Ausgabe 02/2015 - Schwerpunkt Marketing

Mediakraft Networks YouTube

„Geiler Scheiß“

• Beim Deutschen Marketing Tag in der Hamburger Magnus-Hall feiert sich die Branche selbst. Der Mann von Tchibo erklärt, wie man Marken im digitalen Zeitalter führt. Der Mann von Alibaba erklärt, wie die chinesische Onlineplattform den Einzelhandel revolutioniert. Die Frau von Opel erklärt, wie man den Karren aus dem Dreck zieht. Und zum Schluss bekommt Immobilien-Scout24 einen Preis.

Dazwischen wird es schwierig. Da geht es darum, wie man junge Leute erreicht. Leider lesen die kaum noch, was auf Papier gedruckt ist. Symptomatisch dafür ist die Auflage der Zeitschrift »Bravo«, die mal das Zentralorgan der deutschen Jugend war: Sie stürzte von 1 830 700 Exemplaren (1979) auf 144 695 (2014) ab. Fernsehen schauen die jungen Menschen auch nicht mehr wie früher. Das Durchschnittsalter der TV-Konsumenten liegt bei 51 Jahren. Die ältesten Zuschauer hat der Bayerische Rundfunk (64), die jüngsten Pro Sieben (35). Aber was ist mit denen, die noch jünger sind?

Auftritt Christoph Krachten*, 51, Nerd-Brille, Holzfällerhemd, Jeans, Sportschuhe. Er ist Gründer und Präsident der Mediakraft Networks und so etwas wie der Messias des Jugendmarketings. 94 Prozent der 14- bis 29-Jährigen schauen regelmäßig Onlinevideos, 32 Prozent davon täglich. Und die meisten bei Herrn Krachten. Mediakraft ist der größte Online-TV-Sender in Mitteleuropa.

„Fast eine halbe Milliarde Views pro Monat“, ruft Krachten, „mehr als die ZDF-Mediathek im ganzen Jahr. Mehr als zehn Prozent Wachstum. 51 Millionen Abonnenten und zwei Millionen Zuschauer am Tag, die rund 30 Minuten Programm sehen – damit haben wir die Größe eines TV-Senders erreicht. Und jeder dritte unserer Zuschauer ist unter 18.“

Mediakraft produziert und vermarktet Youtube-Videos. Mehr als 2600 Vlogger (Video-Blogger) stehen bei der vor dreieinhalb Jahren gegründeten Firma unter Vertrag. Sie nennen sich Creators oder Influencer. 2000 von ihnen gelten als Talente, die noch aufgebaut werden müssen. 600 haben bereits ein Millionen-Publikum und verdienen Geld mit Werbung und Product-Placement. Am erfolgreichsten sind Let’s-Play-Videos, in denen man mitverfolgen kann, wie jemand Computergames spielt und sie kommentiert. Sehr gut laufen auch Comedy, DIY (Do it yourself) und Tutorials, Action, Musik, Nachrichten, Fashion und Beauty. Neuerdings beliebt sind Let’s-eat-Formate, in denen vor laufender Kamera möglichst exotische Nahrungsmittel verspeist und kommentiert werden, oder Unboxing-Videos, in denen Menschen Pakete auspacken, die sie online bestellt haben. Mediakraft organisiert die Filmchen seiner Creators in Netzwerken, die aufgebaut sind wie Fernsehprogramme, und produziert eine ganze Reihe von sogenannten Basic-Programmen selbst, beispielsweise den News-Channel „Was geht ab!?“, der täglich sendet, oder das Beauty-Format Magnolias On Tour.

„Wir haben jeden Monat 16 Millionen Unique User. Die Online-Angebote aller Tageszeitungen zusammen haben zehn Millionen Unique User unter 29“, sagt Krachten. Er muss gegen das Heulen eines Heißluftgenerators anschreien, der Part mit Krachten findet in einem windigen Zelt vor der Halle statt. Das ist typisch: Die Bedeutung von Youtube wird noch immer unterschätzt. Dabei hat sich die 2005 gegründete Videoplattform längst von einer Abspielstation für herzige Tier- und Kinderfilmchen zu einem mächtigen globalen Kommunikations-Tool entwickelt. Jeden Monat sehen die Zuschauer sechs Milliarden Stunden Videos, mehr als neunmal so viel wie 2010.

