Ausgabe 07/2015 - Artikel

Interview mit Chris Gardner

Ein amerikanischer Traum

Chris Gardner ist schon lange zu hören, bevor er zum Interview erscheint. Im Four Seasons Hotel am Londoner Hyde Park, wo Gardner sich mit Bankern und Seminarveranstaltern trifft, rollt von Weitem sein tiefes Lachen durch die Lobby. Im Vorbeigehen scherzt er mit der Rezeptionistin, herzt eine Familie, die vor dem Fahrstuhl wartet, und begrüßt eine junge Deutsche, die extra nach London gereist ist, um ihn persönlich zu treffen. Als Geschenk hat sie eine selbst gebackene Torte mitgebracht. Auf ihr steht in geschwungener Zuckergussschrift: „Happyness is universal.“

Diese Formel ist so etwas wie das Motto von Chris Gardners unglaublicher Lebensgeschichte, deren entscheidender Abschnitt Mitte der Achtzigerjahre beginnt. Gardner, von Frau und Glück verlassen, lebt damals mit seinem kleinen Sohn auf der Straße und schlägt sich als Vertreter durch. Eines Tages läuft ihm ein Investmentbanker über den Weg, der besorgt ihm ein Praktikum als Aktienhändler, aus dem Praktikum wird dank Gardners enormen Fleißes eine Anstellung, aus dem Aktienhändler ein selbstständiger Broker, aus dem Broker ein Multimillionär und schließlich ein nationales Vorbild.

Miles Davis’ Ghostwriter macht ein Buch aus seiner Lebensgeschichte. Sie wird zum Hollywood-Film, Will Smith spielt die Hauptrolle und ist Koproduzent von „Das Streben nach Glück“. Für viele Amerikaner ist diese Story der Beweis, dass Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Karrieren tatsächlich möglich sind. Sind sie das wirklich?

brand eins: Herr Gardner, Sie haben als Obdachloser auf den Straßen von San Francisco, dann als Broker an der Wall Street gelebt. Was kann ein Geschäftsmann von einem Obdachlosen lernen?

Chris Gardner: Zum Beispiel, seinen Erfindungsreichtum zu nutzen. Diese Fähigkeit ist für einen Unternehmensgründer genauso überlebenswichtig wie für einen Obdachlosen, schließlich verfügen beide über begrenzte Ressourcen. Außerdem lernt man auf der Straße, Risiken zu managen und ihnen so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Was dächte der obdachlose Chris Gardner, wenn er den Investmentbanker und Bestsellerautor Chris Gardner von heute träfe?

Lassen Sie uns noch weiter zurückgehen, zum kleinen Chris Gardner, der in den Fünfzigerjahren in Milwaukee, Wisconsin, aufwuchs. Dieser Junge hat nie seinen Vater kennengelernt, sein Stiefvater trank und prügelte, seine Mutter saß mehrfach im Gefängnis. Aber diese Mutter pflegte ihm auch zu sagen: „Sohn, wenn du es wirklich willst, kannst du alles werden oder erreichen.“ Damals saß ich in Milwaukee häufig am Busbahnhof und schaute den Greyhound-Bussen hinterher, die zu schier unerreichbaren Zielen wie Cleveland, Detroit oder San Diego aufbrachen. Eines Tages, sagte ich mir, will ich all diese Städte sehen.

Das haben Sie dann ja auch getan.

Derselbe Chris Gardner, der davon träumte, es eines Tages nach Cleveland zu schaffen, hat in den vergangenen 24 Monaten in mehr als 70 Ländern der Erde auf der Bühne gestanden. Verstehen Sie? Gott hat immer einen größeren Plan. Für jeden von uns. Man muss ihn nur entdecken.

Gardner hat nur wenige Minuten gebraucht, um den seelenlosen Konferenzraum in eine Art Auditorium zu verwandeln, in dem er vor einem unsichtbaren Publikum predigt. Wer den 61-Jährigen sieht, könnte ihn mit seinen 1,90 Metern und kahl geschorenem Schädel für den Manager eines Profi-Basketballteams halten. Gardner trägt Manschettenknöpfe in Form von Miniatur-Zauberwürfeln – ein dezenter Verweis auf seine persönliche Geschichte. Seine Geschicklichkeit mit dem damals populären Zauberwürfel war es unter anderem, die den Investmentbanker für ihn einnahm und seinem Leben eine Wendung gab.

