Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Interview mit Ralf Konersmann

„Die Unruhe ist eine Passion“

brand eins: Herr Konersmann, seit Jahren machen Begriffe wie Burnout die Runde. Zudem wollen uns zahlreiche Ratgeber Müßiggang lehren. Können oder wollen wir nicht faul sein?

Ralf Konersmann: Diese Sehnsucht beruht zunächst einmal auf einer Illusion. Wir tun so, als wäre der Müßiggang eine reale Alternative. Und das nicht erst seit Neuestem. Schlaraffenland, Arkardien, das Goldene Zeitalter – in jeder Epoche hat man sich ausgemalt, wie es wäre, wenn wir nicht so viel arbeiten müssten. Mit der Lebenswirklichkeit hatte das wenig zu tun.

Durch technische Errungenschaften wie Internet und Smartphone gewinnen wir Zeit. Trotzdem haben wir das Gefühl, immer weniger davon zu haben, weil alles immer noch schneller gehen muss. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von der „beschleunigten Gesellschaft“.

Wie will man so etwas wie Beschleunigung dingfest machen? Der Hauptunterschied zwischen der Moderne und früheren Zeiten liegt in der Haltung zur Unruhe, nicht in der Unruhe selbst. Über Generationen sind die Menschen mit den Hühnern aufgestanden, haben tagein, tagaus um ihre Existenz gekämpft. Elend, Krankheit, Krieg – von Entspanntheit kann da kaum die Rede sein.

Stress hat doch vermutlich mehr mit Zeitdruck zu tun und weniger mit der Härte der Arbeit oder widrigen Lebensbedingungen.

Entscheidend ist der Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Wir sind in der Moderne skeptisch geworden gegenüber den religiösen Erzählungen. Sie halfen früher, sich mit der Situation abzufinden, weil die Härten des Alltags als gottgewollt galten. Heute bleibt man mit den Lasten allein und sucht den Fehler bei sich selbst – das war ja auch die Intention der Psychologie, die im 18. Jahrhundert aufkam. Ohne die sinnstiftende religiöse Erzählung hat der Mensch plötzlich nicht mehr nur Stress, sondern auch Stress mit dem Stress.

Ist der psychologische Ansatz angesichts der Tatsache, dass wir unterschiedlich gut mit Leistungsdruck und Arbeitsbelastung zurechtkommen, nicht gerechtfertigt?

Aber die Weise, wie wir heute Stress und Überforderung thematisieren, dass wir den Einzelnen zur Veränderung seiner selbst anhalten, dass wir versuchen, der Ermüdung durch Therapie, Zeitmanagement oder Fleißdrogen Paroli zu bieten, unterstreicht einmal mehr, wie sehr wir von der Unruhe durchdrungen sind. Sie triumphiert noch in der Art, wie wir mit ihr umgehen.

Was sollten wir stattdessen tun?

Wir müssen die Unruhe als historische und kulturelle Erscheinung des Abendlandes erkennen. Die Frage ist doch: Wenn die Folgen der Unruhe bekannt sind, warum halten die westlichen Gesellschaften dennoch an ihr fest? Warum streben die Menschen stets nach Verbesserungen? Warum weigern wir uns, die Dinge auf sich beruhen zu lassen?

Das klingt, als geschehe das freiwillig. Die meisten Menschen sind doch schon zur Sicherung ihrer Existenz gezwungen, dem Tempo, das die Arbeitsgesellschaft vorgibt, zu folgen.

Zwang ist eine wesentliche Seite der Unruhe. Aber es gibt eine zweite: die Freude daran. Die Unruhe ist eine Passion.

Eine Passion? Jetzt übertreiben Sie.

