Ausgabe 03/2014 - Schwerpunkt Beobachten

Selbstvermessung

Vermesst euch!

Holger Dieterich begann Sport zu treiben, als sein Smartphone ihm verriet, dass er sich zu wenig bewegte

I. Prolog

In vielen Lebensbereichen sind Zahlen eine Selbstverständlichkeit: der Kontostand, die Miete, die Leistung des zum Verkauf stehenden Autos. All das soll in exakten und vergleichbaren Werten ausgedrückt werden, statt auf schwammigen Begriffen oder einem diffusen Gefühl basieren. Anders im Privaten: Hier sind Zahlen tabu. Wer statt eines Tagebuchs eine tägliche Excel-Liste seines Lebens führt, wird von seiner Umwelt im besten Fall für kauzig gehalten, im schlimmsten für verrückt.

In den vergangenen Jahren hat sich das bei manchen Menschen geändert: 2007 prägten die beiden amerikanischen Technikjournalisten Kevin Kelly und Gary Wolf vom »Wired«-Magazin den Begriff „Quantified Self“ und gaben mit dem Untertitel ihrer Website gleich das Programm vor: Selbsterkenntnis durch Zahlen. Bei Profisportlern und in Kliniken ist die präzise Erfassung von Körperwerten schon lange üblich – doch was wäre, wenn Menschen auch im Alltag anfingen, sich selbst zu beobachten und zu quantifizieren? Was wäre die Erkenntnis? „Es ist eine medizinische Studie mit einem einzigen, aber sehr wichtigen Teilnehmer“, sagt Gary Wolf. „Ihnen selbst.“

Er und sein Kollege Kelly nennen vier Gründe für die Quantified-Self-Bewegung: Zum einen sind die Sensoren, die eine automatische Messung ermöglichen, viel kleiner, leichter und billiger geworden. Zum anderen tragen immer mehr Menschen ein Smartphone bei sich. Dieses enthält bereits sehr viele solcher Sensoren – von Bewegungs- und Beschleunigungsmessern über GPS und Höhenmesser bis zu Fotozellen und Mikrofonen. Der dritte Faktor seien die sozialen Netze, die es im Laufe eines Jahrzehnts immer normaler werden ließen, Privates mit anderen zu teilen. Die Entwicklung der Cloud schließlich sorge dafür, dass sich Daten auch aus verschiedenen Quellen bequem sammeln, zusammenführen, optisch aufbereiten und abrufen lassen – beispielsweise in Form von Apps, die einen ganz normalen Tagesablauf auf dem Smartphone-Screen in Form von bunten Kurven und Balkendiagrammen darstellen.

Was als eine Art Selbsthilfegruppe des Silicon Valley begann, ist inzwischen ein globales Phänomen – und ein großes Geschäft. In vielen Apple Stores gibt es ein ganzes Regal mit Armbändern, Clips und anderen Kleingeräten, mit denen man sich selbst vermessen kann. Apple hat bereits Patente für Ohrhörer eingereicht, die automatisch Puls, Körpertemperatur und den Sauerstoffgehalt im Blut messen – sei es beim Musikhören oder Telefonieren. Die kalifornische Firma Jawbone, deren Tracking-Armband UP tagsüber Aktivität und nachts den Schlaf überwacht, wurde kürzlich auf mehr als drei Milliarden Dollar bewertet.

Irgendwann wird der Blick auf die Schlafdaten der vergangenen Nacht oder die eigenen Blutwerte so normal sein wie der morgendliche Schritt auf die Waage, da sind sich die Selftracking-Enthusiasten sicher. Doch abgesehen von dieser Zuversicht, sind die Unterschiede zwischen ihnen oft größer als ihre Gemeinsamkeit. Was sie vermessen und beobachten, ist sehr individuell – ebenso wie ihre Motivation und ihre Ziele.

