Ausgabe 10/2014 - Schwerpunkt Vertrauen

Zypern-Enteignung: Bank of Cyprus und Laiki Bank

„Wir wurden bestohlen“

Will nach vorn schauen: Finanzminister Georgiades
Will sein Geld zurück: Bankkunde Papaconstantinou
Büro von Papaconstantinou
Will klagen: Anwalt Ioannides
Vermietung lohnt sich nicht: Schaufenster in Nikosia

• Am 11. Februar 2013 verfasst der Büroleiter des Präsidenten der Zentralbank von Zypern einen Brief. Er ist adressiert an den Chef der Laiki Bank, das zweitgrößte Geldinstitut des Landes. Kopien des Schreibens gehen auch an andere Banken, die es Kunden vorlegen. Darin heißt es: „Die Zentralbank von Zypern will betonen, dass Maßnahmen, die das Recht auf Eigentum von Anlegern schwächen, beschränken oder außer Kraft setzen, im Widerspruch zu der Verfassung der Republik Zypern und zu Artikel 1 des Ersten Protokolls der Europäischen Menschenrechtskonvention stehen. Beide Regelwerke schützen das für eine Marktwirtschaft grundlegende Recht auf Eigentum. Daher sind alle Behauptungen, die dem zuwiderlaufen, nicht nur rechtlich ohne Fundament, sie verdienen auch keine ernsthafte Erörterung.“

Am 12. Februar 2013 gibt Nikos Anastasiadis, Kandidat der Präsidentschaftswahlen, ein Interview. „Ich werde kein Abkommen unterzeichnen, das die Guthaben der Sparer in Zypern gefährdet.“ Am 24. Februar 2013 gewinnt er die Wahlen und wird neuer Präsident.

Dann kommt es Schlag auf Schlag.

In der Nacht auf den 25. März 2013 wird in Brüssel das Schicksal der kleinen Mittelmeerinsel beschieden. Am Verhandlungstisch sitzen 17 Finanzminister der Europäischen Union auf der einen, Präsident Anastasiadis und seine Minister auf der anderen Seite. Die Lage ist dramatisch: Zypern ist pleite, zwei Banken stehen vor dem Ruin. Und die Europäer haben wenig Lust, ein weiteres Land mit Steuergeldern zu retten.

In den frühen Morgenstunden ist es beschlossene Sache: Die zyprische Laiki Bank wird abgewickelt und von der Bank of Cyprus übernommen. Kunden, die mehr als 100 000 Euro auf der Laiki Bank angelegt haben, verlieren alles, was darüber liegt. Kunden der Bank of Cyprus erhalten für rund die Hälfte ihres Guthabens über 100 000 Euro Aktien, die andere Hälfte wird eingefroren. So kommen sieben Milliarden Euro zusammen. Eine Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank garantiert weitere zehn Milliarden – damit ist Zypern gerettet, der Patient dennoch fast tot. Präsident Anastasiadis spricht später von Erpressung: „Wir hatten zwei Möglichkeiten. Entweder es gibt keine Hilfe von der EU, und unsere Wirtschaft und das Finanzsystem kollabieren. Oder wir stabilisieren das System. Wir haben die weniger schlechte Wahl getroffen.“

Es war das erste und bislang einzige Mal, dass in der Euro-Zone Bankkunden enteignet wurden. Die Geschichte der Pleite Zyperns ist die Geschichte von vielen gebrochenen Versprechen. Es geht darin um die Illusion, dass mit Tourismus, niedrigen Steuern und Immobilien ein Staat zu machen ist. Am Ende bleibt die Frage, wie es nach allem, was passiert ist, weitergehen soll. Und das in einem Land, in dem niemand mehr der Regierung, den Banken und schon gar nicht den Politik-Profis aus Brüssel vertraut.

Harris Georgiades sagt: „Es geht nur mit Reformen. Wir müssen das Bankensystem stabilisieren, den Staatshaushalt schlanker machen und die Ärmel hochkrempeln.“ Georgiades ist Finanzminister von Zypern. Er will das Land wieder aufbauen.

Adonis Papaconstantinou sagt: „Vertrauen? Wem würden Sie noch vertrauen, wenn Ihnen alles genommen wurde?“ Er ist Präsident der Vereinigung der enteigneten Laiki-Kunden. Er will sein Geld zurück.

