Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Die Geschmacksfrage

1. Der Genuss im Zeitalter der Reduktion

Sicher: Früher war nicht alles besser, aber manches größer – die Portionen zum Beispiel. Der Mensch war mit seinem Dasein rund, wenn er möglichst viel vom Guten abbekam. Leute, die von Disziplin, Beherrschung und Verzicht redeten, waren das, was die Gesellschaftswissenschaftler „randständig“ nennen.

Der Genuss war bunt, reichhaltig und vielfältig. Nur wer krank war, machte eine Diät. Das Gute war alles, was gut schmeckte und sich gut anfühlte, und nicht das, was zum Leben nötig war und nur satt machte. Der Genuss war nicht vernünftig, er war all das, was entbehrlich war. Er war das, was man wollte, nicht musste. Genuss – das war die freie Wahl.

In der Konsumgesellschaft kamen immer mehr Menschen diesem Lebensziel nahe. Es passte zu einer Zeit, in der es nicht mehr nur um Arbeit und nacktes Überleben ging – und in der immer mehr Menschen begannen, selbst auszuprobieren, was ihnen in diesem Leben am besten schmeckte. Zu diesem Aufbruch gehörten Zigaretten, Rotwein, Joints und Dinge, die heute selbstverständlich sind, wie Kuchen, Schokolade und Schweinebraten.

Genuss – das war das pralle Leben. Und keine fettreduzierte Minimalexistenz. Es war so, wie Konstantin Wecker einst sang: „Ab heute wird nichts mehr versäumt: / Wer nicht genießt /wird ungenießbar.“

Oder wie in jenem Lied des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer, der schon vor 150 Jahren in seinem Gedicht „Fülle“ die Sache auf den Punkt brachte: „Genug ist nicht genug (…) Genug kann nicht (…) genügen.“

Was vor gar nicht langer Zeit der Lust und dem Leben gewidmet war, das klingt heute für viele wie Krawall und Remmidemmi. Womit sich linksliberale Hedonisten einst als hoffnungsvolle Alternative zum kleinbürgerlichen Spießertum empfahlen, das ist heute in Verruf geraten. Genuss und Lebensfreude stehen im Zeitalter des Reduktionismus gerade bei ihnen unter Generalverdacht, wer sie fordert, riskiert einen Shitstorm.

Genug ist nicht genug? Das mag fürs Mülltrennen gelten. Sonst aber denkt man anders: Wenn es schmeckt, bringt es dich um. Und es ist schlecht für den Planeten.

Und das Wichtigste: Man muss sich doch auch beherrschen können!

2. Die kleine Raupe Nimmersatt

Das weiß heute jedes Kind, weil man es ihm schon von klein auf eintrichtert. Die Beweisaufnahme, wie es um das Bild des Genusses steht, führt deshalb zunächst in die Kinderzimmer. Dort liegt oft das bekannteste Werk des deutschstämmigen US-Kinderbuchautors und -illustrators Eric Carle herum. Es wurde im März 1969 erstmals in Umlauf gebracht und hat es bis heute zu einer weltweiten Verkaufsauflage von annähernd 30 Millionen Exemplaren geschafft. Im Original heißt das Buch „The Very Hungry Caterpillar“ – auf Deutsch „Die kleine Raupe Nimmersatt“.

Die Story geht ungefähr so: An einem schönen Sonntag schlüpft die kleine Raupe Nimmersatt aus ihrem Ei, das auf einem Blatt ruht. Ihre Mission: Wachstum um jeden Preis. Mit diesem fragwürdigen Vorsatz frisst sich die Raupe am Montag durch einen Apfel – „aber satt war sie noch immer nicht“. Am Dienstag frisst sie sich durch zwei Birnen – was ihr wieder nicht langt. Am Mittwoch fräst sie sich durch drei Pflaumen, am Donnerstag durch vier Erdbeeren und am Freitag durch fünf Orangen. Doch die allseits gepriesene Rohkost verfehlt ihre Wirkung. Die Raupe Nimmersatt ist immer noch hungrig. Erst am Samstag wendet sich das Blatt. Die Raupe frisst sich durch eine saure Gurke, ein Würstchen, ein Stück Käse, eine Scheibe Wurst, eine Eiswaffel, ein Schokoladentörtchen, einen Früchtekuchen, noch ein Törtchen und – zur Abrundung – ein Stückchen Melone. Nun hat die Raupe keinen Hunger mehr, dafür aber Bauchschmerzen.

