Ausgabe 04/2014 - Schwerpunkt Konzentration

Ruhe, bitte!

1. Die Herrschaft des blinden Eifers

• Es ist kein Zufall, dass das Wort Meditation in unserem Kulturkreis noch immer zu den Begriffen gehört, die Irritationen auslösen. Das muss wohl so sein, damit bloß niemand auf die Idee kommt, in Ruhe nachzudenken – sich, so die lateinische Entsprechung, in meditatio zu üben. Das tat man stets, um sich geistig auf eine Sache, die Lösung eines Problems zu konzentrieren. 

Konzentration auf den Geist gilt heute, zu Beginn der Wissensgesellschaft, als abweichendes Verhalten. Damit wollen die meisten nichts zu tun haben. Ständig bimmelt das Smartphone, zwitschert und boingt etwas, und dann noch all die Meetings, Events, Präsentationen. Freunde, wann soll man sich denn da konzentrieren? Dafür haben wir doch gar keine Zeit!

Es heißt, wir leben in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft, aber das ist vielleicht einfach nur einer der vielen Flüchtigkeitsfehler, die uns beim Multitasking so passieren. Die Aufmerksamkeitsgesellschaft ist in Wahrheit eine Ablenkungsgesellschaft. Aktionismus rückt an die Stelle von überlegtem Tun. Der blinde Eifer herrscht. Viel Lärm um nichts. Allein in den Boomzeiten der digitalen Revolution, zwischen Mitte der Achtziger- und der 2000er-Jahre, sind die globalen Rechenkapazitäten in der Informationstechnik zehnmal schneller gewachsen als die Weltwirtschaft – pro Jahr um durchschnittlich 60 Prozent.

Dabei schien vor 50 Jahren alles klar: Die Industriegesellschaft neigte sich ihrem Ende zu und damit auch die mit ihr verbundenen Regeln, in denen es vor allen Dingen um Quantität ging – um schiere Masse. Diese Zeitenwende sorgt seither für Desorientierung. Die Welt ist durch Technik und Automation komplex geworden, unüberschaubar, chaotisch. Es gibt, so heißt es, keinen roten Faden mehr. „Seit den Sechzigerjahren“, sagt Rüdiger Trimpop, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Jena, „suchen wir den Übergang zur Wissensgesellschaft – und damit Ruhe, Orientierung, Konzentration und Übersicht.“

Die Industriegesellschaft würde, das stand für die meisten Vordenker dieser Zeit fest, durch die sogenannte Informationsgesellschaft abgelöst werden, die eine Art Übergangsregierung zur Wissensgesellschaft werden sollte. Die Informationsgesellschaft war also stets nur als Provisorium gedacht, an dem man lernen sollte, wie man mit der großen Komplexität umgeht, um sie dann, im nächsten Schritt, richtig und gewinnbringend für alle zu nutzen. Was dabei herauskommen sollte, die Wissensgesellschaft, würde viel smarter sein als die Welt der Industrie. Und um einiges weniger laut, dreckig und übermächtig.

Die Theorie klang prima, doch mit der Praxis haperte es. Nur merkte man das kaum, denn die Informationsgesellschaft unterschied sich im Alltag nicht von der Industriegesellschaft, die sie ablösen sollte. Man baute Computer, so wie man schon lange Maschinen baute, und wichtig war, dass sie immer größer und schneller wurden. Sie produzierten mehr Daten, die man Informationen nannte.

Die neue Welt erfand sich nicht neu, sie kopierte die alte nur. Die Informationsgesellschaft ist nicht das Verbindungsglied zwischen Industrie- und Wissensgesellschaft, sondern nur jener „Superindustrialismus“, den der Zukunftsforscher Alvin Toffler in den Siebzigerjahren vorhersah.