Beide wissen, dass ihre Ziele schwer zu erreichen sind.

Das Büro von Adonis Papaconstantinou liegt in einer Sackgasse der Hauptstadt Nikosia. Eingezwängt zwischen Hochhäusern steht ein Einfamilienhaus, das er als Firmenzentrale nutzt. Er ist Lizenznehmer von Bartercard, einem Tauschsystem, dessen Mitglieder bargeldlos miteinander handeln. Statt Geld gibt es Punkte, mit denen bei anderen Mitgliedern eingekauft werden kann. Die Idee stammt aus Australien, Papaconstantinou hatte einen Freund, der das System in Kuweit eingeführt hat. Die Idee gefiel ihm, er hat sie dann vor einigen Jahren in Zypern etabliert. 500 Mitglieder hatte Bartercard auf der Insel, es lief ganz gut. Rund ein Drittel von ihnen ist heute pleite.

Was als Erstes auffällt, ist die Stille in dem Haus. Papaconstantinou lässt den Rollladen runter. Es ist erst kurz nach zehn Uhr am Morgen, doch draußen sind schon 38 Grad. Er trägt trotzdem ein langärmeliges Hemd, das Sakko hängt an der Garderobe.

Was Präsident Anastasiadis als Erpressung erlebt hat, war für Papaconstantinou ein Schicksalsschlag. Am Abend des 24. März 2013 geht er als wohlhabender Mann ins Bett, er plant, noch zwei Jahre zu arbeiten, um sich dann zur Ruhe zu setzen. Dafür hat er gespart. Am nächsten Morgen wacht er auf und hat noch 100 000 Euro. Seine Ersparnisse, sein Geschäftskonto – alles ist geplündert. Wie viel es war, will er nicht sagen. Nur das: „Es waren die Ersparnisse eines Lebens.“

Am nächsten Morgen ruft er Freunde an, spricht mit Geschäftspartnern. Er kann nicht glauben, was passiert ist. Irgendwann realisiert er: „Es ist wahr.“ Fast alles ist weg. „Das habe ich mir nicht vorstellen können. Niemand hat uns gewarnt.“

Dann reagiert er. Gerade 48 Stunden braucht Papaconstantinou, um die Laiki-Kunden zu organisieren. Zum ersten Treffen der geprellten Sparer kommen 650 Leute, inzwischen hat die Gruppe 4500 Mitglieder. Die meisten sind aus Zypern, es sind aber auch Russen, Griechen, Deutsche, Briten und Israelis dabei.

Papaconstantinou ist kein Mann, der große Reden hält. Lieber raucht er Zigaretten. „Wir wurden bestohlen“, sagt er. Mehr müsse er nicht sagen. Er macht den ganzen Tag wenig anderes als Verbandsarbeit, in seiner Firma ist momentan ohnehin wenig zu tun. Er trifft sich mit Rechtsanwälten, die Klagen vorbereiten. Am Vortag wurde er beim Finanzminister vorstellig, vorige Woche bei der Zentralbank. Er ist gut vernetzt. Wenn er eine E-Mail schickt, öffnen sich Besuchern viele Türen in Zypern.

Nach dem Zusammenbruch fängt der Ärger an

Im September vergangenen Jahres konnte er einen ersten Erfolg erzielen: Papaconstantinou wurde in den Aufsichtsrat der Bank of Cyprus gewählt. Sie hat die Laiki Bank übernommen und den Deal mit Aktien bezahlt, dadurch gehören der Laiki Bank in Abwicklung 18 Prozent des einstigen Konkurrenten. Über den Anteil wacht ein Konkursverwalter. Tatsächlich aber, so sieht es Papaconstantinou, gehören die 18 Prozent den geprellten Sparern, mit deren Geld das Land einst gerettet wurde. „Deshalb wollen wir da mitreden.“

So findet er zumindest Gehör. Aber es macht die Sache nicht einfacher. Vor Papaconstantinou liegt eine dicke Mappe auf dem Schreibtisch. Es ist die Tischvorlage für die außerordentliche Aktionärsversammlung in wenigen Tagen. Darin sind die Unterlagen zu einer geplanten Kapitalerhöhung. Investoren stehen bereit, die eine Milliarde Euro in die marode Bank stecken wollen. Die Summe würde das Institut stabilisieren. Aber den Anteil der früheren Laiki-Sparer verringern und die Aktien der geprellten Kunden entwerten. Papaconstantinou hat, wie einst der Präsident, die Wahl zwischen einer schlechten und einer weniger schlechten Option. Einerseits braucht das Land eine starke Bank. Andererseits bedeutet das, dass er und die anderen wieder Geld verlieren. „Sie setzen mich sehr unter Druck“, sagt er.

