Ausgabe 04/2016 - Schwerpunkt Richtig bewerten

Maßstabsgerecht

The illiterate of the 21st century will not
be those who cannot read and write, but those
who cannot learn, unlearn and relearn.

Alvin Toffler

1. Im Cockpit 

Wie bewertet man die Dinge? Kommt darauf an, was gerade los ist. Nehmen wir mal an: einiges. Wir sind Piloten und sitzen im Cockpit einer Verkehrsmaschine, in dem es zwischen 300 und 900 Knöpfchen und Anzeigen gibt, die uns helfen sollen, die Lage unseres Flugzeugs zu bewerten. Solange alles normal aussieht, ein Routineflug also, geht es mit gut 900 Sachen in zehn Kilometern Höhe und bei minus 50 Grad Celsius Außentemperatur drinnen beschaulich zu. Schön, dass es einen Autopiloten gibt.

Im wirklichen Leben heißen diese Autopiloten Kulturen, Systeme oder einfach Gewohnheiten. Kein Mensch kommt auf die Idee, einen Knopf zu drücken, wenn es läuft, alles geht automatisch. Instrumentenflug.

Nun aber gibt es auch oben unausweichlich Ärger, Schlechtwetterzonen, Turbulenzen, Seiten- und Gegenwind, der ganze Kram. Wenn es zu arg wird, sagt der Autopilot – so ist das vorgesehen – einfach Tschüs. Der Instrumentenflug, den die Fachleute auch Blindflug nennen, ist zu Ende.

Nun hat der Mensch wieder das Ruder in der Hand, und das Einzige, was hilft, ist Fliegen auf Sicht. Das heißt so viel, wie die Lage selbst bewerten, statt sie sich immer nur bewerten zu lassen.
Ja, können wir das eigentlich noch, ist das nicht zu viel verlangt?

2. Im Nebel 

Nein, es ist nicht zu viel, sondern ganz natürlich. Bewerten ist der evolutionäre Normalzustand, der nur dank sehr außergewöhnlicher und für uns recht günstiger Umstände – Wohlstand durch Marktwirtschaft – ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Generell gilt aber: Der Blindflug ist die Ausnahme, in Zeiten der Veränderung wird auf Sicht geflogen. Wir bewerten ständig: andere, die Umwelt, Dinge, Sachverhalte und Ideen. Unsere Sinnesorgane sind die Schnittstelle zur Welt, sie machen aus dem, was in ihr passiert, das, was für uns wichtig oder nebensächlich ist. Wenn sich irgendwo die stetige Verbesserung der Evolution zeigt, die Fähigkeit, sich der Welt anzupassen, dann an diesen Sensoren. Je genauer sie sind, desto besser kommen wir mit der Welt zurecht. Alles, was wir brauchen, um die Welt zu verstehen, haben wir dabei. Aber wir sind betriebsblind geworden oder zumindest fehlsichtig.

Man starrt auf Dinge, die gar nicht wichtig sind, übersieht dafür aber Wesentliches. Zahlen beispielsweise sind, wie wir noch sehen werden, eine nützliche Sache, aber wenn man nicht versteht, was sie bedeuten, verkommen sie zum Selbstzweck und richten mehr Schaden an, als dass sie Nutzen bringen.

Ein weiteres Bewertungsproblem unserer Zeit besteht darin, dass Leute einen Sehfehler entwickelt haben, bei dem die Optik falsche Größenverhältnisse vorgaukelt. Kleine Probleme werden überschätzt – und große Probleme übersehen. Massenhaft verbreitet ist eine Fehlsichtigkeit, bei der Daten, auch Zahlen, Wörter und Symbole ganz unterschiedlich interpretiert werden. Jeder hört und liest, was er hören und lesen will, notfalls zwischen den Zeilen. So kommt es nicht zu einer Neubewertung der Lage, sondern immer nur zur Bestätigung dessen, was man schon kannte, ahnte oder „immer schon wusste“.