Woher soll man wissen, worin dieser „größere Plan“ besteht?

Sie müssen zuhören. Fühlen. Sehen. Und das ist keine religiöse, sondern eine spirituelle Aufgabe. Finden Sie heraus, was in Ihnen steckt, und dann tun Sie es mit aller Leidenschaft. Ich musste in meinem ersten Job als Aktienhändler mitunter hundertmal in einem Büro anrufen, bevor ich endlich zu jenem Geschäftsmann durchgestellt wurde, dem ich ein Aktienpaket verkaufen konnte. 99-mal hörte ich ein Nein, bevor es endlich ein Ja gab.

Wie haben Sie es geschafft, Ihre Kunden nach 99 Fehlversuchen doch noch an die Strippe zu bekommen?

Ich habe nie den Hörer aufgelegt. Und in den Achtzigerjahren hatten die Telefone noch Wählscheiben, also habe ich mir buchstäblich den Zeigefinger wund gewählt. Aber ich war hungrig. Ich wusste, dass ich in wenigen Stunden meine Anrufe erledigt und mindestens ein erfolgreiches Gespräch geführt haben musste, bevor ich meinen Sohn bei der Krippe abholen und mich mit ihm beim Obdachlosenheim für einen Schlafplatz anstellen konnte. Wenn wir dort zu spät kamen, blieb uns nur die Straße.

Erinnert sich Ihr Sohn Chris an diese Zeit?

Wenig. Im Film ist mein Sohn, der von Will Smiths Sohn gespielt wird, ein fünfjähriger Junge, der Fragen stellen kann. In Wirklichkeit aber war Chris junior während unserer Zeit auf der Straße erst zwei Jahre alt.

Wie geht es Ihrem Sohn heute?

Gut. Er ist 34 Jahre alt und lebt wie ich in Chicago. Wenn man ihn fragt, was er beruflich macht, behauptet er, dass er für mich arbeitet.

Gardner beginnt zu lachen. Es scheint, als wüsste er nicht wirklich, womit sein Sohn eigentlich seine Zeit verbringt. Aber das scheint ihn nicht zu stören.

Wünschen Sie sich nicht, dass Chris Gardner junior seinen eigenen Weg findet – so, wie Sie es getan haben?

Natürlich, und das wird er auch. Sein Beruf ist Digital Designer, wobei ich gerne mal wüsste, was genau das eigentlich ist. Ich bin vermutlich der undigitalste Mensch der Welt.

Während er mit seinem uralten Blackberry in der Luft wedelt, schüttet er sich jetzt förmlich aus vor Lachen. Eine Atempause nutzt er, um sich bei der jungen Deutschen mit der Torte zu erkundigen: „Sind Sie Konditorin?“ Die Frau verneint, sie absolviere gerade ihr Referendariat als Lehrerin, und Kuchenbacken sei höchstens ein Plan B für sie. Gardner schüttelt den Kopf: „Plan B ist Unsinn. Sie müssen aus dem, was Sie wirklich gerne tun, Ihren Plan A machen!“ Das ist seine Mission: Menschen bewegen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sein zweites Buch „Start Where You Are“ kombiniert Regeln und To-do-Listen für den Aufstieg mit Fallbeispielen, in denen genau dies geglückt ist.

Mit dem Titel Ihrer Autobiografie zitieren Sie das unveräußerliche Recht jedes Amerikaners, sein persönliches Glück in die Hand zu nehmen. In der Realität allerdings sind die Chancen für viele Ihrer Landsleute geringer denn je, beruflich und finanziell aufzusteigen. Ist es fair, von diesen Umständen abzusehen und den Leuten zu suggerieren, sie könnten es dennoch schaffen?

Wer definiert denn die Umstände?