II. Der Selbstmotivator

Holger Dieterichs Einstieg in die Szene dürfte typisch sein. Der 36-jährige Technik-Freak sagt: „Ich hatte von diesen Gadgets gehört, mit denen man seinen Alltag vermessen kann, und dachte mir: cool, was Neues zum Rumspielen.“ Dieterich erzählt das auf der Bühne, bei einem Treffen der Berliner Quantified-Self-Gruppe. Die Gruppe ist ein loser Zusammenschluss von Männern, die sich etwa alle zwei Monate treffen, um einander in sogenannten Show-and-Tell-Präsentationen zu zeigen, was sie messen, wie sie dabei vorgehen und was sie daraus lernen. Dieterich zeigt sein Jawbone-Armband herum sowie einen Tracker, die er beide benutzte, um seine tägliche Aktivität zu messen. Viele im Publikum tragen ein ähnliches Gerät am Handgelenk oder am Hosenbund. Dieterich erzählt, er habe relativ schnell erkannt, dass er nur selten die 10 000 Schritte erreichte, die als Tagespensum für einen gesunden Lebensstil empfohlen werden. Er begann, öfter zu Fuß zu gehen und irgendwann zu joggen. „Ich habe mein ganzes Leben noch keinen Sport getrieben“, sagt der Internetberater aus Berlin-Kreuzberg, „aber plötzlich rannte ich über das Tempelhofer Feld. Zuerst, weil ich die Resultate in meiner Statistik sehen konnte, irgendwann dann, weil ich merkte, dass es mir Spaß macht.“

Dieterich macht keinen Gebrauch von den Sharing-Funktionen, mit denen man seine zurückgelegten Joggingstrecken, erklommenen Treppenstockwerke oder vertilgten Kalorien mit seinen Facebook-Freunden oder der Twitter-Öffentlichkeit teilen kann. „Mich interessiert die Selbstbeobachtung, nicht der Vergleich mit anderen. Und meine Freunde würden sich von permanenten Datenverkündungen auch eher belästigt fühlen.“ Im Sommer will Dieterich einen Halbmarathon laufen. Vielleicht hätte er den Sport auch ohne Gadgets für sich entdeckt, aber es sei durchaus motivierend, den eigenen Fortschritt automatisch gespiegelt zu bekommen. „Ich bekomme eine wöchentliche E-Mail, in der zum Beispiel steht, dass ich in der vergangenen Woche weniger gelaufen bin oder dass Mittwoch in der Regel mein schwächster Tag ist. Das ist ein guter Ansporn.“

Neben seinen sportlichen Aktivitäten hat Dieterich auch angefangen, andere Daten über sich zu sammeln. „Ich habe keine konkrete Zielsetzung, keine Probleme, die ich lösen möchte“, sagt er. „Aber es ist interessant, was man über sich erfährt.“ Als Beispiel nennt er eine App, die er so eingestellt hat, dass sie ihm jeden Abend um 22.37 Uhr einen kurzen Fragebogen zu seinem Tag schickt. „Ob ich mich bei meiner Familie gemeldet habe, ob ich Alkohol getrunken habe, solche Sachen.“ Alles Dinge, die man eigentlich auch ohne App wissen könnte – bei denen man sich aber eben auch gern ein wenig selbst beschummelt. „Ich hatte nicht das Gefühl, viel Alkohol zu trinken“, sagt Dieterich. „Aber plötzlich habe ich gesehen, dass es doch fast jeden Abend war.“ Seine Konsequenz: zehn Wochen Totalverzicht.