Der Evolution kann man das nicht in die Schuhe schieben. Die automatische Bewertung ist eine Kulturfrage. Das ist deshalb gefährlich, weil wir alles, was unsere Kultur uns vorgaukelt, für bare Münze und ewige Werte nehmen. Nach 200 Jahren Industriekapitalismus zerbröckeln die alte Wertewelt und ihre Bewertungsskala schon seit Jahrzehnten: Nationalstaaten, Arbeits- und Lebensformen, die Frage nach dem Sinn dessen, was man tut, Grenzen und Begrenzungen, sie alle stehen zur Disposition.

Ihre alten Maßstäbe werden der neuen Welt nicht mehr gerecht. Doch das alte Bewertungsregime gibt so leicht nicht auf, es hat die Gewöhnung, die Routine, die Scheinsicherheit auf seiner Seite. Daran muss man sich messen lassen. Auf Veränderer, Innovatoren wartet doppelte Arbeit: Sie müssen sich nach den alten Bewertungsmethoden ihr Zeugnis ausstellen lassen, gleichsam aber nach neuen, praktikablen Wegen suchen. Die Klausur wird nach alten Regeln geschrieben, Instrumentenflug also.

Das läuft so wie der Unterricht an den meisten Schulen: Man lernt nicht, um die Welt selbst kritisch zu beurteilen, um sie besser zu machen, sondern fürs Abitur. Hat man das erst mal in der Tasche, muss man nur noch in der Berufsausbildung und im Job so tun, als ob die alten Kriterien die richtigen wären. Bleibt dann netto noch ein wenig Zeit übrig, kann man ja ein wenig herumspinnen.

Die Folge: Panik im Cockpit, Planlosigkeit, flackernde Augen, die einen Horizont suchen. Hysterie, Untergangsstimmung, Resignation – genau das Gegenteil dessen, was man braucht, breitet sich aus. Das ist menschlich, aber gefährlich. Wer fliegen will, muss nüchtern bleiben.

3. Verzerrungen 

Jede Bewertung, die die Folge einer Messung ist, hat ihre Fehlerquote. Das Ergebnis ist gegenüber der Wirklichkeit immer ein wenig verzerrt. Doch dieser Tage erreicht die Differenz zwischen dem, was man misst, und dem, was ist, neue Rekorde. Die Sozialpsychologen haben einen Namen dafür: „Kognitive Verzerrung“.

Die Fehlmessungen sind das Ergebnis dessen, was die englische Sprache mit dem Wort „biased“ beschreibt – also „befangen, voreingenommen, parteiisch, verzerrt, polarisiert“. So reagieren Menschen meistens auf rapide Veränderungen von außen, sie ziehen sich auf extreme, grundlegende Standpunkte zurück, in denen Differenzierungen und Details keinen Platz mehr haben. Freund oder Feind? Es gibt keine Zwischentöne.

Das ist eine Störung, die die Grundformel menschlicher Bewertungsverfahren – Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen – außer Kraft setzt. Besonders das Erinnern und Denken sind die Spaßbremsen des Vorurteils. Denn diese Vorgänge führen dazu, dass man differenzierter und in Alternativen statt in vorgefassten Meinungen denkt. Der ganze Sinn des Denkens ist es ja, aus festen Routinen und Abläufen auszubrechen, weil man sich so etwas anderes vorstellen kann. Die Lage wird dynamisch beurteilt, weil die Welt und die Umwelt auch nicht stillstehen. Die Wirklichkeit ist das, was bei diesem Check, der immer wiederholt werden muss, herauskommt. Eine neue Situation sollte neu beurteilt werden.

Was man dazu braucht, nennt man Zweifel. Das ist ein schwieriges Wort, weil Unentschiedenheit eine durchaus quälende Sache ist – auch deshalb, weil sie viel Arbeit macht. Die Entscheidung geht nicht hoppla hopp, so aus dem Bauch heraus, sondern verlangt Grundlagenarbeit. Man muss sich umsehen. Sind die Dinge so, wie sie scheinen? Vor der Aufklärung war der Zweifel eine Sünde, was René Descartes dazu anstachelte, gerade diesen Zwischenzustand als „der Weisheit Anfang“ zu bezeichnen. Ohne Zweifel gibt es nichts Neues, kein neues Denken, keinen Fortschritt, keine Bewegung. Wer vernünftig bewerten will, muss erst mal zweifeln.