„In fünf Jahren wird Youtube die bei Weitem größte aller Medienplattformen weltweit sein“, prophezeit Jeffrey Katzenberg, der Chef von Dreamworks Animation, dem bedeutendsten Produzenten von Animationsfilmen („Shrek“, „Die Pinguine aus Madagaskar“). Vergangenes Jahr kaufte Dreamworks den amerikanischen Youtube-Vermarkter AwesomenessTV für 33 Millionen US-Dollar.

Immer mehr Youtube-Zuschauer nutzen Smartphone oder Tablet statt Computer. Entsprechend sind die Videos gemacht. Weil die Jugendlichen gern mal im Bus, in der Pause oder unterm Tisch ein Filmchen gucken, dürfen diese nicht zu lang und nicht zu kompliziert sein. Zwei bis sieben Minuten sind okay. Die App Vine erlaubt es ihren Nutzern, mit ihren Smartphones sechssekündige Videoschleifen zu drehen und diese auf sozialen Netzwerken zu teilen sowie auf der eigenen Plattform Vine.co – eine Art Instagram für Bewegtbild. Zahlreiche Firmen, darunter Toyota und T-Mobile, lassen sich bereits von den Vine-Creators kleine Filmchen maßschneidern.

Wer verstehen will, wie Youtube-Fans ticken, kann beispielsweise die jährlich stattfindenden Videodays besuchen. 2014 kamen 15 000 junge Menschen in die Kölner Lanxess Arena, um ihre Stars live zu sehen (mehr gehen da nicht rein, 2015 wird es die Veranstaltung deshalb zusätzlich auch noch in Berlin geben). Dabei geht es zu wie früher bei Auftritten der Beatles und noch vor ein paar Jahren bei der deutschen Boygroup Tokio Hotel: kreischende Teenies, Tränen, Autogramme, Atemnot.

Zu den beliebtesten Creators gehören die drei fränkischen Comedians von Y-Titty, die drei Millionen Abonnenten und jeden Monat 8,3 Millionen Zuschauer haben, und die 15-jährigen Zwillingen Heiko und Roman Lochmann. Sie parodieren als Die Lochis Hitparaden-Songs und kommen auf zehn Millionen Views pro Monat.

Kreischalarm herrscht auch bei Sami Slimani. Der 24-Jährige mit dem Aussehen eines Latin Lovers ist mit Tutorials berühmt geworden. Er hat mehr als eine Million Abonnenten, Tausende davon sind im Fancub der Saminators organisiert. Dabei macht Slimani nicht viel mehr, als Rezepte aufzusagen. Sein Sechs-Minuten-Video mit original Starbucks-Rezepten für zu Hause haben mittlerweile schon mehr als 350 000 Menschen angeschaut. Im roten T-Shirt, mit Dreitagebart und Strubbelfrisur erklärt er darin unprätentiös, wie man aus Milch, Nutella, Marzipan, Schokosoße, Karamell und Sprühsahne eine heiße Schokolade mit Honig-Mandel-Geschmack anrühren kann. Klar, dass alle notwendigen Produkte gezeigt werden. Die Trennung von Inhalt und Werbung wird in der Szene nicht so eng gesehen. Das Publikum scheint es nicht zu stören. Im Gegenteil: Bei Tutorials und DIY-Filmen gehört Product-Placement regelrecht dazu, vor allem bei Mode- und Kosmetik-Produktionen.

