Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Die PARTEI

Partnerschaft mit Pjöngjang

Die-Partei-Mitglieder vor ihrer Zentrale (von links): Alex Liepold, Matthias Pfaffel und Andreas Eder

• Es waren sonderliche Gespräche an jenem Sonntagvormittag im März dieses Jahres auf dem Kirchvorplatz von St. Ulrich in Breitenfurt. Wie immer standen die Kirchgänger nach der Heiligen Messe noch für ein paar Minuten beisammen. Doch dieses Mal ging es weder um die Predigt noch ums Wetter. Das Wort Müllverbrennungsanlage war immer wieder zu hören.

Tags zuvor hatten Flugblätter einer politischen Gruppierung namens Die Partei in jedem Briefkasten des zur Gemeinde Markt Dollnstein gehörenden Dorfes gesteckt. „Die Partei ist die einzige Partei, die vehement in ihrem Wahlprogramm eine Müllverbrennungsanlage in Breitenfurt ablehnt“, hieß es da etwas ungelenk. „Wer für eine Verbrennungsanlage in diesem schönen Dorf ist, der soll eine andere Partei wählen.“ Seltsam, niemand hatte von derartigen Plänen gehört. Wollte der Bürgermeister die Sache etwa bis nach der Gemeinderatswahl am kommenden Wochenende zurückhalten? Und überhaupt – wie konnte denn jemand nur auf die Idee kommen, ihr beschauliches Breitenfurt, 400 Seelen stark, in der Gemeinde Markt Dollnstein genau auf halber Strecke zwischen München und Nürnberg gelegen, mit einer Müllverbrennungsanlage zu verschandeln?

In Wahrheit war niemand darauf gekommen. Das wussten die Verfasser des Flugblatts. Sie hatten das aber auch nicht behauptet. Sondern nur klargemacht: Falls mal jemand dieses Ansinnen verfolgen sollte – mit dem Widerstand der Partei wäre auf jeden Fall zu rechnen. Noch heute freuen sich die Initiatoren der Flugblatt-Aktion diebisch, dass die kleine Narretei ihnen die eine oder andere Wählerstimme gebracht haben dürfte.

Am späten Abend des 16. März deutete sich an, dass die Gemeinde Dollnstein, wo sonst schon Verordnungen wie die „über das freie Umherlaufen von großen Hunden und Kampfhunden“ zu den Höhepunkten im Rathaus-Geschehen zählen, vor einem politischen Erdrütschlein stand: Die Partei um den Satiriker und »Titanic«-Mitherausgeber Martin Sonneborn, in voller Schönheit „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ genannt, würde mit einem Abgeordneten in den Rat der im Naturpark Altmühltal gelegenen 2900-Einwohner-Gemeinde einziehen.

Allerdings konnte die etwa 15-köpfige Dollnsteiner Wahlkampftruppe, Leute zwischen 20 und 30, ihren Triumph an diesem Abend nicht auskosten. „Wir haben das alles nicht mehr so mitgekriegt“, sagt Matthias Pfaffel, einer der Aktivisten aus der ersten Reihe. Seit 16 Uhr feierte man mit Sympathisanten in der Gaststätte „Schmutter“. Als nachts um halb eins das Endergebnis feststand, schlief die Dollnsteiner Sektion bereits ihren Rausch aus. Erst als der Spitzenkandidat Andreas Eder, ein 21-jähriger Wirtschaftsinformatik-Student im zweiten Semester, am nächsten Morgen die SMS-Flut auf seinem Handy bemerkte, wurde ihm klar, dass er jetzt Gemeinderat von Markt Dollnstein war. 8,6 Prozent der wahlberechtigten Einwohner hatten für die Partei votiert.

Die oberbayerische Gemeinde, wegen ihrer malerischen Lage direkt an der Altmühl und des weitgehend erhaltenen mittelalterlichen Ortskerns bei Radwanderern sehr beliebt, ist seit eh und je fest in CSU-Hand. An den Mehrheitsverhältnissen im Rat hat auch die diesjährige Wahl nichts geändert. Allerdings nimmt jetzt im Großen Sitzungssaal zwischen SPD und Freien Wählern ein Mandatsträger einer Partei Platz, die den Politikbetrieb bislang mit Hohn und Spott überzogen hat.