Die Frage zermürbt ihn seit Monaten: Soll er dafür stimmen? Ablehnen? Kann er dem Finanzminister trauen, der sich dafür starkmacht? Und dem Investor? Wilbur Ross heißt der, ist Amerikaner und verwaltet einen Hedgefonds, der auf der ganzen Welt in Unternehmen investiert, die am Abgrund stehen. 400 Millionen will allein er in die Krisenbank stecken. Aber: Kann man sich auf so einen verlassen?

Der Fall Zypern zeigt, dass auf das Ende mit Schrecken nicht die Erholung folgt. 876 000 Einwohner leben in dem Land. Kaum jemand, der nicht vom Zusammenbruch erfasst wurde. Auf den Einkaufsstraßen von Nikosia stehen die Geschäfte leer, die Vermieter machen sich nicht mal mehr die Mühe, Zu-vermieten-Schilder aufzuhängen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent, wer noch einen Job hat, verdient mindestens 20 Prozent weniger. Die Wirtschaft steckt in einer Rezession, im zweiten Quartal 2014 ging das Bruttoinlandsprodukt weiter zurück. Nach dem Zusammenbruch fängt die Arbeit erst an.

Das Finanzministerium in Nikosia ist das größte Bürogebäude von Zypern. 1200 Menschen haben darin Platz. Das Büro von Harris Georgiades liegt im dritten Stock. Er hat es am 3. April 2013 bezogen, nur Tage nachdem die Guthaben der Bankkunden beschlagnahmt wurden. „Ich hatte keine andere Wahl, als den Job anzunehmen“, sagt er. Georgiades gehörte schon damals dem Kabinett an und war davor im Finanzausschuss des Parlaments. Er ist Politiker durch und durch. Schon als Jugendlicher war er in der Konservativen Partei. Dann Abgeordneter, jetzt Minister. Heute sagt er Sätze wie: „Ich kann meine Landsleute gut verstehen, wenn sie Politikern nicht vertrauen.“

Als Finanzminister muss er aber genau dieses Vertrauen wiederherstellen. Doch das ist schwer. „Keiner kann einen darauf vorbereiten. Als ich an meinem ersten Tag in dieses Büro kam, erfuhr ich, dass die Reserven noch für einen Monat reichen. Ich habe dann einfach angefangen zu arbeiten.“

Das bedeutet: die alten Fehler korrigieren. Der öffentliche Sektor war aufgebläht. Die zyprischen Beamten wurden vom Staat verwöhnt. Die Aufsicht über die Banken war lax. Überhaupt war der Finanzsektor viel zu groß für die kleine Volkswirtschaft. Harris Georgiades will privatisieren, was den Staat belastet. Gerade hat er mit Michael O’Leary, dem Chef von Ryanair, über den Verkauf der staatlichen Fluggesellschaft Cyprus Airways verhandelt. Die Linie hat sechs Maschinen.

Die marode Wirtschaft wieder in Gang kriegen und die Kontrolleure der Troika beglücken, die über die Haushaltsdisziplin wachen – eine schier unlösbare Aufgabe. Da vielen Zyprern die Ersparnisse genommen wurden, fehlt Geld für Investitionen. „Ich denke, dass niemals wieder eine solche Entscheidung ohne passende flankierende Maßnahmen getroffen werden wird“, sagt Georgiades. „Es ist sehr fragwürdig, was passiert ist. Noch fragwürdiger wird die Entscheidung, wenn man bedenkt, dass es erst der Schuldenschnitt in einem anderen Land war, der unseren Banken solch hohe Verluste beschert hat.“

