Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Svenja Hofert im Interview

Das halbe Leben

brand eins: Frau Hofert, heute ist viel von Selbstverwirklichung durch Arbeit – auch New Work genannt – die Rede. Was halten Sie davon?

Svenja Hofert: Ich finde das Konzept, das auf den Philosophen Frithjof Bergmann zurückgeht, sehr faszinierend und inspirierend. Ich habe allerdings das Gefühl, dass es in der alltäglichen Arbeitswirklichkeit der Menschen nicht sehr relevant ist. Das darf man natürlich nicht verallgemeinern, doch aus meinen Erfahrungen in den Unternehmen treiben die Menschen andere Themen um.

Welche sind das?

Sehr unspektakuläre. Sie schauen meist auf sich und das, was sie täglich bei der Arbeit erleben. Das ist sehr individuell, doch ich habe dennoch das Gefühl, dass die Menschen eine andere Arbeitswirklichkeit haben, als sich die Theoretiker vorstellen. Vor allem sehen die allerwenigsten ihre Arbeit tatsächlich als ganz und gar sinnstiftend an.

Als was dann?

Meiner Erfahrung nach betrachten die Menschen Arbeit nicht als ihr Leben. Egal, ob in Oberfranken oder in Hamburg, ob in großen Unternehmen oder kleineren: Die Menschen betrachten Arbeit eher aus einer anderen, sehr menschlichen Perspektive. Sie arbeiten gern, und die Arbeit füllt sie zu einem gewissen Maße auch aus. Aber die allerwenigsten Menschen, die mir in meiner jahrelangen Praxis begegnet sind, denken und handeln unternehmerisch und sind in dem Sinne intrinsisch motiviert, dass sie ständig einen „Flow“ erleben.

Wann ist Arbeit gute Arbeit?

Man traut es sich kaum zu sagen, so banal ist es. Die Leute gehen gern zur Arbeit, wenn sie anständig bezahlt werden, mit netten Kollegen zusammenarbeiten, mit denen sie gern mal beim Kaffee zusammenstehen und quatschen können; wenn sie ihren Job beherrschen und das Gefühl haben, wertgeschätzt zu werden. Sie gehen dann aber auch gern pünktlich nach Hause, denn sie wollen auch ihre Kinder sehen. All das führt zu Zufriedenheit. Natürlich gibt es auch jede Menge Unzufriedenheit in den Unternehmen, keine Frage, doch es ist deutlich zu erkennen, dass die Menschen diese Unzufriedenheit – solange sie nicht überhand nimmt – dem Bedürfnis nach Sicherheit unterordnen.

Also ist die schöne neue, flexible Arbeitswelt ein Mythos?

Ich denke, diese Welt gibt es tatsächlich vor allem in den Köpfen der Theoretiker und bei irgendwelchen Vorträgen und Konferenzen. Darüber zu reden ist einfacher, als sie zu verwirklichen. Allerdings färbt diese Theorie durchaus ab. Das ist vor allem beim Einstellen jüngerer Fachkräfte zu spüren, denn die Personalabteilungen glauben, sie müssten den Ansprüchen der sogenannten Generation Y genügen und sich als moderner Arbeitgeber darstellen, der flexible Arbeitsmodelle anbietet.

Tritt diese Generation so selbstbewusst gegenüber den Unternehmen auf, wie es ihr zugeschrieben wird?

Ich erlebe die jungen Nachwuchskräfte anders. Sie haben oft Selbstzweifel und sind so wenig selbstbewusst wie die älteren Arbeitnehmer es früher waren. Sie träumen davon, eine Familie zu haben, sie trauen sich nicht auszusprechen, dass sie mehr Urlaub haben oder früher nach Hause gehen wollen. Das ist alles wenig spektakulär und hat auch mit den anderen gern kolportierten Mythen wenig zu tun.

An welche denken Sie?

An den Fachkräftemangel zum Beispiel. Ich bin davon überzeugt, dass es ihn als flächendeckendes Phänomen nicht gibt. Es gibt sicherlich Regionen, in denen er existiert, aber das liegt dann an den unattraktiven Standorten und nicht daran, dass es die geeigneten Leute nicht gäbe. Ein weiterer Mythos ist das Home Office – heute haben weniger Leute einen vom Arbeitgeber eingerichteten Arbeitsplatz zu Hause als Mitte der Neunzigerjahre. Das Gleiche gilt für das papierlose Büro und die Generation Praktikum. Es gibt seit vielen Jahren keine nennenswerte Akademikerarbeitslosigkeit.

Was stört Sie an diesen Ihrer Ansicht nach falschen Vorstellungen?

Die Erfindung der Generation Praktikum tat niemandem weh. Beim Thema New Work hingegen, das eine Art Ideal eines mündigen, freien und selbstbestimmten Berufstätigen entwirft, kann durchaus ein Soll-Zustand abgeleitet werden, dem nicht alle gerecht werden können. Das übt natürlich Druck aus auf jeden Normalo. Und das erhöht wiederum die Unzufriedenheit, weil man meint, man sei ein Verlierer, wenn man sich bei der Arbeit nicht selbst verwirklicht. ---

Svenja Hofert, 48,
arbeitet in Hamburg als selbstständige Karriereberaterin für Privatpersonen und Unternehmen und ist Sachbuchautorin sowie Bloggerin.

Mehr aus diesem Heft

Arbeit 

Eine Idee macht Schule

Aus der Not entstand eine beispielhafte Privatinitiative: die Hacker School.

Lesen

Arbeit 

Die Revolution der Schläfer

Die japanische Arbeitswelt beruht auf Unterordnung, Konformismus und Selbstausbeutung. Einige Junge beginnen zu rebellieren – auf eine sehr eigene Art.

Lesen

Idea
Read