Ausgabe 01/2016 - Schwerpunkt Befreiung

Wiglaf Droste

Du sollst nicht lärmen

brand eins: Herr Droste, als Satiriker verstehen Sie sich auf die Kunst der formvollendeten Beleidigung. Sind Ihnen privat gute Umgangsformen wichtig?

Wiglaf Droste: Meine Rechtsanwältin hat mich einmal mit der Bemerkung erfreut, ich sei der übelst beleumdete Mensch, den sie kenne, aber auch der höflichste. Höflichkeit macht den Umgang miteinander angenehmer oder zumindest erträglicher. Das ist im besten Fall gegenseitig, gute Umgangsformen sind nicht uneigennützig. Es geht darum, ohne Manierismus Manieren zu haben. Dazu bedarf es nicht eines großbürgerlichen Elternhauses, das ich auch nicht habe, sondern lediglich der Selbstachtung, die man mit anderen teilt. Wenn ich jemanden attackiere, mache ich das nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht und in wohlformulierten Sätzen. Man kann Anstandsregeln gezielt brechen, etwa durch Beleidigungen im Dienst der Aufklärung und des guten Geschmacks. Aber das sollten bewusste Entscheidungen sein. Und nicht das dumme Pöbeltum, das man zum Beispiel in Kreuzberg jeden Tag ertragen muss, dem Stadtteil, in dem ich bis vor Kurzem gelebt habe. Das ist ein Arschgeigentum, das nichts mit Freiheit, aber viel mit Rücksichtslosigkeit zu tun hat. Freiheit bedeutet, sich entscheiden zu können – und nicht sich gehen zu lassen.

Verwechseln manche Zeitgenossen enthemmte Manieren mit Freiheit?

Schlechte Umgangsformen sind schlechte Umgangsformen, nichts sonst. Wer sich auf so etwas Dummes wie Authentizität herausreden will, belästigt nur seine Mitmenschen. Das ist falsch verstandener Hedonismus: Mir steht alles zu, und ich muss nichts dafür tun. Aber das ist kein Genuss, das ist Stumpfsinn. So benehmen sich die Leute dann auch. Das Übermaß an sogenannter Freizeit führt offenbar zu Verwahrlosung. Je weniger einer arbeitet, desto weniger Respekt hat er vor der Arbeit anderer Leute. Ein Mensch ohne Arbeit ist ein Affe, heißt es bei Peter Hacks.

Haben Sie Beispiele für das, was Sie Pöbeltum nennen?

Mehr als Ihnen und mir lieb ist. Es ist ungehörig, nachts vor der Tür anderer Leute, die schlafen wollen, lautstark grölend zu feiern. In Teilen Kreuzbergs ist das eher die Regel als die Ausnahme. Mein ehemaliger Nachbar, ein unglaublich freundlicher Schotte, bat morgens um halb sieben mit seinem zweijährigen Sohn auf dem Arm das lärmende Partyvolk auf der Straße unter seinem Fenster doch bitte still zu sein. Sein Kind schrie, weil es aufgewacht war. Statt sich zu entschuldigen, hat ihn die Feier-Meute nur in größter Selbstverständlichkeit angepöbelt. Berlin lockt offenbar mit dem Versprechen, hier sei es schon in Ordnung, sich danebenzubenehmen. Aber diese Verrohung der minimalen Anstandssitten kann man fast überall beobachten, nicht nur in Ausgehbezirken. Ich bin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten, ich bin kein Christ. Aber wenn ich eine Kirche betrete, nehme ich meinen Hut ab. Als ich das letzte Mal in Güstrow auftrat, besuchten wir am Tag nach dem Konzert eine Kirche. Eine Touristenführerin brüllte die Kirche mit der Mitteilung voll, dass die dort hängende Skulptur von Ernst Barlach berühmt sei. Ich bat sie, mit ihrem Gebrüll aufzuhören, und wurde verständnislos angeglotzt. Ich verstehe nicht, was daran so kompliziert ist, die Ruhe in einer Kirche zu respektieren. Eine andere Merkwürdigkeit ist der seltsame Wunsch, den Rest der Menschheit am eigenen Intimleben teilhaben zu lassen. Aber was gehen mich die Paarungsgewohnheiten meiner Nachbarn an? Nichts. Ich fürchte, diese Leute sind so leer und abgestorben, dass sie sich ausstellen müssen, um überhaupt noch etwas zu spüren. In solchen Augenblicken bedaure ich manchmal, dass die Menschheit leider keine aussterbende Gattung ist, wenn ich es mit Alfred Brehm etwas grob sagen darf.

Wie halten Sie es mit anderen Zeiterscheinungen, etwa dem fortschreitenden Trend zum Duzen?