Tatsächlich ist es so, dass an jenem Tag im Oktober 2011, an dem Griechenland gerettet wird, in Zypern die Probleme anfangen. Vertreter der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds beschließen, Griechenland die Hälfte der Staatsschulden zu erlassen. Auch die privaten Banken werden dabei in die Pflicht genommen. In jener Nacht versäumt es die zyprische Regierung, Ausnahmen für die Laiki Bank und die Bank of Cyprus auszuhandeln. Was das Bankensystem in Griechenland rettete, zerstörte das zyprische. Weil die Zyprer stark in griechische Staatsanleihen investiert hatten, fehlen nach der Rettung Griechenlands den zyprischen Banken 3,5 Milliarden Euro.

Als Zypern die EU um Hilfe bat, hatte man in Brüssel genug davon, südeuropäische Länder aus der Krise herauszukaufen. In Deutschland war gerade Bundestagswahlkampf, Angela Merkel wusste, wie europamüde die Wähler waren. Schließlich meldete der »Spiegel«, der Bundesnachrichtendienst (BND) warne vor allzu großzügiger Hilfe für Zypern. 26 Milliarden Dollar an russischem Schwarzgeld seien auf der Insel versteckt. Für die Bundesregierung meldete sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle zu Wort: „Wenn der Eindruck besteht, dass die deutschen Steuerzahler für Schwarzgeld in Zypern haften sollen, sind Hilfen nicht vermittelbar und nicht vertretbar.“ So kam es zu jener Nacht des 1. März 2013, in der Papaconstantinou um seine Ersparnisse gebracht wurde.

Er sagt: „Die Schwarzgeld-Geschichte war eine Lüge.“

Harris Georgiades sagt: „Aus heutiger Sicht denke ich, dass nur noch Boulevardmedien behaupten würden, wir seien eine Steueroase. Richtig ist, wir haben niedrige, wettbewerbsfähige Steuern. Aber wir werden sie nicht erhöhen, nur um uns leicht aus der Krise zu lösen. Wir sind Mitglied der EU, der OECD und werden von der Troika beobachtet, ich glaube kaum, dass man dann eine Steueroase sein kann.“

1138 neue Briefkästen

Die Hafenstadt Limassol hat eine kilometerlange Strandpromenade und einen Yachthafen. Gelegen im Süden von Zypern, ist sie traditionell das wirtschaftliche Zentrum der Insel. Mit Ausländern auf der Suche nach Sicherheit hat man hier immer schon Geschäfte gemacht. Zuerst kamen die Libanesen während des Bürgerkrieges ab 1975. Dann brachten die Kriege im ehemaligen Jugoslawien während der Neunzigerjahre neue Kunden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen die ersten Russen. Wer 15 Millionen Euro in Zypern investierte, erhielt die Staatsbürgerschaft. Heute genügen drei Millionen.

In Limassol haben sich viele Dienstleister niedergelassen, die Reedern bei der Verwaltung der Flotte oder wohlhabenden Kunden aus aller Welt bei der steuersparenden Anlage ihres Vermögens helfen. Offenbar haben die jüngsten Ereignisse die Off-Shore-Kunden nur kurz abgeschreckt. Im Juli wurden 1138 neue Firmen in Zypern registriert. Das ist die größte Zahl seit März 2013. Davor waren es im Schnitt 1200 bis 1700 pro Monat.

Nicht wenige dieser Firmen helfen dabei, Vermögen so anzulegen, dass am Ende der wirtschaftlich Begünstigte nicht mehr ausfindig zu machen ist. Das meiste Geld wird über diese Firmen durch Zypern hindurchgeschleust. „Das ist ein Problem, es bleibt wenig als Investition im Land“, sagt einer, der in Limassol vor allem russische Kunden betreut. „Eine oft gewählte Konstruktion ist, dass ich hier eine Holding eröffne, der ein Unternehmen in Russland gehört. Die Gewinne fließen dann nach Zypern, aber wir schleusen sie weiter auf die British Virgin Islands, wo eine Gesellschaft sitzt, der die Holding gehört und deren einziger Aktionär ein Treuhänder ist.“

Derartiges Geschäft ist jedoch keine Spezialität von Zypern. In Großbritannien, den Niederlanden oder der Schweiz findet man ebenfalls entsprechende Angebote. Und in dem Jahr, in dem der BND in Zypern 26 Milliarden Dollar allein von Russen vermutet hat, betrugen die Einlagen bei Geldinstituten nach Statistiken der Zentralbank 28 Milliarden Dollar – wohlgemerkt die von sämtlichen ausländischen Bankkunden.

