Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

George Bonanno im Interview

„ Der Mensch ist ein zähes Tier “

George A. Bonanno ist Professor für Klinische Psychologie an der Columbia Universität in New York. Er gilt als Pionier auf den Forschungsgebieten der Resilienz und der Trauer

brand eins: Herr Bonanno, wer Krisen gut zu überstehen vermag, gilt als resilient und soll Lebenskrisen ohne Trauma oder Depression meistern können. Was haben Sie gegen diese These?

George Bonanno: Mir sind bislang keine resilienten Menschen begegnet. Resilienz, also psychische Widerstandskraft, ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.

Aber diese gesunden Reaktionen müssen doch einen Grund haben.

Zum Beispiel das soziale Umfeld. Haben wir gute Freunde? Menschen, auf die wir uns verlassen können? Die uns in schlimmen Momenten zuhören und uns zur Seite stehen? Haben wir einen Bekanntenkreis, der in Notfällen einspringt? Und sei es nur, um die Kinder von der Schule abzuholen. Diese und zahlreiche andere soziale Aspekte spielen eine Rolle, aber auch: Haben wir die nötigen finanziellen Mittel? Oder die angelernten Fähigkeiten, die es in bestimmten Krisen braucht? Und wie sehen unsere demografischen Hintergründe aus? Erschwert unser Alter die Situation – oder erleichtert es sie? Auf das alles kommt es an, wenn es um Krisenbewältigung geht.

Der Charakter spielt keine Rolle?

So gern wir glauben, der individuelle Charakter sei ausschlaggebend für den Umgang mit einer Krise – wenn es hart auf hart kommt, kann es selbst den geborenen Kämpfer umhauen. Und ein anderer, dem wir kaum zutrauen, sich selbst die Schuhe zuzubinden, kann uns in schweren Situationen verblüffen. Generell gilt: Je mehr der Einzelne auf seiner Seite hat – etwa eine Kämpfernatur, einen zuverlässigen Freundeskreis, gute finanzielle Ressourcen und so weiter –, umso wahrscheinlicher ist es, dass er nach einem Schicksalsschlag wieder aufsteht.

Können wir aus Krisen lernen und daran wachsen? Einige Forscher sprechen von „posttraumatischem Wachstum“.

Lernen? Vielleicht. Aber das Gerede vom posttraumatischen Wachstum und einer Art Erleuchtung durch Leid macht mich skeptisch. So wie posttraumatisches Wachstum derzeit in der Wissenschaft definiert wird, betrachte ich es als das Gegenteil von Resilienz und dem resilienten Ausgang einer Krise. Den Studien zufolge geht posttraumatisches Wachstum mit einem langen schmerzhaften Prozess einher, der von zahlreichen Sackgassen und vorübergehender Kapitulation geprägt ist – von resilienter Reaktion keine Spur. Wer kämpft, zetert, wettert, sagt am Ende: Ich bin gewachsen. Von Menschen, die Schicksalsschläge an sich abprallen lassen, hört man solche Kommentare seltener.

Was unterscheidet die beiden Gruppen, wenn es keine Charakterfrage ist?

Die Sichtweise. Die einen sehen nur die Bedrohung: „Den Job zu verlieren ist das Schlimmste, das packe ich nie!“ Oder: „Ich werde nie eine neue Stelle finden.“ Die anderen fühlen sich herausgefordert: „Was muss getan werden? Ich könnte so und so vorgehen.“ Das ist eine resiliente Reaktion. Aber Vorsicht: Das heißt nicht, dass Menschen, die Lebenskrisen als Herausforderungen betrachten und einen Ausweg finden, keine schweren Momente erleben – das ist eine gesunde, dem Umstand angemessene Reaktion. Aber bei psychisch gesunden Personen sind die Momente eben nur das: Momente. Keine langwierigen Verfassungen.

Reagieren viele Menschen so souverän?

Seit rund 15 Jahren führen wir Studien durch, und jedes Mal sind es mehr als 60 Prozent der Teilnehmer. Sie haben meist schwere Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung erlebt und berichten, sie seien weder depressiv noch verzweifelt oder am Ende ihrer Kräfte: „Ich komme mit meinem Leben zurecht, mache weiter, gebe nicht auf.“ Natürlich haben sie geweint, während sie uns von ihren Erfahrungen berichtet haben. Natürlich waren sie aufgewühlt und tief berührt, als sie uns Details schilderten. Aber sie zeigten keine Symptome von Depression, Trauma oder sonstigen Komplikationen. Sie können trotz ihres Schmerzes ihren Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, sich der Familie und Freunden widmen.

Viele Ihrer Kollegen kamen zu anderen Ergebnissen.

