichtig wie Strom. Deshalb stecken Dolby-Lizenzen in rund zwei Milliarden Elektronikgeräten weltweit.
Jetzt steht Dolby vor zwei neuen, großen Herausforderungen: Zum einen ist das Unternehmen seit Februar 2005 an der Börse notiert und damit zum ersten Mal unter Beobachtung von Wall Streets Analysten. Zum anderen verlässt Dolby mit der Einführung komplett digitaler Kino-Anlagen und vernetzter Unterhaltung die wohlvertraute Welt des Klangerlebnisses alter Prägung. Das Unternehmen muss beim Geschäft mit bewegten Bildern mitspielen, bevor die alten Einkommensströme versiegen.
Dolby ist wohl das beste Beispiel für eine so genannte Ingredient Brand, also eine Marke, die Bestandteil anderer Marken ist, die aber niemand wirklich erkennt. Deswegen zunächst einmal der Hinweis: Es gibt wirklich einen Mister Dolby. Er heißt Ray, ist 72 Jahre alt, hat graue Haare und sieht aus wie Richard Nixons gütiger Bruder. Ein langes Gesicht mit markantem Kinn und scharfen Wangenknochen, eine große Nase, hoch gewölbte dunkle Brauen und darunter scharfe Augen, die nur selten lächeln. Ein Ingenieur der alten Schule.
Das ist zumindest der Eindruck, den der Mitschnitt einer einstündigen Podiumsdiskussion der amerikanischen Toningenieursvereinigung AES vermittelt, den Dolbys Pressedame zur Verfügung stellt. Denn Ray Dolby gibt keine Interviews mehr, seitdem er sich aus dem aktiven Management zurückgezogen hat. Er besucht nur einmal die Woche den Firmensitz in San Francisco und geht durch das Werk beim Flughafen, in dem heute noch Dolbys Hardware hergestellt wird. Er ist zur weitgehend unsichtbaren Legende zu Lebzeiten geworden, spendet mit seiner deutschen Frau Dagmar Millionen für embryonale Stammzellenforschung oder spürt den Kaiserpinguinen in der Antarktis nach.
Unauffällig im Hintergrund - das entspricht auch seinem Geschäftsmodell. Wenn Kinofilme nach dem Dreh bearbeitet und auf mehrkanaligen Surround-Sound getrimmt werden, sitzt in den meisten Fällen einer der 100 Dolby-Tonberater mit im Studio und hilft beim Mischen des Soundtracks. Diesen Service bietet Dolby zum Freundschaftspreis von rund 10 000 Dollar - bei Filmbudgets im zweistelligen Millionenbereich nicht der Rede wert. Die Großzügigkeit hat einen Grund, denn für den Decoder in jedem Lichtspielhaus zahlen erst die Kinoketten und dann die Verbraucher gutes Geld. Jedes Mal, wenn ein CD- oder DVD-Spieler, eine Heimkino-Anlage, ein Personal Computer, eine XBox oder Playstation-Spielkonsole über die Ladentheke geht, klingeln bei Dolby die Kassen. Als vor einigen Jahren ein Audio-Standard für hoch auflösendes Digitalfernsehen festgelegt wurde, kam der ebenfalls von Dolby.
Die Geschäftsidee: Schöne Musik hören - ohne lästiges Grundrauschen Mit diesem Geschäftsmodell für Profis und die breite Masse hat die kalifornische Firma bislang glänzend verdient. In den Geschäftsjahren 2001 bis 2005 stieg der Umsatz von 124,6 Millionen auf knapp 328 Millionen Dollar. Der Reingewinn verzehnfachte sich im gleichen Zeitraum von 5,6 auf 52,3 Millionen Dollar. Die Nettomargen beim Geschäft mit dem guten Ton liegen bei enormen 80 Prozent - das hat vor allem damit zu tun, dass Dolby drei Viertel seiner Einnahmen aus Lizenzgebühren bezieht. Was Ray & Co. einmal entwickelt haben, wirft über die Lebensdauer der Patente milliardenfach Gebühren ab. Dolby ist für den Klang, was Microsoft für den PC ist - eine Maut-Station, die sich kaum umgehen lässt.