Gegen Y-Titty und die Beauty-Vloggerin Daaruum wurde 2014 vom Südwestrundfunk (SWR) der Vorwurf der Schleichwerbung erhoben. Die zuständige Bezirksregierung von Mittelfranken sah die Sache allerdings weniger eng. Sie prüfte den Sachverhalt, leitete aber kein Ermittlungsverfahren ein. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, sagt Krachten, „wir kennzeichnen deutlich alles, was Werbung ist, und benennen sogar die Produkte, die uns kostenlos zur Verfügung gestellt werden.“

Deutschlands erfolgreichster Vlogger Gronkh (3,4 Millionen Abonnenten) macht ohnehin kaum etwas anderes, als Produkte zu präsentieren. Das ist die Spezialität der Let’s Player: Sie spielen Computergames vor laufender Kamera. Gronkh, ein bärtiger, fast 40-jähriger Nerd, der bei dem zu ProSiebenSat1 gehörenden Netzwerk Studio 71 unter Vertrag ist, hat jahrelang und über Hunderte von Folgen hinweg nur ein einziges Spiel vorgestellt: „Minecraft“, wo es im Wesentlichen darum geht, in einer dreidimensionalen Welt Konstruktionen aus Würfelblöcken zusammenzubauen. Das junge Publikum liebt solche Formate, die sich älteren Zuschauern kaum erschließen.

Der weltweit erfolgreichste Video-Blogger ist der Schwede Felix Arvid Ulf Kjellberg. Er spielt unter seinem Youtuber-Namen PewDiePie besonders gern das Computerspiel „Amnesia: The Dark Descent“, ein Survival-Horror-Game. Weltweit wollen 33 Millionen Abonnenten regelmäßig wissen, was er dazu zu sagen hat. Aber PewDiePie beschäftigt sich auch mit anderen Spielen. Am 4. Januar 2014 lud er ein Video mit dem Namen Scariest Game Ever #2 hoch. Man sieht ihn auf dem Monitor links unten in einem abgedunkelten Raum vor einem Mikrofon sitzen. Hinter ihm läuft formatfüllend das Videospiel. Gelegentlich ruft er etwas wie „Oh, mein Gott, das Monster frisst mein schönes Gesicht. Bestimmt war ich lecker.“ Dann spielt er weiter. Drei Tage nach der Veröffentlichung hatten drei Millionen Menschen den Elf-Minuten-Film gesehen. Davor lief der Hyper-Hyper-Werbespot für Edeka mit dem Scooter Frontmann H. P. Baxxter. Angeblich verdient Kjellberg mit seinen Videos durch Werbung vier Millionen Dollar im Jahr.

Ein Planet für sich: die Creators und ihre Fans

Mediakraft wurde 2011 gegründet. „Damals hatten wir etwa 13 Millionen Views pro Monat“, sagt Krachten. „Jetzt sind es etwa 38-mal so viel.“ Egal, ob es um Views pro Monat, Unique Users oder die Klickraten einzelner Creators gehe: „Immer fängt es die ersten paar Monate langsam an, die Kurve schleicht knapp über der Nulllinie durch das Diagramm – und dann geht es plötzlich durch die Decke“, sagt Krachten. „Das sieht aus wie ein liegender Hockeyschläger.“

Überall ist das so – außer beim Gewinn. In der jüngsten ausgewiesenen Bilanz für 2012 stehen fast 410 000 Euro Miese. Aber für Krachten ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mediakraft die Gewinnzone erreicht. Gerade hat er noch mal 16,5 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt, nun sind auch der französische Telekom-Konzern Orange, die Agenturgruppe Publicis und der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg mit an Bord. Der Marktwert der Firma liegt bei etwa 60 Millionen Euro.

Das Geschäftsmodell von Mediakraft ist schlicht: Du gibst mir deine Videos, ich gebe dir Reichweite, Ruhm und Geld. Mediakraft berät die Vlogger in Workshops, damit aus ambitionierten Clips erfolgreiche Videos werden, die sich das Publikum von vorn bis hinten anschaut. Klickzahlen allein sind nicht maßgeblich. Jetzt geht es auch um Verweildauer: Wie lange bleiben die Zuschauer dran, bevor sie wegklicken? Todsünden: langweiliges Thema, Titel passt nicht zum Inhalt, Moderator weiß nicht, wovon er redet. Dann platziert Mediakraft das Video auf einem von sieben Youtube-Kanälen (Stand: 12/2014):

– Comedynet mit 110 Mio. Views /Monat

– TIN (News und Education) mit 100 Mio. Views /Monat

– Plexus (Gaming und Tech) mit 80 Mio. Views /Monat

– International (auf Polnisch, Holländisch oder Türkisch) mit 60 Mio. Views /Monat

