Ein Blick ins Heft

brand eins Chefredakteurin Gabriele Fischer stellt einmal im Monat das neue Heft vor und schreibt über die Gedanken, die die Redaktion zum jeweiligen Schwerpunkt bewegen. Wenn Sie den Leser-Newsletter gerne empfangen möchten, melden Sie sich bitte hier an:

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Schwerpunkt: Ökonomischer Unsinn

Lieber Leser,

„Wirtschaft verstehen“ ist seit der ersten Ausgabe das Leitmotiv von brand eins – aber ehrlich gesagt: Bisweilen verstehen wir sie auch nicht. Denn was so gern als von reiner Ratio getrieben daherkommt, erweist sich oft als schiere Psychologie: Wirtschaft wird von Menschen gemacht, und damit gehören Widersprüche und Fehler zum System.

Das ist nicht schlimm, weil uns Fehler weiterbringen – vorausgesetzt, sie wiederholen sich nicht. Dazu aber müssten wir erst einmal verstehen, was falsch gelaufen ist.

Unsere nächste Ausgabe versammelt einige der Verursacher und zeigt auf, wie es zu unglücklichen Entwicklungen kommen kann. Zum Beispiel weil wir zu viel wollen – wie die belüfteten Gummistiefel von Katerina Kamprani auf dem Titel illustrieren. Oder weil wir nicht wissen, was wir wollen – dazu hat sich Katja Berlin ihre Gedanken gemacht. In jedem Fall hilft auch im Wirtschaftsleben Humor. Denn so manches, was manche als furchtbar wichtig erachten, ist einfach nur skurril.

Thomas Herndon

Wenn Koryphäen irren

Es klingt wie ausgedacht: Der Student Thomas Herndon rechnet für eine Seminararbeit die Tabellen zweier Harvard-Professoren nach, kommt beim besten Willen nicht zu deren Ergebnissen, forscht nach – und deckt einen Fehler mit gewaltiger Wirkung auf. In Akademikerkreisen hat ihm das zu einiger Berühmtheit verholfen, doch der Held der Wissenschaft hob nicht ab. Vielleicht, weil Herndon den Fehler der beiden Harvard-Koryphäen nicht wiederholen wollte: Die fühlten sich ganz offensichtlich unangreifbar und haben den Nachweis falscher Berechnungen schlicht ignoriert. Wir lernen: So gefährlich wie Excel-Tabellen ist Arroganz („Der Fall RR“; S. 54 / „Schön gerechnet“; S. 58).

Wie gefährliche Mixturen entstehen


Wie gefährliche Mixturen entstehen

Es gibt viele Methoden, die Vernunft aus der Wirtschaft zu vertreiben. Eine der besten: Vermische Wirtschaft mit Politik. Dann wird aus der eigentlich guten Idee, verheiratete Paare nicht schlechter zu stellen als unverheiratete, das Ehegattensplitting. Dann muss ein hoffnungsvoller Jungunternehmer jahrelang in EU-Gremien vorsprechen, um nachzuweisen, dass ein Elektro-Roller keinen Sitz braucht. Und dann verkehrt sich eine gute Absicht allzu schnell in ihr Gegenteil, wie das Beispiel der Solartechnik zeigt („Der ewige Zankapfel“; S. 132 / „Neben der Spur“; S. 90 / „Sonne und Schatten“; S. 96).

Was wirklich zählt

Was wirklich zählt

Wer viel Geld hat, so eines der vielen Missverständnisse rund um die Ökonomie, muss rechnen können. Dabei hat das, worauf sich gerade vermögende Menschen einlassen, wenn ihnen noch mehr Reichtum versprochen wird, mit Mathematik nichts zu tun. „Magisch-religiös“ sei der Umgang mit Geld, sagt der Philosoph Christoph Türcke. Rational jedenfalls ist er nicht, so das Fazit von Ingo Malcher, der einer inzwischen insolventen Schweizer Finanzverwaltung nachgespürt hat („Das Geld reicht nie“; S. 128 / „Der schöne Schein“; S. 138).

Mad Business

Wo Wirtschaft spielt

Wer in einem der großen Konzerne arbeitet, käme sowieso nie auf die Idee, Wirtschaft als rationale Veranstaltung zu beschreiben. Wie es gelingt, mit größtenteils desolatem Management doch immer wieder Milliardengewinne auszuweisen, ist eines der großen Rätsel der Ökonomie. Gelöst haben es Oliver Weyergraf und Joerg Bartussek nicht, aber in ihrem Buch „Mad Business“ in schillernden Farben geschildert („Teil eines lächerlichen Spiels“; S. 62).

Wer Wirtschaft braucht


Wer Wirtschaft braucht

Spätestens wenn man versucht, seine Arztrechnung zu verstehen oder die Bescheide der Rentenversicherung, ist klar: Raushalten kann sich aus dem Wirtschaftsleben keiner. Und raushalten darf sich auch keiner, wenn er frei und nicht in Abhängigkeit leben will, betont Wolf Lotter. Nicht zuletzt deshalb plädieren aufgeklärte Ökonomen seit vielen Jahren für einen Wirtschaftsunterricht an Schulen – und stoßen ausgerechnet im Wirtschaftswunderländle Baden-Württemberg auf heftigen Widerstand. Holger Fröhlich, Schwabe, wundert das nicht. Auf der Suche nach der schwäbischen Hausfrau, die inzwischen so manchem Weltökonomen als Vorbild dient, hat er Vernunft angetroffen – allerdings oft auch das Gegenteil („Das Paradox“; S. 42 / „Wem hilft die Ökonomie?“; S. 126 / „Auf der Suche“; S. 144).

Die resistente Industrie


Wann Unsinn nützt

Die Hoffnung, dass sich seine Recherche zur Ökonomie der Antibiotika irgendwann rechnet, hat Dirk Böttcher nach zwei Monaten aufgegeben – am Ende dauerte es gut ein Jahr, ehe die Geschichte stand. Das hat mit der komplexen Materie zu tun, mit dem G7-Gipfel, der sich bei seinem jüngsten Treffen anschickte, dem Thema neuen Schwung zu geben. Und mit dem von einem Stipendium der Bosch-Stiftung geförderten Plan, die verzwickte Geschichte auch in einem besonderen Online-Fomat zu erzählen. Ingo Eggert und Björn Richter haben ihn bei seinem Vorhaben unterstützt – das Ergebnis finden Sie unter antibiotika.brandeins.de.
Die Geschichte können Sie im Heft lesen: „Die resistente Industrie“, S. 110. 

Viel Spaß mit dieser Ausgabe
Gabriele Fischer

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