Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Giacomo Corneo

Börse plus Sozialismus

• Der Volkswirt Giacomo Corneo hat ein Buch über Wirtschaftssysteme geschrieben. Es heißt „Bessere Welt“ und geht der Frage nach, ob der Kapitalismus ausgedient hat. Über weite Strecken liest es sich wie eine Verteidigung des bestehenden Systems – nach dem Motto: Der Kapitalismus ist sicher nicht perfekt, aber besser als alles andere, was bisher gedacht oder erprobt wurde. Bis ganz am Ende auf einmal klar wird, dass sich Corneo für ein gewagtes Experiment starkmacht.

Vorschläge für eine andere Ökonomie gibt es einige. Gütergemeinschaft, genossenschaftliche Selbstverwaltung und Planwirtschaft sind altbekannte Modelle, während Postwachstumsgesellschaft und Gemeinwohlökonomie stellvertretend für die neuen Sehnsüchte nach einer Alternative stehen (siehe Randspalten). Spätestens seit den großen Krisen der vergangenen sechs Jahre haben Ideen, den Kapitalismus zu zähmen oder gar abzuschaffen, Konjunktur.

Corneos Vorstoß aber ist etwas Besonderes. Weil er von innen kommt, aus dem Kreis der etablierten Wirtschaftswissenschaftler, denen seit einiger Zeit vorgeworfen wird, sich dogmatisch verkapselt zu haben. Forschung und Lehre, heißt es, würden von einer einzigen, der neoklassischen Sichtweise dominiert.

Der 50-jährige Italiener gilt als international anerkannter Ökonom. Er ist Professor für öffentliche Finanzen an der Freien Universität Berlin und definiert sich selbst als Neoklassiker, als Anhänger jener Theorie also, die – häufig mit abschätzigem Unterton – auch als neoliberale bezeichnet wird. Er glaubt an das von Eigeninteressen geleitete Individuum, ist überzeugt von der Effizienz des Marktprinzips. Und bringt dennoch ein Modell aufs Tapet, das dem Kapitalismus von heute an den Kragen will.

Corneo nennt es Aktienmarktsozialismus. In diesem Modell ist der Staat Haupteigentümer jedes börsennotierten Unternehmens. Daneben existieren viele kleine Privatfirmen. Wie hoch der staatliche Anteil an den Aktiengesellschaften ist, wird durch die Verfassung festgeschrieben. Möglich wären beispielsweise 75 Prozent. Die restlichen 25 Prozent würden frei gehandelt und befänden sich im Besitz von Kleinanlegern, anderen Unternehmen, Banken, Stiftungen, Pensionsfonds. Der Gewinn der von Managern geführten marktsozialistischen Unternehmen flösse entsprechend den Eigentumsverhältnissen zum großen Teil in den Staatshaushalt.

Was erhofft sich Corneo von diesem Modell? Eben noch hat er sein Buch vor Studenten der FU Berlin präsentiert. Jetzt bittet er zum Gespräch in sein Arbeitszimmer.

brand eins: Herr Corneo, die Kombination aus Aktienmarkt und Sozialismus klingt befremdlich. Sind Sie nun pro oder kontra Kapitalismus?

Giacomo Corneo: Das kann man so eindeutig nicht sagen. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, hat zwei Wesensmerkmale: Marktwirtschaft und das Privateigentum an Produktionsmitteln. In meinem Modell bleibt Ersteres erhalten, Letzteres hingegen wird zwar nicht völlig abgeschafft, aber doch stark beschnitten. Letztlich kommt es aber gar nicht darauf an, für oder gegen den Kapitalismus zu sein. Die Frage ist, ob es eine Wirtschaftsordnung gibt, die in der Lage ist, unsere Probleme besser zu lösen als die bestehende. Bis heute ist es in unserer Zunft nicht üblich, Alternativen ins Spiel zu bringen. Die Systemfrage wird tabuisiert. Wer sie stellt, gilt schnell als unseriös. Ich finde diese Tabuisierung intellektuell feige und politisch kontraproduktiv.

Welche Probleme kann Ihr Modell denn besser lösen als der Kapitalismus in der heutigen Form?

Wenn wir auf Europa schauen, sehen wir, dass die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer größer wird. Die Gefahr besteht, dass sich am unteren und am oberen Ende der Pyramide große Teile der Gesellschaft vom Gemeinwesen verabschieden. Es kann ein Teufelskreis entstehen: Der Einfluss der Reichen auf die Politik wird größer, mit der Folge, dass die Politiker Gesetze schaffen, die den Reichen noch größeren Reichtum ermöglichen. Das führt letztendlich zu einer Plutokratie. Gerade die Deutschen, die immer nach vorn schauen und dem Stabilitätsdenken verhaftet sind, wenn es um Umwelt oder die Staatsfinanzen geht, sollten anfangen, der sozialen Polarisierung vorzubeugen.

Und die weitgehende Verstaatlichung von Unternehmen, glauben Sie, leistet das?

Die Frage ist, wie eine Ordnung beschaffen sein müsste, die zum einen in etwa so viel Wohlstand zu erzeugen vermag wie die heutige und die zum anderen der sozialen Ungleichheit entgegenwirkt. Letzteres wird im Aktienmarktsozialismus dadurch erreicht, dass die Unternehmensgewinne nicht einer kleinen Minderheit von Reichen, sondern über den Staatshaushalt allen Bürgern zufließen. Denkbar wäre auch, die Gewinne dafür zu nutzen, jedem Bürger regelmäßig eine soziale Dividende auszuschütten. Das würde insbesondere die Lage der Geringverdiener verbessern. Sie verfügten über ein von ihrer Arbeitskraft unabhängiges Einkommen und hätten dadurch eine bessere Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt.

Wir erinnern uns noch an die Deutsche Bundespost, die nicht gerade durch Innovationskraft bestach. Die Landesbanken kosteten den Steuerzahler in der Finanzkrise viel Geld. Und der im Bau befindliche Berliner Flughafen zeigt, dass die öffentliche Hand im Management von Großprojekten nicht immer brilliert. Ist es nicht blauäugig, zu erwarten, dass Staatsunternehmen für die Allgemeinheit satte Gewinne erwirtschaften?

Ihr Image ist ohne Zweifel nicht das beste. Manchmal zu Unrecht. In Finnland etwa kontrollierte die öffentliche Hand lange Zeit ein Fünftel der Industrie des Landes. Die Staatsunternehmen erzielten Gewinne und trieben den technischen Fortschritt voran. Die Privatisierungen der vergangenen 20 Jahre hatten eher politische als wirtschaftliche Gründe.

Doch unabhängig davon sind Staatsunternehmen mit zwei Problemen behaftet. Zum einen besteht die Gefahr, dass sich die Regierenden in die Geschäfte einmischen, dass sie die Unternehmen etwa an notwendigen Entlassungen hindern. Dieser Gefahr begegne ich in meinem Modell mit einer Institution, die ich Bundesaktionär nenne. So unabhängig wie die Bundesbank früher über die Preisstabilität wachte, achtet der Bundesaktionär darauf, dass die Unternehmen langfristig eine möglichst hohe Rendite abwerfen. Er wählt durch seine Vertreter in den Aufsichtsräten die Topmanager aus, wirkt an ihren Verträgen mit und gibt ihnen Ratschläge, was die Strategie angeht. Geführt wird er nicht von Parteipolitikern, sondern von Fachleuten.

Das zweite Problem kreist um die Frage, wie man die Topmanager von Staatsunternehmen dazu bewegt, eine Maximierung des Gewinns anzustreben.

Inwiefern muss man sie anders behandeln als die heutigen Konzernlenker? Die sind ja in der Regel auch keine Eigentümer, sondern Angestellte, die erfolgsabhängig entlohnt werden.

Genau dieses Prinzip soll erhalten bleiben. Doch damit es funktioniert, braucht man einen Maßstab, an dem sich die Leistung des Managements bemessen lässt. Das ist der Grund, warum ich auf den Aktienmarkt nicht verzichten will. Es mag auf den ersten Blick überraschen, aber wir brauchen ihn für die Disziplinierung der Topmanager.

Ausgerechnet der Lieblingsfeind aller Kapitalismuskritiker soll Garant für mehr soziale Gerechtigkeit sein?

Der Aktienmarkt sorgt dafür, dass in unserem sozial gerechten System die Unternehmen nicht schlechter wirtschaften als heute. Der Preis der Aktien signalisiert die Erwartungen der Anleger. Dieses zeitnahe Signal ist wichtig. Es ist ein Indikator für die Qualität des Managements.

Der laufende Gewinn eines Unternehmens taugt dafür nicht, denn der hängt wesentlich von Investitionsentscheidungen ab, die vor langer Zeit getroffen wurden. Nähme man ihn als Maßstab, wäre der Anreiz groß, den kurzfristigen Gewinn auf Kosten des langfristigen Gewinns zu erhöhen. Die Manager würden sinnvolle Investitionen unterlassen, weil deren Erträge erst mit großer Verzögerung einträten. Nicht umsonst ist auch heute die Entlohnung der Konzernlenker oft an den Erfolg der Aktie gekoppelt. Er diszipliniert die Topmanager dazu, im Sinne des Shareholder Value zu handeln – wobei man ja nicht vergessen darf, dass in unserem Modell das gesamte Gemeinwesen Shareholder ist.

