Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Richtgeschwindigkeit

A gentleman will walk but never run. (Sting)

1. Unter Deck

Schon gut: Wir leben in eiligen Zeiten, es herrscht die Raserei. Das ist gefährlich. Aber wäre Bremsen besser? Was hat uns unser Fahrlehrer beigebracht? Bevor man in die Eisen steigt, guckt man in den Rückspiegel. Was ist hinter uns? Oder genauer: Wer oder was ist hinter uns her? Wenn wir das nicht klären, gilt weiterhin: Wer bremst, verliert.

Denn dann knallt entweder etwas ganz Großes, die Vergangenheit zum Beispiel, auf uns drauf, oder wir geraten ins Schleudern und verlieren die Kontrolle über unser Fahrzeug. Wir fliegen aus der Spur. Also: in den Rückspiegel gucken.

Was sehen wir da? Ein Segelschiff.

Dieses Fahrzeug gehört zu einem Gedankenexperiment des italienischen Forschers Galileo Galilei aus seinem 1632 erschienenen „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische“. Unter dem Kurztitel „Dialoge“ ist es in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen – und gilt als Meilenstein der Aufklärung und Meinungsfreiheit. Die Arbeit brachte Galilei vor die Inquisition. Vordergründig geschah das, weil der Universalgelehrte darin das sonnenzentrierte Weltbild des Nikolaus Kopernikus favorisierte, das gegen die Lehre des Vatikans stand. Dass Galilei dabei Papst Urban VIII., eigentlich ein Förderer des Forschers, in den Dialogen als Trottel auftreten ließ, brachte die Sache zügig vor das, was man damals für ein Gericht hielt. Dort musste Galilei widerrufen, und es heißt, er habe bei seinem Abgang leise „Und sie bewegt sich doch“ gesagt. Vielleicht hat er damit die Erde gemeint, vielleicht aber nur das Segelschiff, das wir im Rückspiegel sehen. Es läuft auf dasselbe hinaus.

Wer etwas über das Wesen der Geschwindigkeit und deren Verhältnis zu sich selbst erfahren will, muss sich in den Bauch eines Segelschiffes begeben, und zwar unter Deck, in einen Raum ohne Fenster und Luken. Zuvor wäre es nützlich, eine Menge an „fliegendem Getier“ wie Schmetterlinge und Mücken in den Raum zu bringen, dazu ein kleines Aquarium mit Fischen sowie einen Eimer, „welcher tropfenweise Wasser in ein zweites enghalsiges darunter gestelltes Gefäß träufeln lässt. Beobachtet nun sorgfältig, solange das Schiff stille steht, wie die fliegenden Tierchen mit der nämlichen Geschwindigkeit nach allen Seiten des Zimmers fliegen.“

Was sähe man?

Nichts Außergewöhnliches. Die Insekten flögen, die Fische schwömmen, die Tropfen tropften ins Gefäß unterhalb des Eimers, ganz so, wie man es erwarten darf. Wenn man den anderen, die mit einem in den Bauch des großen Schiffes gestiegen sind, etwas zuwürfe, dann wäre auch dabei alles wie immer.

Und nun, so schlägt Galilei vor, machen wir das alles noch einmal, während sich das Schiff zügig nach vorn bewegt, völlig ruhig, ohne Schlingern und Rollen. Gleichmäßige Fahrt also. Was geschieht? Wieder nichts, weiß Galilei – und diese Feststellung ist aufregend.

Man könnte das ganze Programm abspulen und würde nicht bemerken, „ob das Schiff fährt oder stille steht“, weil eben die Bewegung des Schiffes „allen darin enthaltenen Dingen, auch der Luft, gemeinsam zukommt“. An Deck wäre das anders, da spürt man den Fahrtwind, klar. Aber in Galileis geschlossenem System merkt keiner, wie schnell es abgeht, solange alles ruhig läuft. Das klingt vertraut.

