Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Tintenherz

• Das Geheimnis eines guten Füllfederhalters liegt verborgen zwischen den Hügeln des Kraichgaus. In einem Flachbau hinter Fachwerkhäuschen rattert eine Spritzgussmaschine. Alle 24,5 Sekunden spuckt sie zwei Plastikteile aus: keine fünf Zentimeter lang, rund, schwarz, unscheinbar.

Wolfgang Schmidt hält eine Handvoll davon hoch. „Das ist das Herzstück jedes Füllers. Der Rest ist nur Hülle“, sagt der 51-jährige Konstrukteur. Es ist auch das Herzstück seines Berufslebens, seines Erfolgs.

Um ihn zu verstehen, muss man einen Blick auf die Geschichte des Füllers werfen. Die schwarzen Teilchen, die bei Schmidt aus der Maschine purzeln, sind der Grund, warum die Menschen ihre Feder nicht mehr nach zwei Worten in Tinte tauchen müssen, wie zu einer Zeit, als sie sich schon mit U-Booten unter Wasser bewegen konnten. Dass die Tinte heute genau in der richtigen Geschwindigkeit fließt, wenn man die Feder auf das Papier setzt, dass weder zu viel herauskleckst noch das Schreiben unterbrochen wird, das nehmen wir heute als selbstverständlich hin. Tatsächlich aber ist es das Ergebnis einer wahren Odyssee.

In Europa wurde schon im 4. Jahrhundert mit Federn geschrieben. Anfang des 19. Jahrhunderts immer noch. Zu dieser Zeit verbrauchte man allein in Deutschland rund 50 Millionen Federkiele pro Jahr. Exemplare aus Stahl setzten sich nur langsam durch. An Geräten mit eingebautem Tintentank verzweifelten die Tüftler.

Sie experimentierten mit Ventilen, Schläuchen, Drähten und schwingenden Metallblättchen. Vergebens. Sie fanden keinen Weg, wie die Tinte nur dann fließt, wenn sie gebraucht wird. Die frühen Füller liefen regelmäßig aus. Im Alltag waren sie so gut wie unbrauchbar.

Klotzen, nicht kleckern

Glaubt man der Legende, wurde das auch dem amerikanischen Versicherungsvertreter Lewis E. Waterman zum Verhängnis. Er stand kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Vertrags. Es fehlte nur noch die Unterschrift. Im entscheidenden Moment jedoch versagte sein Füller, ein Tintenklecks ergoss sich über das Papier, der Deal platzte.

Waterman ließ das keine Ruhe. Schließlich kam er auf die Idee, feine Kanäle in das Stück zwischen Feder und Tank zu bohren. Sie sorgten für den nötigen Austausch von Luft und Tinte. 1884 erhielt er das Patent. Es war die entscheidende Erfindung in der Geschichte des Füllfederhalters und das Teil, das Wolfgang Schmidt in optimierter Version produziert: der Tintenleiter, das schwarze Stück, das unter jeder Feder zu sehen ist. Waterman wurde damit für Jahrzehnte zu einem der führenden Füllerproduzenten und Schmidt heute ein wichtiger Player der Schreibgeräte-Industrie.

Schmidt ist nicht der Einzige, der Tintenleiter baut. Aber einer von wenigen. Mehr als 30 Hersteller verwenden seine Produkte. Er stellt sie in mehr als zehn Varianten her, unter anderem für die renommierte Schreibfedermanufaktur Peter Bock, die deutschen Traditionsmarken Kaweco und Karl Meisenbach sowie den italienischen Edelfederanbieter Visconti.

Es gibt ein Foto vom G-8-Gipfel 2009 in Italien, auf dem Barack Obama einen Füller in die Höhe hält, eine Sonderanfertigung von Visconti. Darin: Schmidts Tintenleiter, der auch in dem Federhalter steckt, der extra für die Hochzeit von Fürst Albert von Monaco hergestellt wurde. Etwa 20 000 Stück pro Monat stellt Schmidt her, rund 200 000 Euro Umsatz im Jahr machen er und seine zwei Mitarbeiter im Jahr.

Wie kann er so erfolgreich sein mit einem Teil, das schon vor mehr als 130 Jahren erfunden wurde? Es liegt an der Natur des Tintenleiters. Es ist ein Produkt, das so absurd kompliziert ist, dass man es nur mit vielen Jahren Erfahrung beherrschen kann. Längst nicht jedes Unternehmen, das heute Füller herstellt, hat das Wissen oder die Zeit und das Geld, einen eigenen Leiter zu entwickeln. Eine funktionierende Spritzgussform auszuarbeiten kann laut Schmidt schnell 120 000 Euro kosten.