Ja, viele Psychologen und Psychiater waren tatsächlich davon überzeugt, dass Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen natürliche Reaktionen auf Schicksalsschläge seien. Diese Fachleute erklären den Menschen als sehr verletzlich und hilflos. Aber das wundert mich nicht. Sie haben in ihrer Alltagspraxis immer mit Patienten zu tun. Mit Menschen, die eine Lebenskrise nicht allein bewältigen können und sich deshalb fachlichen Rat holen. Wenn Sie als Psychiater immer nur grün-blau karierten Menschen begegnen, glauben Sie nach einer Weile, die Mehrheit der Menschen da draußen sei grün-blau kariert. Das ist ein problematischer Trugschluss. Das haben mein Team und ich gezeigt.

Sonderlich beliebt haben Sie sich damit nicht gemacht.

Das können Sie laut sagen. Uns wurde alles Mögliche vorgeworfen. Natürlich auch, dass wir keine Ahnung hätten und unsere Forschung oberflächlich sei. Wir hatten schon mit so etwas gerechnet und unsere Forschungsergebnisse doppelt und dreifach abgesichert. Wir vertrauten nicht nur auf Fragebögen, die Betroffene ausfüllen sollten, sondern führten Interviews mit ihren Familien, Freunden und Bekannten und schickten die Betroffenen zu Gesprächen mit unabhängigen Gutachtern. Wir beobachteten ihr Verhalten, studierten physiologische Aspekte wie etwa die Menge von Stresshormonen. Wir führten einige Studien in Europa durch, wo wir unmittelbar nach Unfällen Zugang zu Patienten mit Rückenmarksverletzungen und Querschnittlähmungen hatten. Wir wollten wissen, ob Resilienz tatsächlich ein geradliniger Prozess ist – oder ob Menschen unmittelbar nach dem einschneidenden Ereignis erst einmal längerfristige depressive Phasen erleben. Aber es kam immer dasselbe heraus: Der Mensch ist ein hartnäckiges, zähes Tier.

Warum reagieren dann nicht alle so widerstandsfähig?

Im Grunde sind wir wie Eichhörnchen oder Hunde – fantastisch im Umgang mit Stress. Aber es gibt eines, was die Sache bei uns Menschen verkompliziert: unser Gehirn. Dort werden Informationen analysiert – und oft genug falsch ausgewertet und interpretiert. Wir bauschen Stresssituationen durch falsche Analysen auf, wittern Gefahren, wo keine sind. Oder wo sie zumindest deutlich kleiner sind, als wir denken.

Und wie können wir lernen, wieder mehr Eichhörnchen zu sein?

Das ist ein leidiges Thema: Ich tue mich schwer mit Tipps.

Aber wenn sie keine Charaktereigenschaft ist, müsste mehr Widerstandskraft etwas sein, das man sich aneignen könnte – und es gibt ja auch längst Trainingsprogramme.

Sie haben recht, Resilienz ist inzwischen zum Lehrfach geworden – aber dieser Wandel geht mir ehrlich gesagt zu schnell. Es fehlt die wissenschaftliche Grundlage: Da wollen Leute Resilienz lehren, ohne wirklich zu wissen, was es ist, was es umfasst und wie man es zuverlässig aufbaut. Wie schon gesagt, sind für einen Umgang mit Schicksalsschlägen viele verschiedene Ressourcen nötig – und es ist zeitaufwendig, teuer und mühsam, sie sich zu erschließen. Etwa unsere Ausbildung, Freundschaften, finanzielle Mittel. Das ist nichts, was Sie mal so eben in einem Wochenend-Workshop lernen. Skepsis ist deshalb angebracht, wenn Ihnen jemand mit schönen Kursen kommt.

Sie haben in einem Modell zusammengefasst, wie man mit einem Unglück umgehen kann – vielleicht ist das eine kleine Orientierungshilfe?

In unserem Modell geht es um die Fähigkeit, unsere Emotionen, Gedanken und unser Verhalten angesichts von Krisen zu kontrollieren. Menschen, die besitzen, was wir regulatorische Flexibilität nennen, können besser mit Schicksalsschlägen und Herausforderungen umgehen. Wenn etwas Einschneidendes im Leben passiert, fragen sie sich erst einmal: „Was ist mir passiert? Wie gehe ich nun damit um?“ Sie überprüfen die Lage und die Begleitumstände. Im zweiten Schritt müssen wir nicht nur feststellen, was Sache ist und was getan werden muss, wir sollten die Ressourcen auch richtig nutzen können. Der letzte Teil unseres Modells ist die Reflexion: Wir müssen immer wieder mal schauen, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen. Ob wir etwas an unserer Strategie ändern sollten. Ob wir uns beispielsweise zusätzliche Hilfe holen und mit bestimmten Menschen sprechen sollten – oder womöglich weniger mit Menschen sprechen sollten, weil es uns ablenkt und aufwühlt. ---

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