Am nächsten Tag, wieder ein Sonntag, sieht man die Raupe, dick und groß geworden, auf einem grünen Blatt, an dem sie etwas herumnagt. Nun ist sie fett genug, um sich einen schönen Kokon zu spinnen, in den sie sich für zwei Wochen zurückzieht – um dann zu einem „wunderbaren Schmetterling“ zu werden.

Sind wir nicht alle ein bisschen Raupe Nimmersatt?

3. Mäßigung! Mäßigung!

Die Moral von der Geschicht’: Wer etwas Schönes werden will, muss zulangen, auch wenn das mal Bauchschmerzen gibt. Wie viel genug ist, gilt es selber herauszufinden.

Das Wort Genuss darf nicht mehr ohne Vorbehalt ausgesprochen werden – als Neutralisator des prallen Lebens empfiehlt sich dabei das allgegenwärtige Wort Mäßigung. Wenn es geschmeckt hat, ist es wichtig, gleich dazuzusagen, dass man nur ausnahmsweise so über die Stränge schlägt. Wer ein Gläschen trinkt, beteuert, dass er das wirklich nur nach Feierabend und auch nur ganz selten tue. Seit Rauchen zu allererst den sozialen Tod mit sich bringt, gibt es nur noch Genussraucher, so, als hätte man früher erst seinen Ekel überwinden müssen, bevor man sich eine ansteckte. Die Leute sagen Genuss. Aber sie meinen Enthaltsamkeit. Sie sagen: Es schmeckt. Aber sie meinen: Es tut mir leid. Entschuldigung. Ich habe gesündigt. Dann ist auch klar: Strafe muss sein.

Als Carles Bestseller vor fünf Jahren sein 40-jähriges Jubiläum feierte, ist viel zur Raupe Nimmersatt geschrieben worden. Der Autor, dem Pädagogen einst noch eine zu konsumfreundliche Haltung zuschrieben, hat mittlerweile das Bundesverdienstkreuz erhalten. Sein Buch wird mittlerweile von Reduktionisten dem Zeitgeist gemäß interpretiert.

Der Tenor der Veröffentlichungen liest sich so wie jener Artikel, der im Jahr 2010 in der »Süddeutschen Zeitung« (»SZ«) erschien. Die Rezensentin schreibt dabei nicht mehr über ein harmloses Kinderbuch, sondern sieht im Wachstum und Fressen des kleinen Insektenkindes ein Gleichnis für das böse Wachstum: „Die nimmersatte Broker-Raupe schlittert sozusagen in ihre persönliche Finanzkrise. Kein Wunder, so ein Durcheinander kann ja nicht gesund sein.“ Wir lernen: Ein Buch, in dem sich eine Raupe einfach so zum Schmetterling durchfrisst, also wächst, atmet den Geist des Kapitalismus und ist nicht „gesund“, weil das „Durcheinander“ – Erwachsene sagen dazu übrigens Komplexität – eben nicht durchschaubar ist. Die Welt des Genusses wird mit den gleichen Argumenten abgekanzelt wie jene der Vielfalt. Gut wird in den Augen der »SZ«-Rezensentin erst alles, nachdem die kleine Raupe „ihre Ernährung umgestellt hat“.

Gut, dass wir das mal besprochen haben. Fortschritt, Menschwerdung und Glück – all das ist eine Frage der Ernährungsumstellung und Mäßigung. Weniger ist mehr – und unsere Zukunft liegt im Darm.

Wer weiß, was George Orwell oder Sigmund Freud dazu gesagt hätten. Uns muss der Duden genügen. Dort steht: „sich beherrschen“, das heißt, sowohl etwas „unter Kontrolle, im Griff“ wie auch „etwas in der Gewalt haben“. Eine Gewalt, die sich gegen einen selbst richtet.