Natürlich sei es eine etwas komische Sicht auf das eigene Leben, gibt er zu: diese Zweiteilung zwischen dem aktuellen Ich und dem angestrebten, besseren Ich. „Vielleicht ist Quantified Self nur ein anderer, unesoterischer Weg zu einer gewissen Selbstverbesserung. Und vielleicht muss das endgültige Ziel auch sein, sich irgendwann nicht mehr verbessern zu wollen. Dann wäre man ja im totalen Zen. Aber bis ich das erreicht habe, gehe ich halt weiter joggen.“

III. Der Produktivitätsvermesser

Brian Fabian Crain interessiert sich mehr für seine geistige Leistungsfähigkeit. Der 28-jährige Schweizer hat vor etwas mehr als zwei Jahren Gefallen an der Selbstbeobachtung gefunden. 2012 besuchte er die internationale Konferenz in San Francisco und im vergangenen Jahr auch das europäische Pendant in Amsterdam. Neben seinen Schritten, seiner Ernährung, seinem Sportpensum und seinen Ausgaben, die er regelmäßig überwacht, hat sich Crain vor allem auf die Themen Konzentration und Produktivität spezialisiert. Anfangs benutzte er dazu eine Software namens „RescueTime“: Sekundengenau protokollierte sie, welche Programme er am Computer geöffnet hatte und wie viel Zeit er auf welchen Websites verbrachte. „Es war zuerst sehr interessant, weil es einem die Wahrheit schonungslos vor Augen führt“, sagt Crain, „aber über die wirkliche Produktivität verrät es einem nicht so sehr viel.“ Schließlich könne man mit E-Mails seine Zeit ebenso vertrödeln wie effizient nutzen. Eine Nachrichten-Web-site könne der Recherche ebenso dienen wie der Zerstreuung. Also fing Crain an, per Hand Buch zu führen: Er unterteilte seine Arbeitszeit in Blöcke à 25 Minuten und notierte im Anschluss an jeden einzelnen, woran und wie konzentriert er gearbeitet hatte. Das Ergebnis war erstaunlich: Mehr als ein halbes Jahr stieg Crains Produktivität, bis sie schließlich auf einem Niveau verharrte, dass ungefähr doppelt so hoch war wie am Anfang seiner Messung. „Ich habe erst durch das bewusste Eintragen in die Tabelle gemerkt, wie viel Zeit ich eigentlich verplempere“, sagt Crain, der gerade seinen Master-Abschluss in Psychologie gemacht hat, den zweiten nach einem in Volkswirtschaftslehre und Philosophie.

Neben der Verhaltensänderung fasziniert die Szene ein weiteres Thema: das Erforschen von Korrelationen. Wie hängen verschiedene Aspekte des Lebens miteinander zusammen – oder beeinflussen sich gar gegenseitig? Brian Fabian Crain, der einen Tag pro Woche fastet, war sich beispielsweise sicher, dass er an diesen Tagen besonders konzentriert und produktiv war. Doch als er nach fast einem Jahr seine Daten untersuchte, gaben diese nichts dergleichen her. „Ich glaube insgeheim nach wie vor daran“, sagt Crain, „vielleicht gibt es ja noch einen weiteren Einflussfaktor, den ich nicht berücksichtigt habe.“

Trotzdem ist er mit seinem Experiment sehr zufrieden: Es habe ihn nicht nur produktiver gemacht, sondern ihm auch geholfen, realistische Ziele und Erwartungen zu formulieren. „Ich weiß jetzt, wie viel ich in einem bestimmten Zeitraum schaffen kann, gleichzeitig sehe ich visuell einen regelmäßigen Fortschritt in meiner Arbeit – das finde ich extrem motivierend.“

Neben seiner Arbeitsleistung hat Crain auch seinen Schlaf eine Zeit lang mit einem EEG-Stirnband untersucht. Seine Erkenntnis: „Ich konnte sehen, dass ich nur in den ersten zwei Dritteln der Nacht wirklich in die Tiefschlaf- und REM-Phase gekommen bin. Am Ende der Nacht so gut wie gar nicht mehr.“ Also reduzierte Crain sein Schlafpensum von durchschnittlich sechs Stunden und 30 Minuten auf fünf Stunden und 45 Minuten – „und es geht mir wunderbar damit“.

