Ausgabe 08/2014 - Das geht

Stadtbienen

Summen in the City

Naturschützer mit Unternehmergeist: Johannes Weber und einige seiner Untermieter

• Johannes Weber teilt sich seine Berliner Altbauwohnung mit fünf Menschen und 30.000 Bienen. Schaut man durch sein Fenster, sind einige von ihnen zu sehen, sie kämpfen gegen den Wind an, die Beinchen voller gelber und orangefarbener Pollen. Der Himmel verdunkelt sich, die Bienen wollen ins Trockene, bevor es regnet – in die blumenkastengroße Holzkiste, die an Webers Balkon hängt.

„So viele Leute wie möglich sollen Bienen halten können“, sagt der 29-Jährige, der mit seiner Bienenbox Städter zu Imkern machen möchte. Menschen und Milben haben den Insekten zugesetzt: 1913 gab es noch 2,3 Millionen Völker, 2012 nur noch rund 622.000. Die Stadt bietet einen idealen Lebensraum: kaum Pestizide und Blüten den ganzen Sommer lang. Nur gab es lange keine Lösung für Hobby-Imker mit wenig Platz.

Auf die Idee für die Box kam Weber, der Erneuerbare Energien studiert, als er seinen Stadtgarten aufgeben musste. Auf dem Flachdach im Innenhof seines Mietshauses hatte er Gemüse in Badewannen gezüchtet und eine Bienenkiste aufgestellt, die er sich nach einer Anleitung aus dem Internet gezimmert hatte. Die Insekten waren ihm vertraut: Sein Großvater, Obstbauer am Bodensee, hielt zur Bestäubung mehrere Völker. Warum sollte das nicht auch in der Stadt funktionieren?

Irgendwann wurde es der Hausverwaltung jedoch zu viel: Der Garten musste weg – und mit ihm die Bienenkiste. Die fand Weber ohnehin zu umständlich, man konnte nur schwer in sie hineinschauen. Und er wollte eine Konstruktion, die an Balkonen hängen konnte.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Er begann sich einzulesen in die verschiedenen Varianten von Bienenbehausungen, die sogenannten Beuten. Die Elemente, die ihm am praktischsten erschienen, kombinierte er. Wenn er unsicher war, fragte er erfahrene Imker. Vor drei Jahren war der Prototyp fertig. Die größte Herausforderung, sagt Weber, war dabei nicht die Beute selbst, sondern eine Halterung zu entwickeln, die an die unterschiedlichsten Balkonbrüstungen montiert werden kann und gleichzeitig die etwa 80 Kilogramm schwere Kiste sicher fixiert.

„Anfangs kamen vonseiten der Imker kritische Stimmen“, sagt Weber. „Sie empfanden es als anmaßend, dass ich als Quereinsteiger gleich in die Königsdisziplin der Beutenkonstruktion einsteige.“ Inzwischen sei die Bienenbox akzeptiert. Kürzlich wurde die Idee mit einem Umweltpreis ausgezeichnet.

„Die Kiste funktioniert und ist super, um mehr Leute zu erreichen“, sagt Johann Fischer, Beirat für imkerliche Fachfragen beim Deutschen Imkerbund. Die Box kann sich jeder hinhängen, man braucht keine Erlaubnis, und im Gegensatz zu Wespen interessiert es Bienen nicht, was sonst so auf dem Balkon passiert.

Nur rund 20 Stunden im Jahr muss man laut Weber für sein Volk aufbringen. Die meiste Arbeit erledigen die Tierchen allein: Sie bauen ihre Waben zwischen den herausnehmbaren Holzrähmchen, mit denen die Kiste nach und nach aufgefüllt wird. Im Herbst ist Honigernte: Dann nimmt Weber ungefähr ein Drittel der vollen Rähmchen heraus, der Rest bleibt den Bienen zum Überwintern. In einem Eimer zerdrückt er die Waben mit einem Kartoffelstampfer und füllt die Masse in ein Sieb. „Den Rest macht die Schwerkraft“, sagt er. Im vergangenen Jahr hat sein Volk etwa 15 Kilo für ihn Honig produziert, 30 große Gläser mit einer hellen, flüssigen Blütenmischung, aus allem, was in den Berliner Parks und Gärten das Jahr über blüht.

Johann Fischer vom Imkerbund warnt allerdings davor, sich leichtfertig Bienen anzuschaffen. „Einfach hinhängen reicht nicht“, sagt er. „Man sollte eine vernünftige Grundausbildung genießen.“ Johannes Weber versucht, seinen Kunden mitzugeben, wie sie sich richtig um ihr Volk kümmern, dass sie es zum Beispiel gegen die Varroa-Milbe behandeln oder darauf achten müssen, wenn sich ein Schwarm teilen will. Demnächst soll es ein Handbuch geben sowie eine Internet-Plattform für Bienenhalter.

Das Interesse sei groß, sagt Weber. 60 Bienenboxen hat er bislang produziert, er lässt sie bei den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung bauen, die Halterungen bei einem lokalen Handwerker. Er ist das Ganze ohne Startkapital angegangen, wenn er eine Kiste verkauft hat, hat er das Geld gleich wieder in sein Projekt gesteckt. 220 Euro verlangt er für das Starter-Set, 130 Euro für die Halterung. Als zweites Standbein hält Weber Vorträge über das Imkern in der Stadt.

Ihm gehe es nicht in erster Linie ums Geldverdienen, sagt er, sondern darum, die Idee zu verbreiten, dass jeder Bienen halten und damit helfen kann, den Rückgang der Population zu stoppen. ---

Kontakt: www.stadtbienen.org

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