Adonis Papaconstantinou nickt. Ja, so sei es. Die Welt sei damals gegen sie gewesen. „Ich habe nichts gemacht, nicht gezockt, nur mein Geld auf der Bank angelegt. Dafür hat man mich bestraft.“ Er sitzt auf der Veranda bei seinem Rechtsanwalt und wartet. Eine Grille zirpt, Papaconstantinou raucht und liest auf dem iPad Zeitung. Plötzlich lacht er auf, was nicht seine Art ist: „Haben Sie das gelesen? Bei einem Treffen von Wirtschaftsnobelpreisträgern waren sich die Forscher in vielem nicht einig, aber in einem: Angela Merkel hat keine Ahnung von Wirtschaft.“ Es sind die kleinen Dinge, die Papaconstantinou Freude bereiten. Wenn jemand der deutschen Kanzlerin wirtschaftlichen Sachverstand abspricht, fühlt er sich im Recht. Die deutsche Regierung genießt bei den zyprischen Sparern kein besonders hohes Ansehen. Die Sache mit dem BND-Bericht sehen sie als Teil einer Kampagne, in der viel gelogen worden sei.

Papaconstantinous Anwalt Michael Ioannides meidet das politische Terrain. Er bereitet gerade fünf Klagen vor, die er in Nikosia präsentieren wird. Es geht um das Recht auf Eigentum. Und darum, „dass das Gesetz Individuen schützen muss“. Rund 12 000 Bankkunden seien von der Enteignung betroffen, Firmen und Privatpersonen. 30 Prozent davon Ausländer. Für rund 10 000 würde sich eine Klage lohnen. Da Sammelklagen in Zypern nicht möglich sind, muss jeder einzelne Kunde vor Gericht ziehen.

„Wir wollen einfach unser Geld zurück“, sagt Papaconstantinou. „Und wenn unsere Regierung nicht bezahlen kann, dann müssen eben unsere europäischen Freunde einspringen.“

Am Tag zuvor hatte Harris Georgiades, der Finanzminister, gesagt: „Ich würde nicht klagen. Ich würde die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, ich würde den Blick nach vorne richten und arbeiten.“ Als Minister muss er so denken: Hätte eine Klage Erfolg, drohte Zypern die nächste Stunde null.

Darüber macht er sich aber gerade keine Sorgen. Jedes Problem zu seiner Zeit. Die außerordentliche Aktionärsversammlung bei der Bank of Cyprus steht an. Der Minister braucht eine starke Bank. Doch dafür muss auch Papaconstantinou zustimmen. Aber der ist unschlüssig. Ein New Yorker Hedgefonds und eine zyprische Bank: Südeuropa und Wall Street – passt das zusammen?

Die Verbindung nach New York ist schlecht. Und Wilbur Ross spricht leise ins Telefon. Seine Firma habe während der Finanzkrise in den USA zahlreiche Banken gekauft. „In Florida, New Jersey, New York City, im Mittleren Westen, im Nordwesten.“ Dazu kamen dann Virgin Money in Großbritannien, die Eurobank in Griechenland.

Man habe Erfahrung mit Kunden, die ihre Kreditraten nicht mehr bezahlen. Dass bei der Bank of Cyprus die Hälfte der Darlehen nicht mehr bedient wird, schreckt Ross nicht, Rückstellungen und Sicherheiten für Kredite seien ausreichend. Er hofft, dass das Parlament das Gesetz ändern wird, das die Schuldner schützt. Momentan ist es für die Bank fast unmöglich, eine Immobilie zu enteignen, wenn deren Besitzer diese mit einer Hypothek belastet hat und den Kredit nicht bedient. Das führt dazu, dass viele aus Rache an den Banken einfach nicht zahlen. „Es ist für eine Familie eine unheimlich traumatische Sache, wenn sie aus ihrem Zuhause geworfen wird. Hat der Schuldner Geldprobleme, sollte er sich mit der Bank zusammensetzen und die Schulden so strukturieren, dass er sie zahlen kann“, sagt Ross.