Das mag rückblickend wie ein weise geplanter Geniestreich aussehen, in Wirklichkeit entwickelte es sich schrittweise. Dolby war in erster Linie Ingenieur, ein audiophiler Bastler, der seiner Neigung nachging und daraus mehr notgedrungen ein Geschäft machte, weil er nicht alles selbst schräubeln konnte. Im kleinen Firmenmuseum im ehemaligen Lagerhaus, das mit großen Stahlstreben erdbebensicher gemacht wurde, sind die Meilensteine auf dem Weg zur Weltmarke zu besichtigen. Da steht der große Quader A301, den Dolby 1966 als erstes Rauschunterdrückungsverfahren an das Plattenlabel Decca in London verkaufte. Daneben hinter Glas das erste Album, das mit der neuartigen Technik aufgenommen wurde: Mahlers Symphonie Nr. 2.
Für die Plattenstudios war Dolbys Erfindung unerhört, denn sie konnten zum ersten Mal das bei Magnetbändern unvermeidliche Grundrauschen minimieren. Dolbys Methode war ein schlauer Filter. Er ließ laute Töne ungehindert durch, während leise Töne am unteren und oberen Ende des Frequenzspektrums bei der Aufnahme verstärkt wurden. Das umgekehrte Verfahren war beim Abspielen nötig, um die leisen Töne wieder zurückzunehmen und das Rauschen damit praktisch unhörbar zu machen. Das war nicht nur ein technischer Kniff, sondern der Keim für ein später florierendes Geschäftsmodell. Seitdem ist Dolby beim Geschäft mit den Klängen dabei.
Dolby tüftelte bereits an der High School an Audio- und Video-Anlagen. In Redwood City, noch bevor das Tal südlich von San Francisco den Spitznamen Silicon Valley erhielt, arbeitete der Sohn eines Immobilienmaklers im Schulkino, als er 1949 Alex Poniatoff traf, den Gründer der Ampex Corporation. Der war, von Telefunken inspiriert, gerade dabei, das erste amerikanische Tonbandgerät zu bauen. Für Ampex schlug sich Dolby nach den Hausaufgaben mit Kalibrierungsbändern herum, damit die teuren Kästen funktionierten. Während er in Stanford studierte, blieb Dolby der Firma treu und war von 1951 bis 1957 einer der führenden Köpfe bei der Entwicklung des ersten Videorekorders. "Als ich das Gefühl hatte, dass meine glorreichen Tage bei Ampex vorbei waren, wollte ich etwas Esoterisches studieren", begründet Dolby rückblickend seinen Entschluss, der Firma den Rücken zu kehren. Er ging mit einem Stipendium an die englische Universität Cambridge und promovierte in Röntgen-Mikroskopie. Dann arbeitete er für die Uno zwei Jahre im indischen Staat Punjab, um dort ein Institut für wissenschaftliche Instrumente einzurichten. Nach dem Ausflug in die Dritte Welt wollte er sich selbstständig machen, das war Dolby mit Anfang 30 klar. Sein Fachgebiet der Röntgentechnik erforderte hohe Anlaufinvestitionen, also erinnerte er sich an seine Jugendliebe: Tonaufnahmen. Er kratzte 25 000 Dollar zusammen und gründete 1965 in London mit vier Angestellten die Dolby Laboratories. Um die Toningenieure in Plattenstudios für sich zu gewinnen, bedurfte es nicht allzu großer Überzeugungsarbeit, denn es gab bis in die siebziger Jahre kaum Konkurrenz bei der Rauschunterdrückung. Entscheidend war 1968 der Tipp des US-Audiopioniers Henry Kloss (der Vater des heutigen Kultradios Tivoli), der Dolby riet, eine einfächere Rauschunterdrückungstechnik für Endverbraucher zu entwickeln: Dolby B. Das KLH Model 40 war das erste Tonbandgerät in Tischgröße, bei dem sich die lästigen Nebengeräusche per Knopfdruck wegzaubern ließen.
Was bei Plattenaufnahmen noch relativ einfach zu lösen war, stellte bei Filmproduktionen ein größeres technisches Problem dar, an das sich das junge Unternehmen erst später heranwagte. Die Aufnahmetechnik und der Klang in den Kinos hatten sich seit dem ersten Tonfilm 1927 nur wenig verbessert. Erste Versuche wie Disneys "Fantasia" mit Rundumklang aus drei großen und 65 kleinen Lautsprechern waren teure Experimente (die Ausrüstung wurde zudem während des Zweiten Weltkriegs von einem deutschen U-Boot versenkt).