Man muss das Udo Pollmer, dem bekanntesten deutschen Lebensmittelchemiker und Autor zahlreicher Bücher, nicht erklären – denn das tut er seit Jahren selbst. Er hat Bestseller wie das „Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“ geschrieben, viele kennen ihn von seiner Sendung im Deutschlandradio Kultur. „Wenn man den Menschen die Freude nimmt, kann man sie besser beherrschen“, sagt er, „das ist die Grundlage vieler Ernährungsvorschriften, die heute herumgereicht werden – und das gilt für die Sexualität und andere Genüsse ebenso.“ Bei allem, was durch den Magen geht, gehe es immer auch „darum, jemand anderen biologisch unter Kontrolle zu bekommen“. Dann gilt: Man ist, was man nicht essen darf.

4. Das Bauchgefühl

Genussverbote machen vor nichts halt – keine Lust, kein Vergnügen ist vor ihnen sicher. Doch dass sie sich so verlässlich immer wieder auf das Essen und Trinken fixieren, liegt an der Bedeutung der Nahrungsaufnahme in der Evolution.

Wenn man sich an wissenschaftliche Fakten hielte und nicht an Machtspiele, dann könnte man es laut Pollmer kurz machen: Der Körper braucht keine Esspädagogik, der kommt prima ganz allein mit sich zurecht. Er weiß, was ihm guttut, und er weiß auch, wie viel davon. Dafür sorgt das „Darmhirn“ – das enterische Nervensystem, ein hochsensibles und komplexes System von Nervenzellen, das den Magen-Darm-Trakt überzieht. „Dieses System ist weit älter als unser Gehirn, das evolutionstechnisch auf diesem Nerven-Netzwerk aufbaut“, erklärt Pollmer.

Das ist es, das Bauchgefühl, die Entscheidung „aus dem Bauch heraus“, und sie erweist sich als handfeste Angelegenheit. Es baut auf Millionen und Abermillionen an Daten, die im enterischen System immer wieder neu erhoben und gesammelt werden. Somatische Marker registrieren penibel, welcher Geschmack mit welcher Wirkung für den Organismus verbunden ist. Der Mechanismus ist über Jahrmillionen entwickelt und hat sich bewährt. Und dagegen kommt kein „Light“-Produkt an: „Wenn das Darmhirn bemerkt, dass Sie Ihrem Körper etwas vorenthalten, schlägt es zurück“, sagt Pollmer. Man kennt das. Jo-Jo-Effekt. Nach jeder Diät bleiben ein paar Pfund mehr an den Hüften – dafür sind erhebliche Mengen an Selbstvertrauen weg.

„Genuss bedeutet“, sagt Pollmer, „dass der Körper zufrieden ist. In der Biologie wird damit belohnt, wer etwas richtig gemacht hat.“ Doch das klappt immer seltener – eben weil die Leute nicht – „wie sie dauernd behaupten, auf ihre innere Stimme hören, also auf ihr Bauchgefühl, sondern auf das, was ihnen Demagogen einflüstern“.

Die Strafe ist evident: Man wird kein wunderschöner Schmetterling, sondern bleibt immer die Raupe Nimmersatt.

5. Zuckererbsen für alle

Das Darmhirn weiß, was weiter oben noch nicht angekommen ist: Menschen sind unterschiedlich und haben deshalb unterschiedliche Bedürfnisse. Das ist das zentrale Merkmal der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Die alte Welt organisiert Massen, die neue Welt unterscheidbare Qualität. Die alte Welt baut auf Vereinheitlichung – auch des Geschmacks – die neue sucht den Unterschied, weil genau darin nicht nur die Befriedigung des persönlichen Bedürfnisses liegt, sondern auch die Chance für neue wirtschaftliche Erfolge. Der Genuss hört auf, mit dem Luxus verwechselt zu werden – was zu seiner alten Rolle gehörte.

