Ausgabe 06/2015 - Schwerpunkt Talent

Horst Hrubesch im Interview

Arbeit, Arbeit, Arbeit

• Frankfurt am Main, Otto-Fleck-Schneise 6. Die Verbandszentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Gleich hinter dem Foyer, ein paar Schritte entfernt von Vitrinen mit allerlei Trophäen, sitzt Horst Hrubesch, 64. Hotte. Der Lange. Das Kopfballungeheuer. Als Aktiver war er mit dem Hamburger SV (HSV) dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister; mit der Nationalmannschaft wurde er 1980 Europameister, 1982 stand er im WM-Finale, in dem die deutsche Mannschaft Italien 1:3 unterlag.

Seit 2000 arbeitet Hrubesch als Trainer im DFB-Nachwuchsbereich. 2008 wurde er mit der U 19 Europameister, 2009 gelang ihm dieser Erfolg auch mit der U 21. Derzeit bereitet er sich wieder mit der U 21 auf die am 17. Juni beginnende EM in Tschechien vor.

brand eins: Herr Hrubesch, wann wurden Sie erstmals als Talent bezeichnet?

Horst Hrubesch: Nie. Das ist nie passiert.

Wie kann das sein? Sie haben zwölf Jahre als Profi gespielt, in 224 Bundesligaspielen 136 Tore erzielt und 21 Länderspiele bestritten.

Das weiß ich nicht. Ich erinnere mich eher daran, dass ich hinterfragt wurde. So nach dem Motto: „Kann der das überhaupt?“ Dabei habe ich schon als Fünfjähriger in den ersten fünf Spielen insgesamt 25 Tore erzielt. Auch als Amateurspieler habe ich getroffen, getroffen, getroffen. Und natürlich hatte ich den Traum, einmal in der Bundesliga zu spielen. Aber mit 23 war die Sache für mich eigentlich erledigt.

Warum?

Es hatte mir einer in die Wade getreten. Als ich genesen war, spielte ich beim SC Westtünnen in der Verbandsliga. Keiner konnte ahnen, dass mich dort Werner Lorant entdecken würde.

Lorant spielte damals in der Bundesliga bei Rot-Weiss Essen …

… und war in seiner Freizeit in Westtünnen Trainer. Er hat gesehen, wie ich die Dinger reihenweise reingemacht habe. Lorant sagte: „Was die bei uns können, kannst du auch.“ Mein Kopfballspiel war ja nicht so schlecht. Ich hatte immer ein Gespür dafür, wo ich stehen musste.

Hrubesch ist bereits 24, als er ein Angebot von Rot-Weiss Essen bekommt. Er ist verheiratet und arbeitet als Dachdecker. Er erkundigt sich bei seinem Chef, ob der ihn wieder einstellen würde, falls das Abenteuer Profifußball schiefginge. Als er Ja sagt, lässt sich Hrubesch für zwei Jahre beurlauben.

Hatten Sie überhaupt kein Vertrauen in Ihre Qualitäten?

So habe ich damals nicht gedacht. Ich habe mich nur gefragt: Reicht das, was du kannst, was du machst, was du mitbringst? Der Auslöser, warum ich das Angebot angenommen habe, war eher mein Onkel, der sagte: „Das schaffst du nie.“

Drei Jahre später wechselten Sie zum HSV, zu der Zeit ein Spitzenverein der Bundesliga. Spätestens da muss Ihnen klar gewesen sein, dass Sie Talent haben, oder?

Nicht unbedingt. Schauen Sie, wer beim HSV damals alles gespielt hat. Keegan, Kaltz, Magath, Nogly, Buljan, Memering und wie sie alle hießen. Alles Superfußballer. Dass ich da überhaupt mitspielen konnte, war für mich eine Sensation. Und als ich mich dann daran gewöhnt hatte und sogar Kapitän der Mannschaft war, kommt da jemand aus Amerika.

Franz Beckenbauer, der 1980 von New York Cosmos zum HSV wechselte.

Ja, und dann siehst du ihn und denkst dir, das kann nicht sein, dass einem der Ball so am Fuß klebt. Da muss der liebe Gott ja fünfmal alles drübergestreut haben.

Woran erkennt man Talent?

Technische Fertigkeiten, Ballbehandlung, Schnelligkeit, Athletik – das sieht auch der Laie. Beim Zweikampfverhalten, bei taktischer Disziplin und der Fähigkeit, Spielsituationen vorauszusehen, braucht man schon ein geschultes Auge. Aber Talent allein genügt nicht. Erfolg im Fußball kommt nur über die Arbeit. Wenn du nicht bereit bist, mehr zu arbeiten als der andere, wirst du keinen Erfolg haben. Und wenn du Erfolg hast, musst du noch einmal mehr tun, um den Erfolg zu wiederholen.

Keine Ausnahmen?

Es gibt sicherlich Ausnahmespieler. Aber die körperliche Fitness, die auch jemand wie etwa Lionel Messi hat, die musst du dir über die Arbeit holen, über das Training, die kriegst du nicht geschenkt.

Was verstehen Sie unter harter Arbeit?