Dafür haben die Leute im späten Konsumkapitalismus echt keine Zeit. Erinnern, Denken, Zweifeln – das dauert einfach zu lang. Man muss die ganze Zeit irgendetwas bewerten und einordnen, da kann man doch nicht verlangen, auch noch darüber nachzudenken, ob das überhaupt einen Sinn ergibt.

Kognitive Verzerrungen sind eine Art Vorurteilsoptimierung. Manchmal werden sie Meinung genannt, manchmal kommen sie großspurig als Haltung und Überzeugung daher, aber sie sind immer aus den gleichen Materialien zusammengeschustert: simplen Vorurteilen, Wunschdenken und einem Schuss Selbsttäuschung. Zweifeln ist wieder Sünde, wie vor der Aufklärung.

Das formt eine Gesellschaft, die sich tatsächlich darauf einlässt, die im 20. Jahrhundert verheerenden Freund-Feind-Bilder von Links und Rechts wieder aufzugreifen und sich zu eigen zu machen. Was für eine Heidenangst vor der Veränderung muss man haben, dass man sich lieber auf den Wahnsinn des Totalitarismus von gestern einlässt als auf die offene Suche nach neuen Wegen für eine neue Welt?
Diesen Blindfliegern darf man nicht die Lufthoheit überlassen.

4. Alternativlos 

Leute flüchten sich in Extreme – und verteidigen das, indem sie behaupten, das diene nur dem Schutz vor noch größeren Extremen. Zweifel und Neubewertung unterbleiben aus Angst davor, die letzten Sicherheiten zu verlieren. Das ist eine populäre These in allen Transformationsprozessen geworden – und sie hat durchaus ihre Berechtigung. Angst macht unbeweglich.

Aber noch weit mehr trägt sie dazu bei, dass sich nichts bewegt und alte Bewertungssysteme erneuert werden: Es ist das enorme Beharrungsvermögen von Menschen, die ihre Ruhe haben wollen, eine Art soziales Trägheitsgesetz. Verhaltensökonomen und Sozialpsychologen beschäftigt zunehmend der sogenannte Default Effect, benannt nach dem englischen Wort für Voreinstellung oder Standard. Wer neu bewerten soll, muss neu entscheiden – und das ist Arbeit. Um die zu vermeiden, wird die bestehende Option schöngeredet, der Status quo überhöht, Alternativen werden ignoriert. Während sich Extremisten in ihrer Welt einigeln und auf alles schießen, was sich draußen bewegt, tun die Defaulters nichts. Sie wollen sich nicht entscheiden, sie nehmen, was da ist. Der Default Effect ist eine Art Analphabetismus des Bewertens und Entscheidens.

Viele Menschen haben nie gelernt, die Welt kritisch mit ihren eigenen Augen zu bewerten – und sich nicht die moralischen und technischen Maßstäbe dafür einfach vorgeben zu lassen. Machthaber haben dieses Verhalten zu jeder Zeit gefördert, denn fast immer lag in der Wahrung des Status quo auch ihr Vorteil. Doch die alte Logik zerbröckelt, und so wird aus einem Vorteil ein Problem.

Der Transformationsbedarf ist so hoch, dass sich Staat und Unternehmen unmündige, auf Alternativlosigkeit gepolte Bürger und Mitarbeiter schlichtweg nicht länger leisten können. Selbstständigkeit ist die Fähigkeit, die Welt und die eigene Lage mit eigenen Augen zu sehen und dann entsprechende Entscheidungen zu treffen – während Unselbstständigkeit immer der Fürsorge anderer bedarf.