Der Luxus war immer etwas Unerreichbares für die meisten. Der Genuss ist anders, auch wenn man ihm unterstellt, aus dem gleichen Holz zu sein. Genuss ist der eigene Geschmack. In einer Welt, die auf individuelle Bedürfnisse eingeht – und der es gelingt, diese auch in Geschäftsmodelle umzusetzen, gibt es wirklich „Zuckererbsen für jedermann“, wie Heinrich Heine in seiner berühmten Sozialutopie „Deutschland – ein Wintermärchen“ schrieb.

Das ist toll, aber auch das muss man beherrschen. Können.

Die Demokratisierung des Konsums hat die Leute „satt“ gemacht, in jedem Sinn des Wortes. Wir leiden an „gesättigten Märkten“, an einer allumfassenden Saturiertheit – und das gilt für weit mehr als bloß Essen und Trinken. Die Lösung kann nicht darin bestehen, sich mehr vom Gleichen zuzuführen. Wer den Genuss vergesellschaftet, macht ihn kaputt. Genuss ist nichts anderes als der persönliche Geschmack. Und das Persönliche nehmen wir in dieser Gesellschaft und Ökonomie nicht wirklich ernst. Merkwürdig. Selbst Großmutter wusste: Geschmäcker sind verschieden.

Auch ein Blick in die Wikipedia hilft weiter: „Was als Genuss empfunden wird, ist subjektiv und damit individuell unterschiedlich“, steht dort. Und scheinbar nebensächlich, aber enorm wichtig ist die weitere Definition: „Voraussetzung (f. d. Genuss) ist die Genussfähigkeit.“ Das heißt: Genuss muss man können. Genießen lernen muss jeder für sich selbst. Damit ist das Genießen engstens verwandt mit der Vielfalt, die als die größtmögliche menschliche und wirtschaftliche Ressource gilt. Differenz und Unterschied sind die Grundlagen der Wissensgesellschaft.

Die Konsumgesellschaft stellt das Nötige im Überfluss zur Verfügung. Die Welt der Genüsse ist die der individuellen Bedürfnisse, die sich, je mehr die Menschen haben, immer stärker verfeinern. Jedes wirtschaftliche Wachstum – und damit auch die Entwicklungsfähigkeit von Gesellschaft und Einzelnen – baut erfolgreich auf diesem Mechanismus auf. Alle Menschen wollen satt werden. Deshalb liegt die intensivste Anstrengung der Menschheitsgeschichte auch darauf, dieses Grundbedürfnis zu befriedigen. Das war ein langer, mühsamer Weg. Heute liegt der Genuss jenseits dieser grundlegenden existenziellen Bedürfnisse. Das ist ein relativ neues Phänomen.

Im alten deutschen Wort Nießbrauch, das so viel wie Nutzungsrecht bedeutet, hat sich die alte Bedeutung des Begriffes erhalten. Sprachen unsere Vorfahren vom Genuss, meinten sie „etwas nutzen. Menschen, mit denen man etwas gemeinsam nutzte, waren folgerichtig die Genossen.“ Was man dabei unter Genuss verstand, hatte meist mit dem nackten Überleben zu tun. Die meisten Menschen empfanden jede Mahlzeit als Glück, und deshalb wurde sie auch genossen. Erst im Laufe der industriellen Revolution, im späten 19. Jahrhundert, begann sich die Bedeutung des Begriffs zu wandeln. Die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln – und auch schon den oft noch Kolonialwaren genannten Genussmitteln wie Kaffee, Tee oder Kakao war fortgeschritten. Je mehr Menschen Zugang zu dieser Grundversorgung hatten, desto klarer trat der persönliche Geschmack hervor. Und Quantität und Qualität wurden verwechselt.

6. Bedingungslos

Die bürgerlichen Eliten, die reich wurden und zu den neuen Machthabern gehörten, grenzten sich vom einfachen Volk dadurch ab, dass sie „demonstrativ konsumierten“, wie es der amerikanisch-norwegische Soziologe Thorstein Veblen in seiner berühmten Studie „Die Theorie der feinen Leute“ zeigte. „Distinguierten Konsum“ – Genuss als Mittel zur Abgrenzung wie auch zur sozialen Erhöhung – kannte man schon vom Adel. Genießen können gilt als Inbegriff des „Kultivierten“. „Genießen können“ und „Geschmack“ haben waren erstrebenswerte Fähigkeiten, die ein Angehöriger der Oberklasse erlernen musste. Das lernte man, dafür gab es Normen, die man etwas feiner Etikette nannte.