Das alles stellt Galileo Galilei vor fast 400 Jahren fest, und es hat bis heute weitreichende Konsequenzen. Die erste führt in gerader Linie zur Speziellen Relativitätstheorie Albert Einsteins aus dem Jahr 1905, die für die ganze Welt und darüber hinaus beweist, dass man Bewegungen nur im Verhältnis zu anderen Körpern, also relativ, feststellen kann. Das ist nicht nur die wichtigste Einsicht der Physik des 20. Jahrhunderts, sondern hilft uns auch, unsere Befindlichkeiten besser zu verstehen. Alles zu schnell? Bremsen? Ach was, das nützt doch nichts. Geschwindigkeit und ihre Nebenwirkungen sind eine Frage des Standortes. Solange man Teil des geschlossenen Systems ist, sich mit diesem bewegt, merkt man nichts. Die Geschwindigkeit des Ganzen wird zur Eigengeschwindigkeit. Doch dann macht jemand eine Luke auf, nur ein wenig, und man sieht aus dem großen, dunklen Raum nun die Welt, das Meer, die Wellen vorbeirauschen, so schnell, dass man kaum etwas klar erkennen kann.

Das macht Angst.

2. Fremdgeschwindigkeit

Die Physik hat das längst bewiesen. Seit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren entfernt sich die Materie im Weltraum fluchtartig voneinander, wobei das einfache Prinzip gilt: je weiter weg, desto schneller.

Das Schöne an den Naturgesetzen ist, dass sie überall gelten: im Weltraum, auf hoher See, in der Gesellschaft, im Büro. Uns nervt nicht die Geschwindigkeit an sich. Uns nervt die Geschwindigkeit, die Hektik, das Tempo der anderen, das, was mit uns nichts oder nichts mehr zu tun hat. Die Galilei-Transformation beschreibt, wie wir Geschwindigkeit und Veränderung erleben, zwei Sachen, die immer zusammengehören. Sie zeigt auch, was passiert, wenn das System und seine Teile nicht synchron laufen: Aus der Perspektive des Stillstehenden sieht alles rasend schnell aus – und man entfernt sich relativ zügig voneinander.

Und die Raserei?

Eine Untersuchung der britischen Itis Holding lieferte im Jahr 2008 ernüchternde Ergebnisse über die Durchschnittsgeschwindigkeit in Städten. Am „schnellsten“ kommt man in der katalanischen Hauptstadt Barcelona voran, mit gerade mal 35 Stundenkilometern, in Berlin mit 24 und in London, der langsamsten europäischen Großstadt, mit 19 Stundenkilometern. Das sind Durchschnittswerte aus Tag und Nacht, Rushhour und freier Bahn, gemessen mit allen zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln. Der Sieger Barcelona – mit guten öffentlichen Verkehrsmitteln ausgestattet – bewegt sich auf dem Niveau der Reisegeschwindigkeit von 1850. Dampflokomotiven, die auch durch Städte fuhren, schafften durchschnittliche 35 Sachen pro Stunde.

Scheinbar keine große Veränderung, in Wahrheit aber eine Zeitenwende. Denn damals galten 35 Stundenkilometer als rasend schnell, und man fürchtete um die Gesundheit der Menschen, die sich solcher Beschleunigung regelmäßig aussetzen würden. Auch damals war die tiefe Ursache der Klage eine Entfremdung zwischen der eigenen, der gewohnten Geschwindigkeit und dem Tempo, mit dem sich die Welt veränderte. Wir sprechen über Transformationsstörungen. Es gibt keinen Grund, sich aus heutiger Sicht über unsere ängstlichen Vorfahren lustig zu machen. Sie haben einiges durchgemacht. In ihrer Lebenszeit fand der harte Übergang von der alten Welt der feudalen Agrarwirtschaft zur Industriegesellschaft statt. Die Leute hatten nicht nur den Eindruck, dass alles anders wurde und fremd, sondern es war tatsächlich so.

Im Jahr 1789 stürmten ein paar verärgerte Bürger das Pariser Stadtgefängnis Bastille, knapp vier Jahre später verlor der einst absolut regierende König von Frankreich seinen Kopf unter der Guillotine. Ein paar Monate später wurden auch die Architekten des Terrors enthauptet, und bald darauf begann mit dem Aufstieg Napoleon Bonapartes ein 20-jähriger Krieg, der Europa vollständig veränderte. Das war aber nur die Oberfläche der Transformation, unter der sich eine technische und ökonomische Veränderung vollzog, die unsere Vorstellung von Geschwindigkeit und Beschleunigung bis heute prägt.

