Ausgabe 02/2014 - Schwerpunkt Werbung

Künstler-Interviews

Erzähl! was! von! dir!

11 Phrasen des Grauens

Hey, wir hatten im Studio /am Set eine Menge Spaß, wir haben es einfach so richtig krachen lassen. Hahaha! Darum geht es doch, Spaß zu haben. Und den werden Sie mit dieser CD / diesem Film auch haben. Hahaha! Versprochen. Hahaha!

Dieser Film / diese CD / dieses Theaterstück / dieser Roman hat mein Leben verändert.

So weit wie mit dieser CD / Oper / Performance / diesem Film sind wir noch nie gegangen, wissen Sie. Das ist sehr experimentell und riskant.

Das ist eine interessante Frage.

Die Arbeit an dieser CD / Theaterpremiere /Ausstellung /diesem Film war für mich wie eine Befreiung von allen Ängsten. Ich hatte das Gefühl, ich lerne mich als Künstler noch einmal ganz neu kennen, und genau so war es auch.

Mit diesem Regisseur / Produzenten / Schauspieler / Musiker wollte ich schon immer arbeiten. Ich verehre ihn /sie, seit ich Kino / Musik / Theater mache. Die Arbeit mit XY ist einfach wunderbar und bereichernd. Was für ein großartiger Mensch und Künstler!

Ich suche meine Songs / Filme / Rollen nicht. Nein, die Songs / Filme / Rollen finden mich. Verrückt, nicht wahr? Aber so ist es.

Diese CD / dieser Film war für mich wie eine Therapie nach meiner Scheidung / meinem letzten Drogenentzug / der HIV-Diagnose / meinem Selbstmordversuch /dem Tod meiner Frau / meines Kindes /meiner Eltern etc. Es war verdammt schmerzhaft, aber du musst durch den Schmerzhindurchgehen, wenn du weiterleben willst.

Ich bin ganz meinem Gefühl gefolgt. Dieser Film / diese CD /dieser Roman / diese Operninszenierung / diese Performance auf einer Müllhalde / die Art, wie ich hier Hamlet spiele – das ist sehr persönlich. Dieser Film /diese Songs / etc. – das bin ich.

Klar, eine CD / ein Film / eine Tanzperformance / Videoinstallation kann nicht die Welt verändern. Aber ich meine es ernst, ich bin für Occupy und gegen die Wall Street / für den Frieden und gegen den Krieg / für die Schöpfung und gegen den Wahnsinn der Umweltzerstörung/für die Menschen und gegen das System / für die Freiheit und gegen Rassismus und Ausbeutung etc., auch wenn das vielleicht nicht jedem gefällt. Irgendwer muss ja die Wahrheit sagen, ich bin ein unangepasster Künstler, Opportunisten gibt es ja genug.

Meine neue CD ist wie ein warmer Sommerregen. Es ist Musik für alle Romantiker, die noch an die Liebe glauben.

• Gute Werbung wirkt wie Kommunikation, nicht wie der plumpe Versuch einer Drückerkolonne, den Leuten etwas aufzuschwatzen. Interessante Menschen erzählen interessante Geschichten über interessante Produkte. Wenn Künstler zu Promotion-Zwecken durch die Talkshows tingeln oder Interviews am Fließband geben, dann geht es um Werbung, die so tut, als wäre sie keine Werbung. Sondern eine Begegnung mit jemandem, der etwas von sich erzählt.

Für kommerziell erfolgreiche Schauspieler, Musiker, Regisseure gehören nette Anekdoten, scheinbar intime Geständnisse, mehr oder weniger tiefsinnige Gedanken oder charmante Witze zur Kernkompetenz. Die Kunst besteht darin, sich noch beim 40. Interview spontan zu geben, die Situation zu kontrollieren und trotzdem so authentisch zu wirken, dass der Zuschauer oder Leser das Gefühl einer persönlichen Begegnung hat.

Gern werden auch politische Statements von Weltfrieden bis Dalai Lama und Klimawandel zu Reklamezwecken und zur Imagepflege geliefert. Der Schauspieler Jan Josef Liefers, bekannt geworden als schrulliger „Tatort“-Gerichtsmediziner Börne, gibt zum Beispiel in Interviews seine Meinung zum Bürgerkrieg in Syrien zum Besten. Der Krawall-Komiker Kurt Krömer versuchte sich im ernsten Fach, besuchte die Bundeswehr in Afghanistan und gab anschließend in den Talkshows den Militärexperten und Afghanistan-Versteher. Schließlich geht es nicht um Kompetenz, sondern um Selbstmarketing.

Dass Fußballer, Politiker und Vorstandsvorsitzende den öffentlichen Auftritt üben, um sich mit gestanzten Sätzen abzusichern und ihre Botschaft unfallfrei zu platzieren, ist weithin bekannt. Bei Künstlern erwartet man das nicht unbedingt. Schließlich ist der persönliche Ausdruck ihr eigentlicher Beruf. Zudem pflegen sie das Image des Unangepassten. Doch kaum ein Profi der Unterhaltungsindustrie kann sich heute die offensive Journalistenverachtung und schlechte Laune eines Lou Reed, die Interviewverweigerung eines Bob Dylan, die Unverschämtheiten eines Johnny Lydon leisten. Die Verkaufsgespräche sind zu wichtig, um ihre Wirkung dem Zufall zu überlassen. Zumindest am Anfang der Karriere von Filmschauspielern sind Trainings vor Filmstart und Promo-Interviews auf Wunsch der Produktionsfirmen daher üblich. Auch Rock- und Pop-Musiker, Rapper und Hip-Hopper holen sich gern professionelle Hilfe.