Sich den Ball immer und immer wieder nehmen und es immer und immer wieder versuchen, das ist meine Prämisse. Du weißt nicht, was möglich ist, bevor du es nicht probiert hast. Wenn du mit dem rechten Fuß schießen kannst, kannst du es auch mit dem linken. Es gibt für jedes Manko eine Lösung. Ich selbst bin als Spätstarter das beste Beispiel, dass es funktioniert.

Wie hat das bei Ihnen ausgesehen?

Ich habe mit einer Verbissenheit trainiert, dass selbst manche Mitspieler Mitleid hatten. Noch mal, noch mal, noch mal.

Dafür hat Sie Ihr Trainer Ernst Happel nach einem besonders schönen Hackentrick nur noch „Zauberer“ gerufen.

Es kommt immer darauf an, was der Spieler aus sich macht. Man muss immer wollen, um sich weiterzuentwickeln. Den fertigen Spieler gibt es nicht. Mein Credo lautet: Erfolg besteht aus 15 Prozent Talent und 85 Prozent harter Arbeit. Talent ist wichtig. Aber ich bleibe dabei: Mentalität schlägt Qualität. Nur beides zusammen ist die perfekte Kombination.

Gleich zu Beginn des Gesprächs hat er von seiner Mutter erzählt, die als Putzfrau und Angestellte gearbeitet und fünf Kinder allein großgezogen habe. Nie habe sie sich beschwert. Nur einmal habe sie sich fürchterlich aufgeregt, als jemand zu ihr sagte: „Ihr Sohn ist doch Europameister, Sie müssen doch nicht mehr arbeiten.“

Hrubesch hat Fußball stets mehr gearbeitet als gespielt. Man hat die Bilder noch im Kopf. Wie er sich in den Strafraum tankt. Wie er steht, wo er stehen muss: zweiter Pfosten, Fünfmeterraum. Wie er seinen robusten Körper in die Luft schraubt. Beim HSV folgt das Schauspiel einem Muster. Hrubesch hat es selbst mal so beschrieben: „Manni Banane, ich Kopf, Tor.“ Manni war Manfred Kaltz, rechter Verteidiger. Mit Banane ist ein Flankenball gemeint, der eine sanfte Kurve beschreibt.

Der Fußball von heute gilt als athletischer, taktisch versierter, schneller als zu Ihrer Zeit. Müssen Fußballer dafür andere Fähigkeiten mitbringen?

Das Spiel hat sich enorm entwickelt, das stimmt schon. Aber im Prinzip ist Fußball immer noch simpel. Wir spielen den Ball immer noch steil und schnell nach vorn. Es gab früher Individualisten und Spieler, die vielseitig waren. Die gibt es auch heute noch. Elf Individualisten haben dir früher nichts genutzt, und sie nutzen dir heute erst recht nichts. Aber die Individualisten setzen das I-Tüpfelchen oben drauf, das hat sich nicht geändert.

Das heißt, Sie würden heute ebenso Karriere machen?

Mit der Qualität, die ich hatte, wäre ich heutzutage spätestens im Alter von zwölf Jahren entdeckt und gefördert worden. Dabei wären auch Anlagen geschult worden, die sich bei mir nie vollständig entwickeln konnten. In meiner Zeit hat man Spieler für eine Position ausgebildet, was wir heute nicht mehr tun. Heute geht es um Vielseitigkeit. Man hat bei Jugendlichen damals auch noch nicht mannschaftstaktisch gearbeitet. Und das war vom DFB damals auch noch nicht so gut organisiert und aufeinander abgestimmt wie heute.

Bevor er Nachwuchstrainer wurde, war Hrubesch Assistent des damaligen Bundestrainers Erich Ribbeck. Sie coachten die DFB-Auswahl gemeinsam bei der Europameisterschaft 2000. Nach drei Spielen ohne Sieg schied diese in der Vorrunde aus. Ein Debakel für den Verband, der daraufhin seine bereits 1997 eingeleitete Reform der Talentsichtung und -förderung intensivierte.

Seither wurden zu diesem Zweck vom DFB 366 Stützpunkte mit 29 Koordinatoren und 1300 Trainern eingerichtet. Neben den Leistungszentren der 21 Landesverbände gibt es 68 Fußball-Eliteschulen. Zudem sind die 36 Vereine der 1. und 2. Bundesliga verpflichtet, nach vom DFB vorgegebenen Kriterien Leistungszentren zu betreiben. 2009 war der DFB der erste Verband, der in den Altersgruppen U 17, U 19 und U 21 den Europameister stellte.

Sie haben das Nachwuchsprogramm des DFB einmal als bestes der Welt bezeichnet. Warum?

Ob wir das beste System haben, darüber kann man streiten. Die Spanier sind auch sehr erfolgreich. Doch es gibt kein Land, das so einen Aufwand betreibt wie wir. Das fängt mit der Basisarbeit der Vereine an. Die jungen Spieler kommen anschließend mit zehn, elf Jahren in die Stützpunkte, in die Leistungszentren der Landesverbände oder direkt zur U-Nationalmannschaft. Sie messen sich dort national und international mit den Besten ihrer Altersklasse.

