Ausgabe 01/2015 - Schwerpunkt Selbstbestimmung

Gunter Pauli im Interview

„Weniger beibringen, mehr inspirieren“

• Wir erreichen Gunter Pauli am Vorabend der Feier zum 20-jährigen Bestehen seiner Zeri-Stiftung in einem Hotelzimmer in Tokio. Dort ist es bereits 22 Uhr, seine Stimme klingt angegriffen, er habe den ganzen Tag geredet, entschuldigt er sich. Der belgische Ökonom gilt als Begründer der sogenannten Blue Economy (siehe Glossar), war Assistent des Club-of-Rome-Gründers, schrieb Märchenbücher, gründete ein Dutzend Firmen, entwarf einen Expo-Pavillon, wirkte an mehr als 180 unternehmerischen Projekten in aller Welt mit und wurde als unabhängiger Abgeordneter in das EU-Parlament gewählt.

brand eins: Ihren Sitz aber haben Sie nicht eingenommen. Warum nicht, Herr Pauli?

Gunter Pauli: Noch im Moment der Wahl realisierte ich, dass ich als unabhängiger Abgeordneter nichts hätte bewegen können, also nahm ich das Mandat nicht an.

Warum waren Sie in Ihrer Karriere so sprunghaft?

Ich will erfahren, wo meine Interessen sind, was mich bewegt. Das kann man nicht von sich aus wissen, man muss es auspro-bieren und darauf stoßen.

Wie sehr planen Sie Ihr Leben?

Kaum. Ich sehe uns als Surfer, wir müssen die perfekte Welle spüren und uns entscheiden, ob wir aufspringen. Das verlangt Risikobereitschaft. Diese positive Charaktereigenschaft verdanke ich eigentlich einem schlechten Menschen. Mein Vater verließ meine Familie, als ich 16 Jahre alt war. Er war meiner Mutter gegenüber ein Schwein. Das werfe ich ihm vor. Andererseits wäre ich ohne ihn nicht der Mensch, der ich heute bin.

Inwiefern hat er Sie geprägt?

Meine Arbeit dreht sich viel um Gemeinnützigkeit, und helfen musste ich bereits als Jugendlicher in meiner Familie. Von klein auf unterstützte ich meine Mutter und meine Geschwister. Wenn ich selbst etwas wollte, musste ich mich allein darum kümmern. In jedem Schlechten sehe ich daher auch eine Chance.

Statt im EU-Parlament landeten Sie in der Waschmittelindustrie. Welche Chance erkannten Sie darin?

Ich habe mich damals bei meinen Wählern entschuldigt und gesagt, dass ich etwas Gutes tun möchte. 1990 trat ich in den Vorstand des Bio-Waschmittelherstellers Ecover ein. 1991 übernahm ich das Unternehmen, um es vor dem Bankrott zu retten. Ein Jahr später eröffneten wir eine neue Fabrik, eine der ersten streng ökologisch konzipierten Industrieanlagen überhaupt. An den Wochenenden besuchten uns bis zu 5000 Leute. Stellen Sie sich das vor, die kamen, um sich eine Waschmittelfabrik anzuschauen.

Was war Ihr Anliegen?

Ich wollte herausfinden, ob es noch einen anderen Wettbewerb als den zwischen weißer und noch weißerer Wäsche gibt. Nachhaltiger zu produzieren, soziale Standards einzuhalten, das waren meine Ziele. Wir haben ökologische Arbeitskleidung angeschafft und die Mitarbeiter dafür bezahlt, dass sie mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Am Ende erreichten wir einen Marktanteil von drei Prozent, ohne einen Cent für Werbung auszugeben.

Warum sprechen Sie so oft in der Wir-Form, es geht doch um Sie?

Das Wir ist die Höflichkeitsform des Ich. Es geht ja nicht um mich allein.

Sie wollen behaupten, Sie hätten kein Ego?

Vor 20 Jahren spielte das tatsächlich eine große Rolle, bis ich erkannte, dass ein starkes Ego noch stärkere Widerstände erzeugt. Die brauchen wir nicht.

Benutzen Sie andere Leute, um Ihre Vorhaben zu realisieren?

Vielleicht und womöglich wäre das sogar verwerflich, wenn ich das täte, um von irgendetwas Präsident zu werden oder Reichtümer anzuhäufen. Aber wenn es um sauberes Trinkwasser für die Ärmsten der Armen geht und sich Leute von dieser Idee anstecken lassen, ist das dann schlecht?

Wie wichtig ist Ihnen das Gefühl, etwas geschafft zu haben?