Im Jahr 1804 baute der britische Erfinder Richard Trevithick die erste Dampflokomotive, allerdings auf schlechten Schienen, die bei der Jungfernfahrt zerstört wurden. Aber nur zehn Jahre danach hatte sein Landsmann George Stephenson seine Locomotion so im Griff, dass sie serienreif war, zehn Jahre später entstand die erste regelmäßig befahrene Personenstrecke, und bereits 1830 wurden mit der Einführung der Normalspur – 1435 Millimeter – alle englischen Bahnstrecken zueinander kompatibel gemacht. Erfindung, Entwicklung, Standardisierung und Anwendung dauerten weniger als drei Jahrzehnte.

Nun ein Sprung ins Informationszeitalter.

Bei großzügiger Auslegung – eine Menge theoretischer Vorarbeit war nämlich schon geleistet – lief der erste frei programmierbare, binäre, vollautomatische Rechner – also Computer – unter der Bezeichnung Z3 im Jahr 1941 in Berlin, als Prototyp, entwickelt von Konrad Zuse. Es dauerte nochmals vier Jahrzehnte, bis daraus ein Massenprodukt geworden war, dessen „Spurbreite“, also Kompatibilität, echte Marktreife ermöglichte.

Das Internet brauchte aus den Entwicklungslabors des Pentagons bis zur Anwendung als Massenmedium kaum weniger Zeit, von 1958 bis 1994, obwohl die technische Infrastruktur und Hardware weitgehend entwickelt waren. Es geht eher um den Anschein von Schnelligkeit, wie sich an den kurzen Produktzyklen und Updates zeigt, bei denen kaum nennenswerte Verbesserungen eines bestehenden Systems als Innovation angepriesen werden. Diesen Dingen wohnt nur die Kraft der Behauptung inne. Sie bewegen sich kaum – und deshalb wenig.

3. Mitläufer

Geschwindigkeit entsteht im Auge des Betrachters, in seinem Kopf. Wer es sich dort so gemütlich eingerichtet hat, dass er gar nicht mehr nach draußen will, erlebt natürlich gelegentlich Überraschungen oder, wie man es heute nennt, eine anständige Disruption. Das kommt aus dem Englischen, von „to disrupt“, was so viel heißt wie zerreißen.

Dahinter steckt eine Theorie, die der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Clayton M. Christensen im Jahr 1997 veröffentlichte. Sogenannte disruptive Innovationen fegen alteingesessene Verfahren und Techniken vom Markt. Es trifft fast immer die Etablierten, die von den Neuankömmlingen, den Start-ups, verdrängt werden. Viele bemühen dabei das Bild der großen Armee, die von Terroristen attackiert wird. Deren Wirkung besteht im Überraschungseffekt, also der Mischung aus Geschwindigkeit und Entschlusskraft. Man merkt erst, dass sie da sind, wenn es zu spät ist.

So weit die Theorie.

Das Disruptionsmodell hat aber eine ganz andere Seite. Die meisten Innovationen tauchen eben nicht aus dem Nichts auf, sondern haben eine lange Geschichte – nicht nur beim Personal Computer und dem Internet. Revolutionen sind sehr selten, und noch seltener ersetzen sie das Althergebrachte rückstandsfrei. Viel öfter kommt es vor, dass die Etablierten sich allmählich entwickelnde Neuerungen so lange ignorieren, bis es zu spät ist. Es handelt sich also nicht um die Folgen eines terroristischen Aktes, sondern die geradezu systematische Ignoranz. Die meisten Opfer der Disruption haben das, was eintrat, in Zeitlupe auf sich zukommen sehen. Nicht das hohe Tempo der Veränderung, eher schon die Allmählichkeit birgt die Gefahr. Aber das kann man schwer zugeben. Wo etwas schnell und überraschend zuschlägt, scheint das Schicksal seine Finger im Spiel zu haben. Damit sind die Schnarchnasen aus dem Schneider.

Aber das Phänomen verweist immerhin auf unsere Vorstellung von Geschwindigkeit. Sie ist in der Industriegesellschaft zum Fetisch geworden. Industrie ist vor allen Dingen eines: automatisierte Massenproduktion und besteht damit aus Prozessen, die nach festen Regeln und Normen immer schneller ablaufen. Ein Automat erledigt alles schneller und gründlicher als sein Schöpfer. Eine Maschine erzeugt immer Geschwindigkeit. Die Maschine steht nie still, und tut sie es trotzdem, dann wird das als Zeichen des Niedergangs verstanden. Schnelle Bewegung ist Leben. Das kulturelle Leitbild dieser Zeit ist der sogenannte Fortschritt. Dieses Wort ist aus der Mode gekommen, aber es verfolgt uns bis heute. Fortschritt ist eine spezielle Form der Beschleunigung.