Selbstbewerter haben ein höheres Selbstbewusstsein, was sich darin äußert, dass sie auch gegen vorherrschende Meinungen und Lehren antreten, wenn ihre kritische Prüfung der Wirklichkeit ein anderes Bild liefert als das der Masse. Und schließlich geht es bei der vollständigen Bewertung der Lage natürlich auch um Selbstkritik: Akzeptiert man auch, dass man sich selbst ändern sollte, wenn die Lage sich verändert hat? Man kann all diese Fragen an einem Dauerbrenner moderner Sozialstaaten aufhängen, der Bewertung des Sozial- und Gesundheitssystems.

In den OECD-Staaten machen die Aufwendungen dafür den größten Teil der Staatsausgaben aus, so auch in Deutschland, wo im Jahr 2014 eine Sozialleistungsquote von 29,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnet wurde – bei einer Staatsquote von 44,7 Prozent. Je mehr für Krankheiten, Pflege und Soziales ausgegeben wird, desto weniger bleibt für Bildung, Forschung und Entwicklung übrig, also den notwendigen Grundlagen dafür, dass man auch künftig noch etwas umzuverteilen hat.

Besonders teuer sind die sogenannten Zivilisationskrankheiten, die mit Ernährung, Bewegung und Genussmitteln zu tun haben, aber auch mit Stress und Überarbeitung. Geheilt wird, wenn überhaupt, mit teurer Reparaturmedizin. Natürlich wäre es besser, es durch selbstkritische Einsicht erst gar nicht so weit kommen zu lassen.

Was für die Gesundheit gilt, lässt sich leicht auf das Umweltbewusstsein übertragen, etwa die Frage, ob man wirklich so viel Individualverkehr braucht oder ob man nicht besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gleich – siehe Gesundheit, siehe Synergieeffekte – mit dem Fahrrad fahren sollte. Diese ganzen Autofahrer, Fleischfresser, Biertrinker und Gelegenheitsraucher bewerten ihr Risiko falsch, das ist die Botschaft. Sie wollen bei dem bleiben, was sie haben, nichts neu bewerten, sondern weitermachen wie bisher. Das aber ist nicht drin.

Deshalb muss man sie an die Hand nehmen, führen, ja, etwas manipulieren, damit sie den neuen Maßstäben an Gesundheit und Umweltverträglichkeit entsprechen. Wie macht man das? Durch sanftes, aber beständiges Anstupsen, auf Englisch Nudging. Man zwingt die Leute nicht, das gäbe zu große Konfrontationen, Reibungsflächen und politischen Ärger, nein, man stupst sie auf den richtigen Pfad.

 

5. Nudge, Nudge 

Der Begriff Nudging geht auf den amerikanischen Juristen Cass Robert Sunstein zurück, der mit seinem Landsmann, dem Verhaltensökonomen Richard Thaler, das Thema vor sieben Jahren der Öffentlichkeit vorstellte. Nudging versteht sich selbst als eine Form des „libertären Paternalismus“, also einer freizügigen Form staatlicher Fürsorglichkeit.

Seid einsichtig, Leute! Was hat der Staat und seine unzähligen willigen Helfer in den vergangenen Jahrzehnten den Leuten nicht alles angeboten, um das anzunehmen, was man dort für Vernunft hält – für den einzigen richtigen Weg! Die Erziehungsinstrumente – Steuern, Abgaben – sind vielfach ausgeschöpft. Und Verbote sind schwer durchzusetzen und zu kontrollieren. Mit ein bisschen Stupsen komme man weiter, heißt es.

Sunstein hat sich besonders in der Regierung des US-Präsidenten Barack Obama viel Gehör verschafft, und auch Großbritanniens Premierminister David Cameron gehört zu den Anhängern des amerikanischen Professors.

In der deutschen Bundesregierung gilt Justizminister Heiko Maas als Sunstein-Fan, im Bundeskanzleramt teilt man offensichtlich diese Vorliebe. Nudging hat Zukunft. Aber was passiert eigentlich, wenn es zur politischen Praxis wird? Entscheiden dann die, die es angeht, die Bürger – und bei Nudging im Unternehmen die Mitarbeiter – aus freien Stücken, ob sie den Programmen folgen wollen oder nicht? Oder wird da nicht klammheimlich die Härte der Gesetzes, die immer klar und deutlich Grenzen setzt, durch einen noch viel brutaleren sozialen und kulturellen Druck ersetzt, den eine wohlmeinende moralische Elite nur allzu gern ausübt? Ist Nudging wirklich die sanftere Methode?

