Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Mihai Nadin im Interview

„Wer viel misst, misst Mist“

Die Neugier hält ihn jung. Wir trafen Mihai Nadin am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst, wo er mehrfach zu Gast war und drei Konferenzen zum Thema Antizipation organisierte. Das HWK ehrte ihn mit dem Titel „Honorary Fellow“
Das HWK ehrte ihn mit dem Titel „Honorary Fellow“

brand eins: Herr Nadin, wenn man all die Leute sieht, die mit ihrem Smartphone verwachsen zu sein scheinen, lagen Sie mit Ihrer damaligen Prophezeiung des allgegenwärtigen Computers richtig.

Mihai Nadin: Das Phänomen ist tatsächlich nicht zu übersehen. Wichtiger ist allerdings, dass mittlerweile fast alle beruflichen Tätigkeiten auf Computern basieren. Und dass ihre Logik sich geändert hat, sie unterscheidet sich fundamental von der Technik des Jahres 2002. So hat ein handelsübliches Smartphone heute 20 bis 30 Sensoren, die einen interaktiven Umgang mit ihm ermöglichen. Das ist ein qualitativer Sprung in sehr kurzer Zeit.

Inwiefern?

Wir müssen uns immer weniger an die Technik anpassen, indem wir etwa bestimmte Befehle erlernen. Stattdessen passt sich die Technik uns an. Das lässt sich gut an Sprachsteuerungssystemen wie Siri erkennen. Diese Schnittstellen sind in der Lage, in Echtzeit von uns zu lernen. Dahinter stecken sogenannte Ontologien, ein Begriff, der ursprünglich aus der Existenzphilosophie stammt. Diese Ontologien ermöglichen, vereinfacht gesagt, eine unserem Wesen entsprechende Interaktion mit Maschinen. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Es beginnt eine Epoche, in der nicht mehr wir die Technik bedienen, sondern sie uns dient. Niemand weiß, wie das konkret aussehen wird, aber die Neue Welt wird sich sehr von der bisherigen unterscheiden.

In dem Science-Fiction-Film „Her“ verliebt sich der Protagonist in ein Betriebssystem namens Samantha, das mit sanfter Stimme zu ihm spricht. Ist das die Zukunft?

Das glaube ich eher nicht. Aber diese Idee aus Hollywood ist interessant, weil sie auf eine bemerkenswerte Entwicklung verweist. Früher ging man davon aus, dass Maschinen gewisse Fähigkeiten von uns ersetzen, doch heute passiert etwas ganz anderes: Maschinen versuchen, uns zu imitieren.

Ist die Vorstellung, dass sie dies irgendwann perfekt beherrschen, nicht beängstigend?

Diese Furcht ist insofern unbegründet, weil Maschinen nicht über die Fähigkeit verfügen, die uns ausmacht: Antizipation. Der heute noch dominierende algorithmische Computer kann Fragen beantworten, aber keine formulieren. Er hat kein Vorstellungsvermögen. Das ist noch unsere Kernkompetenz und die Voraussetzung für jede schöpferische Tätigkeit.

Die Anhänger von Big Data würden da widersprechen. Sie behaupten, durch die Analyse großer Mengen von Informationen in rasantem Tempo herausfinden zu können, wo zum Beispiel Gefahren drohen könnten. Was halten Sie davon?

Ich halte die allgemeine Daten-Sammelei für dumm: Wer viel misst, misst Mist. Für das Marketing mag die Methode geeignet sein, für den Prozess der Wissensaneignung eher nicht. Denn man kann durch den Blick in den Rückspiegel nicht in die Zukunft schauen. Das zeigt unter anderem die desaströse Bilanz der Geheimdienste in den USA, die in jüngerer Vergangenheit sehr oft falsch lagen, trotz – oder vielmehr wegen – Big Data. Selbstverständlich ist die Vorstellung reizvoll, man könnte so wie in dem Film „Minority Report“ mithilfe moderner Überwachungstechnik etwa einen Amokläufer identifizieren, bevor der seinen Plan umsetzt. Aber das funktioniert in der Wirklichkeit so nicht.