Der Begriff Beschleunigung ist erst einmal neutral – er zeigt die aktuelle Veränderung der Geschwindigkeit an, und das gilt sowohl für mehr als auch für weniger Tempo. Im Zusammenhang mit Fortschritt aber wird daraus ein Geisteszustand, ein Schneller, Höher, Weiter, Mehr, das prägend ist für den alten Industrialismus. Alles bewegt sich nur noch in eine Richtung – mit größtmöglicher Geschwindigkeit hin zum quantitativen Zuwachs.

Menschen werden zum Mitläufer eines Systems, das sie selbst geschaffen haben.

4. Digitalismus

Man konnte für oder gegen den Kapitalismus sein, aber wer gegen den Fortschritt war, hatte einen an der Waffel, und das war auch ganz logisch und richtig so. Wo es am Notwendigsten fehlt, das Materielle nicht gesichert ist, zählt Quantität – das ist im Kampf gegen den Hunger und Krankheiten so, und das gilt auch noch weit darüber hinaus. Im Fortschrittskonzept ist Höchstgeschwindigkeit etwas Gutes.

Man darf dabei nur nicht die Naturgesetze vergessen. Wenn eine Rakete die Erde verlassen will, muss sie mindestens auf 11,2 Kilometer pro Sekunde beschleunigt werden, das nennt man die zweite kosmische Geschwindigkeit. Dann erst wird die Schwerkraft überwunden – und der Trabant verlässt sein altes System. Diese Fluchtgeschwindigkeit gilt auch im Fortschrittsmodell, in sozialen Systemen. Je mehr abzudecken ist, desto effizienter müssen sie funktionieren. Die einen entfremdet, desorientiert das immer mehr. Die anderen hingegen gehen immer stärker in der Geschwindigkeit auf. Kommt ganz darauf an, wo man sich aufhält, ob die Luke unter Deck offen ist – oder eben nicht.

Im Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, der Geburtsstunde der Konsumgesellschaft, besingt das der österreichische Kabarettist Helmut Qualtinger so: „Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort.“ Hier geht es nicht um den Sinn von Beschleunigung, sondern einfach nur ums Tempobolzen, koste es, was es wolle. Schneller ist besser ist gut. Niemand schaut nach vorn, erst recht nicht zurück.

Auf dem Höhepunkt des Industrialismus, den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, formulierte das der italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti in seinem „Futuristischen Manifest“, das im Februar 1909 in der Pariser Tageszeitung »Le Figaro« erschien: „Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit (…).“ Für die Begeisterten gibt es keine Geschichte, keine Herkunft, kein Morgen: „Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.“

Davon waren die Eliten der Welt begeistert, und auch heute kann man mit dieser Rhetorik alles erklären. Den digitalen Fetisch etwa. Gegen den ist kein Widerspruch erlaubt, Kritik an ihm gilt als reaktionär und gestrig. Das ist Digitalismus, eine Ideologie. Im Digitalismus geht es nicht darum, den Sinn und Zweck informatischer Systeme zu erklären, den Nutzen von Netzwerken zu betonen oder die Vorteile gegenüber dem Erzfeind, das Analoge, nachzuweisen – mit solchem Firlefanz hält man sich jetzt nicht mehr auf. Es geht um das Digitale an sich. Hauptsache Vollgas.

Werden Probleme dadurch gelöst, dass man sie beschleunigt? Der neue Digitalismus ist die Fortsetzung des alten Maschinenkults. Was der Verstand nicht hinkriegt, soll das Tempo richten. Eine einzige, große Fluchtgeschwindigkeit, ein Eskapismus ganz nach alter industrieller Schule. Vor diesem Hintergrund hat sich unsere Einstellung zu Wissen und Verstand bereits geändert. Wo sich Höchstgeschwindigkeit zur Fluchtgeschwindigkeit verwandelt hat, ist Intelligenz eine Frage der Geschwindigkeit geworden.