Cass Sunstein und Richard Thaler verteidigen ihren libertären Paternalismus nach Kräften – und teilen dabei gleich mal die Welt ein in Wissende, die Bewertungen vornehmen dürfen, und Ungläubige, denen man die Hand führen muss. Ihr Paternalismus sei für sogenannte Entscheidungsarchitekten, also Politiker, Manager und andere Menschenführer gedacht, und es sei auch „legitim, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, um ihr Leben länger, gesünder und besser zu machen“. Private Institutionen, Behörden und Regierungen sollten, so Sunstein und Thaler in ihrem Buch „Nudge“  *, „bewusst versuchen, die Entscheidungen der Menschen so zu lenken, dass sie hinterher besser dastehen – und zwar gemessen an ihren eigenen Maßstäben“.

Kein Wunder, dass Kritiker damit ein paar Probleme haben. Ein Gesetz, eine Vorschrift, eine Regel, die klar verfasst ist – und deshalb auch von den Menschen, für die sie gemacht wurde, verstanden werden kann –, ist eine öffentliche Angelegenheit. Sie kann auf demokratischem Wege erlassen und wieder kassiert werden.

Nudging hingegen geht davon aus, dass man sich diese mühsame, aber transparente Übung ersparen kann. Es gibt Leute, die wissen Bescheid, also auch, was für die anderen gut und schlecht ist. Praktisches Nudging wird in der politischen Praxis schnell zur ultimativen Moralkeule. Machst du, was wir für richtig halten, bist du gut? Dann ist es okay. Machst du es nicht, bist du, na ja, böse. Aber das siehst du ja selbst ein, oder? Mit solchen Methoden kann man, wenn man sich nicht anders zu helfen weiß, notfalls einen Kindergarten führen, aber keine Wissensgesellschaft.

Es handelt sich auch nicht, wie einige Nudging-Freunde glauben, um besonders diffizile Steuerungsmechanismen. Es sind einfach nur Psychotricks, die man aus dem Standardrepertoire von Sekten kennt, die damit ihre psychisch labile Anhängerschaft fernsteuern. Was daran libertär sein soll, bleibt schleierhaft und grenzt schon an eine ausgesprochene Verachtung des Freiheitsbegriffes im Allgemeinen und seines Nutznießers, des Bürgers als solchen. Die Angestupsten entscheiden gar nichts frei, sie werden gegängelt.

Die alte Elite, die mit einem neuen Machtspielchen experimentiert, traut ihnen keine Selbstständigkeit zu. Die „Menschen da draußen“, wie der Berufspolitiker von den Bürgern redet, als ob es sich um Außerirdische handelte, können gar nicht wissen, was gut für sie ist. Solange man der Urteils- und Entscheidungskraft des Einzelnen aber nicht vertraut, ist jede, auch noch so gut gemeinte Form der politischen Pädagogik nichts weiter als Manipulation – die Tyrannei der Besserwisser.

 

 

6. Unterschiede 

Nudging lebt von Einseitigkeit, nicht vom Dialog. Das Geschubse geht immer nur in eine Richtung, wenn man davon absieht, dass die Geschubsten alle paar Jahre ihre Schubser wählen dürfen – alles andere wird als Störung empfunden und lässt die Instrumente in den Cockpits der Entscheidungsarchitekten verrückt spielen. Doch die Zeiten, in denen man ganz unterschiedliche Probleme mit der immer gleichen Lösung versehen konnte, sind vorbei. Der Maßstab hat sich geändert.

In der alten Welt waren Gerechtigkeit und Gleichheit nur zwei Seiten einer Medaille. Vor dem Gesetz ist das auch immer richtig. Im wirklichen Leben aber ist die Kehrseite der Gerechtigkeit der Unterschied, die Differenz.

