Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

C3S Gema Creative Commons

Da ist Musik drin

Meik Michalke und ...
… und Wolfgang Senges wollen der Gema den Marsch blasen

• Nein. Die Antwort war unmissverständlich. Die Gema wird ihren Mitgliedern nicht erlauben, der Allgemeinheit einzelne Titel als freie Werke zur Verfügung zu stellen. Da half alles Bitten und Erklären nichts. Meik Michalke und Wolfgang Senges waren extra nach München gefahren, in die Heimat der größten deutschen Verwertungsgesellschaft. An einem runden Tisch im Patent- und Markenamt, unter dessen Aufsicht die Gema steht, wollten sie den übermächtigen Rechteverwerter dazu bewegen, neben den üblichen, restriktiven Lizenzen auch freie Lizenzen (Creative Commons) zu erlauben. Sie erklärten ausführlich, wie sie – mithilfe der Gema – das greise Urheberrecht ins digitale Zeitalter befördern wollten. Doch der Gema-Vertreter sah in den neuen Ideen aus Amerika vor allem Gefahren, fürchtete Verluste, bürokratischen Aufwand und lehnte ab. Das war im Januar 2010.

Michalke erinnert sich, wie der damalige Justiziar der Gema sinngemäß sagte: „Wenn Ihnen unsere Verwertungsgesellschaft nicht passt, dann gründen Sie doch selber eine“ – „Tja, und dann saßen wir da mit dem Herrn vom Patentamt. Dann haben wir den eben mal befragt.“ Die Sache klang kompliziert, aber machbar – und noch auf den Treppen des Gebäudes sagte Senges zu Michalke: „Jetzt müssen wir anfangen“, und der sagte: „Ja.“

Hätte der Gema-Justiziar gewusst, was folgen würde, hätte er sich seinen Kommentar wohl verkniffen. In ihrem mehr als hundertjährigen Bestehen ohne ernstliche Konkurrenz hat sich die Gema ein dickes Fell gegenüber Kritikern wachsen lassen. Was hat der Verein im Laufe der Jahre schon alles zu hören bekommen: gieriger Verwaltungsdinosaurier ohne Herz für kleine Künstler, undurchschaubarer Apparat mit verschwenderischem Hofstaat, Interessenvertretung mächtiger Schlagermillionäre – bewirkt hat all das wenig. Denn letztlich sind die Musiker angewiesen auf den Verwertungsriesen, der immer, wenn irgendwo ein Ton erklingt, seinen Klingelbeutel im Namen der Künstler zückt und ihnen zu Recht und Geld verhilft.

Wer wütend genug war, kündigte eben seinen Vertrag. Doch ohne eine Verwertungsgesellschaft im Rücken ist der Zugang zum Musikmarkt größtenteils verschlossen. Öffentlich-rechtliche Sender spielen beinahe nur Gema-Repertoire; die Suche nach den Rechten der nicht vertretenen Künstler sei zu aufwendig. Außerdem ist es für einzelne Musiker fast unmöglich, ihre Rechte eigenhändig einzutreiben. Wie sollen sie auch mitbekommen, wenn heute ein Radio in Aachen und morgen eine Coverband in Zwickau ihre Lieder spielt? Die meisten sind heilfroh, dass ihnen diese Arbeit abgenommen wird – und bleiben murrend bei der Gema.

Schluss mit dem Gejammer

Bittsteller wie Senges und Michalke sind gegen den Monopolisten weitgehend machtlos. Laut Satzung bestimmen einzig die Mitglieder über die Politik des Hauses. Dabei hat das Gros der vertretenen Musiker kein direktes Stimmrecht. Um ordentliches Mitglied zu werden, müssten sie innerhalb von fünf Jahren in Folge mindestens 30 000 Euro an Gema-Tantiemen erhalten. Von den 59 118 Urhebern sind das gerade 3045. Diesen besser verdienenden fünf Prozent liegt in der Regel weniger an Reformen als den restlichen 95 Prozent – und so bleibt oft vieles, wie es ist.

Doch Senges und Michalke wollten nach ihrer Niederlage im Patentamt nicht einfach heimfahren und den Gema-Nörglern eine weitere Strophe zu ihrem Beschwerde-Kanon liefern. Sie wollten ihre Hoffnung auf einen freien Musikmarkt mit Creative- Commons-Lizenzen nicht einfach aufgeben, sondern dem jahrzehntealten, tatenlosen Gejammer der Szene etwas entgegensetzen. So begannen sie Gleichgesinnte um sich zu scharen.