Organisationen, Kultur und Gesellschaft bleiben dabei in den alten Bahnen des Fabrikzeitalters. Konzentration hat folgerichtig im klassischen Management und in der traditionellen Betriebswirtschaft mit Nachdenken – Gott bewahre! – nichts zu tun. In Gablers Wirtschaftslexikon liest man die Definition des ökonomischen Establishments: „Konzentration bedeutet im statistischen Sinne die Vereinigung eines hohen Anteils der Merkmalsausprägungen auf eine relativ geringe Anzahl der Merkmalsträger; wirtschaftspolitisch wird darunter die Ballung ökonomischer Größen einschließlich der Verfügungsmacht verstanden.“ Es geht also um Masse, Material und Mengen, vielleicht noch um die „Unternehmenskonzentration“ und schiere Kraftmeierei, also „die Konzentration der Verfügungsmacht in den Händen von Entscheidungsträgern“. Wenn der typische Manager Konzentration hört, fängt er an, irgendetwas zu verdichten.

Dabei ginge es eigentlich um das genaue Gegenteil: um Erweiterung. Konzentration bedeutet laut Wikipedia „die willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Tätigkeit, das Erreichen eines kurzfristig erreichbaren Ziels oder das Lösen einer gestellten Aufgabe“. Ein dieser Definition folgender Hinweis gehört heute offensichtlich nicht mehr zum Bildungskanon: „Konzentration erfordert geistige Anstrengung …“

2. Mandalas oder: Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben

Spätestens in der Grundschule lernt jeder, dass es bequemer ist, sich nicht zu konzentrieren. Wissensarbeit gilt nur bei Leuten, die sie noch nie versucht haben, als leichte, sitzende Tätigkeit. Sich zu konzentrieren heißt nämlich auch, sich zu entscheiden. Aber wer will sich schon festlegen? Informationen reduzieren die Ungewissheit, glaubten Kommunikationswissenschaftler noch in den Siebzigern. Stattdessen gibt es heute einen allgegenwärtigen „Information Overload“, wie Toffler ihn nannte.

Informationen maximieren die Unsicherheit: so viele Daten, so wenige Entscheidungen. Alle sind in Eile. Und nichts bewegt sich. Im Mittelpunkt steht nicht das disziplinierte Lösen eines Problems, die Konzentration auf das Wesentliche, sondern die unablässige Kommunikation. Das Wort ist allgegenwärtig und zu Unrecht positiv besetzt. Die vollständige Fokussierung auf Kommunikation statt auf Problemlösung erzeugt eine Grundhaltung, die ungefähr so funktioniert: Mein Gott, das ist wirklich ein großes Problem. Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben.

So geht es in den Organisationen meist nicht darum, sich auf eine Problemlösung zu konzentrieren, sondern fleißig den Bestand zu erhalten und seine eigene Beschäftigung zu legitimieren. Viel reden, wenig sagen und noch weniger tun. Als globales Mahnmal für diese Entwicklung gelten diverse Konferenzen rund um das Klima, die Wirtschaft und den Weltfrieden, die jedes Mal ein großes kommunikatives Rauschen erzeugen, dem nichts folgt. Für Problemlösen ist kein Platz mehr auf der Agenda. Meetings und Events folgen ebenfalls zunehmend diesem Muster. Man redet über Probleme, man löst sie nicht. Der Satz „Ja, wenn man sich mal auf etwas richtig konzentrieren könnte!“ ist zum Mantra geworden – und zur Ausrede.

„Viele Manager und Angestellte klagen tatsächlich, dass ihnen die Zeit fehlt, sich zu konzentrieren“, sagt Professor Trimpop. Der Arbeitspsychologe, der auch Organisationen berät, erinnert sich, wie er vor Jahren „richtiggehend darum kämpfen musste, dass in einem Unternehmen das Management ein, zwei Stunden pro Woche konzentriert und in Ruhe an einer Sache arbeiten durfte – und seine Zeit nicht nur in Meetings, auf Events oder mit einer bis auf die letzte Minute durchgetakteten Tagesagenda verbrachte.“ Wissensarbeit, sagt Trimpop, bestehe im Wesentlichen aus „Denken, Planen und Führen“, alles Tätigkeiten, die „unbedingte Konzentration erfordern“. Doch dafür braucht man heute offensichtlich eine Sondergenehmigung.

