Ausgabe 02/2016 - Editorial

Gabriele Fischer über Karriere

Oben ist nicht mehr vorn

• Es ist eines der beliebtesten Klischees jener Generation, die seit einiger Zeit ins Arbeitsleben drängt: Sie sei freizeitorientiert, schätze Work-Life-Balance mehr als Statussymbole und nehme die Familie wichtiger als den Arbeitsplatz. Karriere? Nein danke. Und was dann?

Dann sind wir an einem Punkt, an dem zwei Linien sich kreuzen. Denn während sich der gut ausgebildete und begehrte Teil des Nachwuchses Selbstverantwortung nicht mehr mit Geld und Titel abkaufen lässt, müssen sich auch die Unternehmen verändern, weil ihre starre Ordnung nicht mehr in die Zeit passt. Der stete Aufstieg ist ein Versprechen von gestern, die Karriereleiter liegt flach oder knickt zwischendurch ab. Und was ist mit jenem Aufstiegswunsch, der so lange so schöne Erfolge gezeitigt hat? Den gibt es immer noch, er sieht nur anders aus.

Dass es mit dem Wandel ernst wird, ist in Konzernen mittlerweile spürbar. „Für die junge Generation“, sagt Wilfried Porth, Personalvorstand bei der Daimler AG, „sind Hierarchien kein Thema mehr.“ Selbst in den großen Anwaltskanzleien, die lange als veränderungsresistent galten und Überarbeitung zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, weht ein sanfter Wind der Veränderung. Ob er zum Sturm wird, ist unter Experten umstritten, wohin er wehen könnte, ist in Skandinavien zu sehen: Dort scheint das Berufsleben selbst für Eltern entspannt und Mitsprache eine Art Arbeitsrecht zu sein (S. 36, 112, 22, 126).

So ähnlich also wie bei der Softwarefirma Adjust, wo die inzwischen zigfach vermessene Generation Y Umsatz macht. Zwei Beobachtungen sind wichtig: Nur weil jemand keinen Titel braucht, fehlt es ihm noch lange nicht an Ehrgeiz. Und: Billiger sind die Neuen nicht, sie fordern nur einen anderen Preis. Aber haben solche gern demokratisch genannten Arbeitskulturen überhaupt eine Chance? Stefan Kühl, Soziologieprofessor und Berater, hat das schon zu Zeiten der sogenannten New Economy bezweifelt. Am Beispiel des Ingenieurbüros HHP erklärt er, warum – HHP-Chef Stefan Truthän bleibt dennoch bei seinem Konzept. Ganz ausgemacht ist jedenfalls noch nicht, wie die Organisation der Zukunft aussehen soll, nur eines ist für die drei Interimsmanager, mit denen wir sprachen, klar: Die alte Konzernstruktur ist ein Auslaufmodell, zumindest für engagierte Leute. Das sieht der einstige Puma-Chef Franz Koch vermutlich ähnlich (S. 46, 88, 76, 82).

Ein einheitliches Bild ist sowieso unmöglich, wenn es um das Arbeitsleben geht, das eben auch Leben ist. Das ist bunt und vielfältig, aber auch fordernd und brutal. Der Wunsch nach Titeln mag sich abschwächen, der Wunsch nach Aufstieg, verstanden als Verbesserung des Lebens, sicher nicht. Dafür sorgen die Zuwanderer genauso wie all die anderen, die schlecht gestartet oder irgendwann ins Straucheln gekommen sind. Aber auch ihnen hilft, wenn mehr mit Möglichkeiten und weniger mit starren Regeln gearbeitet wird (S. 68, 52, 130).

Karriere, dem Wortsinn nach schlicht „Fahrstraße“, war lange gleichbedeutend mit dem Kampf um die nächste Position. Inzwischen wird Aufstieg anders definiert. „Karriere bedeutet für mich“, sagt zum Beispiel die Interimsmanagerin Natalia Lee, „die Entscheidungsgewalt darüber zu haben, was ich mache und wie ich es mache.“

Das könnte doch ein Ansporn sein. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin