Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Hacker School

Eine Idee macht Schule

Selbst gebaut: ein 3D-Drucker ...

• Es ist heiß. Es ist der erste Tag der Sommerferien und die letzte Stunde des Kurses „Robot Race“ an der Hacker School in Hamburg. Die fünf Schüler, die hier schwitzend ihre Freizeit verbringen, schauen ratlos auf ein paar knallorange und -blaue Plastikgefährte. Irgendetwas funktioniert nicht.

Der Kursleiter Thomas Richter hat die Vehikel selbst produziert – mit einem ebenfalls selbst gebauten 3D-Drucker. Zu Beginn des Kurses fuhren sie in einem Viertelkreis – immer vor und zurück. Dann gab er den Schülern den Programmiercode, der die Wagen steuert. Was passiert, wenn man die Variablen verändert? Wann fahren die Vehikel einen Kreis? Oder eine Acht? Es war ein Vortasten, Ausprobieren, ein Suchen nach Lösungen. Ganz nebenbei erkannten die Jugendlichen die Bedeutung der Codezeilen.

Nun, in der letzten Stunde des Kurses, sollen die Wagen mithilfe von Sensoren eine Linie auf Papier erkennen und an ihr entlangfahren. Sollen. Aber sie tun es nicht. „Fehlersuche gehört auch zur Software-Entwicklung“, sagt Andreas Ollmann. Er ist der Gründer der Hacker School, zusammen mit seinen Partnern David Cummins und Timm Peters.

Ollmann und Cummins sind zwei von vier Geschäftsführern der Kommunikationsagentur Ministry GmbH. Bei ihnen stellen sich immer wieder Bewerber vor, die Fachinformatiker werden wollen, aber nie zuvor etwas programmiert haben. „Da fragt man: Hast du schon mal irgendwas mit Computern zu tun gehabt?“, sagt Ollmann, „und erhält als Antwort: Ja, nee, gespielt habe ich.“

Im Mai vergangenen Jahres waren er und seine Kollegen auf einer Konferenz, auf der Hamburgs Schulsenator Ties Rabe verkündete, dass Informatik in Hamburger Stadtteilschulen kein Pflichtfach mehr sein soll. Es fielen Sätze wie „Eine weitere Fremdsprache ist wichtiger als eine Programmiersprache“, und Behördensprecher Peter Albrecht sagte, Informatik sei „nicht für alle in gleicher Intensität vonnöten.“ Salopp formuliert: In einer mobilen Gesellschaft solle jeder Auto fahren können, aber nicht jeder müsse wissen, wie ein Wagen funktioniert.

Das brachte das Fass zum Überlaufen.

„Dann muss man das halt selber machen“

Die IT-Branche der Hansestadt fühlte sich alleingelassen. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass wir einen Fächerkanon aus dem 19. Jahrhundert konservieren“, sagte zum Beispiel Matthias Schrader, Vorstand beim Internetdienstleister Sinner-Schrader, gegenüber der »Welt«. „Informatik besaß während meiner Schulzeit vor 30 Jahren einen höheren Stellenwert als heute. Dabei wissen alle, dass man in der Schule früh anfangen und insbesondere Mädchen von der Informatik begeistern muss.“

Die Realität sieht anders aus. An vielen Schulen wird nur noch der Umgang mit Microsoft-Office-Produkten und ein bisschen Google gelehrt. Während etwa Schüler in Estland von der ersten Klasse an programmieren lernen und britische Bildungspolitiker gerade angekündigt haben, das Erlernen einer Programmiersprache in die Lehrpläne aufzunehmen, ist die Situation an deutschen Schulen ziemlich verworren. Bundesländer wie Bremen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Nordrhein-Westfalen verfolgen einen integrativen Ansatz. Computerkenntnisse sollen in anderen Fächern mitvermittelt werden. Also nebenbei. In Hessen gibt es ein Wahlangebot Informatik nur für die Klassen 5 bis 10 an Gymnasien. Und im Bildungsplan von Baden-Württemberg steht geschrieben, dass Schüler sich privat schon ausreichend qualifizierten.

Das Fach Informatik hat in Deutschland keinen Stellenwert. Wenn Schüler Computerkenntnisse besitzen, dann nicht wegen, sondern trotz Schule.

Dabei bleiben rund 40 000 IT-Stellen Jahr für Jahr in Deutschland unbesetzt, weil Fachkräfte fehlen. Die Zahl ist seit Jahren konstant. Der Branchenverband Bitkom spricht von einer strukturellen Lücke. Der Anteil der weiblichen Fachkräfte in der Branche beträgt gerade mal 14 Prozent.

Wenn die Schule mit ihrem Frontalunterricht es nicht schafft, Schüler für Informatik zu begeistern, wenn Lehrer überfordert sind und keinen Zugang vermitteln, wo soll dann der Nachwuchs für die IT-Branche herkommen?

David Cummins sagte an diesem Konferenztag im Mai den entscheidenden Satz: „Dann muss man das halt selber machen. So eine Art Hacker School.“ Damit war die Idee in der Welt.