Es heißt gelegentlich, dass die sozialen Medien die Ursache für diese Entwicklung seien – doch das ist albern. Facebook mit seinen „Freunden“ und seiner simplen „Like-Dislike“-Kultur spiegelt nur die Wirklichkeit wider: Man empört sich und erfreut sich flüchtig, alles geht schnell vorbei. Mark Zuckerberg und seine Truppe kopierten vor einem Jahrzehnt nur das, was längst Realität geworden war: reden statt handeln. Das folgt einem weiteren Missverständnis der Ablenkungsgesellschaft: dass alles gut wird, wenn man sich nur mal ausspricht. Doch das ist falsch. Besser wird es nur, wenn man sich ausspricht und dann das Problem ernsthaft anpackt. Das ist etwas anderes.

Ist nichts zu tun? Kein Energie-, kein Gesundheits-, kein Bildungs-, kein Renten-, kein Entwicklungsproblem? Sind etwa die dauernden Reformreparaturen am Sozialsystem (nur zum Beispiel) nicht der beste Beweis dafür, dass man aufhören sollte mit dem Flickwerkdenken, um die alte industrielle Ordnung länger aufrechtzuerhalten? Konzentrieren wir uns, fokussieren wir willentlich – oder warten wir wieder einmal, dass sich etwas von selbst erledigt? Aus Angst vor Komplexität? Entscheidungsschwäche? Weil Meditation etwas für Spinner ist?

Im Buddhismus bedient man sich dazu gelegentlich eines sogenannten Mandalas, einer symbolischen Darstellung des Universums, also einer hochkomplexen Angelegenheit. Gleichzeitig haben die Mandalas ein klares Zentrum, auf das sich der Meditierende konzentrieren kann. Es ist beides da – die enorme Komplexität und der Ruhepunkt, der Fokus, der es erst möglich macht, dass man Vielfalt denken kann.

Kinder oder Jugendliche mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom werden gelegentlich im Rahmen der Therapie mit Mandala-Ausmalbüchern versorgt. Damit sollen sie üben, sich zu konzentrieren. Da liegt die Frage nahe: Sollte man so etwas nicht auch mal dem Management aushändigen?

3. Sitzen machen! Oder: Der Irrtum der fleißigen Lieschen

Es könnte ja durchaus sein, dass der eine oder andere da ins konzentrierte Nachdenken kommt, um nicht zu sagen ins meditative Grübeln. Vielleicht ist das Gefühl, dass man auf der Stelle tritt, doch keine schiere Einbildung? Vielleicht redet der Mainstream in der Betriebswirtschaft deshalb so gern von Zielen, Tools, Konzepten und Fokussierungen, weil all das in der Praxis Mangelware ist?

Auch hier hilft Wikipedia weiter: „Der Begriff Aktionismus unterstellt betriebsames, unreflektiertes oder zielloses Handeln ohne Konzept, um den Anschein von Untätigkeit oder Unterforderung zu vermeiden oder zu vertuschen. Aktionismus kann auch bedeuten, dass viele Projekte diskutiert oder begonnen, aber nicht zu Ende geführt werden.“

Das Mittel hat sich zum Zweck erhoben. Es ist Geschäftigkeit, die zu nichts führt, Rauch ohne Feuer. Die Welt der industriellen Denkart war überall durch militärische Vorbilder bestimmt. So wurden Fabriken und Menschenmassen organisiert, uniform, gedrillt. Es war Preußen, das Deutschland industrialisierte, und zwischen Kasernenhof und Fabrikhalle wurde da kaum unterschieden.

„Eifer und Fleiß, Geschäftigkeit und ständige Bewegung sind Tugenden, die gesellschaftlich und kulturell bis heute höchst geschätzt werden. Wer stillsitzt, ist ein fauler Sack, sogar Intellektuelle haben oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie lesen oder einfach nur konzentriert nachdenken“, weiß Trimpop, „das kollektive Über-Ich muss immer etwas leisten, was so viel heißt wie: in Bewegung bleiben. Das wird schon Schulkindern eingeschärft.“

Fleiß ist aber eine Tugend, die man braucht, um Routinen zu wiederholen, also eingespielte Muster abzuspulen. „Das reicht, um Informationen und Daten zu sammeln. Zum Denken reicht es nicht“, sagt Trimpop.

Der Regisseur Billy Wilder zeigte in seiner 1961 gedrehten Komödie „Eins, zwei, drei“, wie sich der preußische Drill über die Fabrikhallen in die junge deutsche Dienstleistungsgesellschaft hinübergerettet hatte. Der Film spielt in der Westberliner Coca-Cola-Niederlassung, James Cagney stellt den Manager in dieser Firma dar, und es gibt, wie damals üblich, einen riesigen Raum, in dem Dutzende Schreibtische stehen, an denen Büroangestellte in Reih und Glied vor Schreib- oder Rechenmaschinen sitzen. Ganz vorn: der Vorarbeiter, der aufpasst. Wenn nun Cagney den Raum betritt, springen alle auf und nehmen militärische Haltung an. Cagney brüllt dann, aus dem Raum eilend, genervt: „Sitzen machen!“ Und das machen die Mitarbeiter auch in einer Sekunde, und in der nächsten klappert es wieder rhythmisch. Wie eifrig, fleißig, ordentlich alle sind.

Viele Leute, die Wilders Meisterwerk heute im Fernsehen anschauen, finden das witzig – und gehen am nächsten Tag frustriert ins Großraumbüro. Ja, kann man das denn mit den Kasernenbüros der frühen Sechzigerjahre vergleichen? Aber sicher. Damals saß vor den eifrig, fleißig und ohne Unterlass an der Schreib- oder Rechenmaschine hantierenden Menschen ein Vorarbeiter, der alles kontrollierte. Bewegt sich auch jeder? Klappert es? Dann ist ja gut. Im Großraumbüro geht es natürlich vordergründig nicht um Kontrolle und Zwangssozialisation, sondern um „bessere Kommunikation“, um „Teamarbeit“, um „die Gruppe“ und so weiter. Die Sechziger- und Siebzigerjahre, in denen das Großraumbüro populär wurde, waren ohnehin eine Zeit, in denen jedes sozialwissenschaftliche Gerücht sofort am lebenden Objekt ausprobiert werden konnte, ein Traum für Sozialingenieure, die nicht einfach nur Arbeitsplätze optimieren wollten, sondern die Menschen gleich mit.

4. Der Großraum-Trick Oder: Alles unter Selbstkontrolle

Die kleinen, mit halbhohen Sichtschutzwänden abgetrennten Arbeitseinheiten in Großraumbüros haben wenigstens einen ehrlichen Namen: Raumzelle. Halb offener Strafvollzug sozusagen, denn wer nicht von anderen beobachtet werden will, der muss sich ducken und schön am Schreibtisch „sitzen machen“. Die Insassen kontrollieren sich selbst – auch wenn Manager in Umfragen bis heute die besseren Kontrollmöglichkeiten ihrer Mitarbeiter im Großraumbüro gegenüber der Einzelhaltung stets betonen. Dazu kommt, dass Platz und Kosten für die Einrichtung gespart werden, was vonseiten der Controller sehr für die Angestelltenkäfighaltung spricht. Dass sich, wie eine groß angelegte australische Studie aus dem Jahr 2009 zeigt, neun von zehn Mitarbeitern in dieser Atmosphäre gestört fühlen, vom Lärm, der Ablenkung und der ständigen Aussetzung der Kontrolle Dritter, spielt natürlich in harten Zeiten wie diesen keine Rolle.