Große Sorgen um die Sicherheit seiner Tracking-Daten hat er nicht. „Ich mache mir viel mehr Gedanken über die Unterwanderung unserer Privatsphäre durch die NSA, die unsere E-Mails, Telefonate und Freundeslisten überwacht“, sagt er. „Mit diesen Daten kann man erheblich mehr anfangen als mit der Zahl der Schritte, die ich am Tag gemacht habe.“

Ebenso wie Holger Dieterich ärgert er sich jedoch darüber, dass Firmen wie Jawbone, Fitbit oder das französische Unternehmen Withings ihre Kunden nicht direkt an die Tracking-Daten heranlassen. „Das wird in die Cloud hochgeladen und in der jeweiligen App aufbereitet – aber an die Rohdaten heranzukommen ist fast nie möglich“, klagt Crain. „Bis es eine Open-Source-Variante geben wird, also eine Art Linux für Quantified Self, ist es meiner Meinung nach jedoch nur eine Frage der Zeit.“

IV. Der Körperoptimierer

Maximilian Gotzler sammelte schon Erfahrungen mit Selbstvermessung, als es den Quantified-Self-Trend in seiner heutigen Form noch gar nicht gab: „Ich habe vor etwa zehn Jahren angefangen, in den USA Collegebasketball zu spielen“, sagt er. „Da geht es extrem professionell zu, und wir wurden regelmäßig durchgecheckt: von unserem Körperfett über unsere Schnell- und Sprungkraft bis zu einzelnen Blutwerten.“ Dort sei der Grundstein gelegt worden für seine Begeisterung, den Körper in Zahlen zu erfassen, sagt der im oberbayerischen Weilheim geborene Gotzler, der heute in Berlin lebt.

Er ist wie Dieterich und Crain Mitglied der örtlichen Quantified-Self-Gruppe. Auch er schätzt die offene Atmosphäre und freundliche Neugier, die unter den Selbstvermessern herrscht: „Man wird auch als Neuling sofort willkommen geheißen. Jeder ist am Austausch und einem Diskurs interessiert, es ist sehr familiär.“ Basketball spielt der 29-Jährige nur noch zum Spaß, seine Blutwerte beobachtet er jedoch nach wie vor sehr genau. „Als ich festgestellt habe, dass ich sowohl sehr niedrige Vitamin-D- als auch Mikronährstoffwerte habe, habe ich mich näher damit beschäftigt und mit Ernährungsumstellung und Vitamin-D-Supplementierung experimentiert.“ Als die Werte wieder im Lot waren, habe er sich auch spürbar besser gefühlt, „auch wenn ich natürlich nicht ausschließen kann, dass ganz andere Faktoren oder ein gewisser Placebo-Effekt mit hineingespielt haben“. Gotzlers Vorbild ist der US-Autor Timothy Ferriss, der mit seinem Buch „Der 4-Stunden-Körper“ die Idee des „Bodyhackings“, also des Optimierens der eigenen Leistungsfähigkeit, Körperchemie und Ernährung, populär gemacht hat.

Frustriert davon, wie umständlich und teuer eine regelmä-ßige Analyse des eigenen Blutbildes ist, kam Gotzler eine Geschäftsidee: Gemeinsam mit einem Mitstreiter und zwei medizinischen Beratern baut er nun Biotrakr auf. „Die Nutzer sollen einfach, anonym und sicher gewisse Blutwerte ermitteln können. Wir erläutern ihnen dann, was diese Werte bedeuten und wie sie diese gegebenenfalls optimieren können. Man kann es sich wie einen Servicetermin fürs Auto vorstellen“, sagt Gotzler im Besprechungszimmer des Gemeinschaftsbüros in der Berliner Sophienstraße, in das sich Biotrakr eingemietet hat. „Prima, wenn alles in Ordnung ist – aber je früher man erkennt, dass etwas nicht stimmt, umso besser.“

Gotzler ist mit seiner Firma gerade in der Erprobungsphase: 50 Testkits hat er verschickt, um zu sehen, ob alles klappt. Kommen die Nutzer mit den Lanzetten zurecht, mit denen sie sich in den Finger piksen müssen? Klappt der anonymisierte Versand der Teststreifen an das Labor? Funktioniert der anschließende Datentransfer zu Biotrakr? Bis Mitte des Jahres will Gotzler den Machbarkeitsnachweis abschließen, bis Jahresende möchte er die ersten Kunden gewonnen haben – und hoffentlich auch einen Investor, der Geld, aber auch Know-how mitbringt.

Er weiß, dass gerade beim Thema Gesundheit Datenschutz entscheidend ist und dass seine Firma schon rein rechtlich keine medizinischen Diagnosen stellen darf. Trotzdem ist er sich sicher, dass es einen Markt für die Dienstleistung von Biotrakr gibt: „Der Gedanke der aktiven Optimierung ist vielleicht eher etwas für eine kleine und enthusiastische Zielgruppe. Aber für die breite Masse wollen wir mit Biotrakr ganz einfach ein Tool bieten, um mit so wenig Aufwand wie möglich gesünder leben zu können.“

V. Der Geschäftsmann

Von seinem Büro aus kann Florian Gschwandtner das Fitness-Studio sehen, in dem er regelmäßig schwitzt – er hat damit aber auch den perfekten Blick auf seine Kundschaft. Seine Firma Runtastic, einer der weltweit größten Anbieter von Sport-Tracking-Apps, befindet sich im fünften Stock eines Einkaufs- und Geschäftszentrums vor den Toren von Linz. 85 Mitarbeiter arbeiten für ihn und seine drei Mitgründer. Gschwandtner hat das Viererteam zusammengebracht, als er parallel zwei Studiengänge durchlief, welche die Technik- und die Geschäftswelt vereinten: „Mobile Computing“ und Wirtschaft mit dem Schwerpunkt digitale Geschäftsmodelle. „Wir waren die ersten Jahre extrem sparsam“, sagt Gschwandtner. „Als wir einmal 50 000 Euro in einem Gründerwettbewerb gewannen, zahlten wir uns jeweils nur 200 Euro aus. Alles Geld sollte in die Firma fließen.“

Rund 100 000 Menschen weltweit laden jeden Tag eine der Runtastic-Apps herunter. Man kann damit seine Laufrunden erfassen, seine Skiabfahrten messen oder seine Mountainbike-Touren kartografieren. Er verhandelt inzwischen mit Google und Apple und hat gerade auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas die Hardware präsentiert, die das Unternehmen neuerdings anbietet. Denn das Linzer Start-up verdient sein Geld mittlerweile nicht mehr nur mit App-Downloads, Premiummitgliedschaften oder Trainingsplänen, sondern verkauft auch Digitalwaagen, Pulsgurte und Trainingsuhren.

Also gewissermaßen der umgekehrte Weg, den der große Konkurrent Nike einst ging: Der US-Konzern gründete vor einigen Jahren die Sport-Tracking-Plattform Nike+, um mehr Turnschuhe und Sportbekleidung zu verkaufen. Runtastic dagegen baute erst eine Community von Millionen begeisterten Hobbysportlern auf, um diesen nun Trainings-Hardware zu verkaufen. Nike+ hat inzwischen mehr als 18 Millionen registrierte Mitglieder, die Runtastic-Plattform mehr als 25 Millionen. Die große Nutzerzahl dürfte es auch gewesen sein, die den Axel Springer Verlag im vergangenen Herbst dazu bewog, 50,1 Prozent der österreichischen Firma für einen „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ zu kaufen. Das Geschäft mit der Selbstvermessung – für die vier Unternehmensgründer, die auch nach dem Verkauf alle an Bord geblieben sind, hat es sich bereits gelohnt.