Was wäre denn zum Beispiel ein gerechtes Gesundheitssystem? Eines, in dem alle gleich sind? Sind etwa auch alle gleich gesund oder krank? Kommen alle als Normmädels und Standardjungs zur Welt, mit dem gleichen Gewicht, der gleichen Größe, der gleichen Lebenserwartung? Werden sie im Laufe ihres Lebens die gleichen Erkrankungen haben, die gleichen chronischen Leiden, die gleichen Lebensbedingungen? Werden die Portionen an Glück und Unglück gleich auf sie verteilt? Und was ist mit den Genen?

Wie aber kommt man darauf, dass bei solch unterschiedlichen Defekten und Dispositionen so etwas wie Gerechtigkeit herzustellen wäre, zumal bei vielen Krankheiten – auch Zivilisationskrankheiten – die Fachleute keineswegs so einig sind darüber, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen. Die Wirklichkeit ist dick und dünn, groß und klein, flink und träge. Es gibt Leute, die können abstrahieren – und andere nicht. Es gibt viele Realitäten. Warum fangen wir nicht an, unsere Maßstäbe danach auszurichten?

Ein Maßstab ist keineswegs ein Instrument zur Gleichmacherei und Nivellierung, sondern zum Erkennen von Unterschieden. Maßstabsgerecht geht es per Definition laut Wikipedia zu, „wenn man den Ausschnitt der Wirklichkeit, den man zu sehen und zu beurteilen hat, in ein klares Verhältnis zur Wirklichkeit stellen kann.“ Es geht um Lebenswirklichkeiten.

Unterschied ist der wichtigste Begriff der neuen Bewertungslehre. In der Wissensgesellschaft, deren produzierende Sphäre man in Deutschland Industrie 4.0 nennt, geht es um nichts anderes als das. Eine Produktionswirtschaft, die sich Personalisierung und Individuum nicht vorstellen kann, wird verschwinden, und dasselbe blüht den dazugehörigen politischen und gesellschaftlichen Instituten. Eine differenzierte Bewertung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass man auf personalisierten Märkten überhaupt mitspielen kann. Dabei gilt immer auch, dass sich diese Erkenntnis auch in der Organisation widerspiegeln muss. Man muss, wie es heute so schön heißt, das, was man tut, „auch selbst leben“.

Der Satz „Einem jedem recht getan ist eine Kunst, die niemand kann“ galt als Leitspruch der alten vereinheitlichten Gesellschaft, in der alle nach einer Pfeife tanzen mussten. Doch das stimmt so nicht mehr. Es ist die „Kunst“ der Wissensgesellschaft, den persönlichen Bedürfnissen der Menschen so gerecht wie nur möglich zu werden – also das vermeintlich Unmögliche zu liefern. An dieses Ideal kann man sich nur annähern, wenn man zuhört – und nicht ständig erzieht. Das lag dem Industrialismus nicht besonders. Er führte, er lenkte, er kontrollierte und steuerte – aber mit dem Zuhören hatte er es nie.

Was Menschen ausmacht und ob sie gute oder schlechte Mitglieder der Gesellschaft oder des Unternehmens waren, entschied sich in zahllosen Prüfungen und Kontrollen, die ein Menschenleben durchzogen. Die Schulen und Ausbildungsstätten, die Universitäten und Hochschulen wurden im 19. Jahrhundert nach industriellen Erfordernissen eingerichtet und blieben im Wesentlichen Orte, an denen reproduzierbares Wissen vermittelt wurde. Etwas selbst zu bewerten war nur in Ausnahmefällen gestattet – und galt als Eintritt ins Erwachsenenleben. Beim Handwerker war es das Meisterstück, bei Akademikern die eigenständig verfasste wissenschaftliche Arbeit und mündliche Verteidigung ihrer Thesen.