Das gemeine Sie kann sehr viel verletzender sein als das Du. Deshalb halte ich es für eine gute Waffe. „Sie Arschloch“ ist beleidigender als „Du Arschloch“. Aber ich werde nie verstehen, weshalb sich Menschen von einem skandinavischen Möbelhaus duzen lassen. Wenn mich jemand, den ich nicht kenne, in einer E-Mail mit dem Wort „Hallo“ anspricht, benutze ich die Löschtaste. Solche Leute will ich nicht kennenlernen. Es gibt eine Formlosigkeit des Umgangs, die einen mit Distanzlosigkeit und einer falschen Nähe behelligt. Diese falsch verstandene Egalität ist besonders in Milieus, die sich irrtümlich für ungeheuer locker halten, weitverbreitet.

Leiden die lockeren Alternativ- und Kreativ-Milieus unter dem Ideal der ästhetischen Verwahrlosung?

Das ist kein Ideal, das ist der Realzustand, und der ist nicht nur ästhetisch. Ich weiß, wovon ich rede, ich war lange genug Redakteur und Kolumnist der »Taz«. Die Umgangsformen waren grauenhaft, eine seltsame Pose der Anti-Bürgerlichkeit. Aber das Problem sind nicht die bürgerlichen Sitten, sondern ihr Fehlen. Wer in der »Taz« minimale Höflichkeit eingefordert hätte, wäre als der Kleinbürger abgestempelt worden, der in Wirklichkeit in all diesen vermeintlichen Anti-Bürgern wohnt. Das ist sehr deutsch. In Ländern wie Italien, Frankreich oder Großbritannien ist diese Freude an der Formlosigkeit undenkbar. Doch die Deutschen halten schlechte Manieren offenbar für einen Ausdruck innerer Werte. Deshalb lieben sie es ja auch so, angeschnauzt und belehrt zu werden. Anders kann ich mir jedenfalls die Verehrung der Deutschen für Helmut Schmidt nicht erklären.

Aber was helfen die besten Manieren, wenn der Charakter daneben ist?

Ein Brechmittel auf zwei Beinen und eine hohle Nuss wird auch im Maßanzug kein erfreulicher Mensch. Aber das spricht ja nicht gegen Anzüge. Der Krimi-Autor Dashiell Hammett hat das so schön geschrieben: „Er trug nicht nur einen guten Anzug, sondern er wusste auch, wie man ihn zu tragen hatte.“ Das ist nicht jedem gegeben. Ich mag Anzüge, ich bin old school, das war ich schon vor 20 Jahren. Kurt Tucholsky hat in den Zwanzigerjahren eine Lesung zugunsten von Kommunisten gegeben. Ein paar Tage später schrieb die »Rote Fahne«, es sei eine großartige Lesung gewesen – aber Tucholsky habe einen eleganten Dreiteiler getragen, und das gehe ja nun gar nicht. Tucholskys Antwort war: „Lieber ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.“ So muss man es halten.

Können Sie mit dem Begriff „neue Bürgerlichkeit“ etwas anfangen?

Ich weiß nicht, was das sein soll. Mit einem Mann von gutem Geschmack wie Christian Kracht kann ich mich jederzeit an einen Tisch setzen. Aber genauso widerwärtig wie die aufdringlichen Unhöflichkeiten und Formlosigkeiten allerorten finde ich dieses hochnäsige Gespreize, mit dem sich Kreaturen wie Ulf Poschardt vom Massengeschmack abheben wollen. Das ist nicht kultiviert, das ist auch nicht bürgerlich, das ist Herrenreiter-Dünkel. Wer sich als ausgestopfter Pfau geriert, ist genauso lächerlich wie Leute, die ihr ungepflegtes Äußeres mit Boheme verwechseln. Das sind zwei Seiten derselben scheußlichen Medaille. Wer weiß, was er kann, hat das nicht nötig. Fritz W. Bernstein, ein wahrer Künstler, Könner und ein großer Anarchist, ist ein leiser, ausgesucht höflicher Mensch. Aber natürlich weiß er, was er kann. Diese selbstbewusste Bescheidenheit ist das Gegenteil der lärmenden Nichtse. ---

Wiglaf Droste, 54, ist Schriftsteller, Dichter, Sänger und Vortragskünstler. Er war Redakteur der »Taz« und des Satiremagazins »Titanic«. Von 1999 bis 2013 gab er mit dem Koch Vincent Klink die kulinarische Vierteljahreszeitschrift »Häuptling Eigener Herd« heraus. Zu seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen zählen „Der Ohrfeige nach“ (Edition Tiamat), „Auf sie mit Idyll – Die schöne Welt der Musenwunder“ (Edition Tiamat“). Zuletzt erschien der Gedichtband „Wasabi dir nur getan?“ (Verlag Antje Kunstmann).

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