Was passiert im Aktienmarktsozialismus mit Unternehmen, die dauerhaft Verluste machen?

Sie werden aussortiert.

Welchen Platz haben die kleinen privaten Unternehmen? Müssen sie befürchten, ab einer bestimmten Größe verstaatlicht zu werden?

Zunächst einmal halte ich die Existenz von Unternehmern für unverzichtbar. Sie treiben die Innovation maßgeblich voran. Denn mit ihrer Begeisterung und der Aussicht auf Ruhm und Reichtum gehen sie oft Risiken ein, die Großunternehmen eher scheuen. Was wir brauchen, ist also ein Mechanismus, der unternehmerisches Handeln fördert, zugleich aber das Entstehen kapitalistischer Dynastien verhindert. Nun werden auch im heutigen Kapitalismus junge, erfolgreiche Firmen oft an große etablierte Unternehmen verkauft, die deren Ideen für den Massenmarkt tauglich machen. An diese Praxis könnte man im Aktienmarktsozialismus anknüpfen.

Wenn aber die Eigner nicht verkaufen wollen?

In meinem Modell werden alle Privateigentümer verpflichtet, ihr Unternehmen einmal im Jahr zur Versteigerung anzubieten. Bieten können alle börsennotierten Staatsunternehmen. Allerdings können die Privaten einen Mindestpreis festsetzen, der ihnen garantiert, dass sie wenigstens so viel bekommen, wie ihnen das Unternehmen selbst wert ist. Damit sie den Preis nicht unrealistisch hoch ansetzen, ist an ihn eine Abgabe gekoppelt, die die Eigentümer dem Staat zahlen. Diese Abgabe könnte sämtliche existierenden Unternehmenssteuern ersetzen. Das Ganze mag befremdlich klingen, aber dieser Mechanismus erhält die Anreize für private Unternehmensgründungen aufrecht und sorgt dafür, dass die Übernahme in den marktsozialistischen Sektor erfolgt, wenn dies wirklich opportun ist.

In seinem Buch diskutiert Giacomo Corneo weitere Alternativen zum Kapitalismus. Er prüft, ob sie den Menschen zu ökonomisch sinnvollen Handlungen anregen und ob die Ressourcen einer Volkswirtschaft, also Begabungen, Arbeitskraft und natürliche Vorräte, effizient eingesetzt werden. Seine Ergebnisse sind ernüchternd: Kein System erfüllt beide Voraussetzungen.

Die Gütergemeinschaft etwa, eine basisdemokratische Gesellschaft, in der es keine Arbeitslosigkeit und gleichmäßig verteilten Wohlstand gibt, sei nicht geeignet, die Menschen zu produktiver Arbeit und moderatem Konsum zu animieren.

Die Planwirtschaft scheitere, weil ihr die Informationen fehlten, um die komplexe Volkswirtschaft zu steuern.

Ohne Markt, so Corneos Erkenntnis, geht es nicht. Man brauche ihn, um zu verstehen, was die Menschen wollen und wie die Ressourcen sinnvoll einzusetzen sind.

Corneos Wohlstandskonzept folgt der klassischen Annahme, dass Wohlstand volkswirtschaftliches Wachstum braucht – eine Annahme, die seit einigen Jahren wieder scharf attackiert wird. Einer der populärsten Verfechter einer Postwachstumsgesellschaft ist der Brite Tim Jackson. Weil es der Umwelt schade, könne weiteres Wachstum den Wohlstand sogar verringern, so die These. In seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ entwickelt der Professor für Nachhaltigkeit ein politisches Reformprogramm, das von der Weiterentwicklung einer ökologischen Steuerreform über Investitionen in Energieeffizienz und Abfallvermeidung bis zu einer Rückbesinnung auf immaterielle Werte reicht.

Es ist charakteristisch für Wachstumskritiker, dass sie kein konsistentes Ökonomiemodell beschreiben, sondern nur einzelne Elemente. Niko Paech etwa, Professor für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, hält es für notwendig, global arbeitsteilige Wertschöpfungsprozesse zu revidieren und stattdessen die lokale und regionale Selbstversorgung wieder zu stärken.

Herr Corneo, ist Wohlstand ohne Wachstum möglich?