Einer, der’s macht, einer, der’s organisiert, einer, der’s verkauft

Die beiden erzählten ihrem Freund Timm Peters von der Idee. Peters war Mitglied der Geschäftsleitung von Etracker, einem Unternehmen für Webanalyse-Software, und baut derzeit den Europäischen Verband für Digital Analytics auf. Er hat gute Kontakte in die Szene und erwies sich als Brandbeschleuniger für die Hacker School.

Von nun an ging es schnell: Am 20. Februar luden sie rund 50 Leute aus ihrem Netzwerk zu einem Infoabend ein, um ihre Idee zu präsentieren. „Wir hatten damit gerechnet, dass etwa ein Dutzend Leute erscheinen würde“, sagt Peters. Tatsächlich kamen mehr als 40. Mit zwei Kursen wollten sie noch vor den Sommerferien starten. Am Ende des Abends hatten sich 14 Teams gebildet, die je einen Kurs veranstalten wollten. Das Angebot hatte sich auf einen Schlag versiebenfacht.

David Cummins, der IT-Crack, kümmerte sich um die Kurse und die Dozenten. Andreas Ollmann stellte in drei Wochen das Konzept samt Logo, Corporate Identity und Internetauftritt auf die Beine. Und Timm Peters ließ seine Kontakte spielen, suchte Sponsoren und Räumlichkeiten, sprach Schüler auf der Straße an und wandte sich schließlich sogar an den Senat der Hansestadt. „Einer, der’s macht, einer, der’s organisiert, einer, der’s verkauft“, fasst Peters zusammen.

Was fehlte, waren die Schüler. Die Anmeldungen trudelten nur zögerlich ein. Zu wenig Vorlaufzeit. Zu wenig Werbung. „In den letzten zwei Wochen habe ich bestimmt 70 Prozent meiner Arbeitszeit in das Projekt gesteckt“, sagt Ollmann. Peters: „Wir sind auf den letzten Metern auf allen Vieren gekrochen.“ Die Mühe hat sich gelohnt. In den letzten drei Tagen stieg die Zahl der Anmeldungen um glatte 100 Prozent. Acht Kurse mit 55 Teilnehmern fanden schließlich statt. Weniger als erhofft, aber mehr, als man in der kurzen Zeit erwarten durfte. „Am schönsten war es, dann endlich die Kinder zu sehen“, sagt Peters. „Man stellt sich ja immer eine Zielgruppe vor, und es war toll zu sehen, dass es die wirklich gibt.“

Es läuft – aber so geht’s nicht weiter

Die Schüler lernten, einen Twitter- oder einen WhatsApp-Klon zu programmieren, entwickelten Spiele auf der Basis von JavaScript oder des Computerspiels Minecraft, schrieben Programme für eine App zum Malen oder tauchten in die Welt der Roboter ein. „Wir haben tolle Dozenten“, sagt Peters. „Etwa einen der besten Game-Designer Deutschlands.“ Und die sollen nicht als Lehrer auftreten, sondern ganz normal und unverfälscht mit den Schülern umgehen und das machen, was ihnen selbst Spaß macht.

„Es geht nicht darum, komplizierte Codes zu schreiben“, sagt Peters. „Es geht eher um eine grundsätzliche Kompetenz, um die Fähigkeit, Prozesse strukturiert zu denken, und um ein Verständnis dafür, wie Dinge funktionieren.“

Auch eine Lehrerin hatte sich beim Robotik-Kurs angemeldet. Sie wollte schauen, ob das auch für ihre Schüler interessant sein könnte. „Man muss den Jungs ja was bieten“, sagt sie. Und den Mädchen? „Die interessieren sich eher weniger dafür“, sagt sie. „Gerade bei Mädchen mit Migrationshintergrund entspricht das nicht dem Rollenverständnis.“

Mittlerweile hat die Hacker School Anfragen aus Bremen, Dortmund, Berlin, Frankfurt und sogar aus Casablanca. Dort sollen eigenverantwortliche Ableger entstehen. In Hamburg sollen weitere Formate hinzukommen – und wenn möglich eine bezahlte Halbtagsstelle. Sonst wächst Ollmann und seinen Partnern die Aufgabe über den Kopf.

Mit der Hilfe Hamburger Institutionen rechnet Peters nicht. „Die wollen zwar alle gefragt und informiert werden, helfen aber nicht.“ Stattdessen will Peters gleich nach Brüssel und Geld von der EU. Und die Chancen sind gestiegen, seit er in Kontakt ist mit Gesche Joost, der Internetbotschafterin der Bundesregierung bei der EU. Joost fordert seit Langem ein eigenes Schulfach Programmieren. „Es gibt inzwischen unglaublich viele kleine private Initiativen“, sagt sie. Gerade ist sie dabei, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Hacker School bezeichnet sie als eines der „am weitesten vorangeschrittenen Projekte“, obwohl sie in nicht einmal vier Monaten realisiert wurde. ---

Weltweite Initiativen

Code.org
Eine Non-Profit-Organisation der Brüder Hadi und Ali Partovi, die Schülern Mut machen will, sich an das Thema Codierung heranzutrauen, und mehr Informatikunterricht in die Schulen bringen will. Die Website enthält kostenfreie Schulungen und wird von Bill Gates, Mark Zuckerberg und vielen Unternehmen mit rund zehn Millionen Dollar unterstützt.
www.code.org