Am spannendsten aber ist, wie das etablierte Management die Arbeit seiner Mitarbeiter sieht: als Industriearbeit, Routine, bei der man sich nicht groß konzentrieren muss. Wen man bei der Arbeit in seiner Ruhe stören kann, der macht Arbeit, die man nicht wertschätzt. Es ist Handlangerarbeit, während die „wichtige“ Arbeit vom leitenden Angestellten im Einzelbüro erledigt wird. Darauf bestehen sie alle, die ihren Mitarbeitern Großraumbüros verordnen. Da sind sie für Differenzierung zu haben. Denken ist ein Privileg, unser Privileg! Die Leute sollen nicht denken – die sollen gefälligst ihre Arbeit machen!

Und das würden sie auch, wenn man sie ließe. Hanns-Peter Cohn, Vorstandsvorsitzender der schweizerischen Vitra AG, kennt die Geschichte des Großraumbüros – und er weiß, welche Rahmenbedingungen Wissensarbeiter bräuchten. Die Wirklichkeit regt ihn ganz schön auf: „Das Großraumbüro ist in einer Zeit entwickelt worden, in der Wissensarbeit doch gar keine Rolle gespielt hat. Das waren Galeeren, die da gebaut wurden – und die in keiner Weise zur Produktivität beigetragen haben.“ Heute, so Cohn weiter, würden Büros „wieder schlechtgemacht, weil alles nur noch im Namen der Kommunikation geschieht oder der Projektarbeit“. Mit diesen Begründungen wird der gleiche „Missbrauch getrieben wie damals. Eigentlich will man Kontrolle, Schäfchenzählen.“ Tatsächlich hätten „Wissensarbeiter in einer offenen Bürolandschaft nichts verloren. Das sind Leute, die für sich arbeiten.“ Man brauche Konzepte für etwas, das Hanns-Peter Cohn „gemischte Bürowelten“ nennt. Die neue Arbeit besteht nun mal aus konzentrierter Tätigkeit, dann wieder aus Austausch und Gesprächen. Es geht nicht um Arbeitsplätze. Es gehe, sagt Cohn, „um eine Infrastruktur für die Wissensarbeit“.

5. Geschäftigkeit. Das Brüllen einer Kreatur

Führungskräfte, die Innovation wollen und damit neue Erfolge, müssen also zuallererst für Ruhe und neue Ordnung sorgen. Doch da sind die meisten erst am Üben. Dabei ist das Recht darauf, sich konzentrieren zu können, eine elementare Grundlage der Wissensgesellschaft.

Fokussiertes, diszipliniertes Nachdenken ist nicht mehr die Ausnahme in der Arbeitswelt, die es lange war. Früher wurde die Arbeitszeit mit einmal gelernten Handgriffen ausgefüllt, mit Routinen, und nur ein kleiner Teil bedurfte höchster Konzentration, etwa wenn man rechnen musste oder einen Bericht formulieren.

Das Verhältnis zwischen Arbeit, die in Ruhe und äußerster Konzentration verrichtet werden musste, und Tätigkeiten, für die man nicht ungestört sein musste, betrug vielleicht 10 zu 90. In der Wissensgesellschaft wird sich das Verhältnis umkehren. Routinen landen zusehends bei Automaten und Rechnern. Was übrig bleibt, ist immer öfter pure Kopfarbeit. Damit ist die Fähigkeit, sich konzentrieren zu können – und das auch zu dürfen –, eine Schlüsselqualifikation, ohne die nichts mehr geht. Konzentration braucht Ruhe. Wer schreit, hat unrecht.

Doch das ist eine Einsicht der Kulturgeschichte, der Ebene, auf der Menschen bewusst denken. Zuvor galt das, was den meisten immer noch in den Knochen steckt: Wer lauter ist als der andere, ist auch der Stärkere, derjenige, der sich nicht verstecken muss und den anderen allein schon durch seine akustische Präsenz unterwirft – übertönt.