Die Grenzen des guten Geschmacks wurden allerdings – Skandal! – dann überschritten, wenn jemand aus der Norm dessen ausbrach, was man genießen durfte. Ein persönlicher Geschmack, ein individueller Genuss war auch den Angehörigen der Oberschicht nur in Ausnahmefällen erlaubt. Wahre Vergnügungen fanden immer hinter verschlossenen Türen statt. Die viel beschriebene Heuchelei der „besseren Gesellschaft“ liegt wesentlich in ihren engen Geschmacksrichtlinien begründet. Erst spätere Generationen eines selbstbewussteren Bürgertums setzten das im Laufe des 20. Jahrhunderts in wahren Kulturkämpfen durch.

Die Verlängerung der gedeckten Tafel, an die man sich setzt, ohne es zu müssen, ist der Kunstgenuss. Genuss bedeutet, über das Profane und Notwendigste erhaben zu sein. Genuss stillt nicht den Hunger, sondern nährt das Vergnügen. Und das wiederum führt dazu, dass die Leute darüber nachdenken, wie es sonst noch sein könnte – wenn die Welt nicht aus lauter Regeln und Beschränkungen gebaut wäre. Wie Pollmer bereits sagte: „Wenn man den Menschen die Freude nimmt, kann man sie besser beherrschen.“

Genussbeschränkungen sind Disziplinierungsmaßnahmen. Wer Genüsse kontrolliert – durch Prohibition oder Steuern – der hat die Macht. Kein Politiker hat sich das je nehmen lassen. Die Deutungshoheit darüber, was Genuss ist und wie viel davon für die anderen bekömmlich ist, bildete von jeher das Fundament jeder politischen Theorie. Eine solche Welt ist nur in Ordnung, wenn es Knappheit und Verbote gibt. Denn die Leute wissen nicht, was ihnen guttut und was nicht. Sie sind wie kleine Kinder. Wir müssen uns um sie kümmern. Denn auf sich allein gestellt sind die Leute kleine Raupen Nimmersatt, die immer Bauchschmerzen haben.

In Zeiten wie diesen sollte man sich an den Philosophen Epikur erinnern. Die meisten seiner Kollegen haben bis zum heutigen Tag ihren Grips dafür eingesetzt, für ihre Auftraggeber, die Politiker, möglichst gut verkäufliche Regeln, Gebote und Verbote zu ersinnen. Epikur hingegen nahm den Genuss persönlich. Der Sinn des Lebens ist, es zu genießen.

Sein Genuss ist übrigens kein großes Fressen, sondern ein Leben ohne Sorgen, Schmerzen und Ängste. Das epikuräische Genussideal ist das Gefühl, „alles um sich herum zu vergessen“ und sich nur einer Sache zuzuwenden, dem eigenen Wohlgefühl. Genuss ist dabei ein Loslassen vom Existenzkampf, von Vorschriften, Verboten, Regeln und Beschränkungen. Dieser Genuss ist nicht die Belohnung dafür, etwas besonders gut oder schön gemacht zu haben. Es ist der Genuss, von dem Wecker früher sang und den die Raupe Nimmersatt kennt. Er ist bedingungslos.

Die Voraussetzung dafür ist allerdings, so Epikur, die Selbstfindung, die darin besteht, sich von irrationalen Ängsten freizumachen. Kurz: Wer sich seiner selbst bewusst wird, der weiß auch, was ihm guttut. Und kann sein Leben genießen. Bei Epikur wachsen Kopf und Darmhirn zusammen. Freiheit, Selbstverantwortung und Genuss sind keine Widersprüche. Es sind die Säulen, auf die eine offene Zivilgesellschaft nicht verzichten kann.

Das schmeckt nicht allen.