Video: What Most Schools Don ‘t Teach These Billionaires

 

Made with Code
Ein Programm von Google. 50 Millionen Dollar hat das Unternehmen investiert, um mehr Mädchen für ein IT-Studium zu begeistern. Auf der Website sollen sie mit einfachen Programmierbeispielen an das Thema herangeführt werden.
www.madewithcode.com

 

Schulen fürs Leben

Do School
„ Die Zeit ist vorbei, da Ausbildung nur der Weitergabe von Wissen diente “, heißt es im Programm der Do School, die Zukunft gestalten und das Gesicht der Welt verändern will. Sie bietet ein einjähriges Ausbildungsprogramm für junge Leute, die Sozialunternehmer werden wollen. 2011 eröffnete der erste Campus in Hamburg, mittlerweile gibt es auch einen Pop-up-Campus in New York.

Teilnehmer aus der ganzen Welt können sich bewerben. In diesem Jahr waren es rund 1500 Bewerber aus 100 Ländern. Es werden immer nur maximal zwei Kandidaten aus einem Land genommen. Die Mischung reicht vom ehemaligen Kindersoldaten aus Uganda bis zum Harvard-Absolventen. Entscheidend ist die Motivation für die eigene Idee.

Die ersten zehn Wochen verbringen die Teilnehmer in der Do School, erarbeiten einen Businessplan und müssen gemeinsam eine Aufgabe bewältigen, die von Unternehmen, Institutionen oder Stiftungen gestellt wird. Eine der ersten war der Aufbau eines Dorfes in den Philippinen für Familien, die vom Müllsammeln und -sortieren leben. 2013 hat die Stadtregierung von New York ein Konzept gesucht, um der allge-meinen Wegwerfkultur entgegenzuwirken. 20 Fellows haben daraufhin ein Recyclingsystem entwickelt. In diesem Jahr stellte H & M die Aufgabe, einen nachhaltigen Laden zu entwickeln, einen Green Store. Vom Material bis zum Licht sollte alles möglichst ökologisch entwickelt werden.

Nach der Lösung der Aufgabe gehen die Teilnehmer in ihre Heimat zurück und arbeiten zehn Monate lang an ihren eigenen Ideen. Unterstützt werden sie von Mentoren und einem E-Learning-Programm sowie von der stetig größer werdenden Community.

Kontakt: http://thedoschool.org

 

Sommerunternehmer
Schüler aus Hamburger Bezirken können in den Sommerferien lernen, was es heißt, ein Unternehmer zu sein. Wie tickt so jemand? In der ersten Woche bekommen die Schüler eine „ warme Dusche “, wie Initiatorin Kerstin Heuer es nennt. Die Jugendlichen werden gefragt, was sie können. „ In der Regel lautet die Antwort: nix “, sagt Heuer. Bohrt sie weiter, kommen die Talente zutage. „Und sei es nur, dass jemand gut Skate-board fahren kann.“ Aus allem lässt sich ein Geschäftsmodell machen. Die Kinder sammeln Ideen, betreiben Marktforschung, entwerfen Werbung und suchen Absatzkanäle. Am Ende der Einführungswoche präsentieren sie ihre Konzepte vor Vertretern von Stiftungen, Unternehmen und der Handelskammer. Und sie bekommen ein Startgeld von 100 Euro.

Dann versuchen sie die nächsten fünf Wochen lang, ihr Geschäft erfolgreich zu betreiben. Sie schreiben ein Unternehmertagebuch und treffen sich zweimal pro Woche für einen Austausch. Am Ende der sechs Wochen erhalten sie ein Diplom von der Handelskammer und dürfen ihr selbst verdientes Geld behalten. Manche Projekte laufen auch nach den Ferien noch weiter. „Das ist aber nicht das erklärte Ziel“, sagt Heuer. „ Wir betrachten das schon als abgeschlossenes Projekt. Das Wichtigste ist, den Schülern dabei Selbstvertrauen zu geben. “

Kontakt: Futurepreneur e. V., www.sommerunternehmer.de

 

Brennerei – Next Generation Lab
Die Bremer Wirtschaftsförderung und die Brennerei betreiben die interdisziplinäre Ideenschmiede Next Generation Lab. Jeweils acht Stipendiaten entwerfen sechs Monate lang Lösungskonzepte für konkrete Probleme. Die Aufgabenstellungen werden von der Wirtschaftsförderung in Zusammenarbeit mit Bremer Unternehmen entworfen und orientieren sich an den drei großen Wirtschaftsbereichen Bremens: der Luft- und Raumfahrt, der maritimen Wirtschaft und der Windenergie.

Die Stipendiaten bekommen eine Aufwandsentschädigung von 1000 Euro im Monat. Das Lab gilt innerhalb der Wirtschaftsförderung als Versuchsfeld für die Erprobung permanenter Innovationsprozesse, um auf die komplexer werdenden Märkte der Zukunft schnell zu reagieren.

Kontakt: http://brennerei-lab.de

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