Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Voll auf Empfang

• Mein Smartphone hat Spuren auf der Rückseite, die dem Gebiss meines Unterkiefers entsprechen. Ich ertaste die winzigen Vertiefungen jedes Mal, wenn ich das Ding in der Hand habe – also durchschnittlich 88-mal am Tag, wie eine Studie der Universität Bonn aus dem Jahr 2014 ergab. Dabei sind die Biss-Spuren das kleinere Übel, der Vorfall hätte mich auch den Kopf kosten können, und das ist wörtlich gemeint.

Wenn Sie wissen wollen, was passiert ist, springen Sie jetzt zum Ende dieses Textes – oder gedulden sich und lesen erst mal weiter.

Gar nicht leicht, ich weiß, und daran könnte das Internet schuld sein. Schon 2008 ergaben Untersuchungen am University College London, dass die Lesekompetenz im Netz leidet. Online werde eher gescannt als studiert. Mehr Information in weniger Zeit. Forscher befürchten, dass da die gedankliche Vertiefung auf der Strecke bleibt, das gescannte Wissen scheint flüchtig zu sein. Dieses Verhalten wirkt sich auch auf die Offlinewelt aus, bei mir jedenfalls. Wann ich das letzte Mal einen langen Artikel im Zug gelesen habe? Ich kann mich nicht erinnern. Am Stück lese ich sowieso selten, ich google am Smartphone, weil ich ein Wort nicht kenne oder einen Namen oder sonst was. Ich halte es kaum aus, einfach weiterzulesen. Wobei ich nicht weiß, ob mich die Neugier treibt, wie ich mir einrede, oder eine Fahrigkeit, die mein im Grunde sinnloses Hin und Her erzwingt.

Onlinemedien haben sich längst auf die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne eingestellt. Auf Spiegel.de werden längere Artikel mit einer Zusammenfassung am Textende versehen. Beim kalifornischen Onlinemagazin Ozy.com steht vor jedem Artikel die Frage „Why should you care?“, die mit einem Satz beantwortet wird. Das beste Beispiel ist wohl Twitter, der Kurznachrichtendienst mit dem 140-Zeichen-Limit.

Das Internet beschleunigt nicht nur Prozesse und Kommunikation, es beschleunigt auch meine Bedürfnisse. Die technische Limitierung nimmt weiter ab, Zwangspausen gibt es kaum noch. Die Werbung vor dem Youtube-Video klicke ich nach fünf Sekunden – endlich! – weg, und wenn mal etwas länger lädt, springe ich zum nächsten Tab und checke meine Twitter-Timeline. In der Welt des Multitabing tue ich, was ich will, wann ich will. Das macht mich manchmal inkompatibel mit den Zumutungen des analogen Lebens, Ampeln und Warteschlangen empfinde ich als nervig. Vor allem, wenn, wie im Supermarkt, kein Netzempfang ist. Das sich immerfort drehende Aktualisierungsrädchen auf meinem Smartphone macht mich wahnsinnig. Für so was habe ich keine Zeit.

Das Smartphone hat die Welt noch schneller gemacht. Wir sind heute online, ohne am Schreibtisch zu sitzen. Wir haben immer und überall Zugriff auf das Netz und das Netz auf uns. In meiner Hosentasche steckt ein Universum, in dessen Tiefen ich durch mein winziges Display blicke. Und da gibt es so viel zu entdecken.

Allein das Wissen, das Gerät griffbereit zu haben, verändert Denken und Kommunikation. Das beschreibt die Soziologin Sherry Turkle in ihrem Buch „Reclaiming Conversation“. Der Austausch werde oberflächlicher, weil jeder stets fürchte, der andere könne zum Smartphone greifen. Sobald ein Gespräch zu erlahmen drohe, rette uns das Telefon und zerstöre so die Gesprächskultur. Doch die Kommunikation über soziale Netzwerke und Textnachrichten sei kein Ersatz, sagt Turkle.

Auch mir fällt es schwer, runterzuschalten, nicht nur im Gespräch, auch gegenüber mir selbst. Dabei brauche ich diese Fähigkeit, jetzt gerade zum Beispiel, da ich diesen Text schreibe. Es reicht nicht, einzelne Gedanken nebeneinanderzustellen, ich will sie miteinander verbinden. Also muss ich mich konzentrieren. Leider vibriert, zirpt, klingelt oder pfeift mein Smartphone ständig. Und wenn es mal nichts tut, greife ich trotzdem danach, weil ich es nicht glauben kann.

Am Tag schaue ich im Schnitt alle 10 Minuten auf mein Telefon, alle 18 Minuten mache ich etwas mit ihm. Das hat der Informatikprofessor Alexander Markowetz erhoben, zusammen mit seinem Team von der Universität Bonn. Demnach telefonieren wir kaum noch, interagieren aber rund drei Stunden mit dem Gerät, etwa mit WhatsApp, Facebook oder Spielen.