5. Die Schlagfertigen

Der Publizist James Gleick verweist in seinem Buch „Schneller!“ auf diese Transformation der Bedeutung der alten Worte Weisheit und Klugheit. In der europäischen Geistesgeschichte stand dieses Begriffspaar jahrhundertelang für den soliden Gelehrten, der durch Bildung, Lebenserfahrung und permanentes Dazulernen und Kombinieren schließlich zu einem Problemlöser geworden war – jedenfalls sollten das Denker idealtypisch sein. Weisheit und Klugheit sind allmählich wachsende Eigenschaften, sie brauchen Zeit.

Das passt nicht zur permanenten Eile des Industrialismus. Hier wird das schnelle, nicht das gründliche Denken bevorzugt: „Zwar haben wir schon von gemächlichen Eigenschaften wie Weisheit oder Klugheit gehört, aber nichtsdestoweniger glauben wir, dass Studenten, die sich mit mühsamen Berechnungen herumquälen, nicht ganz so gescheit sein können wie ihre Kommilitonen, die sofort mit den Fingern schnalzen und die Antwort wissen“, schreibt Gleick.

Genau die aber würden von Unternehmen und Politik bevorzugt, von den Medien sowieso. Alle wollen „schlagfertige Mitarbeiter“, niemand will einen „Klugscheißer“, und weise ist ohnehin ein Synonym für alt – und damit: langsam – geworden.

Gefragt ist höchstens „geistige Beweglichkeit“, also ein schnell wirksamer Opportunismus. Schlagfertigkeit, erinnert Gleick, ist nichts weiter als eine Sekundärtugend, um ein Quiz zu bestreiten. Heute ist daraus ein Leitbild geworden. Schlagfertigkeit verkauft schnell, sie ist die Grundlage jedes gelungenen Taschenspielertricks. Schlagfertigkeit verkauft Versicherungen, Smartphones, Kredite und Autos, Diäten und Parteiprogramme und natürlich die Hoffnung auf eine bessere, weil digitalere Welt. Intelligenz hat nichts mehr mit Wissen zu tun, nur noch mit kurzer Reaktionszeit.

Das alles befördert die Wissensgesellschaft nicht, sondern steht ihr im Wege.

Viele ahnen, dass die Fluchtgeschwindigkeit überall Dauerbaustellen erzeugt, ungelöste Probleme vertagt und das unangenehme Gefühl vermittelt, nie mit etwas fertig zu werden. Dazu ist keine Zeit. Was bleibt, ist die Empörung, die sich bekanntlich sehr schnell einstellt.

Klappt etwas nicht, wird eine „schnelle Lösung“ und „rasche Aufklärung“ gefordert, „umgehendes Handeln“, „Sofortmaßnahmen“ – der ganze Aktionismus, den alle so satt haben und gleichsam doch immer wieder entfachen, ein wenig Dampfablassen vor dem nächsten Druckaufbau.

Das alles bewegt sich, damit nichts passiert.

6. Ausreichend

Der französische Philosoph und Geschwindigkeitstheoretiker Paul Virilio hat dafür den Begriff des „rasenden Stillstands“ geprägt, der zu einer populären Metapher geworden ist. Die „Fluchtgeschwindigkeit“ erzeugt eine Welt, in der sich ständig „die Bedeutungen ineinander verschieben, bis sie sich völlig auflösen“. Vor lauter Eile flimmert alles nur noch, nichts ist klar zu erkennen. Es gibt keine Orientierung, keinen Anhaltspunkt. Wir sind, sagt Virilio, in unserer eigenen Welt zu „blinden Passagieren“ geworden. Mitläufer. Wer kann das Tempo der von uns geschaffenen Systeme noch beherrschen? Wer kontrolliert die Geschwindigkeit? Wir kommen da nicht mehr mit.

Virilios Antwort ist finster: Am besten, wir geben den Algorithmen und Robotern, informatischen Routinen und Rechnern gleich die Kontrolle, denn sie sind uns voraus in der einzigen Sache, die uns etwas zu bedeuten scheint: der Geschwindigkeit. Das Automatentempo hat unsere Höchstgeschwindigkeit längst hinter sich gelassen. Wir sind nichts mehr als biologische Anhängsel der Prothesen, die wir geschaffen haben. Wir sind alle ein wenig wie Charlie Chaplin in dem Film „Moderne Zeiten“, eingespannt ins Räderwerk, das sich immer schneller dreht, bis wir verrückt werden.