Die Chancen eines Heranwachsenden in den USA hängen heute stärker als in jedem anderen Industrieland vom Einkommen und der Ausbildung seiner Eltern ab. Wer in eine Familie am untersten Fünftel der Einkommenspyramide hineingeboren wird, hat ein 70-prozentiges Risiko, Zeit seines Lebens dort zu bleiben.

Dennoch bleibt immer noch für jeden die Entscheidung, was er aus seiner Situation macht. Nehmen Sie meinen Stiefvater Freddie, diesen gewalttätigen Trinker, der meine Mutter einmal fast totgeschlagen hätte. Ich habe im selben Haus gelebt wie er. Ich hatte keine Ausbildung, genau wie er. Alle Umstände sprachen dafür, dass ich genau so werden sollte wie er. Und wäre ich es geworden, hätten die Leute gesagt: „Kein Wunder, wenn man sich anschaut, wo Chris herkommt … Er hatte keine andere Wahl.“ Aber wie Sie sehen: Ich hatte eine Wahl.

Genau diese Wendung lieben die Leute an Chris Gardners Geschichte so: Alleinerziehender Vater ohne festen Job und Wohnung lässt sich nicht hängen, sondern kämpft sich aufopferungsvoll nach oben. Legt sich von seinen ersten Millionen einen Ferrari zu, der früher dem Basketballstar Michael Jordan gehörte. Wird von Bill Clinton und von Nelson Mandela empfangen und von Oprah Winfrey zweimal in ihre Talkshow eingeladen. Dennoch ist an Gardner nichts Großkotziges. Als das Gespräch auf die Finanzbranche kommt, die ihn reich gemacht hat, wird er erst nachdenklich, dann wütend.

Sieben Jahre, nachdem Ihr Leben mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt wurde, hat Martin Scorsese mit „The Wolf of Wall Street“ die Lebensgeschichte eines anderen Wall-Street-Veteranen verfilmt. Haben Sie sich und Ihre Kollegen wiedererkannt?

Nein, denn ich habe den Film gar nicht gesehen. Warum sollte ich mir einen solchen Schrott zumuten? Der Typ war ein Dieb!

Jordan Belfort, genannt der Wolf der Wall Street, war der Protagonist einer Branche, in der Sie ebenfalls reich geworden sind.

Wenn ich seine Geschichte richtig gehört habe, war Belfort verrückt, alkoholabhängig und drogensüchtig. Bei der Investmentbank Bear Stearns, wo ich gearbeitet habe, gab es zwar auch jede Menge Alkohol, Drogen und Verrückte, aber diese Verrückten waren ehrlich. Das ist ein gravierender Unterschied.

Sie meinen: Es waren andere Zeiten?

Es waren andere Leute. Diesen Typ hat man als Wolf durch die Wall Street ziehen lassen. Bei Bear Stearns gab es auch einige ausgemachte Schweine, aber definitiv keinen Wolf. Wir haben nicht gestohlen, nichts getan, was unseren Kunden schaden konnte. Schließlich wollten wir auch morgen noch Geschäfte mit ihnen machen. Das ist eine feine, aber entscheidende Linie. Und sie ist in den vergangenen Jahren viel zu oft überschritten worden.

Wie erklären Sie sich das? Sie haben ja selbst Karriere in dieser Branche gemacht, müssten es also wissen.

An der Wall Street gibt es zu wenige Leute, die man für ihre kriminellen Taten die ultimative Strafe zahlen lässt. Wer derartigen Mist baut, hat es verdient, seinen Job zu verlieren und ins Gefängnis zu wandern. Ein solch abschreckendes Beispiel würde andere bewegen, über mögliche Konsequenzen nachzudenken, bevor sie ihre Kunden über den Tisch ziehen. Aber dazu kommt es nicht.

Warum?

Weil in meinem Heimatland die Leute, die die Regeln machen, von jenen finanziert werden, die sie brechen. Deshalb wiederholen sich die Finanzkrisen auch geradezu zwangsläufig – vom Junk-Bond-Fiasko über die Dotcom-Blase bis zur Subprime-Krise kracht es etwa alle 15 Jahre. Und bis zum nächsten Crash ist es auch wieder nur eine Frage der Zeit.