Der Hang, sich abzusichern, geht so weit, dass seit einigen Jahren viele deutsche Schauspieler persönliche Presseagenten bezahlen, auch Schauspieler, die eher selten in den Medien auftauchen. Ihre Aufgabe sehen diese Agenten zum Beispiel darin, bei der Interviewautorisierung zwecks Risikovermeidung die provokanten, übermütigen, frechen Sätze zu streichen. Das sind leider oft die einzig interessanten. Der Schauspieler Lars Eidinger, ein Star an der Berliner Schaubühne, bekannt geworden durch den Film „Alle anderen“, lehnt das ab. Lieber macht er seine Interviews zu kleinen Performances und sagt Sätze wie „Ich bin der beste Schauspieler der Welt“ oder „Schauspielerei ist wie Sex“ in die Mikrofone. Dieses Spiel mit dem Interviewformat ist in einem zunehmend angst- und kontrollgesteuerten Kulturbetrieb eher die Ausnahme.

Dass sich Künstler mit Routine, Kontrolle und Marketingbewusstsein panzern, geschieht auch aus Selbstschutz. Nicht jeder Interviewer ist kompetent und fair. Viele kommen mit gegoogeltem Halbwissen, fragen penetrant nach dem Privatleben oder wollen unbedingt noch einmal hören, was sie schon anderswo gelesen haben. Und jenen US-Stars, die bei Blockbuster-Produktionen weltweit mehrere Hundert Interviews abspulen müssen, helfen ohnehin nur Schmerzfreiheit und die Fähigkeit, für den Promo-Job auf Autopilot zu stellen.

Katja Niedermeier coacht seit zwölf Jahren Rock-, Pop- und Hip-Hop-Musiker, seit einigen Jahren auch Führungskräfte und Pressesprecher. Bevor sie 2001 ihre Agentur K8 Target Class gründete, arbeitete sie für die Musikindustrie. Als PR-Managerin betreute sie Künstler wie Janet Jackson, Rihanna oder Motörhead. Die Namen ihrer aktuellen Coaching-Klienten nennt Niedermeier nicht. Als sie anfing, ihre Dienste anzubieten, waren Interviewtrainings in der deutschen Unterhaltungsindustrie kaum üblich. Heute sind sie, auch unter dem Druck einer aggressiveren Medienlandschaft, weitverbreitet.

„Jemand, der unvorbereitet in ein Promo-Interview geht, ist nicht etwa besonders authentisch, sondern unprofessionell. Nur zu sagen, dass eine neue CD rauskommt, ist nicht wirklich aufregend. Wenn es blöd läuft und der Künstler keine spannende Geschichte zu erzählen hat, erscheint statt einer geplanten Doppelseite vielleicht nur eine kleine Meldung, statt vier Minuten Sendezeit bekommt er nur 20 Sekunden. Weil viele Musik-Labels kaum noch die Geduld haben, Künstler langfristig aufzubauen, ist der Druck groß, schnell die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen. Kaum ein junger Künstler kann es sich leisten, ein größeres Interview oder einen wichtigen Auftritt zu versemmeln.

Ein Schauspieler kann über seine neue Filmrolle sprechen. Rock- oder Hip-Hop-Musiker sind ungeschützter, sie müssen über sich selbst reden. Manche Musiker, die sich auf der Bühne wohlfühlen, sind jenseits des Auftritts unsicher und eher introvertiert. Anderen liegt das Reden nicht, ihre Art, sich mitzuteilen, ist die Musik. Sie lernen im Training, die Interviewfragen als Anregung zu nutzen, um etwas Interessantes oder Unterhaltsames von sich zu erzählen und sich nicht wie in einer Prüfungssituation zu fühlen.

Eine Standardsituation sind Stars aus den Achtzigern oder Neunzigern, die ihr Comeback planen. Da ist es gut, wenn sie auf die üblichen Fragen, was sie in der Zwischenzeit gemacht haben und weshalb sie jetzt wieder touren, glaubwürdige und charmante Antworten parat haben. Besser, ich merke im Training, dass sie mir etwas vormachen wollen, als wenn das Journalisten und Zuschauer bei den Interviews checken.

Oft ist dem Künstler gar nicht klar, welche Botschaft er überhaupt platzieren will. Aber wenn jemand auf dem roten Teppich interviewt wird, hat er meistens eben nur einen Satz und 15 Sekunden, um entweder einen guten, einen ungünstigen oder gar keinen Eindruck zu hinterlassen. Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass der Journalist deine Gedanken liest und irgendwann die passende Frage stellt. Also musst du deine Kernaussagen unabhängig von den Fragen loswerden.