Ihr Vorteil: Michalke ist in der Open-Source-Bewegung aktiv, Senges hat für den Rundfunk gearbeitet und Musiker beraten – beide sind gut vernetzt. Da sich ihre Unterstützer quer über die Republik verteilen, feilten sie online an ihrer alternativen Verwertungsgesellschaft, die allmählich Kontur annahm. „Das war für mich wie ein Strategiespiel“, sagt Michalke über die juristische und organisatorische Tüftelei an ihrer Idee.

Der Name dafür stand früh fest: Cultural Commons Collecting Society (C3S) – in Anlehnung an die freien Lizenzen, den Stein des Anstoßes. Bei der Rechtsform entschieden sie sich für eine Genossenschaft; im Gegensatz zur Konkurrenz aus München sollte jeder Urheber das gleiche Stimmrecht haben, egal, wie oft seine Titel gespielt werden. Als sie nach zweijähriger Entwicklungszeit, im Mai 2012, mit dem Konzept zufrieden waren, schalteten sie eine Homepage und warben für ihre Idee.

Doch neben guten Konzepten brauchten sie für die Gründung vor allem Geld. 30 000 Euro Startkapital, das sie mit Crowdfunding und T-Shirt-Verkäufen sammeln wollten. Das Ergebnis überraschte selbst die Optimisten unter ihnen: Innerhalb weniger Wochen kamen 185 185 Euro zusammen. Und das Land Nordrhein-Westfalen legte noch einmal den gleichen Betrag als Fördermittel obendrauf. Nachdem sie das Startkapital schon in den ersten Tagen beisammen hatten, gründeten sie die C3S kurzerhand auf dem Hamburger Reeperbahn-Festival 2013 – und machten ihre ersten Erfahrungen mit der Bürokratie. Während die Gründung nicht mal 20 Minuten kostete, dauerte das notarielle Prüfen der Unterschriften anschließend fünfmal so lange. Ein Vorgeschmack auf die Zulassung zur Europäischen Genossenschaft im März 2014.

Der nächste Brocken steht im Herbst 2015 an. Mit der Anerkennung zur vollwertigen Verwertungsgesellschaft durch das Patent- und Markenamt, das die Wirtschaftlichkeit des Projektes beurteilen soll. Dafür brauchen sie mindestens 3000 Mitglieder. Doch solange die C3S nicht anerkannt ist, darf sie kein Geld eintreiben; und solange sie kein Geld eintreiben darf, kommen keine Mitglieder. Wer will schon seine Rechte von einer Verwertungsgesellschaft vertreten lassen, die keine Rechte hat?

Ein Henne-und-Ei-Problem, das die Gründer mit einer Ab-sichtserklärung für die Musiker lösen wollen, die damit beteuern sollen, sich von der C3S vertreten zu lassen, sobald dies möglich ist; bis dahin bleiben sie bei der Gema. Für die Gründer bedeutet das wieder einmal: Papierkram, Kleingedrucktes und eine Menge Aufklärungsarbeit. Vielen Musikern gilt die Gema noch heute als bedauerliches, aber unumstößliches deutsches Naturgesetz. Dass eine Alternative möglich ist, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Auf die Anerkennung durch das Patentamt folgen: die erste Vollversammlung, ein gemeinsames Einigen auf einen Tarifplan, das Durchsetzen des Plans bei den Verwertern, Diskussionen über Ausschüttungsmodelle – alles im Konsensverfahren.

„Zugegeben, das Ganze war eine wahnwitzige Idee“, sagt Senges, der heute Vollzeit für die C3S arbeitet. Michalke kommt 30 Stunden pro Woche in das frisch bezogene Büro im ältesten Bahnwärterhaus Deutschlands in Düsseldorf-Gerresheim. Ein Gehalt zahlen sich beide nicht aus. Michalke lebt von seiner halben Stelle am Institut für Experimentelle Psychologie an der Universität Düsseldorf, Senges von Erspartem und von der Unterstützung seiner Frau.

Selbst wenn sie in naher Zukunft eine tragfähige Alternative zur Gema schaffen, auf Managergehälter und Boni würden sie als C3S-Geschäftsführer vergeblich warten. Schließlich bestimmen alle Mitglieder der Genossenschaft per Vollversammlung über den Lohn der Chefs. „Allein schon unsere Struktur verhindert, dass wir zum Selbstbedienungsladen werden“, sagt Senges – womit er nicht sagen wolle, dass die Gema ein solcher Laden sei.

Bei aller Kritik an der Münchener Konkurrenz, die Gründer betonen stets, dass sie keine Gema-Gegner seien. Das sagen sie nicht nur mit Blick auf die gefürchtete Rechtsabteilung der Verwertungsgesellschaft, sondern auch, weil sie deren Arbeit im Grunde für ehrbar und wichtig erachten. „Wir wollen die Gema nicht ersetzen“, sagt Senges, „sonst wären wir das Monopol und hätten die gleichen Schwierigkeiten, die sie heute haben.“ Das Problem sei weniger die Gema als der Mangel an Alternativen.