Mit anderen Worten: Jeder, der etwas kann, wird entdeckt?

Die berühmte Ausnahme wird es immer geben. Aber zu 99,9 Prozent sage ich: Aufgrund unseres Programms und der Qualität unserer Trainerausbildung gibt es keinen talentierten Spieler, den wir nicht kennen. Wir kriegen alles mit. Alle wichtigen Daten sind archiviert. Wir können in den Computer schauen und sehen, wo der Spieler war, was er gemacht hat oder wie er beurteilt worden ist.

Sechs Spieler der U-21-Mannschaft, mit der Sie 2009 Europameister wurden, standen 2014 in Brasilien im WM-Finale: Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Sami Khedira und Mesut Özil. War es bei allen abzusehen?

Zumindest, dass sie es ganz nach oben schaffen können. Über Manuel Neuer müssen wir nicht diskutieren, er ist ein Ausnahmetorhüter. Bei Mats Hummels war ich mir auch absolut sicher, dass er das schafft. Jérome Boateng hat eine fantastische Entwicklung genommen. Und auch bei Mesut Özil war frühzeitig zu sehen, dass er genial ist, wenn er sein Potenzial ausschöpft. Zu Sami Khedira habe ich ein spezielles Verhältnis. Er wurde immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Sami hat einen langen Leidensweg hinter sich, und er tut nach wie vor alles, um Erfolg zu haben.

Hrubesch ist als Trainer kein medientauglicher Entertainer wie Jürgen Klopp. Er ist kein dynamischer Taktikfreak wie Thomas Tuchel. Er ist auch keines dieser fußballerischen Superhirne wie Pep Guardiola vom FC Bayern München.

Hrubesch lebt auf einem Bauernhof in der Nähe von Uelzen in Niedersachsen und züchtet Haflinger. Er hat zwei Hunde, von denen der ältere „Sohn des Häuptlings“ heißt. Sein Hobby: Angeln. „Dieser Trainer“, sagte Manuel Neuer nach der siegreichen U-21-Europameisterschaft, „war wie ein Freund, er hat uns angeschnauzt und sofort wieder aus dem Dreck gezogen, so habe ich das noch nie erlebt.“

Begabte Spieler stehen heute früher im Fokus als zu Ihrer Zeit. Heute werben große Klubs bereits Teenager an. Kürzlich verpflichtete Real Madrid den 16-jährigen Norweger Martin Ødegaard. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Es gibt Beispiele wie Lionel Messi, der seit seinem 13. Lebensjahr beim FC Barcelona ist, die zeigen, dass es funktionieren kann. Ich gehe davon aus, dass bei Ødegaard die Familie mit nach Madrid gegangen ist. Sorgen macht mir die Tendenz, dass bereits auf Zehn- und Elfjährige zugegangen wird. Da müssen wir aufpassen. In diesem Alter sind sie noch Kinder. Sie müssen ihre Kindheit und später auch ihre Jugend erleben und genießen dürfen. Sie müssen auch mal ausbüchsen können.

Vorher sprachen Sie von Disziplin und harter Arbeit. Widersprechen Sie sich jetzt nicht?

Wir Trainer müssen den Jungs helfen, ihre Träume zu verwirklichen, und ihnen klarmachen, was sie erreichen können. Wir dürfen sie aber auch nicht in eine Schablone pressen. Es muss Spaß machen. Später ist es dann aber auch wichtig, offen anzusprechen, wenn es bei dem einen oder anderen nicht reicht für die ganz große Karriere.

Der Grat ist offenbar schmal. Von Ihrer U-19-Mannschaft, die 2008 Europameister wurde, haben es lediglich die Brüder Lars und Sven Bender und Torhüter Ron-Robert Zieler häufiger in die Nationalmannschaft geschafft.

Dass nicht jeder ganz oben ankommt, ist klar. Mich freut es aber, wenn Spieler wie Stefan Reinartz oder Mario Vranč ić, die damals auch im Kader waren, zu Stammspielern in der Bundesliga werden. Sie haben, gemessen an ihrem Potenzial, viel erreicht. Wenn ich allerdings sehe, dass Leute mit weitaus mehr Talent viel weniger aus sich gemacht haben, könnte ich verrückt werden. Manchmal frage ich mich aber auch: Was erwarten wir von diesen jungen Leuten? Von denen wird nur gefordert, gefordert, gefordert. Sie müssen sportlich hundert Prozent geben. Sie müssen Vorbilder sein. Sie müssen für die Medien funktionieren. Aber keiner fragt, ob die Jungs diesem Druck standhalten können.

Ist das von jemandem, der mit 19 oder 20 schon Millionen Euro verdient, nicht zu erwarten?

Natürlich kommen sie heute nicht mehr mit dem Fahrrad zum Training. Ich tue mich aber schwer mit dem Klischee, diese Generation sei verwöhnt. Das stimmt nicht. Keiner meiner Spieler aus dem aktuellen U-21-Kader wäre auf dem sportlichen Level, wenn er bis hierher nicht sehr, sehr hart gearbeitet hätte. ---

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