Oft sind die Interviewfragen auch stereotyp: Wann hast du angefangen, Musik zu machen, wer waren deine Vorbilder, was ist der Unterschied zwischen live und Studio? Das brav abzuarbeiten ist nicht unbedingt prickelnd. Da hilft es auch dem Journalisten, wenn der Künstler einfach erzählt, was ihm wichtig ist.

Es gibt ja auch diese typischen Antworten auf diese typischen Fragen. Beispiel: Was hat sich seit eurer letzten CD verändert? Antwort: Wir sind reifer geworden. Oder: Wir sind politischer geworden. Oder: Wir riskieren mehr. Oder: Wir knüpfen wieder an unsere Anfänge an. Diese Antworten sind okay, aber langweilig. Gut werden solche 08/15-Reaktionen erst, wenn danach auch noch eine spannende Geschichte oder Anekdote kommt. Verbreitete Sätze sind auch: Ich möchte mich nicht in eine Schublade stecken lassen. Meine Musik kann man nicht so ohne Weiteres beschreiben, das ist halt mein ganz eigener Stil. Seltsam ist natürlich auch, wenn 23-Jährige sagen, sie seien jetzt erwachsen geworden.

Das Image entsteht sowieso nicht primär durch Interviews, sondern durch Bilder und das gesamte Auftreten. Das Bild sagt: Wir sind die nette, eigenwillige Indie-Band, wir sind die harten, tätowierten Rocker, wir sind die verträumten Romantiker oder die Aggro-Rapper. Das kann ein Interview unterstreichen. Weil die eigentliche Botschaft das Bild ist, arbeite ich beim Interviewtraining auch mit Videos, um dem Künstler zu zeigen, wie er wirkt. Du siehst an der Körpersprache, wenn sich jemand unwohl fühlt. Dann geht es beim Coaching darum zu klären, was genau der Künstler von sich zeigen will, und ob das, was ihm peinlich oder unangenehm ist, wirklich so dramatisch ist. Ein Beispiel: Eine Dame hatte ein Moderationstraining bei mir gebucht, sie hatte Angst davor, einen bestimmten Künstler zu interviewen – völlig irrational, das war ja nun mal ihr Job. Es kam raus, dass es sich dabei um ihren Ex-Freund handelte, von dem sie sich auf eher unelegante Weise kurz vorher getrennt hatte. Sobald etwas im Coaching offen ausgesprochen ist, lässt sich mit den eigentlichen Ängsten, Scham- und Schuldgefühlen arbeiten.

Es gibt nicht nur die Introvertierten, es gibt auch diejenigen, die man davor schützen muss, einfach unkontrolliert draufloszuplappern. Über die eigene Mutter, die Lebensgefährtin oder über die Drogenkarriere zu sprechen ist nicht unbedingt die beste Idee. Und es gibt einfach auch sperrige Themen, ein bisschen wie beim Besuch bei den Schwiegereltern: Bei Politik, Geld und Religion ist Vorsicht geboten. Da solltest du schon genau wissen, was du sagst.

Interviewer sind auch keine Ersatztherapeuten, mit deren Hilfe man Liebeskummer verarbeiten kann. Das kann schnell peinlich werden. Im Nachhinein merkt der Künstler das dann selbst. Auf meine Frage, weshalb wir dieses Interviewtraining machen, kommt dann: Ich quatsche halt so viel. Dann gilt es, ein Gespür für die nötigen Grenzen zu entwickeln. Frage ich einen jungen Künstler, wie sein erstes Mal war, holt er tief Luft und will direkt anfangen, mir das Ganze zu erzählen. Ich rufe dann sofort: Stopp! Das geht mich nichts an! Das geht auch keinen Interviewer etwas an. Es geht immer darum, klarzumachen, dass wir in einer professionellen, funktionalen Situation sind, das ist kein privates Gespräch.

Es gibt natürlich Medien, die genau diese Grenzüberschreitung ins Private wollen. Ein Künstler muss wissen, ob er das bedienen will. Wenn ja, warum und wie kann er das kontrollieren? Ich habe jemanden gecoacht, der ins „Dschungelcamp“ gegangen ist. Da ging es allerdings nicht um ein Interviewtraining, sondern darum, wie derjenige die Situation aushalten und medial seine Würde wahren kann. Das hat für diese Person hervorragend funktioniert.

Nicht jeder erfolgreiche Musiker ist intellektuell brillant. Aus eher schlichten Gemütern mache ich in drei Trainingstagen keine umfassend gebildeten, eloquenten Menschen. Da geht es eher darum, Schaden zu minimieren. Mit einem deutschen Rapper habe ich zu Beginn seiner Laufbahn eine typische »Bravo«-Interviewsituation nachgestellt. Das waren Fragen wie: Hast du eine Freundin? Wohnst du mit der zusammen? Was macht ihr gemeinsam? Was »Bravo«-Leser halt so wissen wollen. Der Musiker hat zu mir gesagt: ,Ey, du willst mich doch klarmachen, weshalb fragst du sonst so’n Scheiß?‘ Ab und zu muss ich den Künstlern auch mal erklären, was ein Interview ist.“ ---

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