Ausgabe 11/2015 - Das geht nicht

Unbezahltes ZDF-Praktikum

WISO?

• Anna Mühle lebt in einer deutschen Großstadt, bald wird sie sich in Mainz ein Zimmer suchen. „Ich freue mich riesig auf das Praktikum beim ZDF“, sagt sie. Einerseits. Andererseits ist sie auch wütend auf den Sender. Darüber, dass sie das Praktikum in Mainz viel Geld kosten wird. Denn das ZDF zahlt für Praktika und Hospitationen, wie redaktionelle Praktika intern genannt werden, grundsätzlich nichts.

Weil Mühle das für Ausbeutung hält, gleichzeitig aber weiß, dass die Zeit beim ZDF eine Riesenchance ist, will sie hier nicht mit ihrem richtigen Namen erscheinen. Aus Angst, es sich mit ihrem Arbeitgeber zu verscherzen. Das zeigt das Dilemma, in dem viele Praktikanten in der Medienbranche stecken. Hospitationen in Redaktionen und Praktika in Verwaltungs- und Technikbereichen beim ZDF sind begehrt. Eine Station beim Sender wertet den Lebenslauf auf. Viele erhoffen sich dadurch den Berufseinstieg. Aber ist das Bezahlung genug? „Wir finden unbezahlte Praktika natürlich nicht gut, aber es wundert uns nicht“, sagt Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV). „Die Nachfrage beim ZDF ist so groß, die haben die freie Auswahl.“

Praktika beim ZDF sind finanziell ein Verlustgeschäft. Da fast alle in Vollzeit ausgeübt werden und viele dafür in eine andere Stadt ziehen, ist eine Nebentätigkeit schwierig. Auch Mühle muss ihren Job, mit dem sie sich ihr Studium finanziert, zwischenzeitlich unterbrechen. „Allein wenn ich an die Kosten für Verpflegung denke, werde ich nervös“, sagt sie. „Die meisten Kontakte knüpft man ja beim Mittagessen oder Kaffeetrinken, ich kann mir also nicht einfach zu Hause Brote belegen, sondern muss mit in die Kantine.“

Beim Thema Verpflegung hat sich das ZDF etwas Besonderes ausgedacht. Alle Praktikanten erhalten eine Essenspauschale in Höhe von 77 Cent täglich, die mit dem Kantinenessen verrechnet wird. Spricht man mit ehemaligen ZDF-Praktikanten, erinnern sich alle an diese Pauschale. Sie hätten das damals als Witz empfunden, fast schon zynisch.

Die Situation der Praktikanten in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert, die „Generation Praktikum“ bemitleidet. Hoch qualifizierte junge Menschen hangeln sich von einem Praktikum zum nächsten und schuften für einen Hungerlohn. Oder gar keinen. Immer in der Hoffnung, übernommen zu werden.

Das Mindestlohngesetz, das ab Januar 2015 greift, schien Abhilfe zu schaffen. Es sieht mindestens 8,50 Euro pro Stunde vor, bei einer 38-Stunden-Woche sind das knapp 1300 Euro im Monat. Doch das Gesetz greift erst ab einer Beschäftigung von mindestens drei Monaten. Auch Pflichtpraktika im Rahmen eines Hochschulstudiums, die es seit Einführung von Bachelor und Master häufiger gibt, sind ausgenommen.

Deswegen hat sich durch die Einführung des Mindestlohns für das ZDF nichts geändert. Hospitationen und Praktika dauern zwei, höchstens drei Monate, Immatrikulation ist Pflicht. Immerhin wird so verhindert, dass sich Berufseinsteiger in einer ewigen Schleife aus Praktika wiederfinden.

Bei der ARD ist die Situation nur wenig besser. Etwa die Hälfte der Landesrundfunkanstalten entlohnt ihre Praktikanten, das monatliche Salär liegt zwischen 251 Euro (für Vorpraktikanten und Studenten bis zum dritten Semester beim Hessischen Rundfunk) und 660 Euro (Bayerischer Rundfunk). MDR, NDR, Radio Bremen, Rundfunk Berlin-Brandenburg und Saarländischer Rundfunk zahlen nichts. Das ZDF ist also keinesfalls allein mit dieser Praxis.

Pro Sieben Sat 1 hingegen vergütet nach eigener Aussage freiwillige und Pflichtpraktika, die bis zu drei Monate dauern, mit 700 Euro im Monat.