7. Die Sünde

Es gibt Leute, denen es nicht genügt, sich selbst zu beschränken, sondern die ihr Geschäftsmodell auf möglichst viele Beschränkte bauen. Früher, so um das Jahr 1968, wusste man: Verbote sind Herrschaftsinstrumente. Manche Erben dieser Einsicht sehen das heute ganz anders, wie man Mitte September dieses Jahres im Berliner »Tagespiegel« nachlesen konnte. Die Zeitung brachte ein Interview mit Renate Künast, der ehemaligen Parteichefin von Bündnis 90/Die Grünen. Teile der Partei, die sich wehmütig an die Zeiten alter Erfolge unter dem lebenslustigen Parteipatron Joschka Fischer erinnern, versuchen das Image der Grünen als ausgesprochene Verbotspartei zu ändern. Das muss Künast persönlich genommen haben. Sie forderte in dem Interview ihre Parteifreunde dazu auf, „selbstbewusster mit Verboten umzugehen“, denn „Verbote können ja auch etwas Gutes haben“. Und Obacht! Es gäbe Leute, so Künast weiter, die hätten ein „Interesse daran, das Wort Verbot als etwas Schlechtes zu denunzieren“.

Die Sorge könnte man der Grünen nehmen: Damit kommt hier keiner durch.

Wie sollte sich denn sonst der ganze politische Ablasshandel organisieren lassen, bei dem Sündenfall und Steuersache längst zu einer Einheit zusammengewachsen sind? Je mehr Sünden, desto mehr Strafen. Je mehr Strafen, desto mehr politische Macht. Von den Jobs in der Verwaltung gar nicht zu reden.

So ist diese beste aller Welten voller Sünder, die ein schlechtes Gewissen haben, und das hält den Laden am Laufen. Noch.

Gerhard Schulze weiß, dass sich das ändert. Der Soziologe gilt spätestens, seit er uns die Existenz der „Erlebnisgesellschaft“ vor Augen führte, als einer der schärfsten Denker seiner Disziplin. Und er jagt nach der Veränderung dort, wo man sie am besten erkennt: im sogenannten Normalen.

Vor 13 Jahren, nach den Anschlägen des 11. September 2001, suchte Schulze „eine intellektuelle Antwort“ auf die Ereignisse. Nach ihren eigenen Worten geht es den islamischen Fundamentalisten darum, die Bürger des Westens für ihren Lebensstil zu bestrafen, der aus Sicht der religiösen Eiferer darin besteht, dass unsereins sich nicht mit der Aussicht auf ein paradiesisches Jenseits begnügt, sondern bereits im Hier und Jetzt ein gutes Leben sucht. „Für diese Leute ist das eine Blasphemie – wie kann ich denn Lust auf das Leben haben?“

Nun lassen sich Wahn und Mordlust nie aufrechnen. Aber wer auf den wütenden Fundamentalismus des Islams sieht, der sollte immer auch die eigene kulturelle Geschichte im Kopf haben, die des einflussreichsten Systems des Westens, des Christentums.

So machte Gerhard Schulze sich daran, das Wesen dessen zu beschreiben, das man „Sünde“ nennt, in einem Buch mit diesem Titel, das vor acht Jahren erschien. Der Untertitel ist die Formel, bei der sich auch unsere Einstellung zum Genuss erschließt: „Das schöne Leben und seine Feinde“.

„Einst galt das allzu Menschliche als sündig; die sieben Todsünden übersetzten dieses Stigma in die Alltagswirklichkeit“, schreibt Schulze. Wer an dieses Dogma der Kirche glaubte, und das waren die meisten, „der musste seine alltäglichen Lüste und Leidenschaften als Fluch empfinden. Genussvolles Essen, Gefühlsausbrüche, Sex, Besitzstreben, Selbstsicherheit, Entspannung, Ehrgeiz – die Fülle des Lebens sollte nicht sein.“

Dabei gehe es um die „völlige Überwindung typisch menschlicher Empfindungen“, um das „Abtöten des Fleisches“. „Das Fleisch gehört zur Welt, und die Welt ist ein Ort ohne Gott.“ Die „christliche Suche nach Erlösung“, so Schulze weiter, richte sich „unmittelbar gegen Körper und Psyche des Gläubigen, gegen seine alltäglichen Gefühle, gegen den allzu menschlichen Menschen (…). Die sieben Todsünden bringen eine Glücks- und Menschenfeindschaft auf den Begriff, die alles verflucht, was zum Projekt des schönen Lebens gehört“ – kurz: „Das Menschliche gilt als das Sündige.“

Wer genießt, lebt, und wer lebt, ist schuldig.

