Ausgabe 05/2015 - Editorial

Nie am Ende

• Das erste Ziel war schnell gesetzt: Wir wollten überleben. Damals, bei der Gründung von brand eins, wollten wir es allen zeigen, die einem Kleinverlag mit großen Ambitionen ein schnelles Ende vorhersagten. Sechs Jahre später waren wir immer noch auf dem Markt, die schwarze Null in Sicht: Wir brauchten eine neue Herausforderung. Wir luden zu einer großen Konferenz, diskutierten lang und heftig und gingen auseinander mit dem gemeinsamen Vorhaben: Wir wollen Relevanz. Wir wollen eine Stimme sein, die es wert ist, von vielen gehört zu werden.

Das ist ein Ziel, das lange trägt. Und das nichts zu tun hat mit jenen Zahlenspielen, die Gründern abverlangt werden und die auch wir in den ersten Jahren in immer neuen Variationen für immer neue potenzielle Investoren aufgestellt haben. Wer über diese Phase hinweg ist, hat meist eines gelernt: Zahlen sind wichtig, um zu sehen, ob man ein Vorhaben verwirklichen kann und wie weit man schon ist – aber sie sind nicht das Ziel (S. 50).

Das könnte ein bisschen aus dem Blick geraten, wenn man sich in bestimmten Gründer-Kreisen bewegt, in denen der Exit wichtiger ist als das Geschäft. Und das war ganz sicher aus dem Blick geraten in einer Branche, die zur Blaupause des Wandels geworden ist: Die Musikindustrie, einst eine Gelddruckmaschine, hat lehrreiche Zeiten hinter sich. So manchem dort, hört man gerüchteweise, gehe es inzwischen wieder um Musik (S. 108).

In der Biotech-Branche hat Patricia Döhle Gründer und Investoren anderen Kalibers kennengelernt. Wer sich als Einzelkämpfer auf den langen und riskanten Weg zu einem neuen Medikament begibt, braucht einen stärkeren Motivator als Geld (S. 124). Aber auch für Familienunternehmer wie die Eigentümer des schwäbischen Maschinenbauers Trumpf ist das Kapital nur Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist, Nutzen für die Kunden, die Mitarbeiter, die Eigentümer und die Gesellschaft zu stiften (S. 120).

Das gilt auch für Paul Bethke und seine Getränkefirma Lemonaid, allerdings hat er die Reihenfolge umgedreht. Er und seine Mitstreiter haben die Firma gegründet, um gegen die Armut zu kämpfen, wie so viele, die inzwischen einen Sinn neben dem Zweck suchen. Ob das gelingen kann, und ob das sinnvoll ist? Mischa Täubner hat nachgeforscht (S. 78). Einfach ist es jedenfalls nicht, die Welt zu retten. Mit den Millenniumszielen wird das alle 20 Jahre wieder versucht, zunehmend unzulänglich, wenn man dem Experten-Gremium rund um Bjørn Lomborg glaubt (S. 96).

Mit einem Ziel allein ist es allerdings auch nicht getan, gibt Wolf Lotter zu bedenken. Die Zeiten, in denen sich alles in eine Richtung bewegt, sind glücklicherweise vorbei (S. 40). Heute muss jeder für sich überlegen, wohin er will – und bereit sein, die Route immer wieder neu zu justieren. Wer schon mal die Richtung kennt, in die er gehen will, kommt mit Widerständen und Überraschungen besser zurecht. Das wissen Eltern ebenso gut wie die Lebensretter von Peace Brigades International oder die sogenannten Effektiven Altruisten (S. 68, 72, 58). Und wer bereit ist, auf seinem Weg zu lernen, wird schnell feststellen, dass Ziele beweglich sind.

Auch deshalb sind Zahlen zu ihrer Definition keine gute Idee. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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