Doch schon 1971 hatte Dolby das Tonproblem für Filmstudios gelöst und seinen ersten Mono-Filmprozessor auf den Markt gebracht. Wenig später gelang ihm der Coup, Stereo-Sound auf dem 35 Millimeter breiten Zelluloidstreifen unterzubringen. Der Durchbruch für Stereoklang im Kino war gleichzeitig der Beginn der " Krieg-der-Sterne"-Saga 1977. Dolby Surround erlebte seine Premiere 1979 mit dem Hubschrauber-Gedröhne im Vietnam-Epos "Apocalypse Now". Bis zum digitalen Soundtrack vergingen allerdings noch einige Jahre. "Batmans Rückkehr" 1992 war der erste Film, bei dem der Fünf-Kanal-Soundtrack optisch kodiert in kleinen Quadraten zwischen den Führungslöchern am Rand des Films untergebracht war.
Danach setzte ein regelrechtes Wettrüsten um den bombastischsten Kinoklang ein. Regisseur Steven Spielberg lancierte für seinen Film "Jurassic Park" 1993 mit Unterstützung von MCA/ Universal Studios den Digital Theater Sound (DTS), der klanglich überlegener, aber aufwändiger war, weil der Ton auf einer Extra-CD mitgeliefert wurde. Sony brachte im selben Jahr den SDDS-Standard mit acht Kanälen heraus. Heute werden die meisten Filme und DVDs mit allen drei Tonstandards ausgeliefert.
Der Markt der Ton- und Filmstudios ist überschaubar. Deshalb stellt Dolby in zwei Werken in England und Kalifornien bis heute die teuren Prozessoren für Studios, TV-Sender und Kinos selbst her, denn Fremdfertigung rechnet sich bei niedrigen Stückzahlen, vielen Konfigurationen und schnellem Entwicklungstempo nicht. Um die Technik unters Konsumentenvolk zu bringen, war ein Lizenzierungsprogramm nötig, das seit den Siebzigern besteht. Dolby vergibt weltweit Lizenzen, um sein geistiges Eigentum in die Elektronik von Kassettendecks, CD- und DVD-Spielern sowie in jüngster Zeit auch von PCs, Kabelempfängern und tragbaren Geräten zu integrieren, sofern sie die Qualitätsanforderungen im Testlabor in San Francisco erfüllen. Für die Geräte-Hersteller ist die Nutzung mit einer geringen Verwaltungsgebühr verbunden -bezahlen müssen die Elektronikmarken, die die Hauptplatinen in ihre Produkte stecken.
Dafür braucht man eine weltweit arbeitende Bürokratie. Die erste Anlaufstelle entstand bereits 1971 in Tokio, heute gibt es Büros in Peking, Schanghai, Hongkong und London. Rund 500 Inhaber von Systemlizenzen in 30 Ländern - von klassischen Hi-Fi-Marken bis zu Software-Entwicklern für Computerspiele -zahlen für jedes verkaufte Gerät eine Art Dolby-Steuer. Vorausgesetzt, sie lassen Prototypen prüfen und melden korrekte Absatzzahlen - was gerade im boomenden Elektronikmarkt China nicht immer der Fall ist. " Wir bedienen im Lizenzgeschäft heute fünf Märkte, aber DVD war in den vergangenen Jahren ganz klar die treibende Kraft", erklärt Marty Jaffe, bei Dolby für das operative Geschäft zuständig. Auf die Verbraucherelektronik entfällt die Hälfte des Lizenz-Umsatzes. So stieg die Zahl verkaufter DVD-Spieler weltweit von 13,5 Millionen im Jahr 2000 auf 89,9 Millionen in 2003. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 88 Prozent. Laut Marktforscher IDC neigen sich die Boom-Zeiten jedoch dem Ende zu. Bis 2008 erwarten Experten bei DVD-Anlagen nur noch Zuwächse von 17 Prozent. Wie also wird Dolby in Zukunft Geld verdienen?
Die Zukunft: digitales Fernsehen, digitales Kino und ehrgeizige Hobby-Filmemacher Nachholbedarf sieht Jaffe beim Digital-Fernsehen. Nur 19 Millionen von 275 Millionen Mattscheiben in den USA konnten Ende 2005 Bild und Ton digital empfangen. Europa liegt hier klar vom - mehr als 60 Sender auf dem Kontinent strahlen ihre Programme digital aus. Und zwar im Format Dolby Digital 5.1.
Die Verbindung von Audio und Video im Netz ist eine noch größere Zukunftschance. "Personal Computer sind mit 25 bis 30 Prozent des Umsatzes bereits der zweitgrößte Lizenzmarkt", sagt Jaffe. Außerdem sind viele Geräte heute multimedial - Videos und Sounds lassen sich auch auf Handys und iPods speichern.