8. Kontraste

Genuss ist eine zutiefst politische Kategorie, wir haben das nur vergessen. Genussverbote, wie sie der christliche und islamische Sündenbegriff kennen, sind hingegen, sagt Schulze, „eine Kampfansage gegen den ganz normalen Menschen. Sein Leben schön zu finden und selbst zu gestalten, es zu genießen, das ist das elementare Menschenrecht – und der Kern westlicher Modernität.“ Das scheint denen, die unter diesen guten Bedingungen leben, wenig bewusst zu sein. „Modernität“ und „westlicher Lebensstil“ gelten für viele, die gleichwohl von deren Ergebnissen profitieren, als schnöde und profan.

Die Fundamentalisten wissen das besser. Auf dem ganzen Globus wird das, was junge Westler als selbstverständlich erachten und „Systemkritiker“ leichtfertig als verwerflich bezeichnen, kopiert. „Die Fundamentalisten sehen diese Erfolge und kämpfen deshalb so hartnäckig“, sagt Gerhard Schulze. „Sie wissen, dass sie durch den Sieg der westlichen Modernität den Zugriff auf ,ihre‘ Leute verlieren. Die Domestikation endet. Das macht sie wütend.“

Der Fundamentalismus, und dieser Tage ganz besonders der islamische, ist eine der großen Bedrohungen der Freiheit und des Genusses. Er ist aber, so Schulze, auch eine enorme Chance, eine Herausforderung an den Westen und die Modernität, sich bewusst zu machen, wer wir schon sind und wer wir sein könnten: „Freiheit und Genuss sind ein und dasselbe. Und Freiheit ist etwas, was man stark abstrahieren muss – das überfordert viele.“ Doch die Art und Weise, wie der IS und Al-Qaida diese Freiheit des Westens bedrohen, mache es „unmöglich, dass man davor die Augen verschließt. Der Fundamentalismus ist eine Chance, weil er die Notwendigkeit zur Entscheidung für die Freiheit deutlich macht.“

Daran sollten alle Verbieter, Reduzierer, Kontrollsüchtige denken: Sie heben hervor, was sie hassen. Der Genuss ist wie die Freiheit: Er braucht Kontrastmittel. Ihre Bedrohung leuchtet die beiden aus, macht sie deutlich und unübersehbar.

Die menschenverachtende Gegenreformation des Fundamentalismus ist in Zeiten der oft selbstgefälligen und leichtfertigen Kritik an den materiellen Genüssen auch eine große Chance, unser Selbstbewusstsein zu stärken, unseren Verstand, unsere Fähigkeit, unser Leben zu leben – und das Recht auf ein gutes Leben wieder schätzen zu lernen.

Die Feinde des Genusses liefern uns einen guten Grund, am Leben zu sein und unsere Freiheit zu genießen. Frei entscheiden zu können, das kann auch heißen, sein persönliches Maß zu finden, wie Schulze sagt – „und sich in aller Ruhe und ohne nach immer mehr zu hasten den Genuss zu erschließen“.

Finde dein Maß. Erkenne dich, damit andere dich nicht beherrschen können. Vielleicht üben wir dieses Genießen gerade. Vielleicht hat Gerhard Schulze recht: „So nah am Verstehen waren wir noch nie.“ ---

Buchlinks

b1.de/carle_raupenimmersatt
b1.de/pollmer_ernaehrungsirrtuemer
b1.de/heine_wintermaerchen
b1.de/veblen_feineleute
b1.de/schulze_suende

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