Die Seite Meinpraktikum.de, eine Börse, auf der Ehemalige Erfahrungsberichte erstellen, veröffentlichte 2014 eine große Studie, in der mehr als 13 000 Bewertungen von mehr als 7500 Unternehmen aus allen Branchen ausgewertet wurden. Im Durchschnitt wurden Praktika 2013 mit 402 Euro vergütet, in der Medienbranche mit 231 Euro. Der Studie zufolge ist die Qualität der Praktika in den vergangenen Jahren besser geworden, sowohl was die Bezahlung als auch was die Zufriedenheit der Praktikanten angeht. Tatsächlich steigt die Zufriedenheit mit der Vergütung, ab 500 Euro im Monat sind 80 Prozent zufrieden. Bezahlung, auch wenn sie unter dem Mindestlohn liegt, ist eben nicht nur eine finanzielle Hilfe, sondern auch eine Form der Wertschätzung.

Die fehlt Anna Mühle. „Das Allerwitzigste ist, dass ich in meiner Praktikumszeit natürlich auch den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro im Monat weiterzahle“, sagt sie.

Allein 2014 nahm das ZDF mehr als zwei Milliarden Euro an Rundfunkgebühren ein. Im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 stehen dem Sender jedes Jahr 300 Millionen Euro für Personalausgaben ohne Altersvorsorge zur Verfügung.

Leistung, die sich für andere lohnt

Dass die Praktikanten dennoch kein Gehalt bekommen, begründet Petra Merino, die beim ZDF das Team Ausbildung leitet, folgendermaßen: „Wir möchten möglichst vielen einen Einblick in die Arbeit beim ZDF geben. Allein dieses Jahr haben wir 800 Praktikanten und 700 Hospitanten angenommen. Das wäre nicht möglich, wenn wir sie bezahlen würden.“

Ein kleines Gedankenspiel: Würde der Sender jedem dieser Kandidaten 500 Euro brutto im Monat überweisen bei einer Praktikumsdauer von je zwei Monaten, so beliefen sich die jährlichen Ausgaben auf 1,5 Millionen Euro. Knapp 0,5 Prozent des jährlichen Gesamtbudgets für Personalausgaben.

Merino verweist auf die Sparvorgaben der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF). Die ist mit dem Haushalt des ZDF nicht zufrieden, bis 2020 muss der Sender deswegen unter anderem 75 Millionen Euro bei den Personalkosten einsparen.

Außerdem, so Petra Merino, seien Praktika Teil der Ausbildung: „Wir verlangen keine vergütungsrelevante Arbeitsleistung.“ Heißt das im Umkehrschluss, dass das ZDF nicht auf die Hilfe der Praktikanten angewiesen ist und der Betrieb auch ohne sie weiterlaufen könnte? „Ja, das wäre möglich“, sagt Merino.

Dennoch verlangt das ZDF von den Bewerbern explizit Praxiserfahrung, einige Praktika stehen Studenten erst in höheren Semestern offen. Ihre zukünftigen Vorgesetzten sagten Anna Mühle im Bewerbungsgespräch klar, dass sie auf ihre Mitarbeit zählen würden und sie auch mal allein im Büro die Stellung halten müsse.

Und gerade das ist es ja, was ein Praktikum zu einem guten macht: Zusammenarbeit, Einbindung in die Arbeitsabläufe, Eigenverantwortung. Das hat Anerkennung verdient, die über 77 Cent am Tag hinausgeht. Aber das ZDF kann es sich offenbar erlauben, keiner muckt auf. Das macht Anna Mühle besonders wütend.

Eine Lobby für Praktikanten aufzubauen ist schwierig. Auch viele ihrer Freunde sagen, sie solle doch froh sein, das Praktikum überhaupt bekommen zu haben. Wer die Zeit hinter sich hat, ist froh, keiner will sich durch Kritik die Zukunft verscherzen. Immerhin hat die Jugendpresse Deutschland gemeinsam mit der DJU von Verdi und dem DJV die Praktika-Offensive gegen unbezahlte Arbeit in Medienberufen gegründet. So viel, wie man sich ursprünglich erhofft habe, sei aber noch nicht erreicht worden, sagt Bernd Fiedler von der Jugendpresse. Auch vom Mindestlohngesetz sei er enttäuscht.

„Mir nützt es ja auch nichts, wenn ich jetzt viel Wind mache“, sagt Anna Mühle. „Bis sich etwas ändert, ist mein Praktikum längst vorbei.“ ---

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