Wenige Monate nach der Kommunalwahl, die Partei hatte gerade auch einen Sitz im frisch gewählten EU-Parlament ergattert, kündigte Sonneborn zum Verdruss von Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine monatliche Rotation der Parteimitglieder im EU-Parlament an. Möglichst viele aus seiner Riege der „Irren und Verhaltensauffälligen“ sollten sich, versüßt durch 13 000 Euro Abgeordnetendiät, einen „schönen Urlaubsmonat“ in Straßburg machen. In Dollnstein bekommen die sechs Ratsfrauen und acht Ratsherren eine Aufwandsentschädigung von gerade mal 20 Euro pro Sitzung.

Im Wahlkampf hatten sich Sonneborns Parteifreunde alle Mühe gegeben, mit einer ordentlichen Portion Sinnfreiheit zu glänzen. Den Ortsteil Obereichstätt etwa wollten sie mit einer Mauer umgeben, „um die Einwohner vor Tausendfüßlern und ganzen Männerhorden zu schützen“. Vor einigen Jahren hatte das Dorf tatsächlich unter einer Tausendfüßlerplage gelitten. Sobald es dunkel wurde, wanderten Millionen der Krabbeltiere von einer nahe gelegenen Brache aus in Richtung der Lichtquellen des Ortes. In seiner Not errichtete der damalige Bürgermeister am Dorfrand einen 200 Meter langen und 30 Zentimeter hohen Blechwall und ließ die Straßenlaternen abschalten. Der Partei reichte das aber nicht. „Wir stellten uns die Mauer schon ein bisschen größer dimensioniert vor“, sagt Matthias Pfaffel. „Unser Vorschlag lief darauf hinaus, die Obereichstätter komplett von der Außenwelt abzuschotten.“

Weil eine ordentliche Partei auch einen Bürgermeisterkandidaten braucht, hatten sie den 28-jährigen Dachdecker Daniel Beck nominiert. Für das Wahlplakat-Fotoshooting steckten sie ihn in einen viel zu großen Anzug und gaben sich alle Mühe, ihn möglichst unsympathisch aussehen zu lassen. Das Plakat präsentiert ihn als „Wirtschaftspolitiker“ – was wohl weniger auf seiner ökonomischen Kompetenz gründet als auf den erfolglosen Versuchen, nach Feierabend an der Kneipe vorbeizukommen. Ein Redakteur vom »Eichstätter Kurier« versuchte wochenlang, ein Interview mit ihm zu vereinbaren, doch alle Bemühungen um eine Kontaktaufnahme scheiterten. „Unser Bürgermeister der Herzen war nicht so gut greifbar“, versucht Andreas Eder sich an einer Erklärung, „verstehen Sie, das hängt mit der ganzen Wirtschaftspolitik zusammen …“ Vor Lachen verschluckt er sich fast an seinem Bier.

Wolfgang Roßkopf von der CSU, 53 Jahre alt, gelernter Verwaltungsfachangestellter, in seinem Wohnort Breitenfurt Schriftführer der Freiwilligen Feuerwehr sowie Mitglied der Kirchenverwaltung und mit 56 Prozent direkt zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt, sagte nach der Wahl zum Erfolg der Partei: „Hoffentlich kommen sie möglichst bald auf die Ernsthaftigkeit und veranstalten nicht nur Klamauk.“

Was macht eine Nonsens-Partei, wenn sie tatsächlich gewählt wird? Das fragte sich nicht nur der Bürgermeister. Bislang haben deutsche Kommunen so gut wie keine Erfahrung mit den Abgeordneten der Partei. Die aktuellen Mandatsträger aus Freiburg im Breisgau, Tübingen, Karlsruhe, Krefeld und Halle (Saale) wurden allesamt erst im Mai gewählt.

Also schaut man nach Lübeck. Dort wurde vor einem Jahr der Einzelhandelskaufmann und Gelegenheits-DJ Bastian Langbehn für die Partei in die Bürgerschaft gewählt. Langbehn posiert für die Kameras vorzugsweise in roter Schirmmütze, kurzen Hosen und mit einem großen Bier in der Hand. „Wir wollen die nächsten fünf Jahre da mal schwer durchfegen“, hatte er kurz nach der Wahl verkündet. Seit er in der Bürgerschaft sitzt, leidet er merklich unter Spaßverlust. Wühlt sich nicht ohne Eifer durch den zweieinhalb Ordner dicken Haushaltsentwurf. Nimmt an einem Treffen mit Forschern über die medizinische Versorgung alter Leute teil. Und merkt, wie blöd es ist, wenn man da sitzt und nicht versteht, wovon die anderen reden.

Nur blödeln geht nicht

In Dollnstein wurde mit Andreas Eder kein Bürgerschreck in die Gemeindevertretung gewählt, sondern ein junger Mann, der nachdenkt, bevor er etwas sagt – jedenfalls wenn es noch früh am Abend ist und die Kellnerin des „Kirchenschmied“ noch nicht allzu häufig ihre Fracht am Biertisch der Parteifreunde abgeladen hat.