– Athletia (Fitness, Soccer, Action Sports) mit 50 Mio. Views /Monat

– Magnolia (Kosmetik, Mode & Lifestyle) mit 30 Mio. Views /Monat

– Talents (next Generation Creators) mit 10 Mio. Views/Monat

– Hometown (Urban Culture & Hip-Hop) mit 10 Mio. Views /Monat

Im passenden Kanal sorgt Mediakraft für Cross-Promotion. Mal besucht Vlogger A Vlogger B. Mal findet ein Gewinnspiel über verschiedene Kanälen hinweg statt. Oft wird am Ende des Clips auf einen anderen verlinkt. Normalerweise lassen sich allein dadurch die Zuschauerzahlen steigern, eine Vervierfachung der Zugriffe ist keineswegs spektakulär. Jetzt müssen regelmäßig Videos nachgeschoben werden, die dann in einem der Kanäle zu möglichst festgelegten Zeiten platziert werden, fast wie im Fernsehprogramm, zum Beispiel immer dienstags und donnerstags um 17.30 Uhr.

Nun geht es ans Geldverdienen. Banner oder Spots werden eingefügt, oft werden Produkte vorgestellt. Die Video-Blogger sind allerdings unberechenbar, daran müssen sich viele Markenartikler erst gewöhnen: Auch wenn man ihnen das schönste Warenmuster gratis zur Verfügung stellt, ist keineswegs garantiert, dass sie es auch gut finden. Lieber stellen sie eine herbe Kritik online, als ihre Credibility im Publikum zu verlieren.

Denn das ist das wichtigste Kapital in der Szene und auch das Unterscheidungsmerkmal zu den klassischen Medien: Youtuber berichten direkt aus ihrem Umfeld, nicht darüber. Der Kontakt zum Publikum ist eng. Hunderte kommentieren die Clips. Viele machen Vorschläge für neue Themen. Youtuber wie Philipp Steuer, der den Newsroom bei Mediakraft leitet und selbst gelegentlich „Was geht ab!?“ moderiert, fordern das Publikum ausdrücklich dazu auf. Und das Überraschende: Die Vorschläge werden unverzüglich umgesetzt. „Lernen vom Publikum“, nennt Krachten das, oder: „Marktforschung online“.

Über die Aufteilung des Gewinns wird nicht geredet, da herrscht eine Art Omerta. Alle tun so, als sei das Drehen der Videos ein lustiges Hobby. Oft sehen die Filmchen auch entsprechend aus, das gilt als authentisch. Gewinnstreben ist verpönt, und die Summen bleiben ein Geheimnis. Angeblich läuft es aber so: Youtube behält etwa 50 Prozent der Einnahmen ein. Den Rest teilen sich Mediakraft und der Creator. Bleibt also knapp ein Viertel für den Urheber. Krachten sagt, dass seine Firma bei Umsätzen unter 500 Euro pro Monat auf ihren Anteil verzichte. Erst danach werde kassiert.

Auch über eine zweite, ökonomisch entscheidende Kennzahl wird ungern geredet: den Tausenderkontaktpreis, TKP. Er beziffert, wie viel es einen Kunden kostet, 1000 Leser oder Zuschauer zu erreichen. Im Video-Markt heißt das RPM, Revenue Per Mille. Er liegt zwischen 60 Cent und 6 Euro für 1000 Zugriffe auf das Video. Den höchsten RPM gibt es für Beauty-Blogs. Die Schauspielerin Nilam Farooq gibt unter dem Namen Daaruum Schminktipps. 157 000 Mädchen haben sich zum Beispiel ihr Video „Prom Party Ball Abend Abschluss Look“ (kein schöner Titel, dafür suchmaschinenoptimiert!) angeschaut, in dem sie zahlreiche Kosmetikprodukte vorstellt. Mal angenommen, es gäbe dafür einen RPM von 6 Euro pro Produkt, dann kämen bei rund zehn Produkten insgesamt (157 x 10 x 6 =) 9420 Euro in die Kassen. Die Hälfte bleibt bei Youtube, ein Viertel bei Mediakraft, dann hat Nilam Farooq immerhin etwa 2300 Euro verdient. Youtuber mit Millionen-Publikum wie Y-Titty kommen auf höhere Summen: 50 000 Euro pro Clip sind nicht unrealistisch.