Ein Beispiel für einen Staat ohne Wachstum ist Italien. Seit 20 Jahren stagniert dort das Bruttoinlandsprodukt. Die Folge ist, dass die Schulen und Krankenhäuser marode sind und die schönsten Villen von Ausländern aufgekauft werden.

Dass Nullwachstum unter den gegebenen Bedingungen zu Problemen führt, verschweigen auch die Postwachstumstheoretiker nicht. Darum fordern sie den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft.

Asketen gab es schon zu biblischen Zeiten, doch der gewöhnliche Mensch macht da nicht mit. In den vergangenen 5000 Jahren wollten die Menschen immer noch mehr haben. Auch die Ablehnung des Realsozialismus geht auf ihren Wunsch zurück, den Wohlstand zu steigern. Sicherlich haben wir heute eine verzerrte Einstellung zum Besitz. Das ist das Erbe von Jahrtausenden, in denen die Menschen sich um ihr Überleben sorgten. In Zukunft kann sich das ändern: Schon heute gibt es in Europa Anzeichen dafür, dass die Menschen ihr Glück nicht in der größtmöglichen Anhäufung materieller Güter suchen, sondern in Beziehungen, Freizeit, Solidarität oder den Genuss von Kultur.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Dass sich das Wachstum ändert – hin zu Gütern, die Bildung, Kultur und Gesundheit fördern. Aber das muss vom Individuum ausgehen. Wer von oben eine Verringerung der Wachstumsraten verordnen will, befindet sich auf dem Holzweg. Ein System, von dem anzunehmen ist, dass es den Menschen Rückschritte aufzwingt, hat keine Chance auf Verwirklichung.

Glauben Sie denn, dass Ihr Aktienmarktsozialismus eine solche Chance hat? Warum reicht zur Bekämpfung der sozialen Ungleichheit der Ausbau des Wohlfahrtsstaates nicht aus?

Der Wohlfahrtsstaat befindet sich in Europa seit 20 Jahren auf dem Rückzug. Meine These ist, dass der Kapitalismus ihn tendenziell wie einen Fremdkörper abstößt. Einmalige historische Ereignisse wie die Bedrohung durch die Arbeiteraufstände haben zu seiner Entstehung geführt. Und ebenso förderten einmalige historische Ereignisse wie die zwei Weltkriege und die Große Depression seinen Ausbau. In den vergangenen zwei Jahrzehnten aber gerät der Wohlfahrtsstaat immer stärker unter Druck. Das wird sich fortsetzen – es sei denn, wir einigen uns auf Reformen, die dem entgegenwirken.

Woran denken Sie konkret?

Die arbeitende Bevölkerung wird von Politikern, die hauptsächlich mit Mitgliedern der Oberschicht zusammenkommen, nur unzureichend vertreten. Viele Betroffene durchschauen das nicht. Der Wohlfahrtsstaat aber hat nur eine Chance auf Wieder-belebung, wenn die Menschen durch mehr Transparenz, lokal verankerte Bürgerbeteiligung und mehr direkte Demokratie ermächtigt werden, seinen Ausbau bewusst zu steuern. Neben dem politischen gibt es einen ökonomischen Faktor zu beachten: Die internationale Freizügigkeit des Kapitals unterminiert die Verteilungspolitik. Kein Staat kann es sich erlauben, der wohlfahrtsstaatlichen Umverteilung wegen im Alleingang die Steuern auf hohe Einkommen oder Vermögen zu erhöhen. Es bedarf also einer internationalen Koordinierung der Steuerpolitik. Insbesondere Steueroasen müssten bekämpft werden.

Und daran glauben Sie nicht?

Zumindest schadet es nicht, eine Alternative zu haben. Allein das Drohpotenzial, den Kapitalismus durch ein Modell wie den Aktienmarktsozialismus ersetzen zu können, würde viel bewegen.

Modelle bewegen wenig.

Ich plädiere für ein Experiment. Von einigen wenigen Großunternehmen und Banken wird 51 Prozent des Kapitals verstaatlicht und in die Verwaltung des noch zu gründenden Bundesaktionärs überführt. Dann schauen wir, welcher Sektor der rentablere ist: der marktsozialistische oder der kapitalistische. Liefert der Bundesaktionär nicht die marktübliche Rendite, schaffen wir ihn wieder ab. Ist er aber den kapitalistischen Unternehmen überlegen, bauen wir das Wirtschaftssystem allmählich um.

Was sagen Ihre Kollegen zu solch revolutionären Vorschlägen? Müssen Sie nicht um Ihren Ruf bangen?