Die eigene Bewertung der Welt und ihrer Sachverhalte erforderte Mut. Denn die Systemkonformen, die ihre Vorgaben brav erfüllten, galten auch als die Besten. In der Welt der Massenproduktion und ihrer Hierarchien ergibt das Sinn, denn ein Abweichen von der Norm ist hier schlicht ein Fehler. In einer Fabrik – und in einer Fabrikgesellschaft – ist der Unterschied ein Makel.

In der Wissensgesellschaft bewertet man das völlig anders, denn hier geht es gerade darum, Varianten zu betonen. Die Abweichung von der Norm kann der Schlüssel zu Innovation und Verbesserung sein. In der alten Welt darf der Schüler nicht schlauer sein als der Lehrer, sonst geht alles schief. In der neuen Welt ist der richtige Lehrer der, der den Schüler zum eigenständigen Denken bringt – ihn selbstständig macht, ihn dazu ermuntert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das ist nicht nur das Ideal in den neuen Wissensberufen und hippen Digitalbuden, sondern auch in der innovativen Industrie – und die Erfolgsbasis des „Kaizen“-Prinzips, was übersetzt so viel bedeutet wie „Veränderung zum Besseren“. Jeder Arbeiter kann jederzeit beim Management intervenieren, wenn er im Produktionsprozess einen Fehler erkennt – oder eine Verbesserungsidee hat. Bewertung ist keine Einbahnstraße mehr.

Etwas zu messen bedeutet, dass man ein Feedback der Wirklichkeit bekommt. Dahinter steckt der große Entwicklungssprung, den die Menschheit seit der Aufklärung getan hat. Der Aufstieg der Naturwissenschaften, die „Vermessung der Welt“, hat unsere Vorstellungen von allem gründlich verändert. Man muss sich das Messen, Zählen und Wägen von allem und jedem auch so vorstellen: als ständiger Versuch, mit der Realität ins Gespräch zu kommen, ihr Wesen zu verstehen. Um nichts anderes geht es. Das Feedback ist nicht bloß ein Signal, es ändert die Sicht auf die Welt und auf das, was wir tun.

Nicht die Zahlen sind schlecht, sondern ihre einseitige Interpretation. Wer nüchtern und ohne Vorurteile misst, bemüht sich, die Welt im Realitätsmaßstab eins zu eins zu sehen: Man nimmt die Zahlen und Fakten und vergleicht sie mit dem, was man vorfindet. Und zwar nicht im eigenen Kopf, sondern in der wirklichen Welt. Das führt nicht nur zu einer genaueren Beurteilung der Wirklichkeit, sondern auch zu besserer Laune.

 

7. Eichamt der Wissensgesellschaft 

Menschen, die sich immer nur ihre Vorurteile von ihresgleichen bestätigen lassen, neigen zum Pessimismus. Der wohlständige Westen klagt gern, statt mal zu überprüfen, wie es wirklich ist – und das dann möglichst vielen mitzuteilen. Das hilft den Gerüchten, die Fakten hingegen verbergen sich.

Immanuel Kant, der Sachwalter der deutschen Aufklärung, beklagte neben der geistigen Trägheit vor allen Dingen einen Mangel an Leuten, die „öffentlichen Gebrauch von der Vernunft“ machten. Was das sein soll? Ganz einfach: Leute, die anfangen, über die Wirklichkeit zu diskutieren – statt Gerüchte, Vorurteile und ideologische Schnurren zu verbreiten. Menschen, die über Sachen reden, die einer kritischen, vernünftigen Prüfung standhalten. Der „öffentliche Gebrauch der Vernunft“ war die Königsdisziplin der Aufklärung. Kants Zeitgenossen waren die französischen Enzyklopädisten um Denis Diderot. Ihre „Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“ sammelte mehr als 70 000 Artikel, um das Wissen der Welt, das bekannte Faktenwissen, zugänglich zu machen. Diderot war vor allem daran gelegen, dafür zu sorgen, dass die Erkenntnisse und die „Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei“ – und damit „unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern auch tugendhafter und glücklicher werden“, als man es selbst sein konnte. Die Vernunft und die Fakten würden, so erklärte der Chef-Enzyklopädist dem Dramatiker Voltaire in einem Brief aus dem Jahr 1762, „keinen Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen“ geben. Für die Gesellschaft war das Ergebnis damals explosiver als alle Brandreden zusammen. Für die Vernünftigen wurde die Enzyklopädie zum Eichamt der Aufklärung.