Es bewegt sich was

Eine akute Bedrohung stellt die C3S mit ihren zehn aktiven Mitarbeitern und 370 370 Euro Spendengeldern für die 1107 Gema-Mitarbeiter und deren Jahreseinnahmen von gut 852 Millionen Euro nicht dar – doch ignorieren geht nun auch nicht mehr. Mittlerweile informiert die Gema ausführlich auf ihrer Homepage über die Alternative, an die kaum jemand geglaubt hat. Man bezweifle zwar noch immer den breiten Erfolg der Creative-Commons-Lizenzen, stehe der Initiative C3S aber „offen und konstruktiv“ gegenüber.

Im letzten Absatz klingt er dann aber wieder durch, der Sound des Monopolisten: „Aus unserer täglichen Praxis der Rechtewahrnehmung wissen wir aber, wie komplex diese Aufgabe ist und welche Ressourcen und Fachkenntnisse hierfür erforderlich sind. Mit Interesse beobachten wir daher, wie die C3S neue Ansätze in der Praxis umsetzen will – sei es in der Verhandlung und Festsetzung von Tarifen oder Lizenzvergütungen, im werkgetreuen Monitoring oder in der Verteilung und Ausschüttung der Tantiemen an die Mitglieder. Bislang bleibt sie konkrete Antworten zu diesen Themen schuldig.“

Doch allein die Stellungnahme ist für Senges und Michalke ein Erfolg. „Endlich bewegt sich was“, sagt Michalke. Nur einen Monat vor der C3S-Gründung beim Reeperbahn-Festival verkündete die Gema plötzlich, dass sie nun doch ein Pilot-Projekt mit Creative-Commons-Lizenzen plane. Im Grunde genau das, was am runden Tisch in München noch wenige Jahre zuvor kategorisch abgelehnt wurde. Auch der C3S-Vorstoß, Software zur automatischen Musikerkennung einzusetzen, statt Gema-Mitarbeiter in großen Diskotheken probehören zu lassen, wird nun nicht mehr als utopisch abgetan. Allein schon die Aussicht auf eine Alternative scheint eine Bewegung in den Verwertungsriesen zu bringen, die bislang nicht anzustoßen war.

Was aber, wenn die Münchener nun all die Ideen der C3S übernehmen und die Alternative so kurz vor ihrem Start überflüssig machen? „Dann mache ich eine Flasche Sekt auf!“, sagt Meik Michalke. Sein Kollege Wolfgang Senges nickt; er würde dann wieder mehr Zeit mit seiner Frau verbringen und sich einen Beruf mit festen Zeiten und geregeltem Gehalt suchen. „Wir machen das ja nicht, weil wir damit irgendwas gewinnen wollen, sondern weil wir unter den Bedingungen gelitten haben.“ ---

C3S
Die 2013 gegründete Cultural Commons Collecting Society (C3S) ist eine europäische Genossenschaft mit dem Ziel, als Verwertungsgesellschaft zu arbeiten. Im Unterschied zur Gema soll die Vergabe von unterschiedlichen Lizenzen für einzelne Titel möglich sein, darunter auch Creative Commons. Die Anerkennung als vollwertige Verwertungsgesellschaft soll im Herbst 2015 beantragt werden. Zu den Unterstützern zählen der Loveparade-Gründer Dr. Motte sowie der Urheberrechts-Experte der Piratenpartei Bruno Kramm.
www.c3s.cc

Gema
Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte verwaltet seit 1903 die Rechte ihrer Mitglieder. Dazu zählen aktuell 5244 Verleger, 4141 Rechtsnachfolger und 59 118 Urheber. Ob im Radio, auf der Bühne oder im Fahrstuhl – wann immer die Musik eines Mitglieds gespielt wird, verlangt die Gema dafür Lizenzgebühren. Im Jahr 2013 waren es 852,4 Millionen Euro, von denen sie 716,6 Millionen Euro an die Mitglieder ausgeschüttet hat.
www.gema.de

Creative Commons
Die Non-Profit-Organisation Creative Commons (CC) hat sechs verschiedene Lizenzverträge für Urheber formuliert. Dem üblichen, restriktiven „All rights reserved“ setzen die CC-Lizenzen „Some rights reserved“ entgegen. Ein Künstler kann damit beispielsweise festlegen, dass seine Musik kopiert und verändert werden darf, solange niemand damit Geld verdient. Oder er erlaubt die kommerzielle Nutzung und Bearbeitung seiner Lieder, solange jedes Folgeprodukt unter den gleichen CC-Bedingungen veröffentlicht wird.
www.creativecommons.de

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