Der letzte Crash hat auch Bear Stearns ausgelöscht.

Bear Stearns war die Bank, bei der ich die Regeln des Geschäftes erlernt habe, und ihr Schicksal bricht mir das Herz. Aber mich stört dieses Gerede über die vermeintlichen Opfer. Es heißt dann immer: „Dieser oder jener Vorstandsvorsitzende hat seinen Posten eingebüßt.“ Oder: „Die Investoren verloren eine Milliarde Dollar.“ Was aber ist mit den Leuten, die ihre Jobs, ihre Renten, ihre Wohnungen und schlichtweg alles verloren haben?

Als Sie 1987 Ihre eigene Investmentfirma gründeten, haben Sie sie nach Marc Rich benannt, einem milliardenschweren Rohstoffhändler und gesuchten Steuerbetrüger. Haben Sie den Mann, der lange Zeit auf der Most-Wanted-Liste des FBI stand, jemals getroffen?

Ich habe es versucht, aber es ist leider nie dazu gekommen. Neben meiner Bewunderung für Marc Rich gab es aber noch einen anderen simplen Grund, warum ich den Namen Rich in meine Firmenbezeichnung aufgenommen habe. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich mein Unternehmen allein, mit nur 10 000 Dollar Kapital und meinem Wohnzimmer als Firmensitz gegründet habe. Damit sie nach außen glanzvoller wirkte, brauchte ich neben Gardner einen klingenden Namen. Und Gardner Rich – das klingt ähnlich gut wie Bear Stearns oder Goldman Sachs, finden Sie nicht?

Und das hat niemand bemerkt?

Problematisch wurde es eigentlich nur ein einziges Mal, als ein Kunde, mit dem ich Probleme hatte, bei uns anrief und meinen Geschäftspartner Mr. Rich zu sprechen verlangte.

Gardner Rich & Co LLC mit Sitz in Chicago und Büros in New York und San Francisco managte mehr als 20 Jahre lang Pensionsfonds und beriet Gewerkschaften und andere Institutionen bei ihren Finanztransaktionen. Eine amerikanische Finanzwebsite schätzt das Vermögen, das Gardner in dieser Zeit verdiente, auf 60 Millionen Dollar.

2012 haben Sie Ihre Firma überraschend geschlossen. Weshalb?

Weil damals Holly, die Liebe meines Lebens, an einem Hirntumor starb. Ich hatte sie ihre letzten vier Jahre gepflegt, als sie mich in einem unserer letzten Gespräche etwas fragte. „Jetzt, wo uns beiden klar ist, wie kurz das Leben sein kann: Was hast du mit dem Rest deines Lebens vor?“

Und was haben Sie ihr geantwortet?

Ich habe eine Erkenntnis beherzigt, über die ich selbst viele Male gesprochen und geschrieben habe: Wenn du etwas tust, das du nicht voller Leidenschaft tust, kompromittierst du dich Tag für Tag selbst. Und in der Investmentbranche gab es für mich nach 30 Jahren nichts mehr zu tun. Ich hatte in dieser Branche ganz unten angefangen und mich zur absoluten Spitze hochgearbeitet. Und jetzt? Weiterhin jeden Tag ins Büro gehen und noch ein paar weitere Kauforders ausstellen? Nein. Holly starb am 1. Juli. Am 2. Juli habe ich Gardner Rich geschlossen.

Seitdem betätigen Sie sich als Motivationstrainer.

Nein. Der einzige Mensch, der Sie motivieren kann, sind Sie selbst. In meinen Vorträgen spreche ich auch nicht über Motivation, sondern über Ziele und Erwartungen. Das ist ein bedeutender Unterschied. Bei Zielen geht es darum, was Sie tun und was Sie erreichen können. Dabei hilft es, sich daran zu erinnern, was andere vor einem getan haben. Wenn man gerade durchs Auge des Sturms trudelt, sollte man nicht vergessen, dass unsere Vorfahren bereits in sehr viel schwierigeren Situationen als wir gesteckt und dennoch herausgefunden haben. Wie heißt es noch einmal von John Lennon?