Dass die Zyprer bald zu Geld kommen, sei nicht ausgeschlossen. Es wurde Erdgas vor der Küste gefunden. Zudem seien „die Probleme temporär“. Wenn es dem Land wieder besser geht, dann geht es auch der Bank wieder besser, daher sei die Investition gut angelegtes Geld. Ross sagt: „Zypern hat Potenzial. Es gibt viele Dienstleister, die für Unternehmen arbeiten, die Geschäftssprache ist Englisch, das Land ist steuerfreundlich, und es gibt viele Möglichkeiten im Tourismus.“

Das Privatvermögen von Ross wird auf 2,9 Milliarden Dollar geschätzt, einen Fehltritt könnte er sich leisten. Er wirbt um Vertrauen, was er nicht müsste. „Hätten wir ein Wappen, wäre es der Phönix, der sich aus der Asche erhebt. Wir wollen Firmen, die in Probleme geraten sind, wieder produktiv und profitabel machen.“ Bei der Bank of Ireland ist ihm das gelungen. Ross ist 2011 dort eingestiegen, die Aktien waren damals 10 Cent wert. Verkauft hat er seine Anteile einmal zu 27 und einmal zu 30 Cent je Aktie.

Nicht nur er hofft, dass das in Zypern wieder gelingt. Am Ende stimmen 87 Prozent der Aktionäre der Bank of Cyprus für die Kapitalerhöhung – und damit für den Einstieg von Ross. Auch Papaconstantinou hat sich dafür ausgesprochen. „Die Schlacht war schon verloren“, sagt er. Nach einem schweren Tag geht er über den Parkplatz, der Asphalt glüht. In Gedanken geht er noch einmal alles durch, während er eine Zigarette raucht: Der Anteil der früheren Sparer an der Bank ist gesunken. Das Institut ist vorerst gerettet. Es ist ihm alles nicht leicht gefallen. Er kann jetzt nur darauf vertrauen, dass die Aktien steigen, dass Harris Georgiades weiterhin die EU bei Laune hält und dass Wilbur Ross die Bank nicht zerschlägt. Adonis Papaconstantinou hat sich in ihre Hände begeben.

Dabei hatte er am Tag zuvor noch gesagt: „Ich traue niemandem mehr zu hundert Prozent. Das liegt nicht daran, dass die Menschen schlechte Absichten hätten. Sie begehen Fehler aus Dummheit.“ Er öffnet die Tür seines Wagens und schaut noch einmal zu dem monumentalen Bankgebäude. Ein großer Teil seiner letzten Ersparnisse lagert dort. Wo soll er sie auch verstecken? Zu Hause? Etwa unter der Matratze? Er vertraut der Bank, dass er dieses Geld nicht auch noch verliert. Und zwar nicht, weil der Finanzminister oder der Mann aus Amerika ihn überzeugt hätten. Sondern weil er keine andere Wahl hat. ---

Vor Gericht
Auch für jemanden, der reich ist, sind 3,5 Millionen Euro viel Geld. Yiannos Georgiades ist Rechtsanwalt in Nikosia. Eine Mandantin hatte auf der Laiki Bank 3,5 Millionen Euro angelegt. Davon sind noch 100 000 Euro übrig. Im Auftrag der Frau, die anonym bleiben möchte, schickte er Briefe an die Europäische Zentralbank (EZB) und die Europäische Kommission. Die EZB antwortete, sie sei nicht zuständig, die Beschlagnahme der Bankguthaben sei „die politische Verantwortung der nationalen Autoritäten“. Man empfahl ihm, künftige Schreiben doch bitte an die Zyprische Zentralbank zu richten. Die EU-Kommission antwortete, sie könne „nicht verantwortlich gemacht werden für den Schaden“. Georgiades hat jetzt beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg eine 26-seitige Klage eingereicht. Das Recht auf Eigentum seiner Mandantin, gewährleistet durch zahlreiche europäische Verträge, sei verletzt. Die Entscheidung der EU hätten zum Verlust des Vermögens geführt. „Die EU widerspricht ihren eigenen Prinzipien“, sagt er. Noch hat das Gericht nicht entschieden.

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