Und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Denn dieses Bild vom Menschen als Opfer des von ihm geschaffenen Tempos geht davon aus, dass wir nicht anders können. Die Frage ist aber eine andere: Wo ist Geschwindigkeit gut, wo schadet sie? Es geht um das richtige Maß – und das ist keine moralische Frage.

Genau das aber legt der heute sehr populäre Begriff „Entschleunigung“ nahe. Die wird, statt punktuell an bestimmten Situationen etwas zu ändern, als Allheilmittel angepriesen. Langsamer ist immer besser. Darüber denkt man nach einiger Zeit so wenig nach wie über den Sinn des Satzes „Weniger ist mehr“. Für wen? Und wann?

Kein Wunder, dass solche Pauschalparolen bei denen gut ankommen, die schon reichlich haben, und jenen schaden, die noch was vertragen könnten. Man kann das an der Suffizienzbewegung sehen, die in Europa starken Zulauf hat. Ihr geht es, wie die Wikipedia kursorisch aufzählt, um „Selbstbegrenzung, Konsumverzicht, Askese, Entschleunigung und Abwerfen von Ballast“. All dies kann man freiwillig gern tun. Doch das reicht den Propagandisten dieser Idee nicht.

Das lateinische Wort sufficere steht für ausreichend, und so etwas muss klarerweise von jemandem definiert werden, so wie Beamte definieren, was für einen ALG-II-Empfänger ausreichend ist.

In unserem Fall sind reiche Alte im Westen die Beamten, und der Rest der Welt – einschließlich der Jugend hier – die ALG-II-Empfänger. Die sollen gefälligst mal langsam machen. Begrenzungsideologien werden immer von oben nach unten gesungen, aus der Richtung einer „wissenden Minderheit“ in die „Masse“ hinein. Und klar, man ist kein Bremser, sondern möchte nur das Gute schneller auf den Weg bringen. Ein Missionar. Als ob das nötig wäre.

Denn der Fortschritt kommt auch ganz ohne die allgegenwärtigen moralischen Appelle ins Stocken.

Fortschritt 1.0 bestand aus maximaler Geschwindigkeit und möglichst viel Masse. Alle sollten etwas abbekommen. Ist dieses Ziel einmal erreicht, dann schlägt das Bedürfnis nach Expansion und hohem Tempo nahezu von selbst auf Fortschritt 2.0 um, das Sichern und Bewahren des Erreichten. Dazu wenden Menschen Regeln, Gesetze und Normen an, Sicherheitsvorschriften finden sich an jeder Ecke, und wo die freie Fahrt durch so viele Hindernisse gehemmt wird, geht bald nichts mehr voran.

Die Entschleunigung ist keine Frage der Bekehrung, sondern eine der Bürokratie, und auch sie entsteht nach bestem Wissen und Gewissen. Die gleichen Leute, die sich darüber beklagen, dass ihre Dinge nicht schnell genug wahrgenommen werden, fordern andererseits unablässig den Schutz für das, was sie haben. Ein Fuß steht auf der Bremse. Der andere gibt Gas. Auch das sorgt für das Gefühl des rasenden Stillstands. Vielleicht müssen wir noch mal zurück in die Fahrschule. Zwischen Rasen und Bremsen muss es doch irgendwas geben?

Ach ja, Fahren. Selberlenken.

7. Geduld

Und das geht so: Man drückt nicht einfach verrückt die Pedale durch, sondern fährt „der Situation angemessen“, also so, wie es die Strecke hergibt. Eigentlich logisch. Abwechslung und Vielfalt sind hervorragende Geschwindigkeitsassistenten. In der Wirtschaft kennt man diese Assistenzsysteme unter der Sammelbezeichnung des Wettbewerbs. Der moderiert Geschwindigkeiten hervorragend. Märkte und Demokratien ähneln sich dabei sehr, eine Einsicht, die auf Joseph A. Schumpeter zurückgeht. Diese Systeme sind voller Interessen und Unterschiede, und um in diesen Systemen etwas zu erreichen, braucht man ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten – das Tempo der Debatte, der Auseinandersetzung, des Voneinanderlernens, aber auch der Abgrenzung, ein nicht weniger wichtiger Prozess. All das trägt nicht nur zur eigenen Kenntlichkeit bei, sondern zwingt uns dazu, auch auf andere zu hören, offen zu sein.