Wir sind umgeben von Geboten, die die Unruhe positiv wenden und denen wir ungefragt zustimmen. Wir verschmähen den Stillstand und preisen die Veränderung, die Entwicklung, den Fortschritt. „Wer rastet, der rostet“, heißt es. Was dem Ökonomen das Wachstum ist, ist dem Künstler die Kreativität, die Neues schafft. Die Unruhe ist ein Lebensgefühl, das auf beidem beruht: dem Drang und dem Gedrängtsein. In diesem Sinne ist sie eine Passion. Passionen wirken wie Naturgewalten, sie werden erlitten. Gleichzeitig gibt man sich ihnen lustvoll hin. Passioniert sein heißt, einzuwilligen und zuzustimmen, in das, was man erleidet und nicht ändern kann. Diese Zweideutigkeit ist Teil der Erklärung, warum die Unruhe für uns so unwiderstehlich ist.

Wann und wodurch ist sie Teil unserer Kultur geworden?

Vermutlich war sie schon immer da. In den ältesten Textstufen der Bibel ist bereits die Rede davon. Kain, der ältere Sohn von Adam und Eva, ist eine Schlüsselfigur. Mit der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies hatte Gott dem religiösen Mythos zufolge für die Unruhe gesorgt. Sie mussten nun im Schweiße ihres Angesichts für ihr Auskommen sorgen. Aber das war noch nicht so schlimm, sie waren dafür gerüstet. Mit dem Brudermord setzt Kain diesem Zwischenstadium ein Ende, woraufhin er mit dem Fluch „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein“ belegt wird. Diese zweite Vertreibung konfrontiert Kain als ersten Menschen mit einer Welt, auf die er nicht vorbereitet ist.

Was sagt uns das?

Dass die Unruhe im Verständnis des Alten Testaments eine Strafe ist, eine Strafe unseres Geschlechts, der Menschen. Eine Strafe, bei der es nach christlicher Vorstellung allerdings nicht bleiben muss. Sie ist auch eine Bewährungsprobe für den Einzelnen: Stellt man sich in seinem irdischen Dasein gut an, kann man im Himmel der Unruhe entkommen.

So sieht es der christliche Glaube.

Das Primat der Ruhe galt auch bei den griechischen und römischen Philosophen der Stoa. Ihnen zufolge resultiert die Unruhe aus der Gier. Der Mensch habe die Genügsamkeit verlernt, was ihm den Weg zu dauerhaftem Glück verstelle. Für die Stoiker und namentlich den römischen Philosophen Seneca besteht das Glück in „Sorgenlosigkeit und beständiger innerer Ruhe“. Beraten von der Philosophie, glaubte er, könne der Mensch die Gier besiegen und diesen Idealzustand der Seelenruhe erreichen.

Die Stoa, Kain – was haben die alten philosophischen Lehren und religiösen Erzählungen mit unserem heutigen Lebensgefühl zu tun?

Was bestimmt denn unser Verhalten? Woher kommen die Selbstermahnungen und -ermunterungen? Unsere innere Stimme erscheint uns spontan. In Wahrheit ist sie ein Abglanz wohlüberlegter Konzepte, die wir in der Philosophiegeschichte, der Religion, der Literatur und der Kunst finden. Bruchstückhaft vagabundieren sie als Alltagsweisheiten durch die Öffentlichkeit, sie werden weitergetragen durch die Medien, Parteiprogramme, die Popkultur, die Werbung und auch durch die Verlautbarungen der Wissenschaft.

Demnach sind wir alle gleichermaßen determiniert?

Jeder Mensch bildet aus diesem Stoff seine private Mischung, aber es gibt auch Übereinstimmungen. Das ist die Kultur. Wir legen uns über ihre Inhalte keine Rechenschaft ab. Kultur lebt in dem, was nicht erklärt werden muss. Sie ist das Normale.

Wie äußert sich der kulturelle Einfluss auf unser heutiges Empfinden von Ruhe und Unruhe?

Die Sehnsucht nach Ausstieg und Müßiggang wurzelt tief im religiösen Mythos. Aber daneben existiert die Unruhe längst als ein Lebensgefühl, das uns völlig normal erscheint. Wenn ich heute zu einem Nachbarn oder Freund sage: „Ich muss los“, werde ich sofort verstanden, weil wir alle Leute sind, die demnächst losmüssen. Die Frage ist: Wie haben wir gelernt, die Unruhe zu lieben? Warum betrachten wir Arbeit und permanente Bewährung nicht mehr wie im Alten Testament als Strafe, sondern halten sie für so selbstverständlich, dass wir sie nicht mal hinterfragen?