VI. Epilog

„Als die optische Linse erfunden wurde, richteten wir sie in die Ferne“, schreibt Gary Wolf, einer der „Erfinder“ von Quantified Self in einem Aufsatz. „Aber fast im gleichen Moment drehten wir sie um und richteten sie auf uns selbst. Das Teleskop wurde zum Mikroskop. Wir entdeckten Blutzellen und Spermien. Wir entdeckten ein Universum von Mikroorganismen in unserem Inneren. Die Werkzeuge des Selftracking und die Zahlen, die sie uns liefern, sind eine neue Art von Mikroskop. Mit ihm entdecken wir Muster in der kleinsten Analyseeinheit – dem einzelnen Menschen. Doch der Vergleich mit einem persönlichen Mikroskop ist falsch, denn die Erkenntnis wird nicht nur aus unseren eigenen Zahlen kommen, sondern auch aus der Kombination mit den Erkenntnissen anderer. In Wirklichkeit ist das, was wir entwickeln, ein Makroskop.“ Das Makroskop, prophezeit Wolf, werde für unsere Ära das werden, was Teleskop und Mikroskop für die Generationen vor uns waren. „Die Fragen, die es aufwirft, werden mindestens ebenso wichtig werden wie die Antworten, die es liefert.“

Noch sind die Anwendungsmöglichkeiten und Erkenntnisse der Selbstvermessung beschränkt. Noch werden vor allem Schritte gezählt oder erklommene Treppenstockwerke vermessen, was aber nur einen begrenzten Erkenntnisgewinn liefert. Spannender wird es, wenn es die Technik ermöglicht, auch Komplexeres zu analysieren, wie beispielsweise Emotionen oder soziale Interaktionen. In ersten Experimenten wird bereits daran gearbeitet – so forscht das Media Lab des MIT (Massachusetts Institute of Technology) beispielsweise an einer App, die aus den Bewegungs- und Kommunikationsdaten von aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten frühzeitig Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen ableiten soll.

Das wirft Fragen auf: Wem gehören die Daten, die auf diese Weise erhoben werden? Wer darf Zugriff darauf haben? Ist es legitim, wie es eine Autoversicherung bereits tut, Versicherten einen vergünstigten Tarif anzubieten, wenn sie einwilligen, ihr Fahrverhalten durch ein kleines Gerät permanent überwachen zu lassen?

Oft wird den Selbstvermessern vorgeworfen, zu leichtsinnig mit ihren Daten umzugehen. Sich freiwillig durchsichtig zu machen, einer möglichen „Gesundheits- und Optimierungsdiktatur“ Vorschub zu leisten. Dabei kann man es auch genauso gut andersherum sehen: In Zeiten, in denen Amazon weiß, wofür man sein Geld ausgibt, Google und andere Konzerne wissen, wo man sich im Internet bewegt, Apple, Samsung und die Deutsche Telekom unseren Aufenthaltsort auf Minute und Zentimeter genau kennen, wird sowieso jeder überwacht. Die Selbstvermesser sind diejenigen, die auch selbst Einblick in ihre Daten nehmen und Schlüsse daraus ziehen wollen.

Denn die eigentliche Bedrohung für den Datenschutz sind nicht Menschen, die ihren Alltag vermessen, ihre Schlafkurven betrachten oder ihr Vitamin-D-Level messen, um etwas über sich selbst herauszufinden. Sondern Geheimdienste, die hemmungs- und grenzenlos E-Mails und Verbindungsdaten überwachen und die, wie wir heute wissen, den Aufenthaltsort und zahlreiche weitere persönliche Informationen von jedem Einzelnen in Erfahrung bringen können. Dazu braucht es keine Fitness-App und keinen Schrittzähler: Es reicht, wenn man eine vermeintlich harmlose, aber mit Geheimdienst-Hintertürchen ausgestattete App wie „Angry Birds“ oder Google Maps auf seinem Mobiltelefon installiert hat. ---

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