Max C. Roser ist ein Erbe und Sachwalter dieses Geistes, auch wenn er heute, 250 Jahre später, die Vernunft zur öffentlichen Sache macht. Der 32-jährige Ökonom arbeitet an der Universität Oxford, ist dort Mitarbeiter des Ökonomen Sir Tony Atkinson und Begründer der Webseite ourworldindata.org. Die entwickelt sich zum Eichamt der jungen Wissensgesellschaft, die in 16 unterschiedlichen Rubriken – von Bevölkerungswachstum über Einkommensverteilung, Wachstum bis hin zur Lage der Bildung und der Konflikte die ganze Welt in Zahlen und Fakten abbildet.

Eine der Rubriken trägt den Namen „Kultur, Werte und Gesellschaft“, und im Vorwort dazu beschäftigt sich Roser mit seinem Kollegen Mohamed Nagdy mit dem Thema „Optimismus und Pessimismus“. Dort liest man: „Die Welt verbessert sich in nahezu jedem messbaren Bereich (…) weniger Leute sterben an Krankheiten, kriegerischen Konflikten und Hunger, mehr Menschen verfügen über bessere Schulausbildung, die Welt wird demokratischer, wir alle leben länger und besser.“

Warum aber, fragen die Autoren, herrscht in den westlichen Ländern das genau gegenteilige Bild vor, „jedenfalls wenn es um die gemeinsame, kollektive Zukunft geht?“. Und warum bewerten die meisten Menschen ihre eigenen Zukunftschancen weitaus optimistischer als jene der Welt, in der sie leben? Die naheliegendste Antwort, nämlich dass Medien und Politik die griesgrämige Sicht bevorzugen, um sich selbst als Helfer in der Not – nudge, nudge – zu empfehlen, liegt auf der Hand.

Hinzu kommt laut Roser ein „schlechtes kollektives Gedächtnis – die Gesellschaft hat sich nicht gemerkt, wie es ihr einmal ging. Unsere Fehlurteile bauen auf einer Verklärung der Vergangenheit, auf einer Fehlinterpretation der Daten. Die meisten sehen zurück und sehen nur Paläste und Schlösser, das, was vom Gestern übrig blieb. Die Hütten und Elendsquartiere hingegen haben nicht überdauert.“ Deshalb ist der Fortschritt ein so unterschätzter Faktor geworden. Man kann ihn nur richtig bewerten, wenn man weiß, woher man kommt.

Mehr Bildung sei dringend nötig, sagt Roser, breit angelegt, Wirtschafts- und Sozialkunde vor allen Dingen, ganz normales, handfestes Lernen darüber, was war und was ist. Genauso wichtig ist ein Umdenken der Eliten in Politik, Medien und öffentlichem Leben, sich einfach ein wenig realitätskonformer zu verhalten. Weniger Alarm kann mehr Aufmerksamkeit bedeuten.

Das gelingt, wenn die wahre Wende im Kopf gelingt, hin zum nüchternen, aber grundlegenden Optimismus. Drei Gründe, sagt Max C. Roser, sprächen für ihn. „Zuallererst: Es ist die Wahrheit, das, was die Daten hergeben. Durch die Einsicht, was besser wurde, lerne ich auch, wo sich mein Engagement lohnt – die Realität setzt die Prioritäten. Und: Pessimismus macht krank, Optimismus hingegen hat nachweislich positive Effekte auf die Gesundheit.“ Vielleicht sieht und hört man als Optimist auch besser, ist die Zuversicht die beste Voraussetzung für den Sichtflug. Halten wir uns an die Fakten.
Wir schaffen das. ---

* b1.de/nudge_ullstein

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