Wie dann?

Der Schlüssel ist und bleibt die menschliche Interaktion. Man kann Menschen nur einschätzen, indem man sie kennenlernt, ein Gefühl für sie entwickelt. Jeder ist einmalig, die Big-Data-Mode verstellt den Blick darauf.

Allerdings werden so viele Daten gesammelt wie nie zuvor. Sie scheinen mit Ihrer Haltung recht allein zu stehen.

So ist es, und das macht mir Spaß. Nur tote Fische schwimmen mit dem Fluss. Aber ich will ganz im Ernst noch auf einen entscheidenden Unterschied zwischen Big-Data-Anwendungen und menschlichen Entscheidungsprozessen zu sprechen kommen. Die einen beruhen auf maximaler Rechenleistung, das menschliche Gehirn setzt dagegen auf minimalen Energieverbrauch, es arbeitet im Vergleich zu einem Computer äußerst effizient, mit wenigen Informationen. Wir Menschen werten keine Daten aus, sondern erkennen Bedeutungen. Wir interpretieren die Welt und lassen uns von einer Ahnung dessen leiten, was passieren könnte. Jeder tut dies auf seine Weise.

Und irrt sich womöglich.

Natürlich. Allerdings viel seltener als diejenigen, die den Determinismus zum Dogma erhoben haben, also die Vorstellung, dass künftige Ereignisse allein durch heutige Bedingungen vorherbestimmt seien.

Dieses Denken ist weitverbreitet und angenehm, weil man sich so in Sicherheit wiegen kann, oder?

Vermutlich. Ich persönlich mag Überraschungen. Daher bin ich dem Land Nordrhein-Westfalen auch dankbar dafür, mich nicht verbeamtet zu haben. Nach meiner Emeritierung als Professor an der Universität Wuppertal fiel meine Rente so gering aus, dass ich weiterarbeiten musste – was mir viele anregende Erlebnisse bescherte und bis heute große Freude macht.

Ein Projekt, das Sie verfolgten, bevor es die heute gängigen Assistenzsysteme gab, war das alternde Auto: ein Gefährt, das sich an die Gewohnheiten des Fahrers anpassen und altersbedingte Defizite ausgleichen sollte. Was wurde daraus?

Ich stellte das Konzept vor 15 Jahren verschiedenen Automobilherstellern vor, hatte aber keinen Erfolg damit. Dann veröffentlichte ich die Idee, in der Hoffnung, dass jemand anderes sie nutzt. Und so geschah es ja auch. Heute redet alle Welt über Googles autonomes Auto. Die beiden Gründer der Firma waren übrigens als Studenten in meinem Seminar, als ich an der Stanford University lehrte. Ich würde nie behaupten, dass sie meine Idee übernommen haben. Aber ich bin glücklich, dass aus meiner Vorstellung Wirklichkeit wird.

Selbstfahrende Autos könnten Millionen Berufskraftfahrer überflüssig machen. Sie vertraten schon bei unserem damaligen Gespräch die Position, dass alle Routinetätigkeiten automatisiert werden, sodass für Menschen allein schöpferische Tätigkeiten übrig bleiben. Wird es genügend von ihnen geben?

Davon bin ich überzeugt. Und was noch viel wichtiger ist: Ich habe noch nie eine Person getroffen, die nicht kreativ war. Jeder Mensch ist einmalig. Das Problem ist nur, dass viele nicht wissen, worin ihre Begabung besteht. Sie zu erkennen wird daher die eigentliche Herausforderung werden. Dazu brauchen wir ein anderes Bildungssystem als unser derzeitiges normiertes mit den Pisa-Tests als Maßstab für die Ergebnisse.

Lässt Kreativität im Alter nach?

Ja, wir verlieren unser antizipatorisches Vermögen; das gilt übrigens auch für Gesellschaften, die ebenfalls altern. Wir reagieren mehr, statt zu agieren, verfallen in Routinen.

Was lässt sich dagegen tun?

Man kann die Fähigkeit auch im Alter trainieren. Wir haben an unserem Institut unter anderem ein Computerspiel entwickelt, das auf dem Bewegungskultur-Modell der senegalesischen Choreografin Germaine Acogny basiert. Interessanterweise gab es so gut wie keinen Effekt, wenn Menschen sich allein mit dem Rechner beschäftigten. Er trat erst ein, wenn mehrere miteinander spielten. Die Interaktion ist entscheidend, denn erst durch sie entsteht die Notwendigkeit des antizipatorischen Handelns.

Das ist Ihr Lebensthema. Sehen Sie ein Feld, auf dem sich Ihre Ideen durchsetzen könnten?

Im Design, in der Computertechnik und in der Architektur haben sich bereits einige bestätigt. Der wichtigste Testfall wird aber die Medizin sein.

Wieso?

Weil die Apparatemedizin, die alle Menschen über einen Kamm schert, an ihre Grenzen kommt. In Zukunft muss es eine individualisierte Medizin geben, um Krankheiten zu erkennen, bevor sie auftreten.

Die individualisierte Medizin wird schon seit Jahren angekündigt, aber es scheint keine Fortschritte zu geben.

Doch alles spricht für sie, führt man sich das Wesen lebendiger Systeme vor Augen. Nehmen wir zum Kontrast die physikalische Welt: Alle Elektronen gleichen einander. Es gibt aber auf dieser Welt keine Zelle, die einer anderen gleicht. Hinzu kommen die Erfahrungen aus der Genforschung. Mit dem milliardenschweren Human Genome Project meinte man, den Bauplan des Menschen entschlüsselt zu haben. Doch es gab nicht den einen Bauplan, jeder Mensch hat sein eigenes Erbgut. Und nicht nur das: Es ändert sich ständig. Wenn Sie Ihr Genom dieses Jahr analysieren lassen und kommendes Jahr noch einmal, wird es signifikante Unterschiede geben. Bestimmte Merkmale entstehen ganz offenkundig nicht als Reaktion auf Umweltbedingungen, sondern im Voraus. Hier ist die Verbindung zur Antizipation.

Was folgt daraus?

Lassen Sie mich zwei Projekte nennen. Eine Forscherin aus Frankreich hat Hunderte Kleinkinder auf Hinweise untersucht, die auf Autismus deuten: die Art, wie sie sich bewegten, wie sie auf andere Menschen reagierten und so weiter. Im Ergebnis entstanden antizipatorische Profile mit sehr hoher Treffsicherheit. Ich habe eine ähnliche Untersuchung mit einem Kollegen von der medizinischen University of Texas Southwestern durchgeführt, mit der es uns gelang, zu erkennen, welche Menschen Parkinson bekommen werden – sechs Jahre bevor die ersten Symptome auftraten.

Parkinson ist nicht heilbar. Nützt den künftigen Patienten diese ­Diagnose überhaupt?

Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser lässt sich gegensteuern. Um die Prozesse zu verstehen, ist noch viel Forschung notwendig. Aber wir sind auf einem guten Weg. ---

Mihai Nadin, 77,

geboren im rumänischen Brasov, studierte Elektrotechnik, Informatik und Philosophie in Bukarest, wo er auch promovierte. Er habilitierte sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München, lehrte und forschte im Anschluss an verschiedenen Hochschulen in Europa und den USA. 1994 wurde er an die Universität Wuppertal berufen, wo er das Fach Computational Design begründete. Nach seiner Emeritierung im Jahr 2003 war Nadin unter anderem an den Universitäten Stanford und Berkeley tätig. Seit 2004 ist er Professor an der University of Texas in Dallas, wo er das Institute for Research in Anticipatory Systems aufbaute.

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