Ich will keine Revolution anzetteln. Es geht mir darum, einen Stein in den Teich zu werfen. ---

Alternative Wirtschaftsmodelle

Corporation 2020

Das Ziel: Nachhaltigkeit
Der Weg: Dem Raubbau an der Natur soll dadurch begegnet werden, dass Unternehmen stärker in die Verantwortung genommen werden. Ihr ökologischer Fußabdruck soll transparent werden – sowohl in der Werbung und auf den Produktverpackungen als auch in den Bilanzen. Die Besteuerung der Unternehmen soll sich nicht nach ihrem Gewinn richten, sondern nach ihrem Ressourcen-Verbrauch.
Der Vertreter: Pavan Sukhdev, Ex-Manager der Deutschen Bank und Gründer der Beratungsfirma Gist Advisory mit Sitz in Neu-Delhi.

Blue Economy

Das Ziel: eine ökologische und soziale Wirtschaft
Der Weg: Dieser Ansatz geht insofern über die Green Economy hinaus, als er darauf abzielt, das gesamte Wirtschaftssystem zu verändern. Eine neue Generation von Unternehmern soll nur jene Ressourcen verwenden, die im lokalen Umkreis vorhanden sind; die Abfälle eines Produktes sollen Ausgangspunkt für neue sein. So sollen Produkte mit besserer Qualität zu geringeren Preisen hergestellt werden. Dadurch, so das Kalkül, werden zusätzliche Umsätze erzielt und Arbeitsplätze geschaffen.
Die Vertreter: Gunter Pauli, Unternehmer und Gründer der Zero Emissions Research Initiative (ZERI) sowie weitere Unternehmer, Investoren und Wissenschaftler der Blue Economy Alliance.

Wachstum bremsen

Das Ziel: Stabilität
Der Weg: Um Umweltschäden zu verringern, soll die Versessenheit auf Wirtschaftswachstum gestoppt werden. Anders als jener der Postwachstumstheoretiker basiert dieser Ansatz auf der Annahme, dass es ganz ohne Wachstum nicht geht, da sonst die Marktwirtschaft zusammenbräche. Weltweit könne aber das jährliche Wachstum von derzeit rund 5 auf 1,8 Prozent gesenkt werden. Zu diesem Zweck sollen die Zentralbanken ein Monopol auf Kreditschöpfung erhalten, die Geschäftsbanken demnach ihre Funktion als Schaltzentrale der Wirtschaft verlieren. Dadurch werde die Neuverschuldung unter Kontrolle gehalten. Zudem sollen Personengesellschaften als Unternehmensform gefördert, Aktiengesellschaften hingegen stärker an die Kette genommen werden, um Spekulationen einzuschränken.
Der Vertreter: Hans Christoph Binswanger, ein emeritierter Professor, der bis 1994 Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen lehrte.

Gemeinwohlökonomie

Das Ziel: eine solidarische Wirtschaft
Der Weg: Ein partizipativer Entwicklungsprozess soll dazu führen, dass unternehmerisches Handeln immer weniger auf Gewinnmaximierung und Konkurrenz ausgerichtet ist, sondern auf Gemeinwohlstreben. Je sozialer, ökologischer, demokratischer und solidarischer Unternehmen agieren und sich organisieren, desto besser fällt ihre Bilanz aus. Eine gute Gemeinwohl-Bilanz zieht rechtliche Vorteile nach sich: niedrigere Steuern, geringere Zölle, günstigere Kredite, Vorrang beim öffentlichen Einkauf und bei Forschungsprogrammen. Bei Großunternehmen gehen ab einer bestimmten Größe (zum Beispiel 250 Beschäftigte) Stimmrechte und Eigentum teil- und schrittweise an die Beschäftigten und die Allgemeinheit über.
Die Vertreter: Christian Felber, Attac-Aktivist sowie 500 unterstützende Unternehmen aus 13 Staaten.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Die Ziele: eine freie Gesellschaft ohne Armut
Der Weg: Der Staat zahlt jedem Bürger, ganz unabhängig davon, ob er bedürftig ist, monatlich eine bestimmte Summe. Indem jedem Individuum das Recht auf ein ausreichendes Einkommen gewährleistet wird, ist jeder von der Not befreit, die eigene Arbeit gegen ein Gehalt verkaufen zu müssen. Die Arbeitslosenbürokratie soll abgeschafft werden, die Arbeitsanreize für Arbeitslose zunehmen, da deren Grundeinkommen vom Zusatzverdienst nicht beeinträchtigt wird. Die hinzugewonnene Autonomie soll ermöglichen, dass Menschen mehr experimentieren und sich der Entwicklung neuer Ideen widmen.
Die Vertreter: In Deutschland unter anderem Dieter Althaus, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen, und Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm.

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