Bei so viel Geld ist es kein Wunder, wenn es gelegentlich Ärger gibt. Der 24-jährige Creator Simon Unge aus Erkelenz hat gerade seinen Vertrag mit Mediakraft gekündigt. Auf verschiedenen Kanälen hatte er rund zwei Millionen Abonnenten und bis zu 30 Millionen Views pro Monat gesammelt. Zum Streit kam es, weil er sich bei einer Vlogger-Tour auf dem Skateboard quer durch Deutschland nicht genug unterstützt fühlte. Angeblich habe ihm das Unternehmen mit der Privatinsolvenz gedroht. Mediakraft weist die Vorwürfe zurück. Im leicht erregbaren Internet entwickelte sich aus dem Disput unverzüglich ein mittelschwerer Shitstorm nach dem David-gegen-Goliath-Muster: kleiner Vlogger gegen Ausbeuter-Konzern. Dann gerieten auch andere Mediakraft-Künstler in den Sog der Turbulenzen und sahen sich einer Dislike-Welle ausgesetzt. Bis es schließlich Unge selbst zu viel wurde: In einer Videobotschaft rief er zum Burgfrieden auf. Der Shitstorm sei „unchillig“.

Unterdessen sind auch die Superstars LeFloid (2,2 Millionen Abonnenten) und ApeCrime (2 Millionen Abonnenten) bei Mediakraft ausgestiegen. Einen offenen Streit gab es in diesen beiden Fällen nicht. Die Verträge liefen aus. Normalerweise verpflichten sich beide Seiten auf zwei Jahre. In der schnelllebigen virtuellen Welt ist das eine Ewigkeit. In dieser Zeit können aus Nobodys Stars werden und umgekehrt. In dieser Zeit können die Stars aber auch zu der Überzeugung kommen, dass sie es genauso gut allein schaffen – ohne ihre Einnahmen mit Mediakraft zu teilen. Das Vermarktungsportal Adsense von Google beispielsweise überweist pro eine Million Klicks zwischen knapp 1000 und 6000 Euro. Unge mit seinen 30 Millionen Views pro Monat käme damit auf einen Umsatz von monatlich mindestens 30 000 Euro. Das ist etwa zehnmal so viel, wie er in seinem erlernten Beruf als Erzieher verdienen könnte.

Es wird gemunkelt, dass auch Beauty-Queen Daaruum und die Teenie-Lieblinge Die Lochis Mediakraft verlassen wollen. Sicher ist, dass Chief Sales Officer Jan Schlüter geht, einer der Gründer von Mediakraft. Er bleibt zwar Gesellschafter (mit 16,65 Prozent der Anteile) und erhält einen Beratervertrag. Aber seine Demission zeigt ein grundsätzliches Problem: Mediakraft wächst so rasant, dass die Strukturen nicht mithalten. Zurzeit wird Schlüters Vertriebsorganisation umgebaut. Aber bald muss auch A&R (Artists & Repertoire) sich neu aufstellen. Offenkundig hinkt die Betreuung der Künstler deren Erwartungen hinterher. Noch sind die Abgänge der Vlogger bei Mediakraft verkraftbar, in der schnelllebigen Branche der MCNs (Multi-Channel-Netzwerke) tauchen neue Stars schneller auf, als die alten verglühen. Falls der Marktführer noch mehr Top-Scorer verlöre, wäre das allerdings schlecht für Klickzahlen, Umsatz und Image. Also müssen die Künstler besser betreut, bezahlt und bei Laune gehalten werden. Die gerade erst eingesammelten 16,5 Millionen Euro Risikokapital sollen laut Krachten speziell dafür eingesetzt werden.