Es handelt sich um echte Dorfgewächse. Eder beispielsweise ist stellvertretender Spielführer der ersten Fußballmannschaft des DJK Dollnstein, die in der A-Klasse spielt, so heißt die Liga unterhalb der Kreisklasse. Außerdem sitzt er im Vorstand der Fröhlichen Brüder Dollnstein, ein 300 Männer und Jungmänner starker „Burschenverein“, der vor allem Feste und bierselige Ausflüge organisiert. Dem Bürgermeister hat er zur Wahl brav gratuliert, „das gehört sich so“. Und als sie danach beisammensaßen, waren sie sich schnell einig: „Wir können im Gemeinderat nicht den Blödel geben, der die ganze Zeit nur Scheiße baut.“

Aber was dann?

Die Partei scheint die einzige politische Gruppierung in Dollnstein zu sein, die eisernes Sparen predigt. Eder und seine Kumpels waren schon im September vergangenen Jahres zu dem Schluss gekommen, dass 2,5 Millionen Euro Schulden für eine Gemeinde wie Dollnstein auf Dauer untragbar sind. „Warum steht unsere Gemeinde so in der Kreide, während etliche der umliegenden Ortschaften schuldenfrei sind?“, fragten sie sich. „Wir, die jungen Leute, müssen das irgendwann mal alles bezahlen.“ Aber unter welcher Flagge würde man gegen das hemmungslose Geldausgeben antreten? Die Freien Wähler gab es schon. Grüne und FDP traten gar nicht erst zur Wahl an. Da kam Sonneborns Klamauk-Truppe gerade recht. „Wir sind ja auch eher so ein bisschen lustig und satirisch unterwegs“, sagt Eder, „das hat gepasst.“

Was sie von Sonneborn gehört und vor allem gesehen hatten, hatte ihnen gefallen – besonders die in der „Heute-Show“ des ZDF ausgestrahlten Interview-Grotesken mit einem Pharmalobbyisten und einem Kommunikationsexperten der Deutschen Bank, in denen Sonneborn seine Gesprächspartner derart entblößte, dass man sich als Zuschauer fremdschämen musste.

Das Eder-Team beschloss also, mit dem Thema „Haushaltskonsolidierung“ in den Wahlkampf zu ziehen. Man müsste es nur anders anpacken, nicht mit trockenen Zahlen, sondern anschaulich. Ein bisschen lustig. Überdreht.

Dafür bot sich die Burg des Ortes an. Besser gesagt: das, was von dem Kastell übrig geblieben ist, nachdem die Dollnsteiner Bürger die Oberburg Anfang des 19. Jahrhunderts abgetragen hatten, weil sie Baumaterial benötigten.

Den Erhalt der verbliebenen Burgstallungen – man könnte es auch als Mauer bezeichnen – lässt die Gemeinde sich einiges kosten: 750 000 Euro aus dem eigenen Haushalt flossen in den vergangenen Jahren in die denkmalgerechte Sanierung des „Altmühlzentrum“ genannten Gemäuers. Hinzu kommen weitere 2,4 Millionen aus Mitteln des Freistaats. „Muss man so viel Geld für die Illusion einer Burg ausgeben?“, fragten sich die Leute von der Partei. „Wo ist die Burg?“, spöttelten sie auf Wahlplakaten und zogen damit den Verdruss des einflussreichen Vereins „Burgfreunde Dollnstein“ auf sich. Das Thema war gesetzt, die Partei im Gespräch. „Über die Burg wird jetzt in Dollnstein durchaus kontrovers diskutiert“, sagt der Bürgermeister. Auch er geht ein wenig auf Distanz zu der kostspieligen Sanierung, die vor seiner Amtszeit beschlossen wurde. Allerdings sieht er keinen anderen Weg, als weiterbauen zu lassen. Sonst müsste Dollnstein vermutlich sämtliche bereits verbauten Zuschüsse des Landes zurückzahlen.

Roßkopf ahnt wohl schon, dass Eder und seine Getreuen gerade dabei sind, sich auf das nächste Thema einzuschießen, das direkt mit der Burg zusammenhängt. Dem Bürgermeister schwebt vor, die beiden Bahnunterführungen, durch die sämtlicher Verkehr nach Dollnstein führt, vertiefen zu lassen. Bislang passen große Reisebusse nicht hindurch. Sie kutschieren die Touristen an Dollnstein vorbei. Eder hält das Bauvorhaben für einen Schildbürgerstreich. Er vermutet, dass die Zahl der Besucher, die die Burgruine und den vor einigen Jahren bei Ausgrabungen entdeckten spätmittelalterlichen Münzschatz bewundern wollen, derart überschaubar ist, dass sich die Investition in die Absenkung der Fahrbahn nicht lohnt.