Innerhalb weniger Jahre habe das Smartphone unsere Welt tiefgreifend verändert, sagt Markowetz. Und die Schnelligkeit des Wandels treibt selbst die Wissenschaft vor sich her. „Wir können es uns nicht leisten, erst zehn Jahre lang Grundlagenforschung abzuwarten“, sagt er. Die Gesellschaft brauche schnell Antworten. „Die Leute spüren den Kontrollverlust, den das Smartphone mit sich gebracht hat.“ Er diagnostiziert eine „Fragmentierung des Alltags“, ausgelöst durch die „maximale Zerstreuung durch Multitasking“. Wir beschäftigen uns immer mehr mit dem Wechsel zwischen parallel laufenden Aufgaben als mit den Aufgaben selbst. Und je schneller wir uns hin und her bewegen, desto näher kommen wir dem Stillstand.

Dabei war das große Versprechen des Netzes doch, Zeit zu sparen. Es weiß, wo ich bin, wo ich hinwill, wie viele Schritte ich gelaufen bin, dass ich kommende Woche in den Urlaub fliegen werde und wie das Wetter am Urlaubsort sein wird. Ungeheuer praktisch. Dummerweise verplempere ich die gewonnene Zeit wiederum im Netz. So nützlich das Internet ist, so viel Unnützes bietet es. Ende 2014 wurden auf Youtube 300 Stunden Video pro Minute hochgeladen. Den allergrößten Teil davon muss ich nicht kennen, aber die schiere Masse verstärkt den Eindruck, mein Leben sei zu kurz. Um all die klugen #MustReads zu lesen, die mir auf Twitter empfohlen werden, und all die fotografierten Wolken anzuschauen, die die Server von Instagram aufblähen. Egal wie schnell ich renne, ich renne hinterher. Dagegen hatten Hase und Igel einen fairen Wettkampf.

Kein Wunder, dass es immer mehr Entspannungs-Apps gibt, die mir dabei helfen sollen, abzuschalten. Programme wie Pause, Sitting Still oder Die Achtsamkeit – Letzteres hat mehr als 900 000 Benutzer – sagen mir, wie ich richtig atme, meditiere, oder zwingen mich mit einer Fingerübung am Display zu zehn Minuten Langsamkeit. Netterweise erinnern sie mich auch daran, wann es mal wieder Zeit ist für eine Pause. Mit einer Textnachricht.

Glaubt man dem Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa von der Universität Jena, sind solche „individuellen Entschleunigungsstrategien“ zum Scheitern verurteilt. Selbst echtes Yoga helfe eigentlich nicht. Nach dem Motto „Es gibt keine richtiges Leben im falschen“ argumentiert Rosa, dass man in einer insgesamt beschleunigten Gesellschaft nicht einfach bremsen könne. Denn wer zu langsam wird, falle raus. Wenn alle ständig E-Mails schreiben, tue ich das auch, weil ich sonst Gefahr laufe, als unsozial zu gelten. Die Reaktionsfrequenz, die wir von Kollegen und Freunden erwarten, steige stetig, sagt er. Keine Verbindung ist keine Option.

Dass es uns viel Zeit kostet, die Übersicht in unseren vollgestopften Inboxen zu behalten, nehmen wir in Kauf. Bei einer Microsoft-Umfrage unter 400 Informatikern und Marketingleuten gaben 60 Prozent an, wertvolle Zeit beim Filtern unwichtiger Mails zu verlieren. Zeit, die man anderswo wieder einsparen will. Am besten, indem man mehrere Dinge gleichzeitig tut.

Ach ja, hier die Auflösung der Geschichte vom Anfang: Ich sitze auf dem Fahrrad und halte an einer roten Ampel. Das dauert nur ein paar Sekunden, aber zu lange, um nichts zu tun. Mit klammen Fingern angele ich mein Smartphone aus der Hosentasche und öffne Mail. Noch bevor der Posteingang aktualisiert ist, springt die Ampel auf Grün, und ich fahre los. Keine 50 Meter weiter vibriert das Gerät. Ich ziehe es hervor, fahre jetzt freihändig und gebe gerade den vierstelligen Code ein, als wenige Meter vor mir ein Auto ausparkt. Ich stecke mir das Telefon in den Mund, beiße die Zähne zusammen, mache eine Vollbremsung. Und bleibe unverletzt.

Ich hätte ein Tab schließen müssen: entweder „Rad fahren im Stadtverkehr“ oder „Mails checken“. Aber ich wollte einfach nicht anhalten, ich konnte nicht. Es wird Zeit, mir einen Fahrradhelm zu kaufen. ---

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