Diesen Moment finde ich weniger bedeutsam als den, wenn man zum ersten Mal das Gefühl hat, dass man es schaffen wird.

Wann hatten Sie das zum Beispiel?

Vor drei Jahren hätte niemand geglaubt, dass wir eine Milliarde Dollar auftreiben könnten, um aus Bergbauabfällen Steinpapier herzustellen. Das Projekt wird durch das weltweite Netzwerk unserer Stiftung unterstützt, in China und Taiwan produzieren Unternehmen dieses Papier bereits. Wir haben das Geld noch nicht ganz beisammen, sind aber fest davon überzeugt, dass es klappt.

Welches war Ihr erstes Projekt?

Aus unternehmerischer Sicht der Export von Schokolade und Bier aus Belgien nach Japan. Der belgische Botschafter in Japan sagte mir, dass das niemals funktionieren würde. 1981 eröffnete ich das erste Geschäft in Tokio, das Unternehmen entwickelte sich sehr gut.

Kann man Selbstbestimmung lernen?

Ich war in Belgien ein erfolgreicher Unternehmer, ich wohnte in einem Schloss und habe 1994 alles verkauft, um das Geld in die Zeri-Stiftung zu stecken. Ich ging nach Japan, mietete mir ein kleines, unmöbliertes Zimmer in einem Teehaus – und begann zu arbeiten. Die Studenten von heute lernen meist nur das Gegenteil, wie sie vom Teehaus ins Schloss kommen. Die Ausbildung ist die große Schwachstelle in der Entwicklung der persönlichen Freiheit der Menschen. Wir sollten den Jugendlichen viel weniger beibringen und sie dafür viel mehr inspirieren. Damit sie lernen, sich etwas vorzustellen, das sie noch nicht kennen. Nur das führt die Menschen auf ihren eigenen Weg. Wenn wir jung sind, ist unser Kopf voll von Ideen. Irgendwann aber muss man sich zu ihnen bekennen oder sie aufgeben, um Geld zu verdienen.

Der Grad der Selbstbestimmung hängt also vom Portemonnaie ab?

Aber natürlich, ich war 30 Jahre in der grünen Wirtschaft aktiv, bis mir klar wurde, dass Grün nur für diejenigen gut ist, die Geld haben. Es würden sich weitaus mehr Menschen für Bio-Produkte entscheiden, wenn sie es sich nur leisten könnten. Mit der Blue Economy versuchen wir, den Menschen eine Chance zu geben, sich zu entscheiden.

Inwiefern?

Durch Wertschöpfung, die sehr weit unten beginnt. Bei Abfällen zum Beispiel, die nichts kosten. Aus 150 000 Tonnen Eierschalenmüll wird in Europa vielleicht bald Kosmetik. Und Starbucks züchtet in Madrid hochwertige Speisepilze auf Kaffeesatz, die zum halben Marktpreis verkauft werden. Das sind Maßnahmen, die die Kaufkraft der Menschen erhöhen, weil Notwendiges weniger oder gar nichts kostet oder aus Abfällen Werte geschaf-fen werden.

Mehr Kaufkraft heißt mehr Freiheit?

Die lokale Kaufkraft ist eine viel zu wenig beachtete Quelle eigenverantwortlichen Handelns. Wir gründen in Südafrika gerade bis zu 6000 Kleinstbäckereien. Die brauchen kein Geld für Marketing, keine Logistik für den Rohstoffimport, keine Verpackungen oder Geschmacksverstärker. Alles wird lokal geliefert. Die Kaufkraft verbleibt in der Community, wo bis zu 18 000 Arbeitsplätze entstehen. Deren Kaufkraft können sie in die Freiheit des Individuums übersetzen, zu tun oder zu lassen, was es will. ---

Blue Economy: Lokale und wiederverwertbare Ressourcen werden in unternehmerischen Initiativen so effektiv wie möglich genutzt, der Abfall des einen bildet bereits das Ausgangsmaterial für das nächste Produkt.

Steinpapier: ein Papier, das aus Gesteinsstaub in Minenabfällen hergestellt wird. In der Produktion wird kein Wasser benötigt, das Material ist endlos recycelbar. Derzeit existieren vier Fabriken in Taiwan und China.

Zeri (Zero Emissions Research and Initiatives): Ein Verbund von 34 Stiftungen und NGOs, der 1994 von Gunter Pauli an der United Nations University mit der Unterstützung der japanischen Regierung gegründet wurde. Ziel ist ein Wirtschaftsmodell ohne Emissionen und Abfälle.

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