Leistung, Kraft, Macht, Fleiß, Wohlstand, Jugend und das ganze Leben waren immer eine Domäne erhöhter Lautstärke. Das Leben ist Lärm, der Tod Stille – das italienische Sprichwort bringt es auf den Punkt. Geschäftigkeit, Betriebsamkeit – das steht für lautes Treiben und wirtschaftlichen Erfolg. Der englische Autor Peter Ackroyd schreibt in seiner „London“-Biografie, dass der „Lärm (…) neben anderen Faktoren das Ungesunde der Stadt ausmacht – und auch das Unnatürliche, wie das Brüllen einer furchtbaren Kreatur. Gleichzeitig ist dieser Lärm aber auch ein Zeichen der Vitalität und der Kraft.“

Mittelalterliche Städte waren keineswegs idyllische Orte: Handwerker hämmerten und klapperten wie die Hufe der Pferde, und auf den gepflasterten Straßen donnerten eiserne Wagenräder, dass einem Hören und Sehen verging. Händler brüllten und schrien auf Märkten und aus Läden. Das war nicht nur in London so. Die andauernden Probleme, die berühmte Kopfarbeiter der Geschichte mit dem Lärm hatten – dem „Geräusch der anderen“, wie es Kurt Tucholsky nannte –, sind seit der Antike überliefert. Diogenes flüchtete sogar ins Fass, um ein bisschen Ruhe beim Nachdenken zu haben.

Im frühen Christentum entstand das Grundkonzept des Klosters, das von jeher die Aufgabe eines Thinktanks hatte, in dem gut ausgebildete Menschen tätig waren. Klöster sind technisch ausgeklügelte Bauwerke, Systeme, die der maximalen Konzentration ihrer Bewohner auf Glaube und Wissenserwerb dienen. Man lebte unter der Regel der „vita contemplativa“ – ein Leben in Einkehr und Betrachtung, also der Konzentration auf geistige Inhalte. Mönche und Priester waren bis in die Moderne die Elite der Wissensarbeit, ihre wichtigsten und typischsten Vertreter – nicht nur im Christentum. Die strikte Trennung zwischen ruhigen, dem konzentrierten Arbeiten gewidmeten Bereichen und den Gemeinschaftsräumen in Klöstern aller Religionen zeigt, wie bewusst man sich der Bedeutung des Produktionsfaktors Ruhe seit jeher war. Für viele kluge Leute war der Eintritt ins Kloster oder in ein religiöses Amt die einzige Chance, in Ruhe arbeiten zu können. Wer davon nicht Gebrauch machte oder Gebrauch machen wollte, hatte es nicht ganz so leicht.

Immanuel Kant, der Meisterdenker aus Königsberg, wurde von seinen lauten Nachbarn derart genervt und „im Gang seiner Meditationen gestört“ (wie es ein Zeitgenosse sagte), dass er immer wieder umziehen musste. Um der lieben Ruhe fürs Arbeiten willen war Kant durchaus kooperativ – einem Nachbarn bot er viel Geld für dessen lästigen Hahn, der ständig krähte. Doch der sture Besitzer des Krakeelers wollte mit Kant kein Geschäft machen. Denn wer so lärmempfindlich war, galt schon damals als spinnert.

Der Philosoph, ein Hypersensibelchen?

6. Gehörschäden Oder: Lärm als Pest und Cholera

Die Physikerin und Schallschutzexpertin Kerstin Giering von der Hochschule Trier hat in einer Präsentation mit dem Titel „Was kostet uns der Lärm?“ aus dem Jahr 2013 die Folgen von Dauerschallpegeln dokumentiert. Zwischen 100 und 120 Dezibel – das entspricht einer Motorsäge oder einer Disco – liegt die Schmerzgrenze, bei der es zu physischen Zerstörungen kommt. Gehörschäden durch Dauerbeschallung sind aber bereits ab etwas mehr als 80 Dezibel möglich, das ist nicht mehr als das Klingeln eines Telefons. Ein deutlicher Leistungsabfall und Produktionsverluste sind bei Werten zwischen 50 und 60 Dezibel nachgewiesen. Das ist die Lautstärke eines normalen Gesprächs – etwa in einem Großraumbüro. Was nun Kant und die Konzentration angeht und damit alle Wissensarbeiter, liegt die Grenze des Er- und Verträglichen noch weit darunter. Die Forschung hat Lern- und Konzentrationsstörungen durch Lärm in einem Bereich von rund 30 bis 40 Dezibel nachgewiesen. Das entspricht einem leisen Flüstern oder sehr leiser Musik. Ein Königsberger Hahn klingt dagegen wohl wie ein startender Jet.