Es ist eine vertrackte Sache. Der Leiter muss dafür sorgen, dass beim Schreiben so viel Luft in die Patrone nachströmt wie Tinte verbraucht wird. Wenn der Füller ruht, muss sichergestellt sein, dass die Tinte bleibt, wo sie ist – egal welche Kräfte wirken: Reibung, Veränderungen der Temperatur und des Luftdrucks, die unterschiedliche Zähigkeit verschiedener Tinten.

All diese Faktoren und noch mehr muss dieses kleine Teil aus Kunststoff im Gleichgewicht halten. Es gibt dafür keine Formel. „Das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen physikalischen Faktoren konnte (…) bis heute nicht genau geklärt werden“, heißt es in einer Dissertation zum Thema. Nach Waterman haben sich viele daran die Zähne ausgebissen. „Wir waren 1969 auf dem Mond, aber die Füller haben immer noch gekleckst“, sagt Wolfgang Schmidt.

Hundertstel von Millimetern können bei Tintenleitern darüber entscheiden, ob er funktioniert oder nicht. Und weil man es nicht berechnen kann, muss man es ausprobieren: die Form bauen, das Teil gießen, testen. Immer wieder. „Man kann auch mit einem Konstruktionsprogramm nicht abschließend abschätzen, ob es am Ende wie gewollt funktioniert“, sagt Schmidt. „Es helfen nur intensive Versuche. Irgendwann entwickelt man aus dem Gesehenen und Erlernten ein Gefühl, warum etwas nicht klappt. Ein Gefühl, das auf jahrelangem Probieren basiert.“

Vom Stift zum Chef

Wolfgang Schmidt hat sich im Leben schon immer Schritt für Schritt vorangekämpft. Nach der Lehre zum Werkzeugmacher machte er einen Abschluss zum staatlich geprüften Techniker und brachte es als Hauptschüler zum Konstruktionsleiter. „Ich wollte mich immer irgendwo festbeißen können“, sagt er. Ende der Achtzigerjahre fing er beim Schreibgerätehersteller Mutschler an. Und fand dort mit den Tintenleitern die perfekte Herausforderung. „Ich habe oft daran gedacht, einfach hinzuschmeißen. Aber von einem ungelösten Problem weggehen, das kam für mich nicht infrage.“

Im Laufe seines Berufslebens hat er sich ein funktionierendes System erarbeitet. „Wenn ich heute für Kunden einen Tintenleiter mache, wandle ich nur ab. Ich weiß genau, welche Parameter ich verändern darf und wo ich besser nicht rangehe. Es ist alles so fragil, eigentlich absurd.“ Als ein Hersteller einmal einen Leiter für eine größere Feder wollte, lehnte Schmidt ab. Er hätte dafür zu viel verändern müssen.

So viele Faktoren haben Einfluss, von der Frage, wie man Spritzgussformen für die feinen Lamellen baut, bis zur Auswahl des Verfahrens, mit dem man am Ende die Oberfläche des Leiters bearbeitet. Jeden der Schritte hat sich Schmidt über die Jahre angeeignet.

Seit 2003 ist er selbstständig, in dem Jahr ist Mutschler insolvent gegangen. Auf einmal standen die Kunden da und wussten nicht, woher sie ihre Tintenleiter nehmen sollten. Für Schmidt war es eine Riesenchance. Er nutzte sie und hatte den richtigen Zeitpunkt erwischt in einer Branche, deren Geschichte eigentlich eine des schlechten Timings ist: Kaum waren Füller alltagstauglich geworden, kamen erst Krieg, dann Kugelschreiber und dann die Computer.

Heute machen Füller in Deutschland nicht mal mehr neun Prozent der Gesamtproduktion von Fertigschreibgeräten aus. Auch die renommierten Hersteller mussten sich Nischen suchen oder ihr Angebot radikal erweitern. Manche etwa gingen über das Design, andere bieten heute vieles an von Parfüms bis Uhren. Wieder andere schafften es nicht oder wurden aufgekauft.

Schmidt hat sich durch sein Know-how eine Nische geschaffen und sich darin gut eingerichtet. Ab und an konstruiert er auch komplette Schreibgeräte. Oft bekommt er von Kunden Teile geschickt, die nicht funktionieren, wie sie sollen.

In seinem Büro liegt ein Paket mit Stiften. Ein deutscher Hersteller will sie in Asien produzieren lassen, doch die ersten Exemplare waren unbrauchbar. Die Chinesen konnten mit den deutschen Konstruktionszeichnungen nichts anfangen. Schmidt soll sie nun so überarbeiten, dass die Kollegen in China sie verstehen.

Angst, dass die Herstellung seiner Tintenleiter nach Fernost ausgelagert werden könnte, hat er nicht. Ein südkoreanischer Hersteller hat es probiert. Er ließ Schmidts Modell nachbauen. Optisch war die Kopie perfekt. Funktioniert hat sie nicht. ---

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