All das sind potenzielle Geschäftsfelder für Dolby. Man muss sie nur erschließen. Das ist der Job von Ramzi Haidamus. Er war 2002 für die Ausgründung des Tochterunternehmens Via Licensing verantwortlich. Via war die logische Erweiterung von Dolbys Patent-Goldgrube, nur dass diesmal Patente aus dem eigenen Haus mit dem geistigen Eigentum anderer Technologiefirmen gebündelt und vermarktet werden: "Wir wollen auf dem Erfolg der DVD aufbauen, um in neue Märkte vorzustoßen. Ich sehe das als Dominoeffekt, der vom Computer bis zu Mobiltelefonen und anderen tragbaren Geräten reicht. Dolby ist die Klammer, die all das verbindet." Dabei wird Dolby nicht mehr so sichtbar sein wie früher. Früher gab es einen Dolby-Knopf an Stereoanlagen oder ein Logo auf dem Kassettendeck. Heute hingegen sieht man vielleicht das Dolby-Logo kurz auf der Anzeige seines DVD-Spielers oder auf der Leinwand, bevor ein Film beginnt. Aber in den meisten Fällen haben die Leute keine Ahnung, dass die Software in ihrem Gerät aus einem Labor in San Francisco stammt.
Apple ist das beste Beispiel. Dass Dolby an jedem iPod und an jeder Kopie der iTunes-Musik-Software mit verdient, wissen die wenigsten. Apple ist einer von dutzenden Lizenznehmern, die das von Dolby mit entwickelte MPEG4-AAC-Audioformat über Via Licensing nutzen. Allein im vierten Quartal 2005 verkaufte der Computerhersteller rund 14 Millionen der tragbaren Musikgeräte und musste dafür rund 5,3 Millionen Dollar an Via abführen. Doch Haidamus möchte mehr. Nach dem Vorbild der Intel-Inside-Kampage fände er es wunderbar, wenn die Hersteller das Dolby-Etikett auf ihre Geräte pappen. "Wir müssen den Verbraucher dahingehend erziehen", sagt Haidamus, weiß allerdings, dass viel Arbeit vor ihm liegt. "Noch geht die Nachfrage von den Herstellern aus." Dolbys Vorteil ist sein Ruf. Anders als Intel muss der Sound-Konzern keine teuren Kampagnen für die Hersteller mit finanzieren. Im Gegenteil: Laptop-Produzenten sehen das Logo mit dem markanten gespiegelten D als Chance, sich auf einem zunehmend austauschbaren Elektronikmarkt zu differenzieren. Mit der Neben-Marke Audistry versorgt Dolby Hersteller, die den Klang ihrer Geräte verbessern wollen. Vor allem im Mobilfunk, wo der Sound bis heute eher mies ist.
Bei dem Buhlen um mehr Aufmerksamkeit setzt die Firma auf einen weiteren Trend: Technisch aufgemotzter Sound, bei dem Raumklang suggeriert und Bässe verstärkt werden, ist längst nicht mehr nur die Domäne von Toningenieuren in Hollywood. Immer mehr Menschen wollen selbst Tonmeister spielen. Die neuesten Videokameras besitzen fünf Mikrofone und erlauben jedem Hobbyfilmer, den Ausflug in den Tierpark im Surround Sound auf DVD zu brennen und sich zu Hause wie ein Profi zu fühlen, wenn beim Elefantengebrüll die Wände wackeln.
Dieses Aha-Erlebnis in alle möglichen Unterhaltungsformate zu übersetzen ist der Schlüssel für die Zukunft von Dolby. "Wir bewegen uns auf eine Welt der Rundum-Unterhaltung zu", sagt Steve Forshay. Der 51-jährige Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist seit 1982 bei Dolby. Forshays Abteilung umfasst rund 170 Ingenieure und Entwickler - etwa ein Fünftel der gesamten Belegschart - und hat ihr Budget in den vergangenen drei Jahren von 18,5 auf 30,5 Millionen Dollar fast verdoppelt. Der Börsengang, bei dem Dolby Anfang 2005 fast eine halbe Milliarde Dollar erlöste und seinen Gründer zu einem der 400 reichsten Amerikaner machte, hat nach Forshays Ansicht nichts an der langfristigen Ausrichtung des Unternehmens geändert. "Wir rechnen bei der Produktentwicklung in Jahren, und Wall Street denkt in Quartalen. Daran müssen wir uns gewöhnen, aber es hat die Innovationskultur und das Konsensprinzip, nach dem wir Entscheidungen fällen, nicht verändert." Wer bei Dolby arbeitet, ist wohl nicht zuletzt deshalb oft zwei Jahrzehnte oder länger dabei.