Ortstermin bei Mediakraft in Köln. Ein Bürohaus an einer Hauptverkehrsstraße. Ein paar Raucher stehen vor der Tür. Zwei Drittel des neunstöckigen Gebäudes sind von Mediakraft belegt. Ein Firmenschild ist nirgends zu sehen. Vorsichtshalber. „Es ist unglaublich, was hier los ist“, sagt der Pressesprecher Moritz Meyer, „wenn unsere Stars im Haus sind.“ Vor allem in den Schulferien schieben die minder- jährigen Fans Wache und verständigen sich per Whatsapp, wenn es etwas zu sehen und zu kreischen gibt. Die drei Jungs von Y-Titty verlassen das Haus nur durch den Hinterausgang. Ihr Büro in der ersten Etage hat Astrid Deinhard-Olsson, die Ehefrau des Mediakraft-Vorstandsvorsitzenden Spartacus Olsson und Chefdesignerin der Firma, als Forst dekoriert.

Die Comedians von Y-Titty sind ein wenig unlocker. Oğuz Yilmaz lungert auf dem Sofa herum. Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen an Schreibtischen. Sie alle wollen nicht so gern Fragen beantworten. Es stellt sich heraus, dass die junge Frau die Buchhaltung macht und der junge Mann eine Art Manager ist. Uncool. Noch uncooler ist, dass man selbst eine Firma hat. Die YT-Tainment GmbH gibt als Betriebszweck „Erbringung von Dienstleistungen der Unterhaltung und Erholung“ an. Geschäftsführer ist der Y-Titty-Comedian Philipp Laude. Die GmbH betreibt die Onlineshops Y-Stuff und Crime-Shop, in denen es Shirts, Hoodies, Mützen, Poster und iPhone-Hüllen mit Affen- und Titti-Logo gibt. „Das mit der Firma soll nicht an die Community kommuniziert werden“, sagt Meyer. „Das kommt da nicht so gut an.“

Ein paar Türen weiter sitzt der Marketingchef Robert Wolff. Er kommt von RTL Disney und will jetzt den Entscheidern über die Werbeetats klarmachen, „wie unglaublich flexibel“ Mediakraft ist, „was die Ansteuerung der Zielgruppen angeht“. Wer in der »Bravo« für einen Lippenstift werbe, zahle auch für Tausende von Jungs und Mädchen mit, die sich nicht dafür interessieren. Wer für den gleichen Lippenstift im Magnolia-Beauty-Kanal werbe, könne sicher sein, dass die Zuschauerinnen ausgesprochen kosmetikaffin sind. Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen, aber inzwischen spürt Wolff eine Art neues Bewusstsein. „Die geben plötzlich ihre Etats frei, da hat sich etwas verändert.“ Coca-Cola, Saturn und McDonald’s sind schon auf der Kundenliste. Andere Markenartikler zeigten Interesse.

Ideale Kombi: Bushido und World of Warcraft

Zwischendurch gibt es Rouladen aus dem Bio-Restaurant unten. Dann geht es hoch in den Newsroom. Dort ist Philipp Steuer Chef von sechs Redakteuren, ein paar Moderatoren und Cuttern sowie dem Redaktionshund Emma. Steuer ist voll umfänglich tätowiert und gepierct und präsentiert seine „Was geht ab!?“-News-Show mit Baseballkappe und Holzfällerhemd. Spannend sind die Nachrichten nicht. Steuer redet die ganze Zeit, ab und zu werden Fotos eingeblendet. Aber den Jugendlichen scheint es zu gefallen. 290 000 Abos gibt es schon und pro Video um die 30 000 Views.

Reduzierung ist ohnehin ein Prinzip der Onlinevideos. Niemand braucht hier ein teures Studio. Gedreht wird im Büro oder zu Hause. Christoph Krachten hat einen eigenen Kanal, den er Clixoom nennt. In seiner ersten Sendung 2009 interviewte er Bushido völlig unspektakulär in einer Sofaecke. Das Video wurde dennoch zu einem Blockbuster und rund 700 000-mal angeschaut. Das lag daran, dass Krachten eine völlig offene Frage gestellt hatte („Wie ist die Lage?“) und das Gespräch ein wenig aus dem Ruder lief. Bushido wollte nicht über sich, sondern über das populäre Videospiel „World of Warcraft“ sprechen. Für Krachten erwies sich das im Nachhinein als Glücksfall: „Zwei gute Suchbegriffe gleichzeitig: Bushido und World of Warcraft. Da gingen die Klickzahlen durch die Decke, und mein Kanal war etabliert.“