Wer sich konzentrieren muss, es aber nicht kann, steht unter Dauerstress. Je mehr Menschen also Kopfarbeit erledigen müssen, desto kränker werden sie in einer Umgebung, die Lautstärke immer noch für ein Zeichen von Vitalität und Wohlstand hält.

Wer sich gegen neue Lande- und Autobahnen, Industrieanlagen und Zugtrassen wehrt, hat wenigstens ein wenig von der öffentlichen Moral auf seiner Seite – man ist dann bloß ein „Arbeitsplatzkiller“ und gegen jede Form von Fortschritt –, ganz so, als ob mehr Lärm einer wäre. Wer aber eine aggressive Lärmkultur beklagt, sich etwa über seinen Nachbarn beschwert – die nach dem Autoverkehr zweithäufigste Form von Lärmbelästigung in Deutschland überhaupt –, gilt als Spießer und Spaßbremse.

Das Wort „Lärm“ ist eine Variante des italienischen „all’arme“, was so viel bedeutet wie „zu den Waffen“ oder, wie man salopp sagte: Alarm.

Auch wenn Städte, Dörfer und Märkte vor der Industrialisierung laut waren – Forscher schätzen den Spitzenpegel auf bis zu 100 Dezibel – dauerhaft und richtig laut wird es erst mit der Industrialisierung und dem Zeitalter der Dampf- und Verbrennungsmaschinen. In allen Industrienationen bildeten sich Anti-Lärmvereine, denen Ruhegestörte aus besseren Kreisen angehörten. Der schottische Tierarzt John Boyd Dunlop ärgerte sich derartig über den Krach, den das mit Eisenreifen bestückte Dreirad seines Sohnes machte, dass er dem Luftreifen den Weg ebnete. Der Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch wusste schon vor mehr als hundert Jahren um die Folgen der grenzenlosen Industrialisierung: Der Lärm, so prophezeite er, würde schon bald die Rolle einnehmen „wie die Cholera und die Pest“. Die Menschheit müsse diese Geißel „unerbittlich bekämpfen“.

Aus diesem guten Rat ist in Politik, Wirtschaft und Kultur bis heute höchstens ein zaghaftes „’tschuldigung, geht’s bitte ein kleines bisschen leiser?“ geworden. Im Zweifel gilt immer noch: Wer lärmt, hat recht. Zwar hat die Weltgesundheitsorganisation den Verkehrslärm längst – gleich nach der Luftverschmutzung – als zweitgrößtes Gesundheitsrisiko überhaupt auf der Liste.

Lärm gilt als einer der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die nach wie vor die Liste der tödlichen Erkrankungen anführen. Mehr als eine Million gesunder Lebensjahre, so hat die Behörde im Jahr 2011 ausgerechnet, gehen allein den Europäern pro Jahr durch lärmbedingte Erkrankungen verloren. Die Über- sicht der Folgekosten ist mangels politischem Interesse nach wie vor lückenhaft, halbherzig und vage. Aber wo immer sich jemand die Mühe macht, Lärmfolgen zu berechnen, treten erhebliche Schadenssummen zutage: Allein durch den Wertverlust und Mietmindereinnahmen bei durch Verkehrslärm beeinträchtigten Immobilien, das kann man bei Kerstin Giering nachlesen, sind das in Deutschland pro Jahr 7,3 Milliarden Euro.

