Ausgabe 01/2015 - Das geht

Bioanalyt: iCheck

Labor aus dem Koffer

Mann mit Mission: Florian Schweigert und sein mobiles Labor

• Mit einem leisen Klack schnappt das graue Köfferchen auf. „Das“, sagt Florian Schweigert, Professor für Tiermedizin, nicht ohne Stolz, „ist ein Chemie-Labor.“ Eingebettet in Schaumstoff sind da eine Waage, LED-Licht, Akkus und ein Ladegerät sowie ein Kästchen, das an frühe Mobiltelefone erinnert. Der Inhalt wirkt unspektakulär und leistet doch Erstaunliches. „Damit testet man Lebensmittel auf ihren Mikronährstoffgehalt – womit täglich Leben gerettet werden. Weltweit!“

Seine patentierte Erfindung, genannt iCheck, wird durch viele, dem Gemeinwohl verpflichtete Nichtregierungsorganisationen (NGO) gefördert, denn Schweigert übertreibt nicht. Die mobilen Labore helfen tatsächlich, ein weltweites Problem zu lösen: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden schätzungsweise 250 Millionen Kinder unter Vitamin-A-Mangel, der zu Erblindung führen kann. Das ist mit gezielter Ernährung vermeidbar. Also versuchen viele Staaten, den Mangel auszugleichen, indem sie mit dem Mikronährstoff angereichertes Speiseöl einkaufen. Ob dessen Qualität gleichbleibend gut ist, muss überprüft werden, bevor die Ware in den Handel kommt.

Also etwa bei der Einfuhr, so wie in Ghana. Das westafrikanische Land hat keine eigene Speiseöl-Produktion, importiert es daher aus Indonesien. Die Zöllner müssen testen, ob das Öl genügend Vitamin A enthält, um den Mangel in der Bevölkerung entsprechend der gesetzlichen Vorgaben auszugleichen. „Mit herkömmlichen Laborverfahren ist das nicht praktikabel. So ein Frachtschiff kann ja nicht tagelang warten. Immerhin dauert eine klassische Analyse mehrere Tage, weil die Proben teilweise eingefroren, beschriftet und verschickt werden müssen“, so Schweigert. „Mit unserem Koffer haben Sie nach fünf Minuten ein verlässliches Ergebnis – zu einem Zehntel der Kosten.“ Darum hat die NGO Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN) die ghanaischen Zöllner mit Schweigerts Laboren to go versorgt.

Sie wiegen nur 500 Gramm. „Jeder kann damit umgehen. Es bedarf keines Studiums, das lernen Sie in wenigen Stunden“, erklärt Schweigert. Die Idee hatte er 1986 als junger Wissenschaftler. Damals wollte er im Rahmen seiner Habilitation den Vitamin- und Fett-Stoffwechsel von kanadischen Kegelrobben untersuchen – fand aber weit und breit kein Labor für die nötigen Blutuntersuchungen. Also dachte er über ein transportables System nach. Daraus entstand im Jahr 2006 die Firma BioAnalyt mit Sitz in Teltow, unweit von Berlin.

„Die Analyse ist simpel“, sagt Schweigert, nimmt eine Spritze, zieht etwas Öl aus einer Flasche und spritzt die Flüssig-keit in ein kleines Glasgefäß, das mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt ist. „Das sind verschiedene Chemikalien.“ Schweigert schüttelt die Probe, sie verfärbt sich blau. „Sehen Sie“, sagt er und hält die Phiole prüfend vors Gesicht, „in diesem Speiseöl ist Vitamin A enthalten.“ Der exakte Wert wird mit dem Mini-Labor bestimmt. „Es ist alles fertig. Wie bei einer Backmischung“, sagt Schweigert.

Diese Effizienz lobt auch Andreas Blüthner, 43, Food Fortification Director beim Chemie-Riesen BASF: „BioAnalyt hat die Bestimmung von Vitamin A in Grundnahrungsmitteln schnell, einfach und bis zu 90 Prozent günstiger gemacht. So können wir mehr als einer halben Milliarde unterernährter Menschen helfen.“

Der iCheck-Koffer für Vitamin A kostet 8000 Euro. Die dazugehörigen Glasgefäße gibt es im 100er-Karton inklusive der Spritzen für 200 bis 500 Euro. „Das ist wie bei einem Drucker, wo man auch nur die Farbpatronen nachkauft, so finanzieren wir uns. 70 Prozent unserer jährlichen Erlöse von rund 1,5 Millionen Euro kommen momentan – noch – aus den Koffern, der Rest sind die Verbrauchsmaterialien, die regelmäßig nachgeordert werden“, so Schweigert.

Neben dem Vitamin-A-Tester gibt es weitere Koffer-Systeme für je 3000 Euro, mit denen man Eisen, Jod, Zink und Carotin nachweisen kann – egal, worin die Mikronährstoffe enthalten sind, in Eiern, Fisch, Salz oder Säften. „Pro Jahr verkaufen wir derzeit 150 Koffer, hauptsächlich die für Vitamin A“, sagt Schweigert.

Seine Firma hat 17 Mitarbeiter aus neun Nationen, die über die Jahre mehr als 700 Labore to go verkauft haben – nach Mexiko, China, Uganda, Bolivien, aber auch in die USA, die Niederlande und nach Großbritannien. Der Umsatz wächst zweistellig. Nicht zuletzt deshalb zeichneten die Wirtschaftsprüfer von Deloitte BioAnalyt Anfang November mit einem „Technology Fast 50 Award“ aus.

„Das macht natürlich sehr stolz“, sagt Schweigert und klappt das graue Köfferchen vorsichtig wieder zu, klack. „Aber dass mit diesem kleinen Ding hier Menschen gerettet werden können, ist immer noch die schönste Auszeichnung.“ ---

Kontakt: www.bioanalyt.com

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