Alle Rapper und Hip-Hopper wollten nun zu Clixoom. Krachten, der ehemalige WDR-Redakteur, hatte plötzlich Street Credibility. Erst 2013 stellte er Clixoom von Promis auf Wissenschaft um. Das fand er dann doch interessanter. Neulich hat er die Relativitätstheorie erklärt. In 7,22 Minuten. Gedreht hat er bei sich in der Küche, und die dramatischen Bilder von den Wolken hat er mit dem Smartphone aus dem Flugzeugfenster fotografiert. Fast 100 000 Leute haben das Video schon gesehen. Mehr als 700 haben es kommentiert.

„Wow, richtig gut erklärt“, schreibt einer. Ein anderer hat noch Fragen: „Also heißt das, solange ich mich bewege, bleib’ ich jünger als jemand, der sich nicht bewegt?“ Und einer fasst es so zusammen: „Geiler Scheiß.“

Das ist in dieser Zielgruppe das höchste Lob. ---

* Kurz nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Christoph Krachten die Geschäftsführung verlassen wird.

Die erfolgreichsten deutschen Video-Blogger

1. Gronkh (3,4 Millionen Abonnenten). Er ist ein Gamer, genauer gesagt ein Let’s Player. Das sind Menschen, die Videospiele beim Spielen vor laufender Kamera kommentieren. Gronkh macht das ausgesprochen intensiv: Vier Jahre lang spielte er das Computerspiel „Minecraft“ und kommentierte es in mehr als 1200 Folgen. Den meisten Menschen erschließt sich diese Faszination nicht: Es geht im Wesentlichen darum, aus Blöcken etwas aufzubauen – und dann wieder einzureißen (ja, Monster kommen auch vor). Im echten Leben heißt Gronkh Erik Range, ist 37 Jahre alt und lebt in Köln.

2. Y-Titty (3 Millionen Abonnenten). Die drei Comedians aus Franken singen Parodien auf Hits, spielen Sketche ein und veräppeln Apple-Produkte. Manche ihrer Parodien, beispielsweise die auf den Song „Stolen Dance“ der Kasseler Gruppe Milky Chance wurden fast sechs Millionen Mal geklickt.

3. LeFloid (2,2 Millionen Abonnenten). Der Berliner Student produziert zweimal wöchentlich eine sehr subjektive Youtube-Nachrichten-Show. Motto: Action-News. Aber hart! Er erreicht bis zu einer Million Zuschauer.

Die größten Netzwerke der Welt

• Maker Studios (Disney), Los Angeles. Das größte Multi-Channel-Netz der Welt hat 55 000 Künstler), 600 Millionen Abonnenten und 9 Milliarden Views pro Monat.

• Base79 (Rightster), London. Das größte Multi-Channel-Netz außerhalb Nordamerikas hat 800 Millionen Views pro Monat, vor allem aus Europa, dem Nahen Osten und Asien.

• Mediakraft, München. Das größte Netzwerk in Mitteleuropa hat 2600 Künstler, 51 Millionen Abonnenten und knapp 500 Millionen Views pro Monat in Deutschland, Polen, den Niederlanden und der Türkei.

Youtube-Zahlen

• 1,13 Milliarden Dollar verdiente Youtube 2014 durch Werbung (ein Plus von 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr)

• Bis Dezember 2014 wurde das Video „Gangnam Style“ von PSY 2 147 483 647-mal auf Youtube aufgerufen, Weltrekord. Danach versagte der Zähler.

• Jede Minute werden 100 Stunden Videomaterial hochgeladen (6 Milliarden Stunden im Monat)

• 10 Prozent des weltweiten Datenverkehrs findet auf Youtube statt.

• Mehr als eine Million Videokünstler sind auf Youtube aktiv.

• Jeden Monat kommen mehr als eine Millliarde Nutzer auf Youtube.

• Pro Nutzer macht Youtube einen Quartalsumsatz von einem US-Dollar (geschätzt).

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