Immerhin wird nun seit zwölf Jahren wenigstens das Ausmaß des ganzen Wirbels registriert. Im Jahr 2002 wurde die EU-Umgebungslärmrichtlinie verabschiedet, die den Lärmschutz europaweit verbindlich koordiniert. Es entstehen Lärmkarten, die zeigen, an welchen Adressen es besonders laut zugeht. Eine Folge der Erhebungen soll darin bestehen, dass in den europäischen Städten wenigstens der Verkehrslärm auf weniger als 55 Dezibel zurückgehen soll. Mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung kriegt das und deutlich mehr ab. In reinen Wohngebieten sind schon heute tagsüber nur 50 und nachts 35 Dezibel erlaubt. Die Kommunen kennen die Vorschriften, wissen, dass die Bürger sie einklagen können, aber erstens ist man pleite und zweitens kein politischer Selbstmordattentäter, der es sich mit Autolobbys und Partygängern verderben möchte.

Hier ein Lärmschutzfenster, dort ein paar Meter Flüsterasphalt und ein bisschen Schallschutzwand – Ohren zu und durch. Solange die Leute die Ruhestörung anderer für ihr gutes Recht halten, ändert sich nichts. Da gehen gute Ratschläge und Gesetze ins eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus – und so wie es bei vielen Leuten zwischen den Ohren aussieht, ist dabei kaum mit Widerstand zu rechnen.

7. Die Wissensgesellschaft: ein reizarmes Klima

Das Wissen, unser Wohlstand, unsere Lebenschancen brauchen unsere volle Aufmerksamkeit. Der unverbindliche Aktionismus, der sich hinter blindem Eifer und ständigem Geplappere tarnt, reicht für eine ganze Welt nicht aus.

Von der Wiedereinführung der Ruhe und der Konzentration in unserer Welt hängt es ab, ob es uns gut geht. Im Wortsinn, sagt Rüdiger Trimpop: „Wir brauchen eine Wissenskultur, in der diejenigen die Guten sind, die eine Sache gründlich erledigen, und zwar durch Nachdenken in aller Ruhe.“ Dazu brauche man vor allen Dingen wieder eines: ein reizarmes Klima. Also Leitbilder, denen zufolge ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht als cool gilt, sondern als Störung. Wie kriegt man das hin? Was macht man, damit all die Zerstreuten heute wieder in einem Stück denken?

Ist Technik die Lösung?

In den Fünfzigerjahren entwickelte der Neuropsychologe John C. Lilly eine rundum geschlossene Badewanne mit Deckel, die er „Floating-Tank“ nannte. Das Gehirn und fast alle seine sensorischen Zuträger sind dabei unplugged, von der Umwelt abgestöpselt. Kein Reiz, kein Problem. Etwas später wurde der Floating-Tank zum großen Hit in der umtriebigen Esoterik- und Psychobewegung.

Ein verlockender Gedanke, all die Nervensägen, Ruhestörer, Multitasker und Dauerkommunizierer, die heute die Konzentration anderer Leute stören, in solchen Floating-Tanks zu deponieren – Deckel drauf und Ruhe.

Bis das gesellschaftlich erwünscht und rechtlich erlaubt ist, muss man sich anders behelfen, durch Nachdenken beispielsweise, dem siamesischen Zwilling der Konzentration. Wer lernt, im ganzen Gewusel kenntlich zu bleiben, wer sich auf das konzentriert, was er kann, und nicht auf das, was andere von ihm wollen, fokussiert schon aufs Wesentliche. Schauen wir in den Spiegel. Achten wir auf das, was wir sehen, und auf die Stimmen in unserem Ohr. Denn die Ruhestörung ist auch in unserem Kopf.

Von der Schweizer Autorin Sieglinde Geisel stammt die kluge Einsicht: „Für Stille in unserem Kopf zu sorgen fällt uns offensichtlich genauso schwer, wie eine Diät zu halten (…).“ Stille aber sei eine Entscheidung, willentlich verursacht, und deshalb wäre es so: „Stille ist, wenn ich höre, was ich will.“

Konzentrieren wir uns auf uns. Meine Aufmerksamkeit gehört mir. Und zwar ganz. ---

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