Die Chance: ausgerechnet der Hang zum Sparen und der Drang nach mehr Sicherheit Forshay verbringt in diesen Monaten viel Zeit damit, über die Zukunft des Kinos nachzudenken. Der Start des Disney-Films "Himmel und Huhn" im November in den USA war der Testballon beim bislang größten Strategiewechsel des Unternehmens. Zum ersten Mal bietet Dolby ein komplettes System für digital gespeicherte Filme an. Das so genannte Digital Cinema System ist eine komplett im eigenen Haus entwickelte Kombination aus Server und Abspielgerät, die Zelluloid ablösen soll. "Es ist der logische nächste Schritt beim Übergang von analoger zu digitaler Technik. Erst der Ton, dann das Bild", erklärt Tim Partridge, der schlaksige Brite, der seit 1984 bei Dolby arbeitet.
Der Druck geht von Hollywood aus. Die großen Studios machen sich seit Jahren Gedanken darüber, wie sie die Kosten für Vertrieb und Vorführung reduzieren können. Herkömmliche Filmrollen müssen nicht nur für rund 1000 Dollar pro Kopie vervielfältigt werden, sie verschleißen auch mit jeder Vorstellung und sind leichte Beute für Piraten, die oft Raubkopien ziehen, noch bevor die Endfassung die Kinos erreicht hat. Wenn man Filme komplett digitalisierte, so die Überlegung, wäre nicht nur die Vorführqualität über Monate oder Jahre hinweg gleich bleibend hoch, auch die Kopier- und Kurierkosten von rund einer Milliarde Dollar im Jahr ließen sich einsparen. Außerdem erhoffen sich die Studios durch eine komplizierte Verschlüsselung mehr Schutz gegen Raubkopien. Die Kosten sind allerdings hoch: Kinobetreiber, die nur Dolby-Sound wollten, konnten für 10000 Dollar einfach einen Prozessor an ihr altes Gerät anstöpseln - die Umstellung auf digitales Bild und Ton kostet gut das Zehnfache.
So kommt der Fortschritt eher zäh voran: Von den weltweit rund 120000 Kinos waren bis Anfang März 2006 erst rund 800 digital ausgestattet, 257 davon in Europa und davon 32 in Deutschland. Denn wer seine alte Technik komplett herausreißt, kann keine Filme zeigen, solange es nicht genügend digitalen Nachschub gibt. Trotzdem zweifeln Branchenkenner nicht daran, dass das Kino digital wird.
Dolby wolle, sagt Manager Jaffe, bei den digitalen Videosignalen wie heute schon bei Audio einen Marktanteil von 80 Prozent erreichen. Dass Dolby massiv in digitale Sicherheitstechnik investiert, soll eher nicht in den Vordergrund gestellt werden. "Das ist im Gegensatz zu gutem Ton ein notwendiges Übel, das wir dem Verbraucher nicht unbedingt auf die Nase binden wollen", gibt Lizenzchef Haidamus zu. "Aber Copyright-Management könnte durchaus ein Geschäft für uns werden." Dolby investiert vorerst lieber in anderes. Im Auftrag der Disney Corporation installierte Dolby die neue Technik in insgesamt 84 Kinos. Die mussten dafür nichts bezahlen, stattdessen bezieht Dolby in den kommenden Jahren eine so genannte Virtual Fee von Disney, eine Erstattung der früher fälligen Kopiergebühren. Bei Dolby sieht man das als Zukunftsinvestition: Fünf bis zehn Jahre, schätzt Partridge, wird es dauern, bis digitales Kino der Standard in Europa und Amerika ist. Aber noch zaudere die Branche eben.
Die Skepsis müsste bei Dolby eigentlich auf Verständnis stoßen: Ray Dolby sagte 1987 in einem Interview mit der "New York Times" auf die Frage, ob digitale Aufnahmen schon bald die analoge Technik verdrängen würden: "Ich will die Anhänger der Digitaltechnik nicht in die Pfanne hauen. Aber ich glaube, dass analoge und digitale Technik in den Studios eine Weile koexistieren werden. Dann wird die Vernunft die Oberhand gewinnen, und die digitalen Systeme werden verstauben." Wenn der Chef sich ausnahmsweise geirrt haben sollte, kann Dolby eigentlich nichts passieren.