Kürzlich hat die Partei den Antrag gestellt, eine Nachhaltigkeitssatzung zu beschließen, die Dollnstein von 2018 an zu einer Haushaltsführung ohne Neuverschuldung verpflichtet. Etliche Kommunen, auch CSU-regierte, haben bereits ähnliche Selbstverpflichtungen verabschiedet. Aber in Dollstein durften die Etablierten den Spaßvögeln den Triumph natürlich nicht gönnen. In der entscheidenden Ratssitzung, unter dem schmerzensrei-chen Blick des leidenden Herrn am Kreuz, fand der Antrag erwartungsgemäß keine Mehrheit.

Keine langen Problemanalysen

Noch wissen die Leute um Andreas Eder nicht so recht, wie ernst sie genommen werden wollen und sich selbst nehmen. Der eine oder andere Dollnsteiner hegt wohl die Hoffnung, dass die Spaßpolitiker Missstände aufdecken. Was insofern schwierig ist, als es in Dollnstein kaum Missstände gibt. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis liegt bei 1,2 Prozent, die niedrigste Quote in ganz Deutschland.

Der Marktplatz immerhin, das muss auch der Bürgermeister eingestehen, „ist ein bissl unbelebt“. Wo es früher eine Bank gab, ein weiteres Wirtshaus und einen Jeansladen, präsentieren sich jetzt etliche Gebäude in verschiedenen Stadien der Verlotterung. Während Roßkopf auf Investoren hofft, glänzt die Partei mit dem Vorschlag, eine Städtepartnerschaft mit dem nordkoreanischen Pjöngjang einzugehen. „Unsere Marktplätze sehen nahezu identisch aus.“ Auch würden sie gern etwas dagegen unternehmen, dass so viele junge Menschen aus Dollnstein wegziehen. Allerdings machen sie nicht den Eindruck, als würden sie gleich morgen mit der Analyse des Problems beginnen. Sie brüten auch nicht Abende lang über den Unterlagen für die nächste Ratssitzung. Man trinkt was, Eder erzählt aus der vergangenen Sitzung, „und wenn einer eine Idee hat für einen Antrag, schreiben wir halt was zusammen“.

Der Bürgermeister, der im Rathaus eine kleine Mannschaft von sieben Mitarbeitern anführt, nimmt den Jungspunden ihre gelegentlichen subversiven Anwandlungen nicht übel. Selbstverständlich ist auch Eder dabei, wenn es nach der Gemeinderatssitzung noch ins Wirtshaus geht. Und er kann auch gern zum Bürgermeister kommen und sich das eine oder andere erklären lassen, etwa wie viel der Betrieb des Freibades jährlich kostet. Das Gemeindeoberhaupt weiß: Sollten SPD und Freie Wähler sich wirklich einmal gegen seine CSU verbünden – was in dem auf Einmütigkeit gestimmten Gemeinderat äußerst selten vorkommt –, stünde es sieben gegen sechs. Die Partei könnte dann zumindest für ein Patt sorgen.

Hin und wieder blitzt am Partei-Stammtisch die Erkenntnis auf, wie schnell man zu ein bisschen Macht kommt. „Wir haben acht Prozent bekommen, und das mit einem Wahlprogramm, das am Biertisch entstanden ist und mit einem Bürgermeisterkandidaten, den man vor allem in der Kneipe antrifft“, sagt Matthias Pfaffel. „Wenn man sich mal vorstellt, was wir hätten reißen können, wenn wir einen richtig seriösen Kandidaten aufgestellt und das Ganze vielleicht unter der Flagge der AfD hätten laufen lassen …“

Der Satz hängt noch eine Weile über dem Tisch. Die anderen nicken still in ihre Biergläser hinein. Aber keiner lacht. ---

Mehr aus diesem Heft

Spaß 

Die Humorfabrik

Mit dem Quatsch Comedy Club hat Thomas Hermanns eine neue Art der Unterhaltung in Deutschland etabliert. Und ein Kleinkunst-Imperium geschaffen.

Lesen

Spaß 

Kompetent statt komisch

Wie schaffen Lehrer es, dass Schüler mit Freude lernen? Hier einige Antworten.

Lesen

Idea
Read