Gardner legt den Kopf in den Nacken, fixiert einen Punkt an der Konferenzraumdecke und beginnt zu summen: „Nothing you can make that can’t be made. No one you can save that can’t be saved. Nothing you can do but you can learn how to be you in time. It’s easy … All you need is love.“

Verstehen Sie? Die globale Finanzkrise, die wir gerade durchleben – all das hat es auf ähnliche Weise schon einmal gegeben. Und auch damals hat es Leute gegeben, die die steilere Seite des Berges mit sehr viel schwererem Gepäck auf dem Rücken erklommen und ihr Ziel dennoch erreicht haben.

Allerdings wären für jemanden wie Gardner heute die Chancen dafür noch einmal geringer als in den Achtzigerjahren. Einer Studie der Brandeis University zufolge hat sich die Kluft zwischen den Vermögen schwarzer und weißer Familien in den USA seither fast verdoppelt. Afroamerikaner und Latinos werden auf dem Wohnungs-, Kredit- und Arbeitsmarkt nach wie vor diskriminiert und müssen, so die Forscher, doppelt so häufig teure Hypotheken aufnehmen wie Weiße mit entsprechendem Einkommen. Ihre Schlussfolgerung: „Selbst wenn Afroamerikaner alles richtig machen, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen – wenn sie eine Ausbildung haben und hart in einem gut bezahlten Job arbeiten – können sie kein Vermögen erwerben wie ihre weißen Kollegen.“

Als Obdachloser haben Sie mit Ihrem Sohn häufig in den Schlafräumen des Glide Memorial in San Francisco übernachtet. Heute unterstützen Sie die Arbeit dort. Würden Sie den Leuten, die Abend für Abend für einen Schlafplatz anstehen, ins Gesicht sagen: Ihr habt eine Wahl, was ihr aus eurem Leben macht?

Sehen Sie, ich durfte vor einiger Zeit in Detroit einen Vortrag vor 1200 Zuhörern halten. Die meisten von ihnen waren Ingenieure aus der Automobilindustrie, viele arbeitslos, alle weiß. Und wenn ich „weiß“ sage, meine ich nicht ihre Hautfarbe, sondern diese Mentalität, die da lautet: „Ich habe die Schule absolviert, ich habe hart gearbeitet, ich habe immer alle Regeln befolgt – und jetzt habe ich keinen Job. Womit habe ich das verdient?“ Mir wurde also genau diese Frage gestellt, die Sie auch gerade gestellt haben.

Wie lautete Ihre Antwort?

Einer der Zuhörer erzählte mir, dass er einen Job in einer Scheibenwischerfabrik gehabt hatte, bis diese geschlossen wurde. „Wie kann das meine Schuld sein?“, fragte er. Ich habe ihm mit einer Gegenfrage geantwortet: „Als vor fünf Jahren die Produktion der Windschutzscheiben nach Mexiko verlagert worden ist – war das nicht auch eine Art Hinweis, dass es an der Zeit wäre, aktiv zu werden?“

Ziemlich harte Botschaft.

Sie ist hart, wenn jemand anderes sie einem unter die Nase reibt. Noch härter ist sie, wenn man sie sich selbst gibt. In diesem winzigen Apartment, in dem ich mit meinem Sohn lebte, hatten wir diese halb blinde Metallfläche über dem Waschbecken, die als eine Art Ersatzspiegel fungierte. Jedes Mal, wenn ich mir da ins Gesicht blickte, habe ich mich gefragt, wie ich bloß in diese Situation geraten konnte. Meine Antwort war immer dieselbe und brutalstmögliche: Ich selbst hatte mich da reinmanövriert. Diese Erkenntnis birgt aber zugleich etwas Beflügelndes. Denn wenn ich mich selbst in eine Lage gebracht habe, bedeutet das nichts anderes, als dass ich mich auch selbst wieder aus ihr herausmanövrieren kann. Das gilt für Einzelpersonen übrigens genauso wie für Organisationen und Unternehmen: Wer eine Sache verändern will, muss zunächst die Verantwortung für sie übernehmen.