Wer sich auf andere Interessen nicht einlässt, fährt irgendwann an die Wand. Und wer nur bremst, der bemerkt die anderen noch nicht einmal.

Was braucht man dazu? Ein Wort, das so altmodisch klingt, dass es heute kaum noch gesagt werden darf, weil jeder dahinter nur Bremserei argwöhnt: Geduld. Das alte Wort bedeutet so viel wie etwas ertragen und etwas aushalten, zwei Eigenschaften, an denen niemand vorbeikommt, der in Gesellschaft anderer ist. Je komplexer und differenzierter Systeme sind, desto mehr Geduld verlangen sie uns ab. Es dauert jeweils, bis wir das andere verstehen gelernt haben – und diese Herausforderung wiederholt sich permanent. Da draußen gibt es Autos, Fahrräder und Fußgänger. Es gibt Leute, die sitzen lieber, andere sind gut, wenn sie laufen. Es geht darum, diese Vielfalt der Eigenbewegung in einer Gesellschaft und in einer Organisation für das Ganze zu nutzen. Die gleichmacherische Wirkung der Industriegesellschaft hat uns das für einige Zeit abgewöhnt. Aber wer nicht will, dass System und Teil ständig voreinander mit zunehmender Geschwindigkeit flüchten, muss lernen, dass sich Unterschiede nicht abregeln lassen. Zu schnell, zu langsam? Alles relativ. Ein Tempo für alle, wie viele fordern? Eine Eselei – die in die Routine führt. Die führt zum rasenden Stillstand.

8. Dabei sein

Das ist kein moralischer Appell, sondern Stand der Forschung. Und es erklärt auch Phänomene, die uns in unterschiedlichen Lebensabschnitten besonders häufig heimsuchen. Der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann forscht am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene zum Thema „Subjektives Zeitempfinden“. Warum vergeht die Zeit manchmal rasend schnell, wie im Flug, während bei anderer Gelegenheit ein paar Augenblicke schier endlos dauern? Und warum haben viele ältere Menschen den Eindruck, dass die Jahre nur so an ihnen vorbeifliegen, während ihre Kinder und Enkel in Schulen und Universitäten die Zeit nicht rumkriegen – jede Stunde eine Ewigkeit.

Mit der Biologie habe das wenig zu tun, sagt Wittmann: „Das subjektive Zeitempfinden hängt davon ab, ob wir etwas Neues und Unbekanntes tun, etwas lernen und erkennen, oder ob wir schon so viele Routinen und Regeln abarbeiten, dass sich alles immer wiederholt. Routinen sind Zeittöter.“ Jeder könne diese These einfach überprüfen, sagt er, vielleicht im nächsten Urlaub: „Die ersten Tage, in denen wir etwas Fremdes kennenlernen, vergehen relativ langsam. Der Tag füllt sich mit Neuem, es steckt mehr drin. Im Laufe der Zeit entwickeln wir aber Routinen, beim dritten, vierten, fünften Abendessen oder Strandbesuch wissen wir schon Bescheid. Dann erscheint uns alles schneller. Die Zeit verfliegt.“

Routinen fressen Zeit, wie starre Regeln und Rituale.

Das ist kein Grund zur Traurigkeit, eher einer, etwas gegen diese Phänomene zu unternehmen. Gute Lehrer wissen, wie man das Problem schier endloser Schulstunden abmildert: durch viel Abwechslung, also einen „lebendigen Unterricht“ und dazu möglichst viel Eingehen auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler.

Und Erwachsene? Sollten genau das Gleiche tun. Gegen das zunehmende Gefühl, dass einem mit der Zeit die Zeit wegfliegt, hilft nur eines: „Weiterlernen, Routinen ausschalten, entdecken und sich klarmachen, dass das Gehirn Abwechslung braucht“, sagt Wittmann. Abwechslung bedeutet nicht alle zwei Sekunden etwas anderes, sondern das, was man früher kurzweilig nannte (das Gegenteil von langweilig also) oder auch ganz einfach: interessant.

Das ist ein Wort, bei dem der Mensch und sein System wieder zu einem Tempo, zu einer Richtgeschwindigkeit finden. Interesse, das heißt im Lateinischen so viel wie dabei sein. Interesse braucht weder Tempolimit noch Bremsen. Es braucht Leute, die keine Mitläufer sind, sondern die gelernt haben, selbst zu fahren. ---

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