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Der Mentalitätswandel war ein jahrhundertelanger Prozess. Er besteht aus vielen Mosaiksteinchen. Eines ist Francis Bacons Methodenlehre „Novum Organum“ von 1620. Während die älteren Weisheitslehren davon ausgingen, dass die Bibel alles Wissen enthält und wir sie nur interpretieren müssen, sagt Bacon, dass wir uns nicht mit fertigen Erklärungen abspeisen lassen dürfen. Suchen ist bei ihm ein Schlüsselwort. Nicht die Bibel, sondern die Welt, sprich die Natur und das Verhalten der Menschen, sei das Buch, in dem wir nach Erkenntnis suchen müssen. Allerdings ist bei Bacon die Unruhe des Forschens eine vorübergehende. Sobald das Buch der Natur gelesen und das Wissen über die von Gott eingerichtete Wirklichkeit vollständig sei, könne sich so etwas wie die paradiesische Ruhe wieder einstellen.

Bacon folgt noch der christlichen Idee, dass die Unruhe nur eine Etappe sei. Wann wird sie zum Dauerzustand erklärt?

Dazu brauchte es noch rund 150 Jahre. Die französischen Aufklärungsphilosophen sind die Ersten, die Erkenntnis strikt vom Glauben entkoppeln und der paradiesischen Ruhe eine klare Absage erteilen. Eines der meistgelesenen Prosastücke der damaligen Zeit ist Voltaires „Candide ou l’optimisme“ von 1759. Nach einer Reise durch verschiedene Welten ist der Protagonist am Ende vor die Wahl gestellt zwischen einem Leben in Lethargie oder in Bewegung. Im 18. Jahrhundert wird die Langeweile zum Kampfbegriff, sie gilt als unerträglicher Zustand, von dem uns Unruhe und Arbeit geradezu erlösen.

Wie kam es zu diesem Wandel?

Ein wichtiger Faktor ist ein neues Selbstbewusstsein des Menschen. Er sieht seit der Aufklärung seine Erfüllung nicht mehr darin, sich in eine von Gott gegebene Ordnung, den Kosmos, einzufügen, sondern in der Gestaltung der Welt. Besonders deutlich wird der Aufbruch in Friedrich Schillers 1789 veröffentlichtem Aufsatz „Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde“. Schiller bereitet darin den alttestamentarischen Schöpfungsbericht neuzeittauglich auf: Das Paradies ist nur noch die historische Vorstufe des Heutigen. Im Übrigen steht es für Langeweile und Eintönigkeit. In Schillers Umdeutung wurzelt der Horror, den der Stillstand in der Empfindungswelt der westlichen Kulturen bis heute hervorruft.

Inwiefern hat sich auch die Vorstellung von Faulheit verändert?

Bis zum Beginn der Neuzeit war das Nichtstun relativ unverdächtig: Man hatte als Edelmann von Geburt an das Recht dazu, hatte sich als Mönch einer spirituellen Lebensform verschrieben oder nahm als Bettler die gottgegebene Rolle an, die lange Zeit auch akzeptiert wurde. In dem Moment, in dem die Unruhe nicht mehr als Übel, sondern als Potenzial zur Veränderung der Welt angesehen wird, wird der Faulenzer zu einem, der nicht mitmacht. Die Faulheit ist schließlich schlimmer als Diebstahl, nicht nur ein Vergehen, sondern eine demonstrative Verweigerung.

Wie hat man das begründet?

Religiös insofern, als es heißt, dass der Herr die Welt nun mal so eingerichtet hat, dass der Mensch arbeiten soll. In der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist diese Haltung noch stark verbreitet. Ökonomisch sieht man in der Faulheit einen Verstoß gegen die neue Wirtschaftsethik, der zufolge der Einzelne sich nicht mehr nur um sein Auskommen kümmern, sondern mit dem Ziel des Mehrverdienstes und des Wirtschaftswachstums produktiv sein soll. Aus beiden Motiven war Zeitvergeudung unerträglich, und darum wurden Verweigerer diszipliniert, wurden seit der frühen Neuzeit Bettler überall in Westeuropa in sogenannte Arbeits- und Zuchthäuser gesperrt.