Die Frage ist allerdings, ob Verantwortung und Einsatz noch ausreichen, um es nach oben zu schaffen. „Das Gerede vom ,American Dream‘, sagte Ihr Landsmann Richard Ford in einem Interview, „war schon immer Bullshit, und heute ist es das mehr denn je.“

Wer hat das gesagt?

Richard Ford, der Romanautor.

Sollten Sie diesen Richard Ford jemals treffen, richten Sie ihm von Chris Gardner aus: Fuck you!

Gern, sofern Sie Ihre Botschaft etwas erläutern.

Der amerikanische Traum ist hochaktuell. Man begegnet ihm überall auf der Erde. Ich finde, es wäre Zeit, ihn mit einer neuen, zeitgemäßeren Bedeutung aufzuladen.

Wie sollte die aussehen?

Ein modernisierter amerikanischer Traum würde nicht mehr das Vermögen eines Menschen mit seinem Wert verwechseln. Er würde auch nicht mehr das, was man tut, mit dem gleichsetzen, was man ist.

Dennoch sind Sie mit Ihrem vollendeten amerikanischen Traum die seltene Ausnahme von einer traurigen Regel.

Gardner holt tief Luft. Es ist offensichtlich, dass er diesen Einwand schon viele Male gehört hat.

Ich habe mich selbst zu einer Ausnahme gemacht, verstehen Sie? Ich habe beherzigt, was eine Mutter mir immer wieder gesagt hat: „Junge“, lautete ihr Rat, wenn ich wegen irgendeines Misserfolgs geknickt war, „wenn du dein Feuer nicht zum Brennen kriegst, liegt es vermutlich daran, dass dein Brennholz feucht ist.“

Sie wirken so unerschütterlich optimistisch. Gab es keinen Moment, in dem auch Sie den Mut zu verlieren drohten?

Doch. Es gab einen Abend, an dem ich nach 200 Telefonaten todmüde mit meinem kleinen Sohn zu der Wohnung zurückkehrte, die wir nach einem Jahr auf der Straße endlich gefunden hatten. An diesem Abend musste ich feststellen, dass man uns den Strom abgestellt hatte. Wegen einer Stromrechnung von 19 Dollar, die ich nicht bezahlen konnte, saßen wir im Dunkeln! In diesem Moment wusste ich wirklich nicht mehr, ob ich zusammenbrechen, weinen oder beides tun sollte.

Was haben Sie getan?

Ich habe Chris wie jeden Abend gebadet, an jenem Abend allerdings bei Kerzenlicht. Und während mir all diese Wie-soll-es-nur-mit-uns-weitergehen-Fragen durch den Kopf gingen, drehte er sich plötzlich zu mir um, lächelte mich an und sagte: „Papa, weißt du was? Du bist ein guter Papa.“ Sie können mir glauben: Das war das Wichtigste, was er je zu mir gesagt hat. Und jetzt brauche ich eine Pause.

Nach anderthalb Stunden Interview wirkt Chris Gardner müde. Der 61-Jährige hat gerade eine zweiwöchige Vortragsreise durch Südamerika hinter sich, in London trifft er Banker, die ihm beim Aufbau seines eigenen Bankhauses unterstützen sollen. Mit der Happyness Bank will Gardner auch Kleinanlegern – einer Klientel, die von Großbanken seiner Meinung nach sträflich vernachlässigt wird – ermöglichen, ein bescheidenes Vermögen zu bilden.

Beim Hinausgehen hakt er noch einmal bei der talentierten Hobby-Konditorin nach („Wie würden Sie Ihre Konditorei denn nennen?“), ist mit der Antwort nur halb zufrieden und kündigt an, selbst noch einmal über einen Erfolg versprechenderen Namen für ihr Geschäft nachzudenken.

„Sollte demnächst um drei Uhr morgens Ihr Telefon klingeln, bin ich es“, gibt er der Frau mit auf den Weg. „Sobald mir ein Name für Ihre Konditorei eingefallen ist, rufe ich Sie an.“ Das Bemerkenswerte an Chris Gardner ist: Man nimmt ihm ab, dass er es tatsächlich tun wird. ---

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