Dagegen erscheint Faulheit heute geradezu salonfähig. Kreative dürfen in Cafés herumhängen, ohne beargwöhnt zu werden, und wer ein Sabbatical macht, gilt als modern.

Der Gedanke, dass man nicht immer nur arbeiten kann, sondern Erholungspausen braucht, ist nicht neu. Faulheit im Sinne der „Recreatio“, also zur Wiederherstellung der Kräfte, findet schon in der frühen Neuzeit Akzeptanz. Universitätsprofessoren sind die Ersten, die die Ferien einführen. Das Leben der leistungsfähigen Menschen besteht seitdem aus Arbeitszeit und Freizeit. Damals wie heute dürfen wir faul sein – solange wir glaubhaft machen können, dass es am Ende der Leistungsfähigkeit zugute kommt.

Hat denn Faulheit, die über das Pause-Machen hinausgeht, für uns keinerlei Reiz?

Der italienische Regisseur Federico Fellini hat 1953 den wunderbaren Film „I Vitelloni“ („Die Müßiggänger“) gedreht. Darin geht es um genau diese Frage. Er zeigt eine Gruppe von Männern, die in einer Kleinstadt den ganzen Tag auf der Piazza verbringen und den Frauen hinterherschauen. Der Film zeigt einerseits die Belastung der Männer, die arbeitslos und unfreiwillig untätig sind. Andererseits bewahrt er ihre Würde, lässt sie aus der Situation etwas machen, einen eigenen Lebensstil entwickeln. Die Männer sitzen elend lang herum, aber in mehreren Szenen wird ausgelassen gefeiert und getanzt. Zwischen dem Herumsitzen und dem Tanzen liegt die ganze Dimension der Faulheit.

Der Reiz liegt darin, dem von der Arbeitsgesellschaft oktroyierten Rhythmus zu entkommen?

Genau so erklärt sich die neue Attraktivität, die die Faulheit im 19. Jahrhundert gewinnt. Etwa für den Romantiker Friedrich Schlegel, dessen Lobpreisung des Müßiggangs sich sowohl gegen die als Unruhe erlebte Französische Revolution als auch gegen die Durchgeplantheit des Lebens richtet. In einer Zeit, in der Ökonomen auf die Idee kommen, die Gesellschaft so effizient wie eine Fabrik zu organisieren, ist Faulheit eine Aussage: die Weigerung, sich den Zwängen zu unterwerfen. In dieser Tradition steht auch die Boheme mit ihrer Lust an der Abweichung, der Provokation und der an Eigensinn grenzenden Selbstverwirklichung.

Abweichler sind das eine. Brauchen wir nicht auch als Gesellschaft eine neue Idee von Faulheit? Die steigende Lebenserwartung wirft die Frage auf, ob nicht längere Auszeiten vom Arbeitsleben möglich werden sollten. Der technische Fortschritt führt dazu, dass Maschinen zunehmend menschliche Arbeitskraft ersetzen.

Wie alle Epochen vor uns sind wir aufgefordert, ein zeitgemäßes Verständnis von Ruhe zu entwickeln. Folgen wir weiterhin der Logik der Pause, indem wir uns um Auszeiten bemühen? Oder greifen wir stärker in den Lebensrhythmus ein? Vielleicht geht es auch darum, Arbeit so zu organisieren, dass die Abgrenzung zur Freizeit obsolet wird. Im letzten Fall müssten wir fragen, welche Teile der Arbeit unsere Fluchtfantasien wecken und was wir uns nicht abnehmen lassen, sondern wovon wir eher noch mehr wollen. Entscheidend ist, dass wir Ruhe und Unruhe als Kontinuum betrachten, nicht als Entweder-oder. Glücklichsein, das ist bereits die Einsicht der Stoiker, verlangt nicht die Abschaffung der Unruhe, sondern den klugen Umgang mit